Donnerstag, 24. Januar 2013

Dankbarkeit

Vor ein paar Tagen hatte ich eine etwas seltsame Unterhaltung.
Als wir beim Perlendrehen eine Pause gemacht haben, habe ich eine Whatsapp-Nachricht an Mama geschrieben. Als mich ein Mädchen gefragt hat, mit wem ich schreibe, habe ich ihr es gesagt und sie fragte: "Is your mother married?" Ich habe gesagt: "Yes." Und dann fragte sie: "And your father?" Ich habe sie verständnislos angesehen. "Is your father married?" Beim dritten Mal habe ich dann verstanden, was sie gefragt hat und ich konnte nochmal bejahen. Schlussendlich habe ich dann auch bejaht, dass nicht nur meine Mutter, und sogar mein Vater, sondern beide zu allem Überfluss auch noch miteinander verheiratet sind!
Das war für mich so selbstverständlich. Im Nachhinein ist mir dann aufgegangen, dass es das vielleicht nicht ist.

Gerade hier in Haiti scheinen die Familienverhältnisse oft sehr zerrüttet zu sein. Kinder, die zu viel sind und von der Sache her als Haussklaven an andere Familien gegeben werden. Kinder, die ihre Eltern beim Erdbeben verloren haben und mit weniger Rechten als der Rest der Familie bei ihrer Verwandtschaft unterkommen. Kinder ohne Mutter, die weggegeben werden, weil der Vater neu heiratet und sie nicht als Last mit in die Ehe nehmen will.

Was für ein Vorrecht ist es, in einer liebevollen, intakten, gläubigen Familie zu leben. Mit einer großartigen Verwandtschaft. Im Wohlstand, in Deutschland, wo man so viele Möglichkeiten hat.
Ich überlege mir immer, was wäre, wenn ich hier geboren worden wäre. Ich hätte vielleicht eine mittelmäßige Schulausbildung gesprochen, spräche außer meiner Muttersprache ein bisschen Englisch. Würde die Ausbildungsstelle nehmen, die sich mir bietet. Und vielleicht Krankenschwester, oder irgendsoetwas werden.
Da sogar ein Bleistift hier ein hohes Gut ist, wäre ich wohl als kreativer Mensch nicht sehr weit gekommen.

Wie viel anders ist es in Deutschland! Wo ich schon so früh meine eigene Kamera hatte und so viel ausprobieren und lernen durfte. Dabei einen Opa, der sich Zeit für mich genommen hat, mir gezeigt hat wie man mit einer Kamera umgeht, und wie mit Photoshop, meine per Mail verschickten Bilder kommentiert und meine Fragen beantwortet hat.
Wo mir in der Schule nicht nur unglaublich viel zu vergessendes Fachwissen beigebracht wurde, sondern vor allem ein kritischer Mensch aus mir gemacht wurde, der Sachen hinterfragt und manches nicht so hinnehmen will, wie es ist.
Wo ich nach der Schule Zeit hatte, um meinen Hobbys nachzugehen. Mich meiner Kamera zu widmen, oder mich stundenlang in Büchern zu verlieren und damit Fantasie zu entwickeln, lernen, zu träumen.
Wo ich jeden Abend satt in meinem eigenen Zimmer in ein bequemes Bett fallen konnte und bestimmt auch wieder können werde.

Das Alles ist ja nur ein Bruchteil der Privilege, die man hier in Deutschland, und die ich als Jule habe.

Und trotzdem sieht mein Gebet jeden Abend so aus: ein paar Mal pflichtbewusstes "Danke", und dann geht es los, dann wird der Katalog an Wünschen runtergerattert. Wünsche für andere Menschen, ok. Aber auch so viele Wünsche für mich, für meine Zukünfte, Wünsche oder fast Forderungen.

Es ist beschämend. Deshalb habe ich gestern Abend versucht, nur zu danken und für andere Menschen zu bitten. Es war sehr schwer. Vor allem, nicht noch ein klitzekleines Wunschgebet hinterher zuschicken...

Aber Gott weiß, was gut für mich ist, und was ich brauche. Ich muss ihn nicht jeden Tag daran erinnern, was meiner Meinung nach jetzt angebracht wäre.
Viel sinnvoller ist doch danken, um sich selbst bewusst zu machen, wieviele Geschenke man jeden Tag bekommt. Und um damit seinen Blickwinkel zu verändern. Weg von den eigenen Vorstellungen und dem, von dem man glaubt es fehle noch. Hin zu dem Überfluss, den man genießen darf.

Schließlich noch ein letzter Gedanke: auch die Menschen hier sind glücklich, und holen das Beste aus ihrem Leben heraus. Was für eine Aufforderung an uns Deutsche, und vor allem an mich!

