Montag, 1. April 2013

Das Dorf hat mich wieder

Wenn man eine Weile weg war, erwartet man irgendwie Veränderung. Ich weiß nicht warum, vielleicht weil man selber so viel Neues gesehen und gemacht hat.
Aber in diesem Dorf hat sich in den ganzen letzten Jahren kaum was getan, warum sollte ausgerechnet jetzt der Fortschritt Einzug halten? Es gibt immer noch keinen dm. Das Rathaus ist immer noch hässlich. Die Omas treffen sich immer noch an der selben Straßenecke.

Aber ich bin froh. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und ich besonders. Ich habe herrlich in meinem eigenen Bett geschlafen. Die Zimmertemperatur war genau richtig, bei angekipptem Fenster. Ich habe sofort wieder das kleine Bad in Beschlag genommen und mein Gerümpel überall verteilt. Endlich ist alles wieder so, wie es sein muss!

Die Reise war nicht weniger strapaziös als vor drei Monaten. Am Dienstag sollte ich fliegen, und am Samstag davor bekam ich heftigen Durchfall und Fieber. Mir tat jeder einzelne Knochen weh und später kamen auch noch starke Magenschmerzen dazu. 3 Monate ging alles gut, und kurz vor Schluss...? Ich hatte Angst, nicht fliegen zu können, oder im Flieger mit dringendem Bedürfnis vor einer besetzten Toilette zu stehen, oder irgendetwas Schlimmes nach Deutschland einzuschleppen was man mir übel nehmen würde. Irgendwie gelang es aber doch, mich bis Dienstag wieder so weit aufzupäppeln, dass der Reise nichts im Weg stand.

Diesmal war es mir wirklich wichtig, pünktlich zu kommen. Und diesmal erfuhr ich von der Verspätung schon direkt am Flughafen. Anderthalb Stunden später als geplant sollte der Flieger starten. Eine Begründung hat man uns nicht gesagt. Zu viel Sonne in Port-au-Prince?
Eine ganze Weile musste ich die Dame am zuständigen Schalter belästigen. Kann man den nicht irgendetwas tun? 1 Stunde Zeit zum Umsteigen in New York, das würde nie im Leben reichen! Alles was ich erreichte, war ein Platz weiter vorne im Flugzeug. Und die freundliche Zusicherung, dass sich um einen neuen Flug und ein Hotel gegebenenfalls gekümmert werde. Ich will aber kein Hotel! Ich will nach Berlin.

Noch in der Wartehalle, in der ich dann fast drei Stunden mich und mein Schicksal bedauerte, lernte ich zwei Deutsche, bzw. Österreicher kennen, die auch in New York umsteigen mussten. Sie munterten mich mit den Worten "Das schaffen wir eh nicht" auf.
Letztendlich starteten wir beinahe zwei Stunden später (weil sich die Leute aber auch nicht einfach auf ihre Plätze setzen können, was stehen die da noch im Gang rum, geht das nicht alles schneller???!!! Kram jetzt nicht noch in deinem Koffer rum, setz dich HIN! Mann den Sicherheitsscheiß kann doch jetzt wirklich jeder schon auswendig, STARTET!), nahmen aber irgendwie eine andere Flugroute oder so, auf jeden Fall sparten wir eine Stunde Flugzeit.
Es war kurz vor neun, als wir in New York landeten, und fünf vor zehn sollte mein Flugzeug nach London starten.

Im Trab hetzte ich aus dem Flugzeug die Gänge entlang, und wurde freundlicherweise gleich schon mit einem orangenen Pass begrüßt, der mir "Priority Access" gewähren sollte. Mit einem strahlenden Lächeln wurde ich an ellenlangen Schlangen vorbeigeführt und konnte sofort meine Fingerabdrücke nehmen lassen, mit Foto und allem was zu der Prozedur dazugehört.

Dann mussten wir auf unsere Koffer warten, aber die kamen und kamen nicht... Als es dann so weit war, war mein Koffer unter den ersten. Danke Gott! Ich hiefte den also vom Laufband, und ohne viel Gelaber kam ich auch durch den Zoll. Die eigentliche Schwierigkeit kam jetzt. Ich musste das Terminal wechseln, mit dem "Air Train", also einer Art Flughafen-S-Bahn.
Renn mal über den New Yorker Flughafen und finde unter den ganzen grünen, gelben, weißen und schwarzen Hinweisschildern die richtigen, die dich zu dem Air Train führen! Mir gelang es, meinen Mitreisenden leider nicht.

