Dienstag, 27. September 2016

Norwegen-Report II

Dass Zelten im hohen Norden nicht nur Zuckerschlecken ist, merke ich am nächsten Morgen. Ich friere mich dumm und dämlich, komme aus dem Zittern überhaupt nicht mehr raus. Ein eiskalter, scharfer Wind fegt durch alle Schichten hindurch und nimmt einem jedes bisschen Wärme. Und wenn Mama vor der Tour noch beteuerte "Liebes Kind, diese Jacke ist winddicht!", so muss ich nun leider feststellen: "Ne, isse nich!!!"
Mit gesammelter Erfahrung steigern wir uns bei jeder Tour, was Ausrüstung, Planung, das Packen usw. anbelangt. Mittlerweile sind wir Trekking-Profis (finde ich). Der stetige Fortschritt gipfelt in der Maßnahme, dass jeden Morgen ein Liter Wasser zum kochen gebracht und die Möglichkeit eines heißen Getränks angeboten wird. Der Hammer, morgens in den Bergen zu sitzen und eine Tasse Kaffee zu trinken!
Heute wärmt die mich aber auch nicht. Meine Finger haben sich irgendwie schon längst verabschiedet, von mir nehmen sie jedenfalls keine Befehle mehr entgegen. Das Abwaschen im See verbessert das nicht, und das Zeltaufräumen und -zusammenpacken ist eine echte Qual. Ich hasse Zelten ... in diesem Moment. Wer hat die Heringe überhaupt so tief in den Boden gedroschen, und warum passen Schlafsäcke nie in ihre Hüllen und die Isomatte wird sowieso immer dicker. Warum nehme ich seit drei Touren keine Handschuhe mit und bereue es jedes Mal. Ich hab schon wieder Hunger, und mir tun die Füße weh. Können wir endlich los?!

SO kalt ist mir (Foto von Timon)


Glücklicherweise wird einem beim Gehen wärmer weniger kalt. Die Jungs ziehen schon nach 20 Minuten eine Schicht nach der anderen wieder aus, aber mit Vernunft muss man denen ja auch nicht kommen. Bis zur Mittagszeit glaube ich aber doch, dem Kältetod von der Schippe gesprungen zu sein und am Nachmittag trenne ich mich von einem der Pullover. Denn immerhin scheint die Sonne wieder mit ganzer Kraft. Mittlerweile laufen wir über das x-te Schneefeld, und was anfangs noch unglaublich sensationell war nervt nun ziemlich. Das Eis-Schnee-Gemisch ist extrem rutschig, man sinkt tief ein und kommt kaum vorwärts. Auch die auf dem Rucksack runterrutschende Variante der Überquerung empfinde ich als nicht überzeugend. Sieht scheiße aus, macht nass und SO viel früher ist man auch nicht da.
Eines der Schneefelder ist eher braun als weiß, die Hinterlassenschaft von einer Herde Schafen. Dooferweise ist der Schnee an genau dieser Stelle besonders gut angetaut und weich, und der Hang besonders steil. "Wer sich hier hinpackt, liegt richtig in der Scheiße!" Kaum sind die Worte ausgesprochen, leistet Max ihnen auch schon folge und setzt sich mitten rein in die Schafsexkremente. Wenigstens wird es weich gewesen sein.

Der immer gleiche Trott wurde im Lauf des Tages durch einen Fluss enorm aufgelockert. Das Überqueren der vielen Flüsse in der Hardangervidda ist immer wieder eine spaßbringende Zwischenübung voller Überraschungsmomente. Oh, der Stein wackelt ja doch. Oh, und der Stein rutschts ganz schön ziemlich. Oh, für die nächsten fünf Stunden nasse Socken.
Dieser Fluss nun hatte zwei besondere Herausforderung. Erstens: er war viel tiefer und breiter als die anderen. Das bedeutete, dass wir uns einer Sache stellen mussten die man während der Wanderung lieber verdrängt: unseren nackten Füßen, die sich spätestens nach Tag 2 im olfaktorischen Ausnahmezustand befinden. Sie stinken. Aber es hilft alles nichts, wir mussten Schuh, Sockenschicht 1 und Sockenschicht 2 ausziehen, die Hosenbeine hochkrempeln und durchwaten. Kein Spaß, wenn deine Füße schon in der sanften, gepolsterten Wollsocke schmerzen und nun von schweinekaltem Wasser umspült ihren Weg durch spitze Kieselsteine bahnen müssen, bei einer Strömung die keine vorsichtigen Schritte zulässt. Ich kam ohne unfreiwillige Showeinlage am anderen Ufer an, die anderen leider auch, das hätte sicherlich lustig ausgesehen.
Diese Übung war für uns erfahrene Wanderer natürlich ein Kinderspiel. Komplizierter war die zweite Herausforderung: zwei Österreicher am Ufer, deren fröhlich-aufgeregtem Redeschwall in breitestem Dialekt wir uns kaum wieder entreißen konnten. Na gut, eigentlich waren sie ganz freundlich und haben uns noch ein paar Tipps für die kommende Wegstrecke gegeben. Man muss den Dialekt halt mögen.


Im Laufe des Tages näherten wir uns dem Harteigen (geschrieben mit irgendwelchen speziellen norwegischen Akzenten). Das ist ein extrem prägnanter Berg, weil er ganz allein auf der Hochebene steht. Am nächsten Tag wollten wir auch diesen erklimmen um zu gucken, wie die Luft da oben so ist, aber zunächst suchten wir uns in seiner Nähe erst einmal einen Zeltplatz. Und fanden ihn, idyllisch gelegen an einem Flusslauf, auf einer kleinen Anhöhe. Alles sehr nett, lediglich die Sanitäranlagen (zwei Felsen in unmittelbarer Nähe) ließen etwas zu wünschen übrig, spätestens nachdem da mindestens drei Leute ihren Scheiß hatten rumliegen lassen. Eine leere, weggeworfene Klopapierrolle war zudem stummer Zeuge existenziellster Sorgen eines Kollegen, aber da kann man kein Mitleid haben. Das Leben auf dem Berg ist unbarmherzig und jedes Blatt wertvoll, wer abgibt geht am Ende möglicherweise mit zugrunde.
Ich wandte mich ab von dem Elend und suchte mir meinen eigenen Waschraum, auch wenn man dafür ein paar Schritte weitergehen musste. Dort hatte ich sogar fließend Wasser und fast eine Badewanne, jedenfalls war der Fluss tief genug um sich ordentlich zu waschen und unterzutauchen. Wie jeden Abend erledigte ich auch das, und es war gleichzeitig schrecklich und schön.
Wirklich, der abendliche Abstecher in den Fluss oder See war jedes Mal etwas Besonderes. Man ist alleine, hat seine Ruhe. An jedem Tag schien die Sonne wenn ich waschen war, das habe ich auch immer von Gott vorher so bestellt. Das Wasser ist zwar immer noch unbeschreiblich kalt, die Füße tun weh wie sau und verlieren dann recht schnell das Gefühl, und oft weht auch ein Wind, aber wenigstens ein bisschen Wärme bekommt man doch ab. Und irgendwie konnte ich so am Fluss, in der Abendsonne und ohne irgendeinen Laut außer des Wasserplätscherns immer besonders gut mit Gott quatschen und fühlte mich ihm sehr nahe. Am Ende ist es ein wunderbares Gefühl, endlich wieder einigermaßen sauber und, abgetrocknet und schnell in den "Schlafanzug" gesprungen, auch wieder warm zu sein.
Während die Kräuter der Provence gekocht wurden, hatten wir Zeit um Skat zu spielen, was man mir endlich erfolgreich hatte beibringen können. An jenem 18. August gewann ich meine erste Partie.  Am Ende fehlte nur noch die Cola-Flasche, um den Tag erfolgreich abzuschließen. Und für den nächsten war schlechtes Wetter angesagt.


Gibt immer einen, der mit verschränkten Armen daneben steht wenn andere arbeiten

19. August, die Wettervorhersage stimmt, es ist bedeckt. Perfekte, leicht bedrohliche Stimmung für die Klettereinlage am Vormittag. Denn der Harteigen wird bezwungen, und es gibt nur eine Aufstiegsroute. Die zeichnet sich dadurch aus, dass irgendjemand zu einem nicht feststellbaren Zeitpunkt in der Vergangenheit ein paar Seile an die Felsen gehangen hat um den vielen kleinen abenteuerlustigen Touristen bei ihrem Aufstieg zu helfen. So schon nur bedingt vertrauenserweckend, dass an manchen Stellen gleich mehrere Seile nebeneinanderhängen macht es nicht besser. Welches ist denn die schlechte Strippe, die ersetzt wurde? Oder sind sie alle gleich marode um in der Summe ein belastbares Seil zu ergeben? Vielleicht waren auch einfach noch ein paar übrig und sie wieder mit runterzunehmen hatte sich nicht gelohnt.