Dienstag, 15. Januar 2013

Wochenende

Es ist das Ende meiner ersten Woche hier, bzw. der Anfang der zweiten. Es fühlt sich an, als sei ich schon Monate hier. Und ich fühle mich wohl! Ich konnte schon einige Fotos für Chemin d'éspoir machen, von den wunderschönen Ketten die hier hergestellt werden und vom Unterricht. 
Von "draußen" konnte ich bei einer Autofahrt einen ganz guten Schuss machen.




Esperanzia





Diesen sollen natürlich noch viele folgen...

An das Wetter habe ich mich noch nicht gewöhnt, in dem Sinne, dass ich mich immer noch jeden Tag darüber freue, nicht frieren zu müssen, ohne Jacke rausgehen zu können, keine langen Hosen zu brauchen... Meistens sind so um die 25 Grad, also sehr angenehm, es gibt wenn denn nur wenige, weiße Wölkchen am Himmel und es weht immer eine leichte, erfrischende Brise. Nein, es liegt mir fern euch neidisch zu machen!!

Dass haitianische Essen ist wirklich nur zu empfehlen. Ich habe mittlerweile gebratene Bananen, Ziegenfleisch, eine Frucht deren Namen ich jetzt vergessen habe, Spiegelei à la Haiti, natürlich Reis und Bohnen, Haitis leckeres Brot und Zuckerrohr gegessen. Es schmeckt wirklich alles. Besonders angetan bin ich vom hiesigen Maisbrei. Den gab es heute auch wieder... Wesna hat ihn gekocht. "I cook corn. It's your favourite food?" Oh ja...

Wesna ist eine von den wirklich ganz lieben Schülerinnen hier. Wir verstehen uns sprachtechnisch zwar noch nicht gut, aber immer besser. Mit einem Mix aus Französisch, Englisch, Händen und Füßen kommt man meistens doch darauf, was der andere meint.
Was ich wirklich süß finde, ist, dass ich ständig nach meiner Familie gefragt werde. Ob ich Fotos habe, ob es Mama gut geht, usw.

Esperanzia, eine Schülerin die unter der Woche mit bei uns im Haus wohnt, hat mir gestern beigebracht eine Mahlzeit zu kochen (deren Namen ich leider auch vergessen habe, aber es sind Teigstückchen, die frittiert werden), und das mit viel Geduld und wenig Worten. Ich mag sie sehr.

Jeden Abend bevor ich einschlafe sage ich Danke zu Gott, dass ich hier sein darf. Es ist echt so gut, ich habe keine Verpflichtungen in dem Sinn (wie z.B. zu Hause, Bewerbungen schreiben, oder sowas), schaue trotzdem den Tag über, ob ich mich ein bisschen nützlich machen kann und manchmal gelingt mir das auch. Und das ist schön, wenn man helfen kann. Und das in einer Umgebung, die so neu und fremd ist, und spannend. Und voller netter Leute. Da ist es auch egal, dass es manche Sachen nicht gibt, oder man von Mücken ab und zu mal aufgefressen wird.

Bleibt nur noch eine Frage: werde ich braun? Ich beobachte es genau. Mal sehn. Haut, zick nicht rum!

Dienstag, 8. Januar 2013

Es war wirklich alles nicht so schlimm

... dass dieses Fazit kommen wird, war ja eigentlich schon klar. Aber tatsächlich, ich habe mir mal wieder viel zu viel Stress gemacht. Auch wenn ich heute letztendlich einen Tag zu spät in Haiti angekommen bin, es stressig, frustrierend, nervtötend und aufregend war... Es war alles nicht so schlimm.

Ich bin ja kaum in das erste Flugzeug gestiegen, als die, ich sage nicht Probleme, unerwarteten Abenteuer begannen. Man soll mit 2 Stunden Verspätung rechnen wegen Nebel in London, schlecht wenn man nur 1:40 Stunden zum Umsteigen hat. Letztendlich waren es doch keine 2 Stunden, aber ich habe meinen Flieger trotzdem nicht bekommen.
Die kommende Odyssee quer über den Flughafen, weil mich jeder woanders hingeschickt hat und ich sowieso immer nur die Hälfte verstanden habe (jajaja, 8 Jahre Englisch. In der Praxis sieht alles nochmal anders aus!). Ich bin also rumgerannt wie ein angeschossenes Wildschwein, bis ich endlich vor der Masse an Menschen stand, die alle genau das gleiche im Sinn hatten wie ich. Rebooking, einen neuen Flug bekommen. Es war ein ziemliches Chaos am Flughafen.