Als ich dann über viele Gänge, Fahrstuhl und was weiß ich nicht noch alles an dem Bahnsteig war, stand eine Bahn gerade da und war am Abfahren. Dass Nachdenken manchmal keine schlechte Sache ist, ging mir auf als ich drin war, die Türen sich schlossen und mir langsam klar wurde, dass ich in die falsche Richtung fuhr.
Und zwar aus dem Flughafen raus. Es dauerte eine Ewigkeit, bis die nächste Station erreicht war und ich wieder zurück fahren konnte. Ich musste allerdings sämtliche Terminals abfahren, bis ich letztendlich an meinem Ziel angelangt war. So vertändelte ich bestimmt 20 Minuten.
Den letzten Rest gab mir eine Gruppe älterer Herren, die an Terminal 4, als die Türen sich gerade schon schlossen, ihre Koffer dazwischenklemmten und ganz bequem nacheinander noch einstiegen, mehrmals mit dem Theater Tür schließt sich, Koffer dazwischen, Tür gewaltsam aufziehen, der Nächste bitte.
Das Ganze mit breitem Grinsen, während ich doch nur ENDLICH wollte dass es weitergeht.

Nach gefühlten Jahren des stillen Leidens war ich dann doch da, wo ich schon vor langer Zeit hätte sein sollen, und galoppierte wieder quer durch große Hallen. Atemlos stand ich dann vor dem Schalter, wo ich meinen Koffer wieder loswerden sollte, und musste mir anhören, dass das Boarding schon abgeschlossen sei. Was? Nach all dem?
"Man hat mir gesagt, wenn ich schnell bin, schaff ich das noch!", flehte ich den jungen Mann verzweifelt an. Der rief dann seine Chefin herbei. Während sie auf der Tastatur rumhackte, runzelte sie nur zunehmend die Stirn. "No...."
Och ne. Echt jetzt?

Ich weiß nicht, warum. Meine Connections nach oben? Schließlich sagte sie zu dem Mann doch: "Okay, RENN mit ihr zum Gate!" Juhu!!!

Jetzt galoppierten wir zu zweit über den Flughafen. Und dann kam der Sicherheitscheck.
Schuhe aus, Gürtel, Jacke, Tasche, Rucksack... Ich wollte nur schnell durch diesen Durchleuchtungsrahmen. Aber es piepte! Ich musste in einen anderen Kasten einsteigen. Allerdings war da schon jemand drin, und erklärte der Sicherheitsbeamtin, was er in der Tasche hatte. Für meinen Geschmack eindeutig zu viel, es dauerte. Schließlich dann doch ich. Wieder piepts. Nach noch einer ganzen Weile mit seltsamen Geräten waren sie schließlich zufrieden. Ich sprang in meine Schuhe, schnappte mir mein Zeug (und vergaß tatsächlich nichts), und rannte wieder los.

Schließlich führte mich mein Begleiter nur noch durch eine Menschentraube, an einen Schalter und ich durfte an Bord gehen. Wie erleichtert ließ ich mich in meinen Sitz fallen! Ich hätte es kaum für möglich gehalten, dieses Flugzeug wirklich noch betreten zu dürfen.

Der Rest lief dann wie geschmiert. Zwar plagten mich wieder heftige Magenschmerzen und Durchfall, aber gerade als ich dachte, wir fliegen jetzt über Russland, setzten wir zum Landeflug an in den deutschen Winter. Was für ein wunderbares Gefühl, als ich in Tegel an der Passkontrolle endlich wieder "Hallo" sagen konnte und man mir mit "Guten Tag" antwortete.

Und dann hatte ich auch endlich meine ollen Pappenheimer wieder! Und konnte mich über eine wunderschöne Ferienwohnung und richtig schöne Tage in und um Berlin zusammen freuen. Die erste warme Dusche, das erste Nutellabrötchen, der erste Apfel, und viele andere "Kleinigkeiten" waren alle ein Erlebnis für sich.

Über die Zukunft habe ich mir, wie es meine Art ist, natürlich schon mehr als genug Gedanken gemacht. Was nützt es mir? Letztendlich wird Gott meinen Weg lenken, und ich bin gespannt darauf.
Wobei ich wirklich hoffe, dass wir diesmal die selben Gedanken haben und ich bald in Berlin mein Vorpraktikum fürs Studium machen darf ;)

