Dienstag, 27. September 2016

Norwegen-Report II

Dass Zelten im hohen Norden nicht nur Zuckerschlecken ist, merke ich am nächsten Morgen. Ich friere mich dumm und dämlich, komme aus dem Zittern überhaupt nicht mehr raus. Ein eiskalter, scharfer Wind fegt durch alle Schichten hindurch und nimmt einem jedes bisschen Wärme. Und wenn Mama vor der Tour noch beteuerte "Liebes Kind, diese Jacke ist winddicht!", so muss ich nun leider feststellen: "Ne, isse nich!!!"
Mit gesammelter Erfahrung steigern wir uns bei jeder Tour, was Ausrüstung, Planung, das Packen usw. anbelangt. Mittlerweile sind wir Trekking-Profis (finde ich). Der stetige Fortschritt gipfelt in der Maßnahme, dass jeden Morgen ein Liter Wasser zum kochen gebracht und die Möglichkeit eines heißen Getränks angeboten wird. Der Hammer, morgens in den Bergen zu sitzen und eine Tasse Kaffee zu trinken!
Heute wärmt die mich aber auch nicht. Meine Finger haben sich irgendwie schon längst verabschiedet, von mir nehmen sie jedenfalls keine Befehle mehr entgegen. Das Abwaschen im See verbessert das nicht, und das Zeltaufräumen und -zusammenpacken ist eine echte Qual. Ich hasse Zelten ... in diesem Moment. Wer hat die Heringe überhaupt so tief in den Boden gedroschen, und warum passen Schlafsäcke nie in ihre Hüllen und die Isomatte wird sowieso immer dicker. Warum nehme ich seit drei Touren keine Handschuhe mit und bereue es jedes Mal. Ich hab schon wieder Hunger, und mir tun die Füße weh. Können wir endlich los?!

SO kalt ist mir (Foto von Timon)


Glücklicherweise wird einem beim Gehen wärmer weniger kalt. Die Jungs ziehen schon nach 20 Minuten eine Schicht nach der anderen wieder aus, aber mit Vernunft muss man denen ja auch nicht kommen. Bis zur Mittagszeit glaube ich aber doch, dem Kältetod von der Schippe gesprungen zu sein und am Nachmittag trenne ich mich von einem der Pullover. Denn immerhin scheint die Sonne wieder mit ganzer Kraft. Mittlerweile laufen wir über das x-te Schneefeld, und was anfangs noch unglaublich sensationell war nervt nun ziemlich. Das Eis-Schnee-Gemisch ist extrem rutschig, man sinkt tief ein und kommt kaum vorwärts. Auch die auf dem Rucksack runterrutschende Variante der Überquerung empfinde ich als nicht überzeugend. Sieht scheiße aus, macht nass und SO viel früher ist man auch nicht da.
Eines der Schneefelder ist eher braun als weiß, die Hinterlassenschaft von einer Herde Schafen. Dooferweise ist der Schnee an genau dieser Stelle besonders gut angetaut und weich, und der Hang besonders steil. "Wer sich hier hinpackt, liegt richtig in der Scheiße!" Kaum sind die Worte ausgesprochen, leistet Max ihnen auch schon folge und setzt sich mitten rein in die Schafsexkremente. Wenigstens wird es weich gewesen sein.

Der immer gleiche Trott wurde im Lauf des Tages durch einen Fluss enorm aufgelockert. Das Überqueren der vielen Flüsse in der Hardangervidda ist immer wieder eine spaßbringende Zwischenübung voller Überraschungsmomente. Oh, der Stein wackelt ja doch. Oh, und der Stein rutschts ganz schön ziemlich. Oh, für die nächsten fünf Stunden nasse Socken.
Dieser Fluss nun hatte zwei besondere Herausforderung. Erstens: er war viel tiefer und breiter als die anderen. Das bedeutete, dass wir uns einer Sache stellen mussten die man während der Wanderung lieber verdrängt: unseren nackten Füßen, die sich spätestens nach Tag 2 im olfaktorischen Ausnahmezustand befinden. Sie stinken. Aber es hilft alles nichts, wir mussten Schuh, Sockenschicht 1 und Sockenschicht 2 ausziehen, die Hosenbeine hochkrempeln und durchwaten. Kein Spaß, wenn deine Füße schon in der sanften, gepolsterten Wollsocke schmerzen und nun von schweinekaltem Wasser umspült ihren Weg durch spitze Kieselsteine bahnen müssen, bei einer Strömung die keine vorsichtigen Schritte zulässt. Ich kam ohne unfreiwillige Showeinlage am anderen Ufer an, die anderen leider auch, das hätte sicherlich lustig ausgesehen.
Diese Übung war für uns erfahrene Wanderer natürlich ein Kinderspiel. Komplizierter war die zweite Herausforderung: zwei Österreicher am Ufer, deren fröhlich-aufgeregtem Redeschwall in breitestem Dialekt wir uns kaum wieder entreißen konnten. Na gut, eigentlich waren sie ganz freundlich und haben uns noch ein paar Tipps für die kommende Wegstrecke gegeben. Man muss den Dialekt halt mögen.


Im Laufe des Tages näherten wir uns dem Harteigen (geschrieben mit irgendwelchen speziellen norwegischen Akzenten). Das ist ein extrem prägnanter Berg, weil er ganz allein auf der Hochebene steht. Am nächsten Tag wollten wir auch diesen erklimmen um zu gucken, wie die Luft da oben so ist, aber zunächst suchten wir uns in seiner Nähe erst einmal einen Zeltplatz. Und fanden ihn, idyllisch gelegen an einem Flusslauf, auf einer kleinen Anhöhe. Alles sehr nett, lediglich die Sanitäranlagen (zwei Felsen in unmittelbarer Nähe) ließen etwas zu wünschen übrig, spätestens nachdem da mindestens drei Leute ihren Scheiß hatten rumliegen lassen. Eine leere, weggeworfene Klopapierrolle war zudem stummer Zeuge existenziellster Sorgen eines Kollegen, aber da kann man kein Mitleid haben. Das Leben auf dem Berg ist unbarmherzig und jedes Blatt wertvoll, wer abgibt geht am Ende möglicherweise mit zugrunde.
Ich wandte mich ab von dem Elend und suchte mir meinen eigenen Waschraum, auch wenn man dafür ein paar Schritte weitergehen musste. Dort hatte ich sogar fließend Wasser und fast eine Badewanne, jedenfalls war der Fluss tief genug um sich ordentlich zu waschen und unterzutauchen. Wie jeden Abend erledigte ich auch das, und es war gleichzeitig schrecklich und schön.
Wirklich, der abendliche Abstecher in den Fluss oder See war jedes Mal etwas Besonderes. Man ist alleine, hat seine Ruhe. An jedem Tag schien die Sonne wenn ich waschen war, das habe ich auch immer von Gott vorher so bestellt. Das Wasser ist zwar immer noch unbeschreiblich kalt, die Füße tun weh wie sau und verlieren dann recht schnell das Gefühl, und oft weht auch ein Wind, aber wenigstens ein bisschen Wärme bekommt man doch ab. Und irgendwie konnte ich so am Fluss, in der Abendsonne und ohne irgendeinen Laut außer des Wasserplätscherns immer besonders gut mit Gott quatschen und fühlte mich ihm sehr nahe. Am Ende ist es ein wunderbares Gefühl, endlich wieder einigermaßen sauber und, abgetrocknet und schnell in den "Schlafanzug" gesprungen, auch wieder warm zu sein.
Während die Kräuter der Provence gekocht wurden, hatten wir Zeit um Skat zu spielen, was man mir endlich erfolgreich hatte beibringen können. An jenem 18. August gewann ich meine erste Partie.  Am Ende fehlte nur noch die Cola-Flasche, um den Tag erfolgreich abzuschließen. Und für den nächsten war schlechtes Wetter angesagt.


Gibt immer einen, der mit verschränkten Armen daneben steht wenn andere arbeiten

19. August, die Wettervorhersage stimmt, es ist bedeckt. Perfekte, leicht bedrohliche Stimmung für die Klettereinlage am Vormittag. Denn der Harteigen wird bezwungen, und es gibt nur eine Aufstiegsroute. Die zeichnet sich dadurch aus, dass irgendjemand zu einem nicht feststellbaren Zeitpunkt in der Vergangenheit ein paar Seile an die Felsen gehangen hat um den vielen kleinen abenteuerlustigen Touristen bei ihrem Aufstieg zu helfen. So schon nur bedingt vertrauenserweckend, dass an manchen Stellen gleich mehrere Seile nebeneinanderhängen macht es nicht besser. Welches ist denn die schlechte Strippe, die ersetzt wurde? Oder sind sie alle gleich marode um in der Summe ein belastbares Seil zu ergeben? Vielleicht waren auch einfach noch ein paar übrig und sie wieder mit runterzunehmen hatte sich nicht gelohnt.


Wie auch immer, wir lassen unsere Rucksäcke unten, klettern zunächst über jede Menge Geröll und machen innerhalb kürzester Zeit viele Höhenmeter. Ich zumindest komme mir vor wie in einem Abenteuerfilm, oder einer Doku über kühne, unerschrockene BergsteigerInnen bei der im Abspann kommt: wir raten Ihnen, diese Szenen zu Hause nicht nachzumachen. Denn wie gesagt - der Himmel ist dunkel und verhangen, teilweise nieselt es. Die Steine werden rutschig. Die Gegend ist unwirtlich und karg, kein Strauch wächst auf dem Geröllfeld. Jeder ist konzentriert und auf seinem eigenen Teil der Route, man hört kaum einen Laut. Bis auf dieses Gänsehaut-Geräusch von kleinen, den Berg herunterrollenden Kieselsteinchen, die entweder jeder Menge Kollegen nach sich ziehen oder auch nicht. Wir steigen immer höher, links und rechts ragen die Felswände sehr nah steil in den Himmel. Angsteinflössend. Und dann die ersten Seile. Jetzt fängt der Spaß richtig an. Wenn man tagelang gedankenlos fast nur die Beine bewegt, ist es aufregend, jetzt auch Arme und Schultern mit einzusetzen und sich jeden Schritt genau zu überlegen. Ich frage mich, warum ich noch nie klettern war.