Hätte ich gewusst, dass ich in dieser Schlange fast 4 Stunden stehe, hätte ich vielleicht ähnlich wie einer der Mitleidenden einen wütenden Schrei ausgestoßen. Aber ich wusste es nicht, und so stand ich geduldig und ruhig an meinem Platz und freute mich auf einen Fortschritt in der Schlange von etwa 1m pro halbe Stunde.

Irgendwann kam Personal, das sonst gerne eine halbe Stunde mit einem Schwätzchen verbrachte, während wir uns die Beine in den Bauch gestanden haben, und hat Wasser verteilt. Als sich dann die ersten Leute Klappstühle in die Schlange holten, stellte man sich endgültig auf einen längeren Aufenthalt ein.

Dann gingen die Gerüchte umher. An diesem Tag würde gar kein Flug mehr fliegen, nach Amerika sei sogar der nächste Tag komplett ausgebucht...

Für mich lief es am Schluss auf die goldene Mitte raus. Ich habe an dem Tag wirklich kein Flugzeug mehr bestiegen, dafür ein Shuttle was mich zu einem sehr noblen Hotel und einem herrlichen Abendessen, sowie mindestens noch dopppelt so herrlichem Frühstück transportiert hat. Und am nächsten Tag habe ich meine Reise eben fortgesetzt.

Diese 9 einviertel Stunden Flug nach Miami waren auch strapazös. Vor allem weil neben mir ein Portugiese mindestens 80% der Zeit geschlafen hat und ich irgendwann extrem dringend aufs Klo musste. Was solls, auch das habe ich überlebt. Genauso wie die Nacht am Flughafen in Miami, die auch noch 6 Stunden länger war durch die Zeitumstellung. Ich bin 18 Uhr dort angekommen, bei mir war aber schon 24 Uhr. Mein Flug ging heute morgen um 7:20. Bis dahin habe ich eine dreiviertel Stunde in einem Sitz geschlafen, eine Stunde auf dem Boden und den Rest der Zeit mit Sudokus und Augen offen halten rumgebracht. Immerhin wurde mir nichts geklaut!

Auch die ganzen Sicherheitschecks und immigration und was es noch alles zu tun gibt waren gar nicht wirklich schlimm. Wahrscheinlich traut man mir sowieso nichts Böses zu und hat mich extra schnell durchgewunken.... ;)
Durchaus angenehm ist übrigens, wenn man in einer Riesenschlange voller englischsprechender Leute steht und plötzlich neben sich zwei Jungs berlinern hört. Das sind Momente voller Trost...

Naja, und der Flug heute war dann wirklich nur noch ein Klacks, die 2 Stunden gingen im Nu rum (wahrscheinlich auch weil ich sie größtenteils verpennt habe).
Wir sind dann über ein Gebirge nach Port-au-Prince geflogen und das war irgendwie cool. So eine wunderschöne Landschaft! Dann bin ich angekommen und plötzlich macht man die Erfahrung wie es ist, mit seiner Hautfarbe in der Minderheit zu sein.
Für mich ein absolutes Highlight war die Fahrt vom Flughafen zu meinem neuen Zuhause. Alles ist einfach genauso, wie man das immer erzählt bekommt und auf Bildern sieht und in Videos usw.... Es gibt keine Regeln, die Autos sind bunt angemalt und vollgestopft bis an den Rand, die Leute tragen ihr Zeug auf dem Kopf... Es war so krass für mich. Da habe ich wirklich gemerkt, dass ich jetzt da bin, in einer völlig neuen Welt.

Den "Hitzschlag" habe ich mir wesentlich schlimmer vorgestellt. Auch mit Jacke und Jeans habe ich es gut ausgehalten, wobei ne Leinenhose und T-Shirt natürlich angenehmer sind. Außerdem weht ein schöner Wind. Das Wiedersehen mit den ganzen Sachen in meinem Koffer war auch sehr schön. Und nach 3 Tagen mal wieder frische Klamotten anziehen zu können. Ansonsten habe ich hier ein cooles Zimmer, das Essen hat geschmeckt, ich habe einen super Laptop mit Internetzugang und Photoshop Elements.... Was kann man sich mehr wünschen?! Ich freue mich wie verrückt, hier zu sein.

Freitag, 28. Dezember 2012

Diese Zeit war eine Segenszeit

Jetzt, kurz bevor die Reise, zumindest zum Zwischenziel Berlin, losgeht, ist es wahrscheinlich nicht verkehrt, ein Fazit zu ziehen. Ein Fazit über diese letzten 2-3 Monate, über die ich noch so gejammert habe.
Aber diese Monate waren voller Segen und Sinn. Wie man es sich ja hätte denken können, denn bei Gott gibt es keine Löcher im Plan, keine sinnlose Wartezeit.