Donnerstag, 21. März 2013

Ich werde nie ein guter Haitianer sein


Zu dieser weitreichenden Erkenntnis musste ich heute ganz zweifellos kommen. Gute Ansätze hatte ich durchaus gezeigt. Bei über 30 Grad zu einer langen Jeanshose zu greifen, wäre mir in Deutschland nie eingefallen. Genauso wie ich es mir bei 22 Grad am Morgen nicht getraut hätte, zu frieren (und eine warme Jacke zu holen).
Meine Geschmacksnerven sind mittlerweile komplett auf Haiti eingerichtet. Reis mit Bohnen, Mais mit Bohnen, Aracon (Trockenfisch): jedes Mal ein Genuss. Dazu diese ganzen Früchte. Ich hatte gedacht, ich kenne alle Geschmäcker. So, wie man alle Farben kennt. Man kann sich zwar vorstellen, dass es noch Mischfarben gibt, die man so noch nicht gesehen hat, aber im Großen und Ganzen – gibts nichts Neues mehr. Doch! Gestern gab es Advocado. Es ist mir völlig unmöglich, diesen Geschmack zu beschreiben. Einerseits wie Kräuterquark. Dann wie saure Gurke. Ein bisschen butterig, eine Prise süßlich. Oder säuerlich? Es ist einfach nicht zu erklären!
Oder Corosol. Die hässlichste Frucht, die ich jemals gesehen habe. Wie eine übergroße Kartoffel mit Stacheln. Und eine der leckersten Früchte, die ich jemals gegessen habe! Den Geschmack konnte ich mit Erdbeer-Fruchtzwergen ziemlich gut vergleichen.
Mangos. Auf jeden Fall süß, aber mit einer besonderen Note. Ebenso unmöglich zu beschreiben, aber komplett unterschiedlich zu den Mango-Joghurts, -Bonbons und was man bei uns noch so hat. Ich frage mich, was sie da reinmixen.
Ich schweife zu sehr in die Küche ab. Die ist eben einfach richtig gut! Lediglich die Notwendigkeit für das viele Öl und dass zusätzlich an jedes Essen noch „Kochbutter“ rangemacht wird, erschließt sich mir nicht ganz.
Das führt zur nächsten Sache, die mich einfach ungeeignet zum Haitianer machen. Das Schönheitsideal hier könnte ich wohl nie übernehmen: je dicker der Bauch und der Hintern, desto schöner! Das ist so komplett gegen das, was man von kleinauf bei uns suggeriert bekommt. Bei uns wird der Bauch eingezogen, und mit Klamotten vorteilhaft kaschiert. Hier wird der Bauch extra betont und stolz herausgestreckt. Am besten ist das T-Shirt nicht nur eng, sondern auch zu kurz, sodass er unten herausguckt. Wunderschön!
Einige verinnerlichten Tugenden machen mich schließlich ganz Deutsch. Halb drei heißt bei uns halb drei, und wer 20 vor 3 kommt wird mit bitterbösen Blicken bedacht (in ganz Deutschland. Ganz Deutschland? Nein! Im Süden gibt es ein kleines Dorf mit Namen Baden...). Halb drei heißt in Haiti drei, und 3 Uhr 50 ist auch noch 3. Immer schön gelassen bleiben!
Außerdem muss ich gestehen, dass ich an dem Punkt in meinem Leben gekommen bin, wo ich ein bisschen Ruhe und Stille mal genieße. Ab nun geht es abwärts mit mir...
Stille ist für Haitianer eine unerträgliche Situation, der sofort Abhilfe geschaffen werden muss. Am besten mit schlecht empfangener Radiomusik aus dem Handy. Umso besser, wenn der Nachbar die gleiche Idee hatte. Doppelbeschallung! Schon viel besser.
Bei Ruhe schlafen? Das kann doch jeder. Nette Nachbarn machen die langweilige Ruhephase zu einer Herausforderung, indem sie sich telefonierend oder Musik hörend vor dein Fenster setzen, lautstark vor deiner Hoftür diskutieren und die Kinder noch lange nach 22 Uhr ihr Mitteilungsbedürfnis ausleben lassen. Dieses ungleiche Duell verlieren Ohropax kläglich und auf ganzer Linie.