Und dann erreichen einen wieder sehr angenehmen Weg, schließlich auch die Spitze. Yes! Ich bin nicht so der Mensch, der sich für weite Aussichten begeistern kann, und hier sieht es auch noch in jeder Richtung gleich aus. Hügelige Landschaft mit Schneefeldern, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit russischem Zupfkuchen aufweisen. Seit Tagen läuft mir quasi jedes Mal das Wasser im Mund zusammen, wenn ich in die Ferne schaue. Ich darf dann gar nicht anfangen nachzudenken über kühle, cremig vanillige Quarkmasse, bedeckt von schokoladig-keksigen Streuseln die fest genug sind um im Mund zu knacken und in viele süße Krümelchen zu zerfallen ... Nein, so ein Müsliriegel ist ja auch gut. Corny Free. Ohne Zuckerzusatz. Völlig ausreichend. Wirklich.
Jedenfalls kann ich mich für Aussichten nicht ausschweifend begeistern, aber trotzdem ist es echt gut dort oben. Ein neues Titelbild für Facebook ist auch noch drin, und sowieso kann man in dieser filmreifen Landschaft wieder jede Menge Bilder machen. Ein winzig kleiner Mensch vor imposanter Bergkulisse - traumhaft, mehr braucht es nicht.
Hinunter ist der Weg noch aufregender. Ich habe das Gefühl, nur am rutschen zu sein. Die Seile stelle ich zweimal unverhofft auf Bewährungsprobe indem ich nach einem falschen Schritt plötzlich doch keinen Boden mehr unter den Füßen habe. Ich stelle fest, dass sie halten. Als wir unten sind jammern die Knie noch mehr als sonst, aber innerlich muss ich den ganzen Tag grinsen. Toller Abstecher!



Wer würde da nicht an russischen Zupfkuchen denken

Für den Rest des Tages geht es dann abwärts mit uns, vor allem topografisch. Die Landschaft wird wieder weicher und grüner, teilweise richtig lauschig. Bevor wir den von den Österreichern beschriebenen, wunderschönen Zeltplatz finden, überqueren wir eine waschechte Hängebrücke. Ich finde dass mein Hintermann es nicht so übertreiben muss mit dem Gehüpfe. Als ich auf der anderen Seite bin, sehe ich, dass alle brav warten und überhaupt keiner auf der Brücke rumspringt. Faszinierend, und hat sicherlich irgendetwas mit Physik zu tun.
Unser Lagerplatz am Fluss wartet mit einer Privatinsel und einem grandiosen Schauspiel aus Abendsonne und Wolken, später auch einem Regenbogen auf. Während wir auf unser Essen warten, fangen die Mücken schonmal an und lachen herzhaft über unser eifrig versprühtes Abwehrmittel. Wir lachen mit ihnen und erschlagen sie dann per Hand.
Auf der Suche nach einer geeigneten Badestelle durchstreife ich die Büsche, die in der Umgebung wachsen und folge dem Flusslauf. Weil der Boden zwar kniehoch zugewachsen, aber keinesfalls eben ist, tritt man gerne mal ins Leere und kommt ins Schwanken. Da ich Waschzeug in den Armen und außerdem keine Lust mehr auf schnelle Bewegungen habe falle ich um wie ein Baum, mitten rein in die Botanik. Und wenn man einmal kopfüber in einer solchen Hecke liegt, kommt man so schnell auch nicht wieder raus. Ich hätte mich ausschütten können vor lachen. Es hat so einen Spaß gemacht! Keine Krabbelviecher, die einen sofort überfallen, keine spitzen Äste, kein Dreck, sondern jede Menge weiches Moos und Laub. Da fällt man einfach gerne rein. Aber da ich mir ja vorgenommen hatte, waschen zu gehen, verlasse ich meine spontanen Liegeplätze dann schweren Herzens und sehr umständlich wieder. Und falle gern drei Schritte weiter wieder um. So viel Naturverbundenheit! Ich freue mich, als ich später endgültig in den Schlafsack fallen kann.





Samstag, 24. September 2016

Norwegen-Report I

22. August, irgendwann am Nachmittag, ich sitze im krachend vollen Flugzeug von Bergen nach Kopenhagen. Von links muss ich mir anhören, wie der ca. zehnjährige aber neunmalkluge Sohn einer deutschen Vorzeigefamilie am Entwurf seines ersten Buches feilt. Der Spannungsbogen steht schon grob, immerhin. Die ellenlangen Sicherheitsbelehrungen der abgenervten Stewarts sind überstanden, wir sind mittendrin im Startmanöver - und ein kleiner Junge rennt quer durch den Gang zu Papi. Über das Bordmikrofon wird er vom Chef-Stewart scharf zurückgepfiffen. Da der Junge offensichtlich arabisch ist, darf ich in den nächsten Minuten zusätzlich zu den literarischen Ergüssen von links den fremdenfeindlichen Reden eines Mittvierzigers + Kompanen von rechts lauschen (natürlich auf deutsch, es gibt hier nur Deutsche!!). Es ist stickig, warm, ich habe Kopfschmerzen. Warum bin ich hier, wo ich vor ein paar Tagen doch noch in paradiesischer Stille von umwerfender Landschaft umgeben war und die einzige Herausforderung manchmal darin bestand, nicht aus lauter Verfressenheit mehr Müsliriegel zu vertilgen als für den Tag rationiert?

Genau eine Woche vorher standen wir in Tegel am Flughafen in der Schlange vor dem Check-in und husteten uns dumm und dämlich, genauso wie alle anderen um uns herum. Die Palette reichte von vornehm hüstelnd bis besorgniserregend geräuschvoll nach Luft schnappend. Ich atme einfach nicht mehr und bin das Problem los. Easy. Welche Abgase da genau für einige Minuten die Luft durchzogen werden wir wohl nie erfahren, aber es war uns auch total egal. Der Urlaub fing an, endlich! Nach monatelanger Vorfreude, einem Großeinkauf bei Kaufland (Wieso ist mit ein paar Müsliriegeln, Babybrei und Haferflocken der Wagen voll und die Kasse steht bei 65 Euro 13?) und den kalten Füßen am Vorabend (Bin ich wirklich fit genug? Habe ich alles? Noch könnte ich absagen. Wird es nicht gefährlich?) waren wir doch komplett angetreten und uns sicher, dass uns wieder ein spektakuläres Outdoor-Abenteuer bevorstand. Sowas von!

Und so betraten wir am Abend norwegischen Boden.


Die gesamte Reise war mehr als kompetent geplant, daher hatten wir natürlich Tickets für einen Shuttlebus und Betten im Hostel gebucht. Dort nutzten wir die Chance, noch einmal in einer ordentlichen Küche zu kochen, das Gepäck neu zu verteilen und am Ende die Rucksäcke zu wiegen (für manche eine bittere Erkenntnis). Schlussendlich die letzte ordentliche Dusche und dann ab ins ordentliche Bett. Im Schlafsaal, mit 30-40 anderen Menschen.
Da fing das Abenteuer schon an. Auch wenn es für die Menge an Leuten sehr sehr leise war, irgendein Geräusch gibt es immer, und wer da nicht abschalten kann sondern ständig überlegt, was das nun wohl wieder war und wo es herkommt und wann es aufhört hat die Nacht über gut zu tun. Vor allem wenn zu sehr fortgeschrittener Stunde, wenn sich dann doch endlich mal alle weitestgehend eingerichtet und aufs schlafen eingestellt haben, fünf Russen anreisen, einzeln durch die laut zuschlagende und quietschende Tür kommen, mit schweren Schritten quer durch den Schlafsaal schreiten und dann eine angeregte Unterhaltung starten. Ich quälte mich also doch nochmal hoch zu meinem Rucksack und kramte nach meinen Ohropax. Dann war Ruhe.

Der erste echte Wandertag begann früh und richtig schön mit Brot (zu diesem Zeitpunkt reichte ein Brot noch für fünf Personen), Frischkäse und Marmelade auf der Dachterasse des Hostels. Außer uns war dort noch niemand um die herrliche Kulisse zu bestaunen. Dazu ein Becher Kaffee - perfekt, ich war mit der Welt so richtig im Reinen.
Ein paar Stunden später sah das ganz anders aus. Es ist schon so, wenn du an deinem Urlaubsort japanische Touristen triffst, dann bist du im Prinzip verloren. Zumindest, wenn dir Einsamkeit und Ruhe wichtig sind. Wo japanische Touristen sind, da gibt es noch jede Menge andere Touristen und vor allem eine Sehenswürdigkeit, die sie anzieht. In diesem Fall die Trolltunga, jene Felsformation die diese ganzen Wanderurlaube vor drei Jahren im Prinzip überhaupt erst in die Wege geleitet hatte. Die Fotos der Leute, die ihre Beine über dem 800m tiefen Abgrund baumeln lassen, sind im Internet so bekannt dass mittlerweile 40.000 wagemutige Individualisten jährlich dort hinpilgern. Dabei ist es gar nicht so ohne - bei der perfekt ausgeschilderten "Tagestour" sind 23 Kilometer Distanz und 900 Höhenmeter zu bewältigen. Kein Hindernis für vor allem junge Erwachsene aus aller Welt, um DAS Foto zu schießen.