Ich habe es genossen, nochmal mit meiner Familie zusammenzuleben. Obwohl man sich ja eigentlich schon verabschiedet hatte. Taxi spielen für Felix, und Weihnachtsgeschenke mit ihm einkaufen gehen. Mit Maxe Pro Evolution Soccer spielen und in einer Kneipe ein Schalkespiel sehen. Mit Papa zum Herthaspiel in Sandhausen gehen oder sich nochmal hoch aufs Rauhörnle mit dem Fahrrad quälen. Mit Mama morgens ausgedehnt frühstücken und ganz viel quatschen.

Außerdem habe ich etwas entdeckt. Dass ich, wenn ich mich wirklich dahinter klemme und nicht aufgebe wenn ich keine Lust mehr habe, ein bisschen zeichnen kann. Und das habe ich auch viel gemacht. Gut für die Mappe, die ich für das Studium später brauche!

Und schließlich habe ich viel Sport gemacht, gelernt wie man einkauft, ein Bad putzt, und so weiter.

Es war wirklich eine gute Zeit! Und hätte ich mir von Anfang an erlaubt, sie zu genießen und das Beste draus zu machen, hätte ich mir ein bisschen Elend sparen können.
Und während Gott mir diese guten Wochen bereitet hat, hat er mir auch wieder einmal gezeigt, dass er sich um alles kümmert. Finanzielle Unterstützung habe ich von so vielen, und vor allen Dingen so vielen unerwarteten Seiten bekommen! Auch da hätte ich viel mehr auf Gott vertrauen können und mir einige Sorgen sparen können. Man weiß es doch eigentlich, und kriegt es doch nicht hin...

So kann ich mir höchstwahrscheinlich auch die Sorgen vor dem Flug sparen. Warum auch immer, mir ist Angst und Bange davor. In London muss ich umsteigen, in Miami übernachten. Klappt das mit den Sicherheitschecks, habe ich meine Koffer richtig gepackt, sind sie zu schwer, finde ich die Stelle wo das Hotelshuttle abfährt, krieg ich das mit dem Hotel hin (ich hab doch noch nie in einem Hotel übernachtet!!! Wann gibt man Trinkgeld, und wie läuft das Ein- und Auschecken?!), klappt das dann morgens um halb fünf mit dem Shuttle, kriege ich wieder so krasse Ohrenschmerzen beim Fliegen, ....???

Ich werde erleichtert sein, wenn ich in Port-au-prince festen Boden unter den Füßen habe und aus dem Flughafen raus bin. Ich freue mich darauf!

Bis dahin genieße ich noch die letzten Tage in Deutschland und wünsche auch euch ein schönes Rest- und ein frohes neues Jahr. Letztes Jahr um diese Zeit habe ich gedacht, dass ich dieses Jahr um diese Zeit irgendwo in Afrika sitzen würde. Wieviel hat sich seitdem getan! Wieviel Großartiges.

Achja, eine Sache zum Sorgenmachen gibt es noch. Als ich meinen großen Koffer zum Vorausschicken in den Hermesshop gebracht habe, hat der nette Mensch dort keine Ahnung gehabt was er zu tun hat. Ich bin gespannt, ob der Koffer ankommt! Ob man Koffer überhaupt an andere Paketshops schicken kann, konnte er uns natürlich auch nicht sagen. Ich habe es einfach gemacht. Und bete jetzt, dass er ankommt...

Sonntag, 11. November 2012

Überbrückungszeit

Im Moment ist Überbrückungszeit. Ich hänge ein bisschen in der Schwebe. Meine Suche nach Arbeit bleibt erfolglos, außer der langfristigen Vorbereitung, Dinge die "irgendwann mal" erledigt werden müssen habe ich keine Verpflichtungen, keinen festen Tagesablauf. Und das, so sehr es auch danach klingt, ist nicht beneidenswert. Man dümpelt so relativ sinnlos vor sich hin und wartet eigentlich nur. Die Gedanken, was man in dieser verschwendeten Zeit alles wunderbares machen könnte (arbeiten!), machen einen völlig irre. Und irgendwann hat man gar keine Motivation mehr, sich zu dem Wenigen aufzuraffen was doch mal anfällt. Mein größter Respekt geht an alle, die länger arbeitslos sind, oder aus irgendeinem anderen Grund in so einem Schwebezustand sind und - einfach nichts zu tun haben. Bei mir sind das jetzt nur ein paar Wochen und ich habe ein Ziel vor Augen. Das macht es einfacher. Aber ich lerne meine Lektion: es ist kein wünschenswerter Zustand. Hoffentlich werde ich mich daran erinnern, wenn ich eines Tages mal bis zum Hals in Arbeit stecke... ;)