Der Gipfel meiner haitianischen Inkompetenz war mein gestriger Versuch zur Völkerverständigung, angefeuert von grenzenloser Abenteuerlust und großer Dummheit.
Ich wollte mich optisch meiner freundlichen Zimmernachbarin annähern und meinen in drei Monaten völlig außer Rand und Band geratenen Haaren etwas haitianischen Charme verleihen.
Dafür benötigte es Alanges (künstliche Haare), kleine Gummis und eine sehr geduldige Nachbarin, die mir im Moment schrecklich Leid tut.
Ein paar Haarsträhnen mit dieser künstlichen Haarpracht zu verflechten wird bestimmt nicht lange dauern. Schon eine Stunde nach Beginn der Prozedur fing ich an, meine Entscheidung zu bereuen. Die Differenz zwischen dem Ist- und Soll-Zustand betrug nicht sehr viel weniger Haare als zu Beginn. Tapfer flocht die holde Maid aber weiter mein (seltsam gelbes, unten dunkles, glattes, rutschiges) Haar. Während es draußen dunkel wurde, ich schwitzte wie ein Affe und unruhig auf dem Holzhocker hin- und herrutschte, arbeitete sie sich Stück für Stück voran. Ich erschrak zutiefst, als ich spürte, dass die fertigen Haarteile plötzlich über meine Schulter gingen. Längere Haare standen nicht auf dem Zettel! Wo kommen wir denn da hin. Zu meiner Erleichterung schnitt sie die dann auf eine akzeptable Länge ab (die künstlichen Haarteile! Meine Haare hörten viel weiter oben auf). Und so schritt die Zeit voran, immer wenn sie eine neue Strähne flechtete (flicht? flocht?) dachte ich an Zitrone, um mich abzulenken von diesem Schmerz (der Trick funktioniert nicht).
Irgendwann hatten wir aber beide genug. Drei Stunden hat es schon gedauert, das Werk sollte am nächsten Tag vollendet werden.
Ich kam mir beschissen aussehend vor, aber zurück ging ja nun auch nicht mehr. Oder?
Die Nacht wurde sehr unangenehm. Jedes Mal wenn ich mich auf diese (unglaublich festen!!!) Strähnen legte, fühlte es sich an als würde jemand mit sehr viel Entschlossenheit an diesen Haaren ziehen. Das ging überhaupt nicht. An der Seite waren die Haare noch nicht geflochten, da ließ es sich drauf zu liegen aushalten. Wie sollte das am nächsten Tag werden, wenn dieser Teil meines Kopfes auch verarbeitet war?
Viel zu früh und brodelnd vor Wut auf mich selbst und den Rest der Welt war ich heute wach. Meine Kopfhaut spannte wie verrückt, als zöge ständig jemand an jedem einzelnen Haar, und ich fragte mich, ob diese Verschönerung ursprünglich als religiöses Ritual zur Selbstmarterung gedacht war. Allerdings ist es so, dass die Kinder hier schon von klein auf daran gewöhnt werden. Den Leuten tut es wohl nicht mehr weh. Dann kommt so ein Europäerweib dahergelaufen und denkt, das könnte es auch!
Die Sache nahm heute Morgen um neun ein unspektakuläres Ende. In aller Stille wurde die ganze Sache wieder aufgetrennt. 3 Stunden Arbeit für den Hintern, aber wie atmete ich auf als es geschafft war! Meine Haare sahen aus wie Griff in die Steckdose, aber nach einer Haarwäsche (bei der glücklicherweise auch das in die Haare mitverflochtene Parfüm der Dame wich) waren sie wieder die Alten. Und ich habe garnichts mehr an diesem unförmigen Strubbelkopp auszusetzen.
Als ich mich heute Mittag niederbettete, um in dieser Nacht Versäumtes nachzuholen, machte sich tiefe Erleichterung in mir breit, als ich meinen Kopf völlig schmerzfrei in Verbindung mit dem Kissen brachte. Und dann war ich auch schon eingeschlafen.

gruselige Utensilien - Alanges, künstliche Haare

Scheiße aussehen auf ein neues Level gebracht. Es kann ja nicht immer alles klappen.

Steckdosenstyle
Sehr langer Rede äußerst kurzer Sinn: man müsste nicht immer alles ausprobieren (die Erkenntnis hätte ich schon aus so vielen anderen Eskapaden ziehen müssen. Mama wird sich an derlei verschiedene erinnern...), es sieht nicht immer alles so leicht aus wie es scheint und ich bin eindeutig ziemlich Deutsch veranlagt, in allen Bereichen. Das abschließende Wort zum Donnerstag: Ich freue mich auf meine Heimat!

Sonntag, 3. März 2013

Fußball und Strom



Edith kommt in die Küche, öffnet den Kühlschrank und schließt ihn enttäuscht wieder. „Ach ich dachte, ich hätte Fußball gehört...“

Um diese Begebenheit zu verstehen, müsste man wohl in Haiti wohnen. Oder jemanden haben, der es einem erklärt.
Es geht um Strom. Und der ist hier ein rares Gut. Deswegen verteilt der (staatliche) Energiekonzern EDH ihn nur portionsweise. Einen ganzen Tag Strom? Selten. Es sei denn, es ist etwas Wichtiges. Wie zum Beispiel Fußball. Oder Karneval. Damit das Volk bei Laune bleibt und sowas im Fernsehen verfolgen kann, wird bei diesen Gelegenheiten alles in die Leitungen geschickt was geht. So hatten wir vor zwei Wochen tagelang fast durchgängig Strom wegen Karneval, und neulich auch einige Stunden überraschend zusätzlich, weil „El Classico“, dieses Duell zwischen den beiden spanischen Clubs Real Madrid und Barcelona, ausgetragen wurde. Die Leute hier sind übrigens tatsächlich sehr interessiert am europäischen Spitzenfußball! Nettes Land.
Im Moment ist es so, dass es meistens im Laufe des Abends Strom gibt und der früh morgens wieder abgeschaltet wird. Wann es aber letztendlich wirklich Strom gibt, ich glaube, dafür lässt sich keine zuverlässige mathematische Formel finden. Diese Nacht gab es z.B. keinen Strom. Zur Entschädigung heute Morgen eine Stunde. Das einzig verlässliche an der haitianischen Energieversorgung ist, dass sie irgendwann gekappt wird.