Weil wir die erste Hälfte des Tages noch damit beschäftigt waren, mit Bus, Fähre und zu Fuß zu dem großen Parkplatz am Fuß des Berges zu gelangen, waren wir als wir am Nachmittag diesen perfekt ausgeschilderten Weg antraten mit unserer Marschrichtung relativ allein, denn wer die Tour an einem Tag schaffen will beginnt sie sehr früh. Also wollten all die Wanderer denen wir begegneten abwärts. Wir waren permanent damit beschäftigt, ihnen aus dem Weg zu springen, was man mit Vorsicht machen musste denn wir bewegten uns auf unzuverlässigem Schlamm.
Anfangs bedankte man sich in seinem jugendlichen Leichtsinn noch bei jedem, der einem Platz machte oder wartete, und erwartete es genauso von anderen. Der Zahn wurde einem schnell gezogen, denn da diese Begegnungen zweier Wandersleut im Halbminutentakt stattfanden, hatte man schnell keine Lust mehr auf das ständige "Thank you" sondern brütete lieber still vor sich hin, im Geiste auf all die 3000 Leute schimpfend, die an diesem Tag bei schrecklich gutem Wetter die selbe Idee gehabt hatten. Die meisten von ihnen trugen kleine Tagesrucksäcke und sprangen entsprechend leichtfüßig den Weg entlang, während man selbst unter einer 13 - 19 Kilo schweren Last ächzte und sich permanent fragte, was man da bloß alles eingepackt hatte. Am schlimmsten waren aber diejenigen, die zum entspannten Lächeln im schweißfreien Gesicht auch noch Jeans und T-Shirt trugen. Wenn ihr uns schon die Illusion nehmt, hier etwas Besonderes und Einzigartiges zu machen, dann habt doch wenigstens den Anstand genauso verlottert auszusehen wie wir!!!

Als wir uns ein paar Stunden später bei untergehender Sonne den ersten Zeltplatz suchten, war der Wanderstrom schon wesentlich dünner geworden (wir bestimmt auch). Es war eine neue Erfahrung, in Sichtweite von ca. 6 anderen Zelten das Lager aufzuschlagen, aber ich fand es auch beruhigend. Ein bisschen gruselig ist es immer, mitten in der Wildnis zu campen, bei einbrechender Nacht. Da sind ein paar Nachbarn ausnahmsweise mal gar nicht verkehrt.
Und dann gab es endlich wieder ein richtiges Bergessen, Kräuter der Provence, dazu Nudeln mit Rahmsoße. Zum waschen ging es an einen eiskalten Bergsee und zum einschlafen gab es einen wärmenden Schluck aus der Colaflasche, an der zumindest außen Cola dranstand. Um das Ganze perfekt zu machen war es nicht nur ein sehr lauer Abend, sondern es schien auch noch ein krasser Vollmond, der sich in diversen Bächen und den umliegenden kleinen Seen spiegelte und es gar nicht richtig dunkel werden ließ. Mensch Norwegen, das ist ja wirklich herrlich hier bei dir!

Alle Utensilien für das perfekte Dinner


Der nächste Tag begrüßte uns mit ebenso strahlendem Sonnenschein wie sein Vorgänger. Als ich meinen Rucksack gepackt hatte hatte ich den Gedanken an Sonnencreme sofort verworfen. Das ist ja albern, dachte ich, Sonnencreme in Norwegen! Ha, ha. Liebe Berliner, wenn ihr mal die Sonne sehen wollt, fahrt doch nach Skandinavien. Ich habe mir jedenfalls den ersten und einzigen Sonnenbrand des Jahres an diesem Tag geholt und hatte ab sofort den Teint einer Verkehrsampel ohne Grünphase.
Mittags erreichten wir sie, diese Trolltunga. Und wir stellten uns an. Nicht weil wir von Ossis abstammen, sondern weil da oben so die Regeln sind. Natürlich möchte niemand auf DEM Trolltunga-Foto die Menschenmengen drauf haben die sich tatsächlich dort oben tummeln, sondern die Illusion völliger Wildnis und Abgeschiedenheit aufrecht erhalten. So erhält jeder nach einer Wartezeit von nur 30 Minuten die Chance, sich ganz allein auf die Zunge zu begeben um von allen beobachtet zu posieren. Sind die Fotos im Kasten hat man sich möglichst zügig wieder zu entfernen und Platz für den nächsten zu machen. Ein reibungsloser Ablauf, getaktet wie die Berliner Ringbahn und irgendwie wahnsinnig grotesk. Aber es funktioniert, und seit die Trolltunga zur Touristenattraktion geworden ist ist immerhin bis jetzt nur eine Person abgestürzt. Das ist erstaunlich, denn so manchem ist eindeutig das Prädikat "lebensmüde" zu verleihen. Aber was tut man nicht alles für DAS Foto. Als Elternteil schickt man übrigens gern auch seine lieben Kleinen an den Abgrund. Ist ja immerhin eine einmalige Gelegenheit. Die Leute sind so bekloppt! Wir reihen uns nahtlos ein und machen natürlich unsere Fotos. Wenn man schon mal da ist.

Alle bekloppt!
Dann verlassen wir diesen ausgetrampelten Pfad und sind nach 20 Metern prompt zu fünft alleine. Ab sofort treffen wir niemanden mehr und überqueren bald unser erstes Schneefeld. Mitten in der größten Hitze! Noch sind wir fasziniert vom Schnee, bald wird er uns zum Hals raushängen. Auf dem Weg finde ich nebenbei einen schönen, durchsichtigen Stein, hebe ihn auf und nehme ihn mit. In den folgenden Tagen klebt Max mit seinen Augen quasi am Boden, bückt sich zig Mal, wird sich mit einem der Steine das Handydisplay zerhauen und am Ende doch kein Souvenir finden, das auch nur ansatzweise so schön ist wie meins. Ach, vielleicht findste ja in Berlin mal nen schönen Kronkorken.

Kurz vor dem Ende dieser Etappe kommen wir ziemlich fertig, sonnenverbrannt und schwitzend an einer Hütte vorbei, an der uns der urige Wirt erzählt, dass es die Woche zuvor noch ununterbrochen geregnet/geschneit habe und eine dicke Schneeschicht lag. Was haben wir für ein "Glück"! Im Leben hätte ich mir nicht träumen lassen, dass wir so gutes Wetter erwischen würden.
Ein bisschen später finden wir den perfekten Zeltplatz an einem See, gegenüber einer riesigen Schneewand die aussieht wie Rauhfasertapete. Wieder ist es ein lauer, warmer Abend, wir können noch lange den Sonnenschein beim Zeltaufbauen, kochen und waschen genießen. Als sich die Sonne am Ende doch verabschiedet, tut sie das mit einem Paukenschlag und in einem famosen Zusammenspiel mit der im See reflektierten Berglandschaft. Einfach sauschön! Zum Glück fehlt am Ende nur noch ein Schluck aus der Colaflasche (ich sag ja gar nicht, dass Cola drin war), den wir ausnahmsweise nur zu dritt nehmen. Die anderen beiden haben noch überschüssige Energie um die Gegend zu erkunden. Bevor wir dann ins Zelt kriechen, stellen wir die Flasche neben den mit Schnee gefüllten Kochtopf, in dem wir geschmolzene Schokolade und sich bereits bedenklich verfärbte Salami wieder aufpäppeln. Als wir die beiden später wiederkommen hören, rufen wir ihnen aus dem Zelt zu: "WIR HABEN SCHON GETRUNKEN, FLASCHE STEHT NEBEN DEM KÜHLSCHRANK!" Zu genau diesem Zeitpunkt kommt noch eine andere Gruppe Wanderer an unserer Lagerstätte vorbei. Was die sich dann dazu dachten war uns egal, wir schlummerten selig ein ... um mitten in der Nacht aus unserem wohlverdienten und dringend notwendigen Tiefschlaf gerissen zu werden. Max hatte den Vollmond entdeckt.
Ja. Jaha, ist doch gut. Na dann fotografier ihn doch. Mensch. Ne, ich weiß auch nicht wie du den jetzt besser drauf kriegst. Dann ist er halt unscharf. Ja, sieht krass aus. Lass mich schlafen, das ist nur ein beschissener Mond!!! Mach die Tür zu! Mann ...

Kühlschrank

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Mein Mitbewohner Abdullah

Ich möchte euch von Abdullah erzählen. Abdullah war einer der ersten Flüchtlinge, die zu uns ins Wohnheim gezogen sind, er kommt aus Somalia. Er ist groß und dürr, sieht aus wie 17 und ist sehr sehr höflich. Immer lächelt er und fragt, wie es einem geht.
Zusammen mit seiner Frau Nasib putzt er im Haus und sorgt auch auf unserer Etage viel für Ordnung.
Deutsch lernt er langsam, aber eifrig. Neulich prangte eine riesige Deutschland-Flagge auf seiner Gürtelschnalle. Und neulich hat er mir mit einem Leuchten in den Augen erzählt, dass seine Frau ganz genau auf das Essen achtgeben muss - sie ist schwanger.
Abdullah hat Angst, heute Nacht noch abgeholt und ausgewiesen zu werden. Zurück nach Somalia geschickt zu werden, wo man ihn umbringen wird, da ist er ganz sicher.

Die Geschichte ist kaum zu glauben. Gestern war er noch beim Fotografen gewesen, um Passbilder machen zu lassen. Heute hatte er einen Termin beim Ordnungsamt. Dort hat man den Pass, den er besaß und der ihn schon viel gekostet hatte, vor seinen Augen zerrissen. Und dann gesagt, dass er sich jetzt auf seine Ausreise vorbereiten könne.
Es gab keinen Übersetzer. Er war nur mit seiner Frau da. Er wurde nicht über seine Rechte aufgeklärt, es wurde gar nichts erklärt. Er hatte vorher einen Haufen Formulare ausgefüllt, die ihn glauben ließe, er würde bald Asyl gewährt bekommen. So wie Nasib, mit der er gesetzlich verheiratet ist und, wegen der Schwangerschaft, Asyl hat, wenigstens für einige Monate.

Nasib hat heute den ganzen Tag geweint, sie hat Angst. Es kursieren Gerüchte, und ich weiß nicht, wieviel daran ist, dass die Leute tatsächlich nachts mit Lieferwägen geholt und dann abgeschoben werden. Ich habe gerade eben erst erfahren, was los ist, war vorher noch in der Küche. Abdullah war auch da - und fragte mich mit einem Lächlen, wie es mir geht.
In unserem Haus hat man beschlossen, Abdullah zu verstecken. In diesem Moment wird unten das Klingelschild abmontiert. Ein Rechtsanwalt wird gesucht. Es wird Einspruch erhoben werden. Wer weiß, wie dieser Kampf ausgehen wird.

Könnt ihr das glauben? Sowas macht Deutschland? Ich bin so erschüttert und fassungslos. Plötzlich, als diese ganze Flüchtlingsdebatte so real, persönlich, nah wird, wird mir klar, was für Schicksale sich hinter dem verbergen über das jeder spricht und wovon kaum jemand wirklich Ahnung zu haben scheint. Wie ist es möglich, dass wir in unserem Wohlstand den Menschen Hilfe verweigern, die unter Aufwendung ihres Lebens und all ihrer finanziellen Mittel zu uns gekommen sind, weil sie glauben es hier besser zu haben? Wie ist das vereinbar mit der christlichen Kultur, die wir dadurch schützen wollen? Warum haben wir das Gefühl, dass uns irgendetwas weggenommen wird?

Ich bete für diese kleine Familie, und vielleicht könnt ihr das auch machen.

Samstag, 3. Oktober 2015

Andorra Teil III - Happy End

Tag 5 - Mittwoch, ca. 14,68km, 600m hoch, 1.400m runter


Der letzte Tag also. Uns blühte ein finaler, großer Aufstieg und dann nur noch der Weg zurück ins Tal.
Der Nebel holte uns doch noch ein. Wir stapften durch eine kalte, nasse, dicke Suppe bei unverändert starken Windböen. Es waren wirklich keine idealen Bedingungen, um noch einmal ziemlich weit nach oben zu stiefeln und so langsam war ich zumindest mit meinen Kräften auch am Ende. Man ist am Morgen noch nicht vollständig wiederhergestellt, wenn man sich nach einem komplett durchgewanderten Tag auf eine Metallpritsche legt um mit Krämpfen in den Beinen ein paar Stunden zu schlafen. Wenn man jeden Tag mit ein bisschen weniger Kraft anfängt, ist man am Ende ganz schön am schnaufen. Um es positiv zu sehen, das ist ein weiterer Vorteil des Wanderurlaubs: während einen bei allen anderen Urlauben gegen Ende immer eine gewisse Wehmut überfällt und man sich eigentlich wünscht, es würde ewig so weitergehen, ist man bei einer Wandertour doch ziemlich froh, wenn das Ganze dann mal zum Ende kommt. Einfach nur im Auto sitzen, sich fortzubewegen ohne etwas zu tun - das kam mir traumhaft vor, während ich mal wieder gegen Wind, Erdanziehung und mich selbst kämpfte. Neben dem innerlichen (bitterbösen) Schimpfen genoss ich es aber, so wie in den Tagen zuvor. Es war wieder eine ganz neue Stimmung, die sich da für uns auftat - noch ein bisschen ungemütlicher, auf jeden Fall unheimlich und möglicherweise ein bisschen gefährlich durch den unberechenbar starken Wind. Eine schaurig schöne Erinnerung für später, wenn man wieder in der warmen Wohnung sitzt.

Ungemütlich
Oben erlebten wir dann wieder so einen Konjunktiv-Moment, gut bekannt aus letztem Jahr: "wenn jetzt kein Nebel wäre, hätten wir ne krasse Aussicht auf den, den und den Berg". Da uns also nichts weiter aufhielt, machten wir uns relativ direkt nach dem Verschnaufen auf den Weg nach unten und auch dieses Mal kamen wir gut dort an, was ja nicht selbstverständlich ist sondern vor allem Bewahrung. Überhaupt, dass sich auf der ganzen Tour noch nicht einmal jemand den Fuß verknackst hat - eigentlich unwahrscheinlich. Danke Gott!

Bald im Tal
In einer sehr schicken Hütte aßen wir schon beinahe gesittet Mittag. Jeder verspeiste die Reste, die er in den Tiefen des eigenen Rucksacks noch so finden konnte, wir waren vom Wind geschützt und hatten (fast) alle einen warmen Kakao bestellt. Also - Kakao. Warm. Warmer Kakao! Außerdem gab es eine richtige Toilette, die sich keiner von uns entgehen lassen konnte, und einen Ofen der extra für uns noch einmal befeuert wurde. Wir waren die einzigen Gäste, füllten die große Stube aber bald zur Hälfte aus als wir uns stöhnend mit unserem Gepäck breit machten. Überfall der Hottentotten - die Wirtinnen nahmen es mit Gelassenheit und blieben freundlich. Vielleicht erleben sie so etwas öfter oder hatten einfach aufrichtiges Mitleid mit diesen geplagten Seelen.

Gestärkt, gesäuber, gepinkelt und gewappnet für die letzten Meter hatten wir die Hütte kaum verlassen, als sich auf einem Parkplatz gleich das nächste Highlight bot. Wir fielen quasi von einer Sensation in die nächste. Eine Mülltonne! Das Kruschteln und Rascheln nahm kein Ende, als jeder aus jedem Winkel seiner Kleidung und seines Rucksacks Verpackungen zu Tage förderte und Abschied von ihnen nahm. Als gute, umweltbewusste Bürger hatten wir natürlich alles mitgenommen, was auf der Tour an Müll anfiel. Da es auf den Hütten keine Mülleimer gibt und das gesamte Futter das man so mitnimmt (praktischerweise) meist einzeln verpackt ist, sammelt sich richtig was an. Es hätte auch ein emotionaler Moment werden können, sich von den Papieren zu trennen mit denen man so viel durchgemacht hatte. Die man unter Schweiß und Tränen über Gipfel und durch Täler trug, die bei jeder Bewegung knisterten wie ein guter alter Freund, der einem Mut zuspricht, die Erinnerungen sind an schöne Minuten in denen nur die Kaumuskeln angestrengt waren - sie wurden nun zurückgelassen, in diesem fernen fremden Land, gesellten sich zu Bananenschalen und ganz viel Konfetti (???) in der Tonne und gingen ihren weiteren Weg ohne uns, so wie wir ohne sie. Man könnte sich das überlegen und noch einen letzten, trauernden Blick zurückwerfen ...
Nicht wenn man mit 5 Jungs wandert. Klappe auf, Müll rein, Klappe zu. Weiter. Ok, dann halt nicht.

Da man bei so vielen Sensationen schnell abstumpft, entlockte es uns keine Jubelschrei mehr, wieder eine geteerte Straße, mehrere Häuser auf einmal oder Gardinen zu sehen. Wir liefen nur immer zügiger. Aber als wir dann da waren! Da wurden trübe Blicke klar, das aus tiefstem Herzen kommende Stöhnen der Leidenden wurde zu einem seligen Jauchzen, abgelatschte, schweinedreckige und stinkende Treter wurden abgestreift um gepeinigten Füßen und ihren Düften wieder Raum zu geben, Geigen spielten und Trompeten bliesen, alles erstrahlte in einem goldenen Licht ... oder so ähnlich. Auf jeden Fall machten wir uns über die Essenskiste her, zogen uns frische Klamotten an und waren glücklich.
Für den Abend suchten wir uns einen kleinen niedlichen Campingplatz in Andorra und zelteten wieder, was sich dieses Mal aber überhaupt nicht mehr unsicher, abenteuerlich oder primitiv anfühlte. Wir konnten unsere Rucksäcke über Nacht im Auto lassen und es störte kaum, dass es regnete. Wir kochten auch abends wieder eine dieser Mahlzeiten auf dem Campingkocher, die sich nun bewährt hatten (Kräuter der Province, janz wichtig) und aßen sie mit unserem multifunktionalen Besteck aus outdoorgeprüften ultralighten Spezialnäpfen. Trotzdem, wir waren zurück in der Zivilisation, fühlten uns entsprechend und konnten hinterher sogar warm duschen. Aus den drei oder vier Euro, die der Platz pro Person gekostet hatte, holte ich mit meiner Duschzeit das Maximum heraus. Selig lächelnd schlief ich in meinem klitschnassen Schlafanzug (die Dusche tropfte nicht nur auf mich sondern auch auf alles was ich in die Kabine mitgenommen hatte) extrem schnell ein.

Donnerstag - nur ganz viel geradeaus


Ich hatte am letzten Abend schon viel Luxus erlebt und alles in vollen Zügen genossen. Aber der absolute Kracher: ein frischer Kaffee, erstanden bei der sehr freundlichen Campingplatzchefin. Außerdem Müsli mit richtiger Milch (nichts gegen Babybrei, überhaupt nicht. Wirklich nicht. Das war keine falsche Entscheidung, mich nur davon ernähren zu wollen und nichts anderes mitzunehmen. Nein, nein) und einem echten Apfel.
Und dann machten wir uns auf den Weg - ans Meer!
Wenn man schon drei Tage Auto fährt, kann es auch ein bisschen Spaß machen. Und deswegen machten wir auf der Rückfahrt diesen Abstecher. Am einen Tag zitterten wir bei Nebel und Sturm auf 2.700m Höhe und stürzten uns am nächsten bei mindestens 20°C und strahlendem Sonnenschein in die Wellen im Mittelmeer. Es kam mir vor wie die Abschlußsequenz eines Roadtrip-Movies - zwischendrin gibts mächtig Drama, aber am Schluss ist alles gut. Ich sah vor meinem Auge förmlich die Credits ablaufen, von unten nach oben und bei irgendeiner heiteren Musik.
Happy waren wir, aber noch nicht am Ende. An diesem Tag war uns ein Bungalow vergönnt, und das bedeutete nochmal mehr Luxus,dass wir unsere Spaghettis von Tellern essen durften und zur Feier des Tages nicht eine, sondern zwei Weinflaschen die Runde machten. Prost!

Freitag - noch mehr geradeaus


Den nächsten Tag starteten Max und ich, indem wir barfuß am Strand joggen gingen, dem Sonnenaufgang entgegen. Wäre auch eine schöne Endsequenz für unseren Film gewesen.
Ab Mittag saßen wir wieder im Auto gen Heimat. Und ich fing schon an, mich zu fragen was ich an der Vorstellung den ganzen Tag nur im Auto zu sitzen gefunden hatte, als ich auf diesen herrlichen Bergen in der frischen Luft herumgelaufen war.
Der dritte und letzte Campingplatz, den wir abends ansteuerten, konnte niemandem mehr ein ehrfurchtsvolles Staunen entlocken, sorgte aber für eine ziemlich peinliche Szene als ich mich mit Max beim Abwasch lautstark unterhielt und dabei immer noch davon ausging, dass mich niemand Anderes verstehen würde. Und ich habe einen Hang zur großen Klappe. Der Typ, der stumm und ohne eine Miene zu verziehen neben uns abgewaschen hatte, kam später an unserem Nachtlager vorbei und bemerkte im Gehen: "Ich hab alles verstanden!" Wir nährten uns rasant der Heimat. Eigentlich ist man ja nirgendwo vor Deutschen sicher, wie ich hätte wissen müssen. Oder vor Deutschsprechenden. Mich hatte ja sogar in Port-au-Prince auf dem Flughafen ein Dunkelschwarzer mit prächtigem Rastazopf auf Deutsch angequatscht. Man könnte denken die Leute hätten nichts Besseres zu tun als sich mit dieser komplizierten Fremdsprache auseinanderzusetzen.

Samstag - endlich fertig geradeaust

Der dritte Tag der Autofahrt zog sich hin und wurde durch Staus und Umfahrungen zur Geduldsprobe. Auch dort vorbeizufahren, wo man 13 Jahre seines Lebens gewohnt hatte, war nur mittelinteressant, semispannend und halbaufregend.
Abends, um 19 Uhr landeten wir dort, wo eineinhalb Wochen vorher die Reise für die Jungs begann. Es dauerte einige Zeit, bis alle Gepäckstücke sortiert waren und sich jeder zu seinen Wanderschuhen bekannt hatte. Die waren in Tüten verpackt und seit Mittwoch nicht mehr beachtet worden. Von diesen steifen Schuhen, so gut sie auch vor Verletzungen feien mögen, habe ich erst einmal genug. Die Blasen gibts jetzt noch, die ich mir gerieben habe. Aus dem guten Vorsatz, die Schuhe zu Hause gut zu reinigen und zu pflegen ist bis jetzt noch nichts geworden. Zur Strafe.

Mir bleibt nur noch übrig zu sagen, dass ich in dieser Nacht so herrlich geschlafen habe wie lange nicht. Im Wohnzimmer bei Mutti und Papi, nebenan einen Mülleimer, die Klamotten und Schlafsäcke in der Waschmaschine, bei offenem Fenster weil mir warm genug dafür war, wiedervereint mit meinem Handy. Ich überlegte nur, wie lang es wohl dauern wird, bis ich das nächste Mal in den Bergen sein kann.

Sätze, die man auf unserer Wanderung ständig gehört hat

  • "Jetzt nen Döner!"
  • "Timon, wieviele Höhenmeter noch?"
  • "Wirst schon nicht zusammenklappen!"
  • "Wir sind tolle Typen."
  • "Wer wäscht heute ab?"
  • "Sind schon Kräuter der Province dran?"
  • "Guck mal, ein Murmeltier!"

 

Sätze, die man auf unserer Wanderung nie gehört hat/hören würde

  • "Also deine Socken riechen gut."
  • "Jetzt bin ich richtig satt."
  • "Ich hab heute Nacht total geschwitzt."
  • "Ich habe viel zu viele Müsliriegel eingesteckt. So viel kann ich ja gar nicht essen."
  • "Dein Outfit ist heute irgendwie nicht stimmig."
  • "Auweia, ich hab heute einen bad hair day."
  • "Ein bisschen Wind wäre jetzt erfrischend."
  • "Was machen wir denn heute noch so?"
  • "Jule, ich hätte wahnsinnig gerne was von deinem Babybrei. Tauschst du gegen Salami?"
  • "Endlich geht es mal bergauf!"

Sonntag, 27. September 2015

Andorra Teil II - Mittendrin

Tag 3 - Montag ca. 12,15km, 737m hoch, 951m runter


Es war Morgen, die Sonne schien. Das Zelt stand noch.
Ich sparte es mir, auf einen Felsen zu klettern um den Sonnenaufgang zu beobachten und fotografieren, das gab ich an Max ab. Aber als ich irgendwann wirklich wach war ging es mir blendend. Wirklich! Die Grippe muss irgendwann beleidigt abgezogen sein, nachdem ich ihr nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenkte. Ich war wieder klar im Kopf, der Hals tat kaum noch weh, in den nächsten Tagen blieb nur noch der Schnupfen und ab und zu Nasenbluten. Nichts mehr, was einen wirklich hindert.
Ein paar Sonnenstrahlen machen so einen Unterschied. Natürlich waren unsere Finger immer noch klamm und taten weh und kurz nach dem Aufstehen hatte man alle möglichen Pullover und Jacken an. Trotzdem wärmte die stärker werdende Sonne und verbreitete gute Laune. Frohen Mutes schaufelte sich jeder sein Frühstück rein.
Aus dem Frühstück kann man übrigens eine echte Wissenschaft machen. Jeder ist mindestens genauso stark davon überzeugt, dass er selbst die perfekte Mahlzeit in den Händen hält wie davon, dass alle anderen es völlig falsch machen. Die Notwendigkeit, Platz und Gewicht zu sparen, gleichzeitig aber genug Energie zu sich zu nehmen, treibt ganz skurile Blüten. Z.B. dass sich jemand des Morgens ausschließlich von "Belvita Frühstückskeksen" ernährt, so einer kleiner Packung à 5 Stück. Die verschwindet innerhalb einer halben Minute, woraufhin beteuert wird, man sei "total satt". Junge, das glaubt dir kein Mensch! Nein, auch nicht wenn du Honig draufschmierst.
Andere greifen zum beliebten Vollkornbrot. Besser, aber natürlich noch längst nicht ideal. Das wirklich Wahre ist Babybrei. Mit Müsli. Hat sich ja letztes Jahr schon bewährt, und da kann mir niemand was erzählen. Kompetent zusammengerührt ergibt das eine extrem zähe und süße Pampe, danach könnte man Bäume ausreißen, auf jeden Fall aber Gipfel erklimmen.
Die Jungs wollten mir das nicht glauben, aber ich denke sie waren insgeheim doch sehr neidisch.
Nachdem sich also jeder auf seine Weise gestärkt hatte und alle Zelte flugs wieder abgebaut und verstaut waren schritten wir schwungvoll aus und genossen den Sonnenschein, der uns den ganzen Tag begleitete.

Neue Erfahrung: wandern bei strahlendem Sonnenschein

Nachdem wir durch ein um die Jahreszeit komplett verlassenes Skigebiet gewandert waren kamen wir kurz vor Mittag durch einen kleinen Ort.

Ein Skigebiet und kein Mensch da

Da eben keine Skisaison war, war dieser Ort auch ziemlich verlassen, aber eine kleine Tankstelle war offen. Wir müssen alle noch einen kleinen Ossi in uns schlummern haben, denn in der Wüste der völligen Konsumfreiheit klammerten wir uns an diesen winzigen Strohhalm in Form einer Tankstelle mit Snackangebot. Wow, Leute, hier kann man was kaufen!! MÜSLIRIEGEL! Und Salami. Und Bier. Schnell!
Zu viert verübten wir einen Tankstellenüberfall mit Geld. Es gab nur zwei kleine Regale, und eins war voller Alkohol und Zigaretten. Hat uns in diesem Fall nicht interessiert und so kauften wir beinahe alles, was das zweite Regal hergab. Man weiß ja nicht, wann man mal wieder etwas kriegt! Ich hatte nur ein bisschen Pech, dass der freundliche Kassierer keine 5€-Scheine und nichtmal mehr 2€-Stücke hatte. Das Wechselgeld auf 20€ hat er mir komplett in Münzen gegeben. Wenn andere Leute vor der Reise ihre Zahnbürste absägen, um Gewicht zu sparen, könnt ihr euch vorstellen dass das gar nicht so lustig war! Aber mittlerweile war der Rucksack auch schon leichter geworden, das konnte meine Laune nun auch nicht mehr verderben.

Von da unten sind wir hergekommen!


Abends kamen wir wieder an einer Hütte an, und dieses Mal waren wir sogar allein dort! Zumindest, was Mitmenschen angeht. Ansonsten waren wir von einem Haufen Kühe umringt, die fröhlich bimmelten und den Boden der ganzen Gegend großzügig düngten. Jeden Schritt außerhalb der Hütte setzte man deshalb besonders bedächtig, was manchmal aber auch nicht mehr half.
Bei der Waschfrage ließ ich die Jungs vorgehen und sich eine geeignete Stelle suchen. Sie kletterten ein wenig nach oben, in den Schatten der Berge und froren sich dort sicherlich einen ab. Ich ging in die entgegengesetzte Richtung und fand den herrlichsten Waschplatz überhaupt. Bei mir schien die Sonne, eine Brücke überquerte den Bach und diente als Ablage für Brille und Shampoo, der Boden war etwas moosig auf dass ich mir nicht meinen Fuß an einem spitzen Stein stoße. Es war immer noch eine Überwindung und schweinekalt sich dort zu waschen, gleichzeitig aber auch richtig schön. Entferntes Glockengeläut der Kühe, ansonsten nur das Rauschen des Baches, weit und breit kein Mensch zu sehen, goldenes Licht der Abendsonne und das alles am Ende eines richtig guten Tages. Ich schwebte förmlich zurück zur Hütte.

Tag 4 - Dienstag ca. 11,18km, 1.000m hoch, 1.020m runter

 

Der vorletzte Wandertag! Ich freute mich darauf.
Nach Aufbruch stapften wir zielstrebig im Gänsemarsch über die Brücke, die mir am Tag zuvor noch beim baden assistiert hatte. 10 Minuten später kamen wir aus der anderen Richtung wieder und überquerten die Brücke nochmal im Gänsemarsch. Wir hatten uns ein bisschen verrannt, es kam uns aber schon nach kurzer Zeit komisch vor, dass es so angenehm bergab ging. Also Kurs korrigiert und zielstrebig in die entgegengesetzte Richtung!
Es war etwas neblig, was hervorragend zu der noch raueren Landschaft als vorher passte. Wir kletterten über weite Steinfelder und kamen uns mal wieder vor wie die einzigen Menschen auf diesem Planeten. Nur dass an einer kritischeren Stelle eine Eisenkette an der Wand angebracht war, erinnerte an den Rest der Menschheit. Habe ich schon einmal erwähnt, wie sehr ich solche Gegenden liebe?

Rau und charmant, diese Gegend


Über den Tag nahm der Wind immer weiter zu. Und wenn Wind nach etwas klingt, was einen im Wesentlichen nicht weiter stört, dann schreibe ich lieber Sturm. Denn seit Sonntag wurde man ja immer wieder mal an bestimmten Stellen von den Böen richtiggehend umgeworfen. Besonders gerne an steilen Aufstiegen oder Gratwanderungen mit steilen Abhängen auf beiden Seiten. Jedenfalls waren wir sehr froh, als wir abends eine Hütte erreichten, die wir dieses Mal mit einem Australier und einem Belgier teilten und die dieses Mal von jeder Menge Pferden, ebenfalls mit Glocken um den Hals, umringt wurde. Die düngen übringes mindestens genauso gut und es war dieses Mal noch aussichtsloser, sich außerhalb der Hütte trockenen Schuhs zu bewegen. In den ein oder anderen Haufen versank man noch wesentlich tiefer, als einem lieb gewesen wäre.
Beim abendlichen Waschen entwickelte ich endlich eine Taktik um die Leiden dabei zu halbieren: erst oben waschen und schnell wieder alles anziehen, dann die Beine waschen und den Rest schnell anziehen. Schon bietet man dem Wind viel weniger Angriffsfläche! Die Haut an meinen Fersen löste sich mittlerweile in Streifen ab und meine Pflaster waren alle aufgebraucht, um ein Loch im Rucksack zu flicken. Glücklicherweise reist man ja nicht allein und mein freundlicher Wanderkollege stattete mich mit Blasenpflastern aus.
Dann wurde wieder ein raffiniertes Abendessen gekocht, aus erlesenen Zutaten. Also allem, was man in den Rucksäcken noch so findet. Einzigartiger Geschmack. Das Geheimnis? Kräuter der Province! Aber nicht zu wenig.
MIttlerweile war das Türöffnen und Hütte betreten oder verlassen zu einer anspruchsvollen Aufgabe geworden. Von innen ließ sich die Eisentür nicht gut halten, und sobald man einen bestimmten Winkel überschritt, riss sie einem der Wind mit gewaltiger Kraft aus der Hand und ließ sie unter gewaltigem Scheppern auf dem Steinboden aufsetzen. Wir hätten eine Kamera dabei laufen lassen müssen, wie jeder von uns mit maximaler Konzentration millimeterweise die Tür öffnete, um schließlich den Zug zu spüren, sich mit Panik in den Augen an ihr festzukrallen und wenn es gut ging so weit zu öffnen dass man schnell hinausschlüpfen konnte um sie anschließend sofort wieder vorsichtig zu schließen.
Das war herrlich in der Nacht, zu hören was draußen los ist und in dieser kleinen, sicheren Hütte zu liegen. Ich war so dankbar, nicht in einem Zelt zu schlafen!


Woran man merkt, dass man voll im Wandermodus ist:

  • Man sucht seine Klamotten morgens nicht nach Optik, sondern mit der Nase heraus. Was am wenigsten stinkt, kann angezogen werden. Wenig stinken ist dabei relativ.
  • Ohne mit der Wimper zu zucken steigt man in einen Gebirgsbach um sich zu waschen. Bei einstelliger Gradzahl und Wind. Ein Gebirgsbach, mit eiskaltem Wasser! Wir müssen verrückt gewesen sein.
  • Man sehnt sich nicht mehr nach Geld, Macht, Ruhm und Ehre, sondern einem Mülleimer, warmem Wasser, einem Döner und Mutti. In der Reihenfolge.
  • Das Laufen ohne Rucksack fühlt sich an wie eine große Schummelei. Man lässt sich lieber nicht dabei erwischen.
  • Wenn einem auf dem Weg zwei andere Wanderer begegnen, hat man das Gefühl dass es so langsam voll wird in dieser Gegend. Schnell weiter.
  • Man grüßt die Kühe am Wegesrand ( - "Moin.")
  • Man unterhält sich mit wildfremden Menschen darüber, woher man kommt, wohin man geht und wie die Hütte war, in der man übernachtet hat. In Berlin ist mir das noch nie passiert.
  • Jedes Essen schmeckt gut und alles kann miteinander kombiniert werden. Spaghetti? Lecker! Dazu Waldpilzcremesuppe? Na klar! Ein paar Scheiben Schmelzkäse dazu? Unbedingt! Das Ganze mit Salamistückchen verfeinern? Sofort! Ein Schuss Öl noch dran? Na klar! Und was darf am Ende nicht fehlen? Kräuter der Province! Wow, ein Festmahl.


Freitag, 25. September 2015

Andorra Teil I - Ein schwerer Anfang

Nachfolgend ein sehr subjektiver Reisebericht unserer Wandertour zu sechst durch Andorra, von der wir vor einer Woche zurückgekommen sind. Es war aufregend, lustig, anstrengend und großartig!

Anreise - Freitag und Samstag


Es fing alles in Atlanta an, als ich in der Schlange vor der Ausweiskontrolle extreme Kopfschmerzen hatte. Ich schob es auf den ganzen Reisestress und warf mir eine halbe Tablette ein (etwas, was ich immer so lang es geht vermeide!). Außerdem trank ich so viel Wasser wie ich konnte (Atlanta hat nicht nur freies Wlan, sondern auch jede Menge Trinkwasserspender - toller Flughafen). Beim Landanflug auf Amsterdam hatte ich dann dermaßen starke Ohrenschmerzen, dass ich mich auf meinem Stuhl wand und mir die Tränen übers Gesicht gelaufen sind. Das Gleiche war beim Flug nach Tegel los, aber für den restlichen Freitag war ich so glücklich, wieder bei meiner Familie zu sein, und hatte so viel im Kopf, was die Reise am nächsten Tag anging, dass ich mir keine Gedanken mehr darüber gemacht habe.

Als dann mein Wecker am Samstag um 3:45 Uhr klingelte dämmerte der Morgen noch lange nicht, aber mir langsam dass ich mir eine fette Grippe zugezogen hatte. Halsschmerzen, Kopfschmerzen, ein Gefühl von noch mehr Tüdeligkeit im Kopf als sonst, Schnupfen, Gliederschmerzen. Perfekte Voraussetzungen für eine Wandertour.
Aber mir da jetzt in meine Pläne reinpfuschen zu lassen kam ja gar nicht in die Tüte. Ich hatte mich schon seit Wochen darauf gefreut. Außer, dass ich mir noch schnell ein paar Hustenbonbons und Teebeutel schnappte, ließ ich mich nicht weiter beirren, machte mich fertig und los gings. Nochmal kurz zurück, um meinen Schal zu holen. Nochmal kurz zurück, um das graue T-Shirt, das in der Hektik der Schal hätte sein können, zurückzulegen und wirklich den Schal zu holen. Nochmal kurz zurück weil beim rennen auf dem Weg etwas Schwarzglänzendes lag und sich das als mein aus der Tasche gefallenes Handy entpuppte.
Und dann wirklich los. Eine dreiviertel Stunde Autofahrt und die ganze Zeit fragte ich mich, ob ich im Begriff war etwas wirklich Dämliches zu tun und am Ende auch den Jungs ihre Wanderung zu versauen.
Am Flughafen habe ich mir eine halbe Tablette eingeschmissen und dann den Rucksack aufgegeben. Nun ging es wirklich nicht mehr zurück!

Im Flugzeug versuchte ich mit jeder Menge sehr ulkigen Manövern, die durch den Druckunterschied entstehenden Ohrenschmerzen zu vermeiden. Also gähnen, schlucken, Nase zuhalten und dagegen atmen ... Was sicherlich für Unbeteiligte extrem komisch aussah, hat mir immerhin einigermaßen geholfen.
Den Rest der Anreise schlief ich viel, später auch im Reisebus von Barcelona nach Andorra. Dann stieg ich dort aus, wo ich die Hauptstadt Andorra La Vella vermutete und lag richtig - meine Wandergruppe (die fünf Jungs waren mit dem Auto angereist und zwei Tage vorher schon losgelaufen) war schnell gefunden und dann konnte es richtig losgehen.

Tag 1 - ab Samstag Nachmittag


Wir hielten uns gar nicht mit Geplänkel auf sondern fingen sofort an, aufzusteigen. Ich hatte zwar ein bisschen Pudding in den Beinen und fing auch ziemlich direkt an, mir an den Fersen Blasen zu reiben, hatte gleichzeitig aber so viel zu erzählen, dass ich das gar nicht richtig gemerkt habe. Ich textete Max ununterbrochen zu während wir der Zivilisation Stück für Stück entstiegen und schon bald umgeben waren von herrlichster Natur. Ab und zu regnete es kurz, aber da wir für diesen Tag eine Hütte anvisierten machte uns das nicht allzu viel aus.

Lauschige Natur und etwas Regen


Am frühen Abend erreichten wir dann auch unser "Refugio", waren aber nicht allein. Zwei Männer hatten sich vor uns dort breit gemacht und im Lauf des Abends kamen immer mal wieder ein paar Leute dazu, sodass wir am Ende zu zwölft in zwei Räumen waren, die für die vorgesehenen Acht schon eng gewesen wären. Aber wir rückten alle zusammen und störten uns nicht. Vor der Hütte floß ein Bach, in dem man sich gut waschen konnte und bei von den beiden Männern gesponsortem Teelichtschein verspeisten wir unser Abendbrot, ließen dabei außerdem zu Ehren von Max' Geburtstag Wein aus der Plastikflasche die Runde machen.
Des Nachts konnte man beeindruckend lautem Schnarchen lauschen, außerdem stolperten kurz vor eins mit viel Taschenlampenlicht drei der anderen Gäste in ihre Betten, aber ich schlief trotzdem ganz gut.


Unser erstes Refugio

Tag 2 - Sonntag ca. 14km, 1.100m hoch, 646m runter


Ales andere als gut war mir am nächsten Morgen - eher schwindlig und mächtig schlecht. Der zweite Tag soll immer der schwerste sein. Egal: raus, Zähneputzen, kaltes Müsli reinschaufeln, Schlafstätte einpacken und dann los. Auf zu neuen Ufern und Berggipfeln.

Es geht weiter ...

Die Landschaft war wunderschön, aber irgendwie jeder Schritt sauschwer und mit Schweißausbrüchen verbunden, dabei ging es noch nicht einmal bergauf. Es war tatsächlich der schwerste Tag und am Nachmittag gab es auch noch einen mächtigen Aufstieg bei starkem Wind.

... und immer weiter

Von Anfang bis Ende der Tour schimpfte ich über die Leute, die sich diese Wege ausgedacht haben, die schnurstracks nach oben gehen. Schonmal was von Serpentinen gehört, die das alles erträglich machen würden?! Nein, da wird hämisch eine Markierung nach der anderen so auf die Steine aufgetragen, dass es nur eine Richtung gibt: hoch! Und das bei einer Steigung die bei Treppen schon nicht mehr schön wäre. Hier allerdings ohne gleichmäßige Stufen sondern immer mal wieder durchsetzt von einem Riesenabsatz, der auch die letzte Energiereserve sofort leert. Man ist, oder ich bin da wirklich oft am Limit gewesen und dachte "Jetzt geht es definitiv NICHT mehr!". Aber das ist ein Trugschluss, man schafft immer noch den nächsten Schritt und den nächsten. Hilfreich ist es, nicht nach oben zu schauen und zu sehen, was da noch alles so kommt - sondern ganz stoisch nur auf den Boden zu starren und sich Meter um Meter vorwärts zu kämpfen. Das Ganze ja übrigens noch mit 12-14kg Gepäck, bei den Jungs mehr.
Aber so ätzend und anstrengend das ist, so herrlich ist es auch. Sich so komplett auszupowern, zu schnaufen, zu schwitzen, mit dem Berg zu ringen und ihn schließlich zu überwinden und oben mit einer grandiosen Aussicht belohnt zu werden (falls es nicht gerade neblig ist) - dafür macht man solche Reisen anstatt sich irgendwo an den Strand zu legen. Zusammen mit der Einsamkeit, die in diesen Gegenden herrscht die man nur über lange Fußmärsche erreicht. Das sind raue, steinige Landschaften in denen man maximal das Rauschen eines Gebirgsbachs oder das Pfeifen von Murmeltieren hört. Voll mein Ding.

Jedenfalls standen wir schließlich oben, auf knapp 2900 Metern Höhe, und es war die beste Aussicht die sich uns auf dieser Tour bieten würde. Die Sonne schien und wir haben in jede Richtung imposante Bergmassive bestaunen können. Der Wind pfiff uns mächtig um die Ohren, trotzdem saßen wir eine ganze Weile dort und haben es einfach genossen.

Ganz oben und krasse Aussicht

Wir ahnten ja nicht, was noch kommen würde - "nur noch den Berg runter und dann dort im Tal einen Zeltplatz suchen".

Und wieder runter!

Ich war ja schon am Vormittag fix und fertig. Der Abstieg war auch anstrengend, bei rutschigem Geröll, vor allem für die Knie. Aber in diesem Tal war einfach kein geeigneter Platz für drei Zelte zu finden! Wir liefen und liefen, hatten Hunger, waren müde, irgendwann fing es auch noch an zu regnen. Die Stimmung war so ziemlich am Boden. Das nächste Dorf, mit Hotels und Pensionen, war unerreichbar weit weg. Ebenso die nächste Hütte. Und es bleibt ja auch nicht ewig hell.
Also Krisensitzung. Zweimal strömten wir von einem Ort in jede Richtung aus und kletterten auf höhere Punkte im Gelände, um zu sehen ob sich irgendwo ein geeigneter Platz finden würde. Aber es war alles steinig, sumpfig oder viel zu abschüssig.
Bis wir ganz unverhofft direkt neben dem Weg ein perfektes Plateau fanden, mit genügend Platz für alle, schönem Gras und Unebenheiten in erträglichem Maß. Außerdem hatte es auch noch aufgehört zu regnen. Also konnten wir die Zelte aufbauen und anfangen zu kochen. Mich packte dabei der Schüttelfrost. Ich habe so sehr gefroren! Die Sonne war weg, die Luft feucht und kühl und irgendwann hatte ich schon alles an, was der Rucksack hergab. Auf grundsätzlichste Hygiene wollte ich auch nicht verzichten, deswegen stieg ich noch in den Bach, der neben den Zelten langfloss. Mir war so KALT! Ich hüpfte so schnell wieder in meinen Pullover dass ich nichtmal am Handtuch Zwischenstation machen konnte. Ich hatte noch nie so gefroren. Ich verkroch mich dann sofort in meinen Schlafsack und zitterte und zitterte, dass das ganze Zelt gewackelt haben musste. Meine lieben Wanderkollegen brachten mir ein Schlückchen Feuerwasser vorbei, aber gegen meinen Schüttelfrost half gar nichts mehr. Irgendwann schlief ich halb, aber der Wind zerrte mächtig an unseren Zelten und zwischendurch regnete es auch nicht zu knapp. Nach den Erlebnissen des letzten Jahrs war ich die ganze Nacht in Alarmbereitschaft und wartete darauf, irgendwann rauszumüssen und das Zelt wiederaufzubauen.
Wie alle Nächte ging auch diese vorbei.


Fünf fiese Feinde des Wanderers

  • Blasen
    Machen jeden Schritt noch ein bisschen qualvoller und nichts, was man dagegen tun kann. Immer ein kleiner, oder auch mal größerer, Nadelstich in die Fersen. Fieser geht es eigentlich kaum.
  • Regen
    Erst muss man ganz fix seine Regenjacke hervorkramen und den Regenüberzug über den Rucksack klemmen. Dann wird der Boden immer rutschiger, man kann sich nirgendwo mehr hinsetzen und die Stimmung sinkt in rasantem Tempo. Man fragt sich, ob es bald aufhört oder man die Zelte im Nassen wird aufbauen müssen ... Dann wird es gefühlt immer kälter und ekelhafter. Ich bin sehr dankbar, dass wir nur wenig Regen abbekommen haben.
  • Wind
    Solche Böen wie bei unserer Wanderung sind mir noch nie begegnet. Die haben einen tatsächlich umgeblasen, mindestens aber so zur Seite gefegt, dass man seinen Kurs mit drei zusätzlichen Schritten korrigieren musste. Nervtötend, wenn man gerade einen Gipfel erklimmt und so zusätzlich Kraft verschwendet! Im Zelt fragt man sich dann, wieviele Böen die Seile noch aushalten oder ob man bald in die kalte Nacht rausmuss, um irgendetwas zu retten.
  • Grippe
    Man braucht alle Kraft, die man hat um vorwärts zu kommen, und wenn dann eine Grippe die Hälfte dieser Kraft in Anspruch nimmt, sieht man echt alt aus. Wahrscheinlich sollte man mit einer Grippe gar nicht erst anfangen, zu wandern.
  • Tagesausflügler und Wochenendgäste
    Sie sind sauber und gut aussehend, wandern schwungvoll und mit einem blitzenden Lächeln im Gesicht und, was das schlimmste ist, sie tragen ein Rucksäckchen das höchstens ein Drittel von dem wiegt, was man selbst auf dem Buckel trägt, dafür aber gefüllt ist mit kulinarischen Genüssen. Die absolute Höhe ist es, wenn der "alte Mann", der mit uns auf der ersten Hütte übernachtete, für eine Zigarette verschwindet und uns dann 20 Minuten nachdem wir aufgebrochen sind, grinsend und tiefenentspannt rauchend mitten im Wald begegnet, als wir vom Aufstieg schnaufend um die Ecke biegen. Zuviel Kraft oder was?!