Trotzdem. Die Vorbereitungen laufen, und es sind nicht wenige. Impfungen, einen Haufen Zeug noch zusammen suchen und kaufen und die Einreise in die USA ist sowieso ein Kapitel für sich. Obwohl ich nur noch gegen 2 Krankheiten geimpft werden muss, sind es wieder 4 Spritzen, wie vor Herrnhut. Bei den Preisen für die Impfstoffe fallen einem dann schonmal die Augen aus dem Kopf.
Neben all dem freue ich mich total. Darauf, ein neues Land kennen zu lernen, ein neues Klima (in Deutschlands ekligsten Monaten!), auf eine sinnvolle Beschäftigung und wertvolle Erfahrungen.

Eins möchte ich euch noch erzählen. Neulich war ich wieder einmal total auf dem Selbstmitleidstrip. Nie klappt etwas, weder CFI, noch Führerschein beim 1. Anlauf, noch Herrnhut. Dann die teuren Impfungen, die mich schon wieder zweifeln ließen. In meinem Frust habe ich Gott böse Vorwürfe gemacht und ihn gefragt, was das alles soll. Ob er es mir nicht ein bisschen einfacher machen könnte? Mir seinen Weg zeigen und gut? Ich habe ihm gesagt, dass ich manchmal so sehr das Gefühl habe, dass er weg ist und ich völlig hilflos und alleine da stehe. Und dann habe ich meine tägliche Ration Kalender gelesen und als Bibeltext stand Psalm 31 da. Und in Vers 23 steht, wortwörtlich: "Ich zwar dachte in meiner Bestürzung: 'Ich bin weggenommen aus deinen Augen.' Doch du hast die Stimme meines Flehens gehört, als ich zu dir schrie." Und zum krönenden Abschluss in Vers 25: "Seid stark, und euer Herz fasse Mut [...]"
Das kam, genau in dieser Situation! Ich habe mich ertappt gefühlt, und vor allem, unglaublich gestärkt und ermutigt. Gott ist großartig! Prompter hätte doch eine Antwort gar nicht sein können.
Und ich schäme mich ziemlich, dass er es einem wieder und wieder sagen muss, dass er einen NICHT verlässt. Dass ALLES so läuft, wie er es geplant hat. Und damit gut ist. Ich habe immer Angst, irgendwo eine falsche Abbiegung genommen zu haben und seinen Plan nicht zu sehen. Aber ich glaube, man müsste sich willentlich gegen das stellen, was er einem vor die Füße wirft, um den falschen Weg zu gehen. "Aus Versehen" passiert das bestimmt nicht. Oder was denkt ihr?

Schlussendlich noch ein dezenter Hinweis... Weihnachten steht endlich wirklich einigermaßen vor der Tür, auch wenn ich das Gefühl schon im Sommerurlaub hatte. Praktischerweise kommt bei mir ja dann auch noch der Geburtstag bald hinterher.
Falls mir jemand zu diesen Anlässen noch irgendwie etwas Gutes tun möchte, und nicht recht weiß was, ich habe auf amazon eine Wunschliste erstellt, in Hinblick auf Haiti. Damit behalte ich gut die Übersicht darüber, was ich noch alles besorgen muss. Falls es euch auch interessiert: http://www.amazon.de/registry/wishlist/BOJ1DV6F2KG. Im Moment ist der noch nicht vollständig und wird in den nächsten Tagen ergänzt.

Und ganz schlussendlich möchte ich euch bitten, für mich zu beten. Dass bei den Vorbereitungen nichts vergessen wird, dass ich vielleicht doch noch Arbeit finde, dass irgendwie alles was ich noch so brauche und besorgen muss zusammen kommt, dass mein Koffer am Ende nicht zu schwer sein wird, dass die Sicherheitschecks an den amerikanischen Flughäfen nicht so schlimm werden (mir graut unheimlich davor), dass ich gut in Haiti ankomme, dort eine Hilfe sein kann, dass ich dort für die Menschen und für Gott was tun kann, endlich die Möglichkeit dazu bekomme wo ich es mir doch schon lange wünsche. Und dass meine bekloppten Zweifel endlich verschwinden, dass ich voll auf Gottes Plan bauen kann und diese "bei mir geht alles schief"-Gedanken aufhören und Platz machen. Dass ich loslassen kann. Vertrauen.

Danke euch!

Freitag, 26. Oktober 2012

Was wenn...

Was wenn mein Abenteuer Ausland doch nicht abrupt beendet ist.
Was wenn ich den Reisepass nicht umsonst beantragt habe, die Imfpungen nicht umsonst über mich ergehen hab lassen, nicht umsonst gespart habe für eine bestimmte Sache.
Was wenn ich mir den langen Rock nicht umsonst gekauft habe... ;p
Was wenn ich auf meinem Weg noch gar nicht oben bin, sondern gerade auf der ersten Stufe stehe?

Planänderung! Eigentlich wollte ich ja nach Berlin ziehen, Bundesfreiwilligendienst machen, usw. Aber ich war mal wieder zu schnell. Gott hat sich was viel Besseres überlegt.

Ich werde nach Haiti fliegen! Vor einigen Tagen hat meine liebe Tante mir das Angebot gemacht, zu ihr zu kommen. Auf den ersten Schock folgten ernsthafte Gedanken, und noch mehr Gedanken, und noch mehr.. Und nachdem ich alles durchdacht hatte, ging mir das auf, was mir eigentlich von Anfang an klar war: das ist genau das Richtige. Ich komme zu meinem Auslandsaufenthalt. Ich kann Fotos machen, Fotos die die Leute bewegen (hoffentlich). Ich kann helfen, nützlich sein.

Geplant sind drei Monate, ab Januar. So lange habe ich Zeit um das Geld für das Flugticket zusammen zu bekommen, mir noch ein paar Impfungen geben zu lassen usw. Und genug Zeit, um eine wahnsinnige Vorfreude aufzubauen! Ich bin Gott so dankbar, dass er mir diese neue, unglaubliche Möglichkeit auf dem Silbertablett serviert. Auch wenn ich mich schon sehr auf Berlin gefreut hatte, Berlin rennt nicht weg. Stattdessen darf ich die Welt sehen. Wunderbar!

Freitag, 14. September 2012

Fahrstuhl

Ende letzter und Anfang dieser Woche ging mir zu viel durch den Kopf als dass ich alles in einen Post hätte fassen können. Ich war verwirrt wie wahrscheinlich noch nie vorher in meinem Leben und habe meiner Familie wohl schlaflose Nächte bereitet...

Aber langsam. Wie aus den letzten Posts ja herauskam, hatte ich sehr starke Zweifel, am richtigen Ort gelandet zu sein. Auch wenn ich mir vorher so sicher gewesen war, mich so auf diese Zeit gefreut hatte und den Leuten gerne geglaubt habe, die mir sagten das werde eine der schönsten Zeiten meines Lebens. Sicher, es klang ja auch zu gut. Die Beziehung zu Gott inniger und stärker machen, Gemeinschaft mit gläubigen Jugendlichen aus aller Welt, fotografieren und immer besser dabei werden.

Aber oft kommt es doch anders als man denkt. Und auch wenn ich am Samstag Abend, als ich ankam, noch voller Begeisterung war, musste ich Mama schon am Montag Abend mit einem völlig verzweifelten, verheulten Telefonanruf belasten. Und ab da ging es so weiter.
Ich war plötzlich mit Leuten konfrontiert, die zwar an den selben Gott glaubten wie ich. Aber der Rest schien so anders zu sein. Ich habe es ja schon geschrieben - Visionen, Prophezeiungen, Wunder. Hier kam eine Ebene in den Glauben mit hinein, die mir unbekannt und unheimlich war, die mich verstörte.
Und dann kamen die Zweifel. Habe ich mein ganzes Leben lang etwas Falsches beigebracht bekommen? Besteht meine gesamte Großfamilie aus "lauwarmen Christen", die unsere Sprecherin Donna Jordan so verabscheute? Oder liegen die falsch? Aber das geht doch nicht, es sind so viele, und sie sind so begeistert, und erleben das jeden Tag...

Alles, worauf ich mein Leben bisher gebaut hatte, schien zu wackeln. Ich konnte mich auf nichts mehr verlassen, ich zweifelte alles an. Meine Familie, die Sprecher, meinen bisherigen Glauben, das was wir dort lernten. Jeden Abend betete ich um Klarheit, um Orientierung.

Und wen ich auch um mich herum fragte, niemand teilte meine Zweifel, meine Skepsis und Unsicherheit. Auch wenn den Deutschen das meiste auch ziemlich neu war, so doch nicht ganz unbekannt und sie ließen sich voll drauf ein und waren bald so erfüllt und überwältigt von diesem Neuen, dass mir Angst und Bange wurde. Noch sträubte ich mich innerlich, mich genauso darauf einzulassen. Es fühlte sich so falsch an, von Donna eine Frage diktiert zu bekommen, 5 Minuten in sich zu gehen und dann aufzuschreiben was einem scheinbar Gott eingegeben hatte.