Das wäre alles kein Problem, denn wir haben einen Inverter. Der wird aufgeladen, wenn es Strom von EDH gibt, und sorgt für Licht, wenn EDH es ausschaltet. Allerdings ist der in diesen Tagen kaputt gegangen, und um es auf die Spitze zu treiben auch noch gleichzeitig zum Auto. Für die Reperatur werden alle Bemühungen unternommen, trotzdem sind wir jetzt seit einigen Tagen auf EDH angewiesen und sitzen sonst im Trockenen. Im wahrsten Sinne des Wortes!

Kein Strom, das bedeutet bald kein Wasser in den Leitungen, denn das muss aus der Zisterne hochgepumpt werden. Und schneller als man denkt ist man wieder  in der vorindustriellen Zeit gelandet. Wasserschleppen, Kerzenschein. Der Kühlschrank behält seine Kälte zwar noch eine ganze Weile, aber auch nicht ewig. So selten wie möglich rangehen! Der Herd ist sowieso ein Gasherd. Die Bohnen für die Bohnensoße können eben nicht schnell durch den Mixer geschickt, sondern müssen von Hand zerstampft werden. Und das Schmerzhafteste habe ich ja noch gar nicht erwähnt: kein Strom – kein Internet!

Zum Glück hat man noch einige Asse im Ärmel. Zum Beispiel der Generator, der mal für eine Weile angeschmissen werden kann, allerdings laut ist, stinkt und Benzin verbraucht. Oder das Solarpanel, das man tagsüber in die Sonne stellen kann und dabei eine Batterie auflädt.
Und dann wäscht man sich eben etwas weniger ausgiebig, spült nicht ständig, macht die Solarlampe aus, wenn man den Raum verlässt, und liest ein echtes Buch anstatt im Internet.
Ich will jetzt nicht sagen es würde einem bewusst, dass man auf alle diese technischen Errungenschaften der Neuzeit locker verzichten kann. Aber man kommt auch ohne sie durch den Tag (und die Nacht), UND wenn dann die Lampe im Kühlschrank doch wieder an ist, oder man ein Radio von nebenan hört, oder die Lampe im Nachbarshof brennt, ist die Freude riesengroß, denn das sind die gängigen Indizien dafür, dass es wieder staatlichen Strom gibt.
Und dann fangen die treuen Kirchgänger nebenan wieder an, die Lautsprecher auf volle Leistung zu drehen und man wünscht sich fast wieder die dunkle Stille zurück... ;)

Merkzettel an mich: Strom, Wasser, Internet – wertschätzen! Nicht selbstverständlich. Und NICHT überlebenswichtig. Wer hätte das gedacht!

Nachtrag: Diese Zeilen habe ich gestern Nachmittag offline geschrieben. Erst heute Abend gibt es wieder Strom, und hoffentlich lange genug, damit das hier online geht... Man weiß es alles nicht!

Samstag, 9. Februar 2013

Es gibt diese Traumstrände...

Heute war Strandtag angesagt! Und die Erwartungen an einen Karibikstrand sind definitiv nicht zu hoch.

Auch wenn man tatsächlich eine ganze Weile mit dem Auto fährt, es lohnt sich auf jeden Fall. Vor Allem, da Autofahrten jedes Mal spannend sind! Man sitzt drinnen, muss sich nicht selbst bewegen und die interessantesten Szenen werden an einem vorbeigetragen. Chaotische Märkte, waghalsige Fahrmanöver, interessante Persönlichkeiten. Alles sind immer nur Momente, die in Sekundenschnelle aufeinander folgen. Man hat definitiv immer was zu gucken.



Muss ich da noch viel zu sagen? Es war ein wirklich wunderschöner Strand. Es gab ein paar Liegestühle, eine Stelle an der Essen bereitet wurde und eine Treppe hinunter ans Wasser. Die wenigen Leute, die außer uns da waren, sind oben geblieben, so hatte man also wirklich total seine Ruhe.

Bei 30 Grad war das Wasser babybeckenwarm. Keine Überwindung, komplett unterzutauchen, wie ich das sonst von der Ostsee gewohnt bin.
Die Steine am Strand lassen einen sowieso relativ schnell ins Wasser hetzen.