Fünf feine Freunde des Wanderers

  • Müsliriegel
    Und Essen jeglicher Art, am besten hochkalorisch. Wer sich den ganzen Tag bewegt, kommt nicht mehr auf die Idee, an Zucker oder Fett zu sparen. Und wenn sogar ich das sage, dann ist es schon arg. Aber man verbraucht so unglaublich viel Energie. Manchmal ist so eine Zwischenmahlzeit außerdem nicht nur Energiezufuhr, sondern auch Stimmungsaufheller. Wenn sonst alles scheiße ist, mit Schokolade oder anderem zuckrigen Zeug zusammengepappte "Cerealien" in handlicher Riegelform schmecken immer. Darüberhinaus entsteht auf dem Berg ein blühender Tauschhandel. Mit Geld kann hier niemand mehr etwas anfangen, aber wer eine besonders leckere Sorte Müsliriegel hat ist sozusagen King. Quasi der 500€-Schein waren die "Sahneschnittchen" von Viba. Ich habe sie nicht probiert, aber sie müssen wohl fantastisch sein und wurden ganz sicher nicht mit jedem  herkömmlichen Schokoriegel getauscht!
  • Wegmarkierungen
    Ständige Begleiter. Oft gefällt einem nicht, wo sie sind, nämlich immer ein Stückchen weiter oben als man selbst, aber sie weisen einem doch zuverlässig den Weg zur nächsten Hütte, oder zurück in die Zivilisation. Man muss nur noch laufen und nicht mehr denken - das gefällt mir ausgesprochen gut.
  • Hütten
    In der Landessprache Refugios genannt. Die meisten sind unbewirtschaftet und bestehen aus 1-2 Räumen, einem Ofen und 3-4 Doppelstockbettgestellen aus Metall. Sie sind weder 100%ig sauber noch wirklich gemütlich, aber man freut sich so, darin schlafen zu können wenn das Wetter draußen richtig ungemütlich wird. Ein festes Dach und echte Wände um einen herum sind so viel wert!
  • Funktionsklamotten
    Ja, ich gestehe, ich habe mich jahrelang lustig gemacht über den Globetrotter-Look. Alles schlabbert, alles in Brauntönen, alles potthässlich, dafür aber schweineteuer. Möglicherweise war diese erste Einschätzung nicht komplett richtig. Es hat durchaus was, wenn ein Pullover wärmt oder eine Jacke den Wind abhält. Die Sachen sind dann auch noch "ultralight" und immer irgendwie raffiniert zusammenfaltbar sodass sie am Ende ungefähr einen Fingerhut an Volumen im Rucksack belegen. Sowas Ausgeklügeltes gibts bei H&M nicht. Trotzdem werde ich mich im normalen Leben weiterhin an funktionsarme und optisch ansprechende Kleidung halten. Wenn der Ernstfall kommt, schnorre ich wieder bei Mutter. Praktisch, oder?
  • Die Berge
    Berge haben nur einen Nachteil - sie sind hoch. Ansonsten, und gerade deswegen, sind sie herrlich. Einsam, wunderschön, mit traumhaften Aussichten. Es muss ja einen Grund dafür geben, dass man sich so anstrengt. Und es lohnt sich wirklich. Ich sehne mich jetzt schon wieder zurück nach den Bergen, nach dieser Welt die so komplett anders ist als der Alltag den man sonst hat. Kein Lärm, keine schrillen Farben, keine Verpflichtungen, kein Geld, kein Gegeneinander oder Nebeneinander sondern nur ein Miteinander. Für Immer wäre das natürlich nichts, das würde man nicht aushalten. Aber als kurzes Kontrastprogramm, kurzes Auftauchen um wieder bewusst und mit offenen Augen in das moderne Leben einzutauchen ist es perfekt. Nur zu empfehlen

Dienstag, 22. September 2015

Der Mensch denkt und Gott machts anders

Nun bin ich auch von meiner zweiten aufregenden Reise zurück, aber den Bericht dazu gibt es heute noch nicht. Dafür eine andere, auch ganz interessante Geschichte.

Es gibt da dieses Deutschlandstipendium. Das ist unabhängig von Religion, politischer Einstellung, Studiengang o.Ä. Es ist eine Kooperation von Staat und Wirtschaft, wobei beide Teile jeweils die Hälfte des Stipendiums übernehmen. Das Geld wird nicht aufs Bafög angerechnet und muss nicht zurückgezahlt werden. Unterstützt werden sollen Studenten, die gute Noten haben und sich sozial engagieren, einige andere Faktoren spielen untergeordnet auch noch mit hinein.

Über das alles habe ich mich schon vor vielen Monaten informiert. Die HTW vergibt dieses Stipendium auch, leider nur einmal im Jahr zum Wintersemester. Also musste ich warten, bis der diesjährige Bewerbungsprozess irgendwann im Frühjahr losging.

In der ersten Runde geht es nur um die Noten. Ich setzte also ein Häkchen, um zu veranlassen dass online überprüft wird, ob meine Noten im ersten Semester gut genug waren, und wartete. Ewig! Meine Kommilitonin bewarb sich auch, und erzählte mir, dass sie sich an der Hochschule hat beraten lassen und man ihr sagte, dass die Chancen so ein Deutschlandstipendium zu erhalten, ziemlich gut stehen. Letztes Jahr gab es mehr Stipendien als Bewerber - also hat jeder eins bekommen!
Je länger ich mich damit beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass meine Chancen tatsächlich ziemlich gut stehen.

Nachdem ich also irgendwann die Nachricht bekam, dass ich es durch die erste Runde des Auswahlverfahrens geschafft hatte, bemühte ich mich darum von der Berliner Obdachlosenhilfe ein Empfehlungsschreiben zu bekommen. Das dauerte zwar einige Zeit und ich musste mehrmals nachhaken, aber schließlich hatte ich so einen guten Wisch parat, dass die Bewerbung zu einer glasklaren Sache wurde. Ich engagiere mich sozial und bringe dabei auch noch das mit ein, was ich im Studium lerne - dadurch dass ich zur Zeit einen Flyer für die BOH erstelle. Besser geht es eigentlich gar nicht! Dazu noch die Tatsache, dass ich Bafög beziehe, und dass meine Eltern beide nicht studiert haben. Makellos, mustergültig.

Es ist etwas beschämend für mich, aber so war es - ich habe nicht mehr daran gezweifelt, ab Herbst eine ordentliche monatliche Finanzspritze zu erhalten. Was kann denn da noch schief gehen? Ich hatte mir schon genau überlegt, was ich mit dem Geld machen würde. Mir ein bisschen mehr Essensgeld gönnen. Die teuren Wanderschuhe, die ich mir vor dem Urlaub gekauft habe, hätte ich mit dem ersten Monat schon locker wieder drin gehabt. Im Herbst braucht man außerdem wieder neue Kleidung, das ist ja klar. Und zwar von Zara. Und ja, Gott, ich spende auch was! Ich werde Max in das türkische Restaurant einladen, an dem wir ständig vorbeigehen und wo die Sachen immer so lecker aussehen, die die Gäste draußen auf ihren Tellern haben. Ich werde auch die ganze Familie zu einem richtig schönen Eisbecher einladen. Nicht in Bernau, in Berlin, in einer richtig coolen Eisdiele! Außerdem habe ich ja diesen Perfetto bei mir am Hermannplatz, so einen Feinkostladen. Da werde ich mir mal so richtig gute Sachen gönnen, Müsli von Seitenbacher, und vielleicht sogar mal was von der Käsetheke.

Unschön, wie man sich da hineinsteigern kann und wieviel Raum man diesen Gedanken gibt, die sich nur um Geld und Konsum drehen. Wie die Tatsache, dass man mit Geld auch eine Menge tun kann, die nicht mir sondern anderen gut tun, nur vage und kurz bedacht wird.

Ich schickte also meine Bewerbung ab und flog nach Haiti. Ich hatte die Szene schon genau im Kopf, wie ich die Glückwunsch-e-Mail bekommen würde und wir das Ganze dann erstmal ein bisschen feiern würden. Ich konnte es gar nicht abwarten. Jeden Tag checkte ich die Mails ganz gezielt auf diese Nachricht.
Es kam die erste Woche nichts, und ich fragte mich, was denn da so lange dauern sollte. Die müssten doch völlig weggefegt sein von meinem Empfehlungsschreiben!
Die zweite Woche brach an und ich wurde richtig ungeduldig.

Ich machs kurz. Die e-Mail wurde nie abgeschickt. Mein e-Mail-Programm hat mich in letzter Zeit des Öfteren gelinkt, indem es e-Mails einfach verschluckte, ohne irgendetwas zu sagen. Ich sende Mails ganz normal ab und nur durch die fehlende Reaktion und schließlich einen Blick in den Ordner "Gesendet", in dem diese Mail nicht auftaucht, bemerkte ich überhaupt, dass nach dem Klick auf "Senden" und dem fertigen Ladebalken dazu die e-Mail nicht beim Empfänger landete, sondern im Nirgendwo.

Es war zwei Wochen nach Bewerbungsschluss. Mann Gott. Warum?!!

Ich habe meine Bewerung noch einmal abgeschickt, außerdem eine verzweifelte e-Mail an die Frau, die an der HTW dafür verantwortlich ist. Von beiden habe ich bis jetzt keine Antwort bekommen, nicht einmal die angeforderte Lesebestätigung. Die Sache ist durch. Wegen SOWAS!

Das Ganze ist so selten dämlich, dass es kein technischer Fehler sein kann. Bei dermaßen guten Aussichten am e-Mailprogramm zu scheitern, da muss etwas dahinter stecken. Ich verstehe es nicht und bin auch etwas beleidigt. Muss diese Lektion jetzt sein, was auch immer mir gelehrt werden soll?

Natürlich weiß ich, dass ein echter Grund dahinter steckt, und mittlerweile ist meine Enttäuschung zwar noch nicht verflogen, aber ich finde mich einigermaßen damit ab. Ein bisschen ist mir aufgegangen, wieviel ich von Geld abhängig mache und wie sehr ich mich da hineingesteigert habe.
Vielleicht kommt mir eines Tages die Erkenntnis und ich kann die Story meinen Enkelkindern erzählen, mit der Moral der Geschichte. Dass ich bei dem Nebenjob, den ich mir jetzt suche, den Mann fürs Leben gefunden habe. Oder Zara dann einstürzte, als ich dort einkaufen gewesen wäre. Oder Seitenbachermüsli mit Plastikteilchen verunreinigt ist. Oder sonst irgendetwas. Wer weiß. Es wird schon richtig sein, ne?