Freitag, 30. September 2016

Norwegen-Report III

Tag 5, 12 Uhr 22: Zum ersten Mal wird wieder gegen einen Baum gepinkelt. Die Zeichen häufen sich, wir lassen die karge, pflanzen-, komforts- und essensarme Wildnis hinter uns, steuern auf das echte Leben zu. In zwei Tagen müssen wir schon flugzeugtauglich sein. Im Moment könnten wir dort maximal durch die Reihen gehen und den Straßenfeger o.Ä. verkaufen, das würde sich vielleicht sogar lohnen. Tobi übt schonmal.

Aber zunächst geht es in die harte Phase der letzten Essensrationierung. Gedanklich teilt man die traurigen Reste der Müsli- oder Brottüte durch die drei noch kommenden Mahlzeiten. Ich esse meine mir errechnete Portion. Erinnere mich dann daran, dass ich mich ja um den morgigen Tag nicht sorgen soll und gönne mir noch einmal so viel; hungrig kann man mich sowieso niemandem zumuten.

Von morgens bis abends begegnen wir immer wieder dem selben Wanderer-Pärchen. Wir überholen sie, machen Pause, werden wieder überholt, schließen auf, und so weiter. Ich finde, dass er aussieht als sei er Arzt und wappne mich schon dafür, ihn eines Tages in irgendeiner Praxis zu sehen und mich ewig zu fragen, woher ich dieses Gesicht kenne.


Abends ist die Stimmung schlecht. Meine zumindest. Es ist hundeelendsschweinekalt, der Wind pfeift wie verrückt und wir zelten auf einer Wiese ohne jeden Schutz. Die Sonne ist weg, ich zittere vor mich hin und bin auch echt kaputt. Nur noch eine Nacht ist in der Wildnis zu überstehen. Warum macht man das bloß. Ich will mich in irgendeinem Loch verkriechen und schlafen, aber das Zelt muss aufgebaut die Isomatte aufgepustet, der Schlafsack ausgerollt werden. Der Kocher wird angeschmissen, ich bin gerade dabei ein paar Heidelbeeren zu sammeln die hier in rauen Mengen wachsen, als es anfängt zu regnen. Na klar, als würde es nicht schon reichen, kalt, müde und hungrig zu sein, jetzt ist man kalt, müde, hungrig und nass. Klasse. Welcher Idiot hatte die Idee in Norwegen zelten zu gehen. Lächelnd und winkend ziehen unser wandernder Arzt und Ehefrau an uns vorbei.
Auf der Wiese stehen etwas entfernt einige Häuschen, bis auf eins sind alle verlassen. Wir flüchten auf die überdachte Veranda von einem von ihnen während die Nudeln kochen. Sehnsüchtig schaue ich durch die Fenster in eine wahnsinnig gemütlich eingerichtete Küche und Wohnzimmer. Wie schön wäre das jetzt, vier Wände um mich herum, ein Dach über dem Kopf und ein kleines Feuerchen vor der Nase. In dem Schaukelstuhl zu sitzen, warmen Vanillepudding gegessen zu haben, ein Buch zu lesen und dem Regen nur zuzuhören. Dabei sauber und in irgendetwas Flauschiges eingemummelt zu sein, anstatt 5 Schichten Kleidung zu tragen von der die oberste klamm und feucht ist, währenddessen gleichzeitig zu frieren und den vom Tag angetrockneten Schweiß zu spüren. Es ist elendig. Ich frage mich, ob das ansatzweise das Gefühl ist das Obdachlose haben, wenn sie abends übrig bleiben auf der Straße nachdem alle anderen nach Hause gegangen sind. Wenn sie draußen bleiben, während drinnen Licht, Heizung, Dusche und Herd eingeschaltet und die Witterung vergessen wird.

Der Pott dampfende Nudeln, den ich dann in den Händen halte, ist das leckerste das ich jemals gegessen habe. Nudeln, eigentlich nicht so meins, einfache Kohlenhydrate. Tütchensoße, mache ich nie. Das Ganze auch noch am Abend - würde mir zu Hause im Traum nicht einfallen. Hier ist es paradiesisch und die große Portion + Nachschlag wird bis zum letzten Bissen genossen, ich hätte noch dreimal so viel davon essen können.
Es hört auf zu regnen, Tobi hat mir seine Handschuhe geliehen und trotzdem ist der Wind so unbarmherzig und gemein dass es kaum auszuhalten ist. Die eiserne Disziplin, die mich sonst jeden Abend ins säubernde Wasser getrieben hat, löst sich komplett in Luft auf. Ich steige so wie ich bin, gefühlt stinkend dreckig, in den Schlafsack und finde es schrecklich. Nur noch einmal, morgen sind wir auf einem Campingplatz, morgen kann ich duschen, morgen fahren wir auch Bus, ich muss nicht mehr so viel laufen und in Bergen habe ich frische Socken und leichte Schuhe, zu Hause gibt es wieder Äpfel.
In der Nacht schlägt mir ständig die Zeltplane ins Gesicht, ich befürchte, dass die Nässe durchdringen könnte, ich prüfe noch dreimal ob ich den Regenschutz auf die geliehene Kamera gezogen habe, ich hoffe inständigst, nicht bald aufs Klo zu müssen und dass das Zelt nicht fortfliegt. Ich wünsche mir sehnlichst den Morgen herbei. Währenddessen schläft Max neben mir nach eigenen Angaben so gut wie auf der ganzen Tour noch nicht. So viel Unbekümmertheit hätte ich gerne mal!

Und dann ist es früher Morgen, ich mache die Augen auf und das Licht im Zelt erscheint mir extrem vielversprechend. Ein vorsichtiger Blick nach draußen übertrifft kühnste Erwartungen: die Sonne scheint. Der Himmel strahlt tiefblau, die Wiese ist saftig grün, der Bach rauscht sanft, der Wind ist maximal noch eine Brise. Ich könnte ausrasten vor Freude. Ich suche meine Klamotten zusammen und kann waschen gehen. Endlich!!! Ich habe eine Bombenlaune und bis die anderen dann auch aufstehen sammle ich noch eine Tasse Blaubeeren zusammen. Danke Gott für den Sonnenschein, Danke Danke Danke. Das Frühstück ist kulinarisch ein echtes Highlight, die frischen wilden Beeren machen die Haferpampe direkt instagram-tauglich.



Wir machen uns wieder auf, lassen das Wanderpärchen hinter uns und konzentrieren uns dann auf die Schlammschlacht, die der restliche Abstieg darstellt. Manchmal sinkt man so tief ein dass die braune Brühe oben in die Socken schwappt. Ich nehme mir vor, meine Schuhe nach dieser Wanderung doch mal zu säubern.
Und dann, viel zu schnell um sich zu akklimatisieren, laufen wir auf einer Straße und sitzen vor einem riesigen Hotel, an einer Baustelle die den jetzt schon beliebten, riesigen Wasserfall Voringsfossen noch weiter ausschlachten und für Touristen attraktiv machen will, mit Panoramaweg und hast du nicht gesehen. Wir finden uns wieder zwischen Pumps, iPhones, weißen Hosen und Souvenirshop. Bis unser Bus ein paar Stunden später kommen wird übt das hoteleigene freie Wlan-Netz eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Ich habe mein Handy in Bergen gelassen und versuche das Gefühl vom Draußensein noch zu behalten, aber es zerrinnt zwischen den Fingern. In regelmäßigen Abständen schütten Reisebusse eine neue Portion Urlauber aus, die schnatternd und fotografierend zielstrebig Shop und Hotel-Café anpeilt. Ich konzentriere mich auf mein Eis am Stiel, das Lakritzstückchen beinhaltet. Wenigstens das erinnert mich daran, dass ich mitten in Skandinavien sitze und Abenteuerurlaub mache.
Schließlich trifft auch unser Wanderpärchen ein und fährt später selbstverständlich in dem selben Bus wie wir. Erst als wir eine Station vor ihnen aussteigen, trennen sich unsere Wege endgültig.
Eine wichtige Sache wird aber noch geklärt. "Sind Sie eigentlich Arzt?" Verblüfft ist er, aber nicht Arzt, sondern im sozialen Bereich tätig. Na gut.



Der Rest ist Geschichte. Wir genießen auf dem Campingplatz für 5 Kronen eine dreiminütige Dusche und schaffen es, uns rechtzeitig zu resozialisieren. Der Straßenfeger war nicht notwendig. Unsere Reisekasse, mit 3000 abgehobenen Kronen, reicht auf den Punkt genau für die letzten Ausgaben wie Bahnfahrt usw. Max ist so ausgehungert, dass er kaum dass sich die Möglichkeit eröffnet, einen kompletten Laib Brot kauft und verspeist. Mit dem extrem nervigen Rückflug schließt sich dann der Kreis. Willkommen zurück.

Auch wenn der Erholungseffekt ziemlich schnell flöten gegangen ist, genauso wie die erlangte Bräune, die Erinnerungen und Fotos bleiben. Etwas auf das man zurückfallen kann wenn der Alltag es wieder nicht wert ist, länger darüber nachzudenken.
Es ist unglaublich, wie perfekt das Wetter war. Dass es keine großen Verletzungen gab. Wie gut die Gruppe funktioniert hat. Was wir für phänomenale Landschaften gesehen haben. Dass wir, dreieinhalb Jahre nachdem wir sinnend am Küchentisch saßen, genau den Felsen mit unseren eigenen Füßen betreten und unser eigenes Trolltunga-Foto gemacht haben. Dass die geliehene, 3000€-teure Profikamera keinen Kratzer abbekommen hat. Und noch so viel mehr. Danke Gott.

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