Trotzdem, Mitte letzter Woche hatte ich fast aufgegeben. Ich machte mit. Bei der Frage "God, what pleases you?" bildete ich mir ein, das Wort "you" zu hören. Gott was gefällt dir? - du. Mir liefen die Tränen vor Ergriffenheit die Wangen herunter.
Wenige Minuten später schaltete sich bei mir wieder der zur Seite gedrängte Verstand ein. In der Gruppenbesprechung sagte ich vorsichtig, dass ich nicht sicher sei, ob es wirklich von Gott gekommen sei. Aber die für uns zuständige Mitarbeiterin beteuerte das sofort. Schließlich geht es ja konform mit der Bibel, besteht also den "Test". Und damit kommt es von Gott, ganz einfach.

Mittwoch Abend war worship night (Lobpreisabend) in Herrnhut, also ein paar km vom Schloss entfernt. Ich bin hingegangen. Und erwartete, dass ein paar Lieder gesungen wurden.
Stattdessen ließ man sich mal wieder vom Heiligen Geist leiten und hatte überhaupt keine Struktur für den Abend. Die Band spielte, was ihr einfiel, und die Leute sangen, was ihnen einfiel. Sie murmelten alle wild durcheinander, untermalt von einzelnen E-Gitarrentönen, teilweise fielen sie auf ihre Knie und jeder war irgendwie in seiner eigenen Welt. Das war einfach so krass, nach einer Dreiviertelstunde rannte ich mit Tränen in den Augen aus dem Haus raus und erstmal kreuz und quer durch Herrnhut. Bis ich mich beruhigt hatte und auf google maps den Straßennamen eingegen konnte, der dann vor mir stand, wurde es schon dunkel. Glücklicherweise bin ich trotzdem gut durch den Wald gekommen und habe mich nicht auch noch dort verlaufen.

Schließlich erfuhr ich, dass Jugend mit einer Mission tatsächlich eine charismatische Organisation ist. Damit hatte ich endlich einen Begriff für die ganzen seltsamen Sachen. Und konnte recherchieren. Habe meinem Opa eine Mail geschrieben, ihn angerufen. Konnte mir von dort die dringend benötigte Bestätigung holen, dass meine Zweifel berechtigt sind.

Und trotzdem war ich noch verunsichert. Denn jemand, der letztes Jahr eine DTS gemacht hatte, berichtete mit einer Selbstverständlichkeit, Faszination und Ehrfurcht davon, wie sie bei der Olympiade Leute mit verkümmerten Gliedmaßen geheilt hatten. Es sei krass gewesen, unter den Händen zu spüren wie die Arme und Beine tatsächlich nachgewachsen sind. Dass das was sie erlebt hatten, real war, davon gehe ich zu 100 % aus. Und ab da war mir schon klar, dass ich niemals auf einen Einsatz mitgehen wollen würde (Berichte von Leuten, die auf solchen Einsätzen gestorben waren, weil die Leiter bei ihren Aktionen zu leichtsinnig und fahrlässig waren, haben das nur bekräftigt). Sowas wollte ich nicht sehen.
Und es machte meine Verwirrung komplett. Wenn dieses ganze Charismatische falsch ist, warum passieren dann in Gottes Namen solche Wunder? Dann muss er doch dahinter stehen? Also liegen doch wir falsch, ich und meine Familie. Und außerdem hat Gott mich doch hierher geschickt. Das muss doch einen Sinn haben. Vielleicht will er mir wirklich zeigen, dass mein Glaube nicht komplett ist?

Ich wollte nicht glauben, dass mir tatsächlich mein Leben lang, und meiner ganzen Familie noch dazu, etwas gefehlt hatte. Und erst recht nicht dieses Beängstigende, Übernatürliche.
Es erschloss sich mir einfach nicht. Hat Gott es wirklich nötig, auf Aufforderung zig Menschen im gleichen Raum verschiedene Bilder zu senden, um ihnen zu bestätigen wie sehr er sie liebte? Das steht doch in der Bibel, reicht das nicht? Hat Gott es nötig, Menschen über andere Prophezeiungen aussprechen zu lassen, die zwar ermutigen, aber ansonsten eigentlich bedeutungslos sind? (Bis auf den Showeffekt, wenn Donna am Morgen wieder sagen kann "Gott hat mir heute gesagt, ich soll XY sagen, dass...")

Also war ich hin- und hergerissen. Und ohne den Beistand meiner Familie wäre ich mittlerweile sicher schon voll drin und hätte alle Zweifel beiseite geschoben. Aber so blieben eben die Zweifel. Ein anderer Punkt war auch, dass ich mir sicher war, sehr sehr viel für die Fotografie zu lernen. Wenn ich das verpassen würde, würde ich mir das ewig vorwerfen, befürchtete ich. Aber "wenn deine Seele dort kaputt geht, musst du gehen", hat Papa völlig richtig gesagt. Und so überlegte ich und überlegte und überlegte, und fand zwischendurch einige Artikel, die YWAM Herrnhut in sehr zweifelhaftem Licht präsentierten, und überlegte weiter, und verstand die Welt nicht mehr.

Bis ich am Sonntag einfach anderthalb Stunden in den Wald reingejoggt bin, mich dann auf einen Jägerstand gesetzt habe und gebetet habe. Um Klarheit. Und meine Mails abgerufen habe. Und einen Text bekommen habe über jemanden, der genau das beschrieb was ich empfand und sich zeitweise mit den Charismatischen eingelassen hatte und dann aber wieder herausgefunden hatte. Denn vieles von dem Übernatürlichen, was die erleben, kommt nicht von Gott. Sondern von anderen Quellen. Und das war endlich die Antwort, die ich gesucht habe. Dass diese Wunder usw. passieren, ist eben keine Bestätigung dafür, dass Gott dahinter stehen. Und damit stand mein Entschluss fest. Zwar hatte ich schon ausgemacht, am Samstag abgeholt zu werden, aber vorher hatte ich noch mit heftigen Zweifeln zu kämpfen, ob das wirklich die richtige Entscheidung ist. Jetzt wusste ich es, zu 100%. So sicher, dass ich nicht mehr bis Samstag warten konnte.

Als ich nach einer halben Stunde wieder von dem Jägerstand runterkletterte, ging es mir so gut wie schon seit Tagen nicht mehr. Ich hatte völlige Klarheit und die Gewissheit, dass das was ich jetzt tun würde, Gottes Willen war. Endlich hatte ich wieder einen festen Stand, konnte mich auf das verlassen was ich bisher geglaubt hatte und ließ mich nicht mehr verunsichern.

Der Montag verging quälend langsam mit 3 Gesprächen, wobei man immer wieder betonte, wie wichtig es eigentlich wäre, dass ich noch ein paar Tage bliebe, für weitere Gespräche. Es war die letzte Hürde, immer wieder "Nein" zu sagen und mein Vorhaben unbeirrt durchzuziehen. Ich bin soo dankbar, dass ich auch direkt am Dienstag abgeholt werden konnte. Denn ich weiß nicht, ob ich diesen Gesprächen noch länger standgehalten hätte, und was in der Woche noch alles passiert wäre.

Am Dienstag musste ich mich noch vor der versammelten Truppe erklären. Das habe ich auch noch geschafft. Dann haben alle für mich gebetet. Das fand ich gut. Denn auch die Schulleiterin, mit der ich gesprochen hatte, hatte mir am Vortag gesagt, dass sie tatsächlich, nachdem sie darüber gebetet hatte, das Gefühl hatte, dass es für Gott in Ordnung ist, dass ich gehe. Sie beteten, dass ich meinen weiteren Weg finden würde. Und hinterher keine Zweifel mehr haben würde.

Und irgendwann konnte ich endlich aus dem Zelt raus, packte in aller Hast mein Hab und Gut zusammen und fuhr vom Hof. Dass ich wirklich raus bin, habe ich erst ein paar Stunden später richtig erfasst. Und ich war so erleichtert und fühlte mich so frei.

Es war die richtige Entscheidung und Gott stand dahinter. Jetzt habe ich für das nächste halbe Jahr keinen Plan, aber sicherlich wird sich noch etwas ergeben. Wer weiß, was Gott noch vor hat. Es bleibt spannend. Die 10 Tage, die ich in Herrnhut verbracht habe, waren nicht sinnlos. Ich habe unglaublich viel gelernt und mich mit meinem Glauben beschäftigt wie wahrscheinlich nie zuvor. Meine Beziehung zu Gott ist inniger geworden. Dass er eine Antwort zur rechten Zeit sendet, wenn man ihn fragt, habe ich erfahren. Wie sehr meine Familie hinter mir steht, habe ich erfahren. Auch wenn es eine sehr sehr schwere Zeit ist, Gott verlangt nichts von mir, was ich nicht tun kann. Als ich im Begriff war, aufzugeben, hat er mir Stärkung von allen Seiten gesandt.

Weg nach oben - ja, in 10 Tagen anstatt einem halben Jahr. Fahrstuhl anstatt Treppe. Ich bin gespannt, was Gott jetzt für mich in petto hat.