Eine neue Erfahrung war auch der hohe Salzgehalt. Hier konnte man wirklich Toter Mann spielen und ging nicht unter! An der Ostsee habe ich das immer probiert und war kläglich gescheitert.
In dem glasklaren Wasser konnte man ein paar wenige kleine Fische sehen, und später auch einen Seestern.


Außerdem fanden wir einen Haufen Flip-Flops und andere gestrandete Sommerschuhe, Kokosnussschalen, Seeigelbruchteile, ein paar kleine "Lampi" (eine essbare Seeschnecke)-Muscheln, eine Menge Flaschen (ohne Post) und einen Schnorchler.

Ein wirklich richtig leckeres Essen, das punktgenau auf die bestellte Uhrzeit an den Tisch gebracht wurde, bestehend aus gegrilltem Fisch, Salat, Pommes und gebratenen Bananen rundete die ganze Sache ab.

Zusammenpacken mussten wir irgendwann, weil es anfing zu regnen... Davor ist man also auch in der Karibik nicht gefeit!

Haiti ist ein wunderschönes Land. An einem Wochenende sind wir am tiefblauen Meer und einem strahlend hellen Strand neben echten Kakteen, an einem anderen Wochenende in den Bergen bei angenehmen Temperaturen und frischem, grünen Gewächs überall und einer absolut reinen Luft... Ich bin so froh, diese herrlichen Flecken auf unserer Erde sehen zu dürfen.



Die fehlen natürlich nicht. Auf ein erfolgreiches Derby übermorgen!

Dienstag, 5. Februar 2013

Wow. Was für ein Moment!

Die Beerdigung, wo ich war, war ja von der Oma einer Schülerin, und auch unseres angestellten Holzschnitzers, die sind Geschwister.
Seit diese Frau gestorben ist, war er so niedergeschlagen und teilnahmslos. Bei der Beerdigung hat er hemmungslos geheult. Das tat mir immer total Leid, aber man kann ja nicht helfen!

Gott hilft. Heute hatten wir Besuch von einer Gruppe aus Deutschland. Im Gepäck hatten sie 8 Cajons. Falls das jemandem nichts sagt, das sind bessere Holzkästen, die als Trommeln zu benutzen sind und denen man relativ schnell schöne Rhythmen entlocken kann.

Nach dem Mittagessen haben wir schnell die Tische beiseite geschoben und die Schülerinnen haben sich auf diese Cajons gesetzt und nach einer kurzen Einführung konnte bald losgelegt werden, begleitend zu Musik.
Es war echt gut gemacht und man hat eine total coole Verwandlung gesehen. Anfangs waren sie ziemlich skeptisch, fanden das vielleicht sogar affig oder kindisch. Aber dann waren sie sehr schnell begeistert, so wie alle, und haben eifrig mitgetrommelt.
Unser Schnitzer war schon wieder an seine Arbeit gegangen, aber dann wurde er dazugeholt. Er ist Schlagzeuger. Er hat sofort seine Schwester von dem Cajon verbannt und mitgemacht, dabei hatte er den Dreh total schnell raus. Der Leiter dieses Schnellkurses konnte ihn sofort zu einem Solo einteilen, was er dann auch leidenschaftlich getrommelt hat.

In diesen Minuten war ein Glänzen in seinen Augen.

Hinterher ist der Leiter der deutschen Gruppe zu ihm hingegangen, und hat erzählt, dass er ihn schon von vor zwei Jahren kannte, wo er in einer Gemeinde Schlagzeug spielte die er besucht hat. Er fragte ihn "Bist du immer noch in der Gemeinde?" Verzögert durch die Dolmetscherin kam die Antwort. "Ja." "Und hast du Jesus lieb?" Die Frage beantwortete er mit einer Geste und einem Gesichtsausdruck, der klarmachte, dass ein "Ja" dafür nicht reichen würde.
Und dann meinte der Leiter: "Ich schenke dir das."

Was war das für ein Moment, was für ein Gesichtsausdruck, als die Dolmetscherin diesen Satz übersetzt hatte! Er war so glücklich, dass man einfach nur von Herzen mit ihm mit glücklich sein konnte. Es war überwältigend. Ich hoffe der großzügige Spender hat mitbekommen, was für ein Werk er da getan hat.

Ich weiß nicht, ob dieses leichte Lächeln heute noch von dem Gesicht unseres Holzschnitzers wegzubekommen ist.
Ich bin auf jeden Fall sehr euphorisch. Wieviel man ausrichten kann, mit einem Instrument, das vielleicht 50 Euro kostet! Und was das für ein Glücksgefühl auslöst, wenn man nur beobachtet wie überwältigt der Beschenkte ist. Viel mehr, als eine Jeans, die man für den selben Preis bekommen könnte, es jemals tun wird.

Wow. Ich glaube, Geben wird absolut unterbewertet.

Sonntag, 3. Februar 2013

Eine haitianische Beerdigung

Ich war noch nie auf einer Beerdigung (wie gut ich es habe!), aber ich glaube ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster wenn ich sage eine haitianische Beerdigung ist sehr anders als eine deutsche.

Die Großmutter einer Schülerin von hier ist vor ein paar Tagen gestorben. Sie hat sich sehr darüber gefreut, dass wir gekommen sind.
Zunächst hieß es, die Beerdigung fange um 10 Uhr an. Heute Morgen wurde das dann kurzerhand auf 14 Uhr verschoben. Mit der Mentalität hier hätte ich als unspontaner Mensch wahrscheinlich meine Probleme.

Also waren wir um 14 Uhr an der haitianischen Kirche, vor der ein Pulk an äußerst aufgetakelten Menschen stand. Wer was auf sich hält als Frau trägt Stöckelschuhe, davon bleiben auch die Zweijährigen nicht verschont.
Am Eingang bekam man ein die Feier begleitendes Blatt in die Hand gedrückt. Das fand ich schon ziemlich deutsch. Das Interessanteste daran sind natürlich nicht die Lieder, sondern die Auflistung der Programmpunkte. Als feiererprobter Mensch habe ich nach einem kurzen Überfliegen schnell gemerkt, dass diese Beerdigung eine längere Sache werden würde.

Das fing schon damit an, dass keiner in Eile war, die Sache anzufangen. Gerade als wir bei den Toiletten waren... Hier muss ich kurz einen Zwischenbericht einschieben. Versteht man in Deutschland unter einer Toilette eine Porzellanschüssel in einem hellen, hygienisch reinen Raum mit ausreichend Beleuchtung, eine Spülung mit frischem, sauberem Wasser, eine Rolle Klopapier sowie mindestens drei Ersatzrollen, ordentlich über der Toilette aufgereiht, einem Toiletteneimer sowie einem Waschbecken mit feuchtigkeitspendender Seife und zum Höhepunkt Tücher aus Recyclepapier um die so reingewaschenen und gepflegten Hände sorgfältig zu trocknen, so ist in Haiti eine öffentliche Toilette nicht ganz eine Oase der privaten stillen Entspannung.
Ein Raum aus Betonwänden, ca. 1 Quadratmeter, eine Tür aus Wellblech die sich mit einem verrosteten Riegel immerhin verschließen lässt, dabei aber auch jegliches Licht ausschließt. Das war es auch schon im Großen und Ganzen. Ein Loch am unteren Ende einer Wand lässt erahnen, wohin man ungefähr zielen sollte, und wer es nicht sieht, riecht es.
Mein Fazit: seinen Zweck erfüllt diese Kabine, und ob ich mich nicht auf die Klobrille setze weil mir davor ekelt oder weil keine da ist, ist im Prinzip auch egal.
Draußen stand sogar ein Eimer und ein Stück Seife, um auch einem hygienebewussten Menschen keine Wünsche offen zu lassen.

Soviel dazu. Als wir also gerade bei den Toiletten waren, fing das Kreischen an. Wäre ich nicht vorgewarnt worden, hätte ich das vielleicht ziemlich gruselig gefunden, aber so ging es. Vor allem Frauen brüllten und schrieen, aber auch Männer stimmten mit ein.
Eigentlich keine schlechte Sache, seiner Trauer so Luft zu machen. Besser, als alles in sich hineinzufressen, oder?
Nur für die Kinder muss es ziemlich beängstigend sein. Sie stimmten dann auch beherzt in das Heulen mit ein.

Es muss gegen drei gewesen sein, als die Feier anfing und wir uns im hintersten Winkel der vollgestopften Kirche (ein paar Betonmauern mit einem Wellblechdach, nur um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen) auf einer Schulbank niederließen.

Dann wurden Lieder gesungen, gebetet (sehr ausführlich)...
Mich hat ein bisschen beängstigt, dass die Frau, die neben mir saß und aufgrund der Enge sehr an mich gequetscht wurde, fortwährend in ihr Taschentuch nieste und hustete. Hoffentlich nur eine Erkältung oder so.

Die Programmpunkte wurden ab und zu von lautem Schluchzen, bis hin zu Heulen und hyperventillierendem Schreien unterbrochen. Ich weiß nicht, wieviel davon Show und Hineinsteigern ist, denn es war wirklich krass wie manche Frauen völlig außer sich waren, rechts und links gestützt werden mussten und hinausbegleitet wurden.

Wir sind vorzeitig gegangen, sonst wäre ich wohl jetzt noch lange nicht hier.
Es war auf jeden Fall sehr interessant... Aber die hysterischen Schreie, die mir wirklich sehr selbstdarstellerisch vorkommen, sind glaube ich nichts, was unserer Kultur unbedingt fehlt.

