Anreise - Freitag und Samstag
Es fing alles in Atlanta an, als ich in der Schlange vor der Ausweiskontrolle extreme Kopfschmerzen hatte. Ich schob es auf den ganzen Reisestress und warf mir eine halbe Tablette ein (etwas, was ich immer so lang es geht vermeide!). Außerdem trank ich so viel Wasser wie ich konnte (Atlanta hat nicht nur freies Wlan, sondern auch jede Menge Trinkwasserspender - toller Flughafen). Beim Landanflug auf Amsterdam hatte ich dann dermaßen starke Ohrenschmerzen, dass ich mich auf meinem Stuhl wand und mir die Tränen übers Gesicht gelaufen sind. Das Gleiche war beim Flug nach Tegel los, aber für den restlichen Freitag war ich so glücklich, wieder bei meiner Familie zu sein, und hatte so viel im Kopf, was die Reise am nächsten Tag anging, dass ich mir keine Gedanken mehr darüber gemacht habe.
Als dann mein Wecker am Samstag um 3:45 Uhr klingelte dämmerte der Morgen noch lange nicht, aber mir langsam dass ich mir eine fette Grippe zugezogen hatte. Halