Samstag, 24. September 2016

Norwegen-Report I

22. August, irgendwann am Nachmittag, ich sitze im krachend vollen Flugzeug von Bergen nach Kopenhagen. Von links muss ich mir anhören, wie der ca. zehnjährige aber neunmalkluge Sohn einer deutschen Vorzeigefamilie am Entwurf seines ersten Buches feilt. Der Spannungsbogen steht schon grob, immerhin. Die ellenlangen Sicherheitsbelehrungen der abgenervten Stewarts sind überstanden, wir sind mittendrin im Startmanöver - und ein kleiner Junge rennt quer durch den Gang zu Papi. Über das Bordmikrofon wird er vom Chef-Stewart scharf zurückgepfiffen. Da der Junge offensichtlich arabisch ist, darf ich in den nächsten Minuten zusätzlich zu den literarischen Ergüssen von links den fremdenfeindlichen Reden eines Mittvierzigers + Kompanen von rechts lauschen (natürlich auf deutsch, es gibt hier nur Deutsche!!). Es ist stickig, warm, ich habe Kopfschmerzen. Warum bin ich hier, wo ich vor ein paar Tagen doch noch in paradiesischer Stille von umwerfender Landschaft umgeben war und die einzige Herausforderung manchmal darin bestand, nicht aus lauter Verfressenheit mehr Müsliriegel zu vertilgen als für den Tag rationiert?

Genau eine Woche vorher standen wir in Tegel am Flughafen in der Schlange vor dem Check-in und husteten uns dumm und dämlich, genauso wie alle anderen um uns herum. Die Palette reichte von vornehm hüstelnd bis besorgniserregend geräuschvoll nach Luft schnappend. Ich atme einfach nicht mehr und bin das Problem los. Easy. Welche Abgase da genau für einige Minuten die Luft durchzogen werden wir wohl nie erfahren, aber es war uns auch total egal. Der Urlaub fing an, endlich! Nach monatelanger Vorfreude, einem Großeinkauf bei Kaufland (Wieso ist mit ein paar Müsliriegeln, Babybrei und Haferflocken der Wagen voll und die Kasse steht bei 65 Euro 13?) und den kalten Füßen am Vorabend (Bin ich wirklich fit genug? Habe ich alles? Noch könnte ich absagen. Wird es nicht gefährlich?) waren wir doch komplett angetreten und uns sicher, dass uns wieder ein spektakuläres Outdoor-Abenteuer bevorstand. Sowas von!

Und so betraten wir am Abend norwegischen Boden.


Die gesamte Reise war mehr als kompetent geplant, daher hatten wir natürlich Tickets für einen Shuttlebus und Betten im Hostel gebucht. Dort nutzten wir die Chance, noch einmal in einer ordentlichen Küche zu kochen, das Gepäck neu zu verteilen und am Ende die Rucksäcke zu wiegen (für manche eine bittere Erkenntnis). Schlussendlich die letzte ordentliche Dusche und dann ab ins ordentliche Bett. Im Schlafsaal, mit 30-40 anderen Menschen.
Da fing das Abenteuer schon an. Auch wenn es für die Menge an Leuten sehr sehr leise war, irgendein Geräusch gibt es immer, und wer da nicht abschalten kann sondern ständig überlegt, was das nun wohl wieder war und wo es herkommt und wann es aufhört hat die Nacht über gut zu tun. Vor allem wenn zu sehr fortgeschrittener Stunde, wenn sich dann doch endlich mal alle weitestgehend eingerichtet und aufs schlafen eingestellt haben, fünf Russen anreisen, einzeln durch die laut zuschlagende und quietschende Tür kommen, mit schweren Schritten quer durch den Schlafsaal schreiten und dann eine angeregte Unterhaltung starten. Ich quälte mich also doch nochmal hoch zu meinem Rucksack und kramte nach meinen Ohropax. Dann war Ruhe.

Der erste echte Wandertag begann früh und richtig schön mit Brot (zu diesem Zeitpunkt reichte ein Brot noch für fünf Personen), Frischkäse und Marmelade auf der Dachterasse des Hostels. Außer uns war dort noch niemand um die herrliche Kulisse zu bestaunen. Dazu ein Becher Kaffee - perfekt, ich war mit der Welt so richtig im Reinen.
Ein paar Stunden später sah das ganz anders aus. Es ist schon so, wenn du an deinem Urlaubsort japanische Touristen triffst, dann bist du im Prinzip verloren. Zumindest, wenn dir Einsamkeit und Ruhe wichtig sind. Wo japanische Touristen sind, da gibt es noch jede Menge andere Touristen und vor allem eine Sehenswürdigkeit, die sie anzieht. In diesem Fall die Trolltunga, jene Felsformation die diese ganzen Wanderurlaube vor drei Jahren im Prinzip überhaupt erst in die Wege geleitet hatte. Die Fotos der Leute, die ihre Beine über dem 800m tiefen Abgrund baumeln lassen, sind im Internet so bekannt dass mittlerweile 40.000 wagemutige Individualisten jährlich dort hinpilgern. Dabei ist es gar nicht so ohne - bei der perfekt ausgeschilderten "Tagestour" sind 23 Kilometer Distanz und 900 Höhenmeter zu bewältigen. Kein Hindernis für vor allem junge Erwachsene aus aller Welt, um DAS Foto zu schießen.

Weil wir die erste Hälfte des Tages noch damit beschäftigt waren, mit Bus, Fähre und zu Fuß zu dem großen Parkplatz am Fuß des Berges zu gelangen, waren wir als wir am Nachmittag diesen perfekt ausgeschilderten Weg antraten mit unserer Marschrichtung relativ allein, denn wer die Tour an einem Tag schaffen will beginnt sie sehr früh. Also wollten all die Wanderer denen wir begegneten abwärts. Wir waren permanent damit beschäftigt, ihnen aus dem Weg zu springen, was man mit Vorsicht machen musste denn wir bewegten uns auf unzuverlässigem Schlamm.
Anfangs bedankte man sich in seinem jugendlichen Leichtsinn noch bei jedem, der einem Platz machte oder wartete, und erwartete es genauso von anderen. Der Zahn wurde einem schnell gezogen, denn da diese Begegnungen zweier Wandersleut im Halbminutentakt stattfanden, hatte man schnell keine Lust mehr auf das ständige "Thank you" sondern brütete lieber still vor sich hin, im Geiste auf all die 3000 Leute schimpfend, die an diesem Tag bei schrecklich gutem Wetter die selbe Idee gehabt hatten. Die meisten von ihnen trugen kleine Tagesrucksäcke und sprangen entsprechend leichtfüßig den Weg entlang, während man selbst unter einer 13 - 19 Kilo schweren Last ächzte und sich permanent fragte, was man da bloß alles eingepackt hatte. Am schlimmsten waren aber diejenigen, die zum entspannten Lächeln im schweißfreien Gesicht auch noch Jeans und T-Shirt trugen. Wenn ihr uns schon die Illusion nehmt, hier etwas Besonderes und Einzigartiges zu machen, dann habt doch wenigstens den Anstand genauso verlottert auszusehen wie wir!!!

Als wir uns ein paar Stunden später bei untergehender Sonne den ersten Zeltplatz suchten, war der Wanderstrom schon wesentlich dünner geworden (wir bestimmt auch). Es war eine neue Erfahrung, in Sichtweite von ca. 6 anderen Zelten das Lager aufzuschlagen, aber ich fand es auch beruhigend. Ein bisschen gruselig ist es immer, mitten in der Wildnis zu campen, bei einbrechender Nacht. Da sind ein paar Nachbarn ausnahmsweise mal gar nicht verkehrt.
Und dann gab es endlich wieder ein richtiges Bergessen, Kräuter der Provence, dazu Nudeln mit Rahmsoße. Zum waschen ging es an einen eiskalten Bergsee und zum einschlafen gab es einen wärmenden Schluck aus der Colaflasche, an der zumindest außen Cola dranstand. Um das Ganze perfekt zu machen war es nicht nur ein sehr lauer Abend, sondern es schien auch noch ein krasser Vollmond, der sich in diversen Bächen und den umliegenden kleinen Seen spiegelte und es gar nicht richtig dunkel werden ließ. Mensch Norwegen, das ist ja wirklich herrlich hier bei dir!

Alle Utensilien für das perfekte Dinner


Der nächste Tag begrüßte uns mit ebenso strahlendem Sonnenschein wie sein Vorgänger. Als ich meinen Rucksack gepackt hatte hatte ich den Gedanken an Sonnencreme sofort verworfen. Das ist ja albern, dachte ich, Sonnencreme in Norwegen! Ha, ha. Liebe Berliner, wenn ihr mal die Sonne sehen wollt, fahrt doch nach Skandinavien. Ich habe mir jedenfalls den ersten und einzigen Sonnenbrand des Jahres an diesem Tag geholt und hatte ab sofort den Teint einer Verkehrsampel ohne Grünphase.
Mittags erreichten wir sie, diese Trolltunga. Und wir stellten uns an. Nicht weil wir von Ossis abstammen, sondern weil da oben so die Regeln sind. Natürlich möchte niemand auf DEM Trolltunga-Foto die Menschenmengen drauf haben die sich tatsächlich dort oben tummeln, sondern die Illusion völliger Wildnis und Abgeschiedenheit aufrecht erhalten. So erhält jeder nach einer Wartezeit von nur 30 Minuten die Chance, sich ganz allein auf die Zunge zu begeben um von allen beobachtet zu posieren. Sind die Fotos im Kasten hat man sich möglichst zügig wieder zu entfernen und Platz für den nächsten zu machen. Ein reibungsloser Ablauf, getaktet wie die Berliner Ringbahn und irgendwie wahnsinnig grotesk. Aber es funktioniert, und seit die Trolltunga zur Touristenattraktion geworden ist ist immerhin bis jetzt nur eine Person abgestürzt. Das ist erstaunlich, denn so manchem ist eindeutig das Prädikat "lebensmüde" zu verleihen. Aber was tut man nicht alles für DAS Foto. Als Elternteil schickt man übrigens gern auch seine lieben Kleinen an den Abgrund. Ist ja immerhin eine einmalige Gelegenheit. Die Leute sind so bekloppt! Wir reihen uns nahtlos ein und machen natürlich unsere Fotos. Wenn man schon mal da ist.

Alle bekloppt!
Dann verlassen wir diesen ausgetrampelten Pfad und sind nach 20 Metern prompt zu fünft alleine. Ab sofort treffen wir niemanden mehr und überqueren bald unser erstes Schneefeld. Mitten in der größten Hitze! Noch sind wir fasziniert vom Schnee, bald wird er uns zum Hals raushängen. Auf dem Weg finde ich nebenbei einen schönen, durchsichtigen Stein, hebe ihn auf und nehme ihn mit. In den folgenden Tagen klebt Max mit seinen Augen quasi am Boden, bückt sich zig Mal, wird sich mit einem der Steine das Handydisplay zerhauen und am Ende doch kein Souvenir finden, das auch nur ansatzweise so schön ist wie meins. Ach, vielleicht findste ja in Berlin mal nen schönen Kronkorken.

Kurz vor dem Ende dieser Etappe kommen wir ziemlich fertig, sonnenverbrannt und schwitzend an einer Hütte vorbei, an der uns der urige Wirt erzählt, dass es die Woche zuvor noch ununterbrochen geregnet/geschneit habe und eine dicke Schneeschicht lag. Was haben wir für ein "Glück"! Im Leben hätte ich mir nicht träumen lassen, dass wir so gutes Wetter erwischen würden.
Ein bisschen später finden wir den perfekten Zeltplatz an einem See, gegenüber einer riesigen Schneewand die aussieht wie Rauhfasertapete. Wieder ist es ein lauer, warmer Abend, wir können noch lange den Sonnenschein beim Zeltaufbauen, kochen und waschen genießen. Als sich die Sonne am Ende doch verabschiedet, tut sie das mit einem Paukenschlag und in einem famosen Zusammenspiel mit der im See reflektierten Berglandschaft. Einfach sauschön! Zum Glück fehlt am Ende nur noch ein Schluck aus der Colaflasche (ich sag ja gar nicht, dass Cola drin war), den wir ausnahmsweise nur zu dritt nehmen. Die anderen beiden haben noch überschüssige Energie um die Gegend zu erkunden. Bevor wir dann ins Zelt kriechen, stellen wir die Flasche neben den mit Schnee gefüllten Kochtopf, in dem wir geschmolzene Schokolade und sich bereits bedenklich verfärbte Salami wieder aufpäppeln. Als wir die beiden später wiederkommen hören, rufen wir ihnen aus dem Zelt zu: "WIR HABEN SCHON GETRUNKEN, FLASCHE STEHT NEBEN DEM KÜHLSCHRANK!" Zu genau diesem Zeitpunkt kommt noch eine andere Gruppe Wanderer an unserer Lagerstätte vorbei. Was die sich dann dazu dachten war uns egal, wir schlummerten selig ein ... um mitten in der Nacht aus unserem wohlverdienten und dringend notwendigen Tiefschlaf gerissen zu werden. Max hatte den Vollmond entdeckt.
Ja. Jaha, ist doch gut. Na dann fotografier ihn doch. Mensch. Ne, ich weiß auch nicht wie du den jetzt besser drauf kriegst. Dann ist er halt unscharf. Ja, sieht krass aus. Lass mich schlafen, das ist nur ein beschissener Mond!!! Mach die Tür zu! Mann ...

Kühlschrank

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