Wie auch immer, wir lassen unsere Rucksäcke unten, klettern zunächst über jede Menge Geröll und machen innerhalb kürzester Zeit viele Höhenmeter. Ich zumindest komme mir vor wie in einem Abenteuerfilm, oder einer Doku über kühne, unerschrockene BergsteigerInnen bei der im Abspann kommt: wir raten Ihnen, diese Szenen zu Hause nicht nachzumachen. Denn wie gesagt - der Himmel ist dunkel und verhangen, teilweise nieselt es. Die Steine werden rutschig. Die Gegend ist unwirtlich und karg, kein Strauch wächst auf dem Geröllfeld. Jeder ist konzentriert und auf seinem eigenen Teil der Route, man hört kaum einen Laut. Bis auf dieses Gänsehaut-Geräusch von kleinen, den Berg herunterrollenden Kieselsteinchen, die entweder jeder Menge Kollegen nach sich ziehen oder auch nicht. Wir steigen immer höher, links und rechts ragen die Felswände sehr nah steil in den Himmel. Angsteinflössend. Und dann die ersten Seile. Jetzt fängt der Spaß richtig an. Wenn man tagelang gedankenlos fast nur die Beine bewegt, ist es aufregend, jetzt auch Arme und Schultern mit einzusetzen und sich jeden Schritt genau zu überlegen. Ich frage mich, warum ich noch nie klettern war.

Und dann erreichen einen wieder sehr angenehmen Weg, schließlich auch die Spitze. Yes! Ich bin nicht so der Mensch, der sich für weite Aussichten begeistern kann, und hier sieht es auch noch in jeder Richtung gleich aus. Hügelige Landschaft mit Schneefeldern, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit russischem Zupfkuchen aufweisen. Seit Tagen läuft mir quasi jedes Mal das Wasser im Mund zusammen, wenn ich in die Ferne schaue. Ich darf dann gar nicht anfangen nachzudenken über kühle, cremig vanillige Quarkmasse, bedeckt von schokoladig-keksigen Streuseln die fest genug sind um im Mund zu knacken und in viele süße Krümelchen zu zerfallen ... Nein, so ein Müsliriegel ist ja auch gut. Corny Free. Ohne Zuckerzusatz. Völlig ausreichend. Wirklich.
Jedenfalls kann ich mich für Aussichten nicht ausschweifend begeistern, aber trotzdem ist es echt gut dort oben. Ein neues Titelbild für Facebook ist auch noch drin, und sowieso kann man in dieser filmreifen Landschaft wieder jede Menge Bilder machen. Ein winzig kleiner Mensch vor imposanter Bergkulisse - traumhaft, mehr braucht es nicht.
Hinunter ist der Weg noch aufregender. Ich habe das Gefühl, nur am rutschen zu sein. Die Seile stelle ich zweimal unverhofft auf Bewährungsprobe indem ich nach einem falschen Schritt plötzlich doch keinen Boden mehr unter den Füßen habe. Ich stelle fest, dass sie halten. Als wir unten sind jammern die Knie noch mehr als sonst, aber innerlich muss ich den ganzen Tag grinsen. Toller Abstecher!



Wer würde da nicht an russischen Zupfkuchen denken

Für den Rest des Tages geht es dann abwärts mit uns, vor allem topografisch. Die Landschaft wird wieder weicher und grüner, teilweise richtig lauschig. Bevor wir den von den Österreichern beschriebenen, wunderschönen Zeltplatz finden, überqueren wir eine waschechte Hängebrücke. Ich finde dass mein Hintermann es nicht so übertreiben muss mit dem Gehüpfe. Als ich auf der anderen Seite bin, sehe ich, dass alle brav warten und überhaupt keiner auf der Brücke rumspringt. Faszinierend, und hat sicherlich irgendetwas mit Physik zu tun.
Unser Lagerplatz am Fluss wartet mit einer Privatinsel und einem grandiosen Schauspiel aus Abendsonne und Wolken, später auch einem Regenbogen auf. Während wir auf unser Essen warten, fangen die Mücken schonmal an und lachen herzhaft über unser eifrig versprühtes Abwehrmittel. Wir lachen mit ihnen und erschlagen sie dann per Hand.
Auf der Suche nach einer geeigneten Badestelle durchstreife ich die Büsche, die in der Umgebung wachsen und folge dem Flusslauf. Weil der Boden zwar kniehoch zugewachsen, aber keinesfalls eben ist, tritt man gerne mal ins Leere und kommt ins Schwanken. Da ich Waschzeug in den Armen und außerdem keine Lust mehr auf schnelle Bewegungen habe falle ich um wie ein Baum, mitten rein in die Botanik. Und wenn man einmal kopfüber in einer solchen Hecke liegt, kommt man so schnell auch nicht wieder raus. Ich hätte mich ausschütten können vor lachen. Es hat so einen Spaß gemacht! Keine Krabbelviecher, die einen sofort überfallen, keine spitzen Äste, kein Dreck, sondern jede Menge weiches Moos und Laub. Da fällt man einfach gerne rein. Aber da ich mir ja vorgenommen hatte, waschen zu gehen, verlasse ich meine spontanen Liegeplätze dann schweren Herzens und sehr umständlich wieder. Und falle gern drei Schritte weiter wieder um. So viel Naturverbundenheit! Ich freue mich, als ich später endgültig in den Schlafsack fallen kann.





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