Donnerstag, 24. Januar 2013

Dankbarkeit

Vor ein paar Tagen hatte ich eine etwas seltsame Unterhaltung.
Als wir beim Perlendrehen eine Pause gemacht haben, habe ich eine Whatsapp-Nachricht an Mama geschrieben. Als mich ein Mädchen gefragt hat, mit wem ich schreibe, habe ich ihr es gesagt und sie fragte: "Is your mother married?" Ich habe gesagt: "Yes." Und dann fragte sie: "And your father?" Ich habe sie verständnislos angesehen. "Is your father married?" Beim dritten Mal habe ich dann verstanden, was sie gefragt hat und ich konnte nochmal bejahen. Schlussendlich habe ich dann auch bejaht, dass nicht nur meine Mutter, und sogar mein Vater, sondern beide zu allem Überfluss auch noch miteinander verheiratet sind!
Das war für mich so selbstverständlich. Im Nachhinein ist mir dann aufgegangen, dass es das vielleicht nicht ist.

Gerade hier in Haiti scheinen die Familienverhältnisse oft sehr zerrüttet zu sein. Kinder, die zu viel sind und von der Sache her als Haussklaven an andere Familien gegeben werden. Kinder, die ihre Eltern beim Erdbeben verloren haben und mit weniger Rechten als der Rest der Familie bei ihrer Verwandtschaft unterkommen. Kinder ohne Mutter, die weggegeben werden, weil der Vater neu heiratet und sie nicht als Last mit in die Ehe nehmen will.

Was für ein Vorrecht ist es, in einer liebevollen, intakten, gläubigen Familie zu leben. Mit einer großartigen Verwandtschaft. Im Wohlstand, in Deutschland, wo man so viele Möglichkeiten hat.
Ich überlege mir immer, was wäre, wenn ich hier geboren worden wäre. Ich hätte vielleicht eine mittelmäßige Schulausbildung gesprochen, spräche außer meiner Muttersprache ein bisschen Englisch. Würde die Ausbildungsstelle nehmen, die sich mir bietet. Und vielleicht Krankenschwester, oder irgendsoetwas werden.
Da sogar ein Bleistift hier ein hohes Gut ist, wäre ich wohl als kreativer Mensch nicht sehr weit gekommen.

Wie viel anders ist es in Deutschland! Wo ich schon so früh meine eigene Kamera hatte und so viel ausprobieren und lernen durfte. Dabei einen Opa, der sich Zeit für mich genommen hat, mir gezeigt hat wie man mit einer Kamera umgeht, und wie mit Photoshop, meine per Mail verschickten Bilder kommentiert und meine Fragen beantwortet hat.
Wo mir in der Schule nicht nur unglaublich viel zu vergessendes Fachwissen beigebracht wurde, sondern vor allem ein kritischer Mensch aus mir gemacht wurde, der Sachen hinterfragt und manches nicht so hinnehmen will, wie es ist.
Wo ich nach der Schule Zeit hatte, um meinen Hobbys nachzugehen. Mich meiner Kamera zu widmen, oder mich stundenlang in Büchern zu verlieren und damit Fantasie zu entwickeln, lernen, zu träumen.
Wo ich jeden Abend satt in meinem eigenen Zimmer in ein bequemes Bett fallen konnte und bestimmt auch wieder können werde.

Das Alles ist ja nur ein Bruchteil der Privilege, die man hier in Deutschland, und die ich als Jule habe.

Und trotzdem sieht mein Gebet jeden Abend so aus: ein paar Mal pflichtbewusstes "Danke", und dann geht es los, dann wird der Katalog an Wünschen runtergerattert. Wünsche für andere Menschen, ok. Aber auch so viele Wünsche für mich, für meine Zukünfte, Wünsche oder fast Forderungen.

Es ist beschämend. Deshalb habe ich gestern Abend versucht, nur zu danken und für andere Menschen zu bitten. Es war sehr schwer. Vor allem, nicht noch ein klitzekleines Wunschgebet hinterher zuschicken...

Aber Gott weiß, was gut für mich ist, und was ich brauche. Ich muss ihn nicht jeden Tag daran erinnern, was meiner Meinung nach jetzt angebracht wäre.
Viel sinnvoller ist doch danken, um sich selbst bewusst zu machen, wieviele Geschenke man jeden Tag bekommt. Und um damit seinen Blickwinkel zu verändern. Weg von den eigenen Vorstellungen und dem, von dem man glaubt es fehle noch. Hin zu dem Überfluss, den man genießen darf.

Schließlich noch ein letzter Gedanke: auch die Menschen hier sind glücklich, und holen das Beste aus ihrem Leben heraus. Was für eine Aufforderung an uns Deutsche, und vor allem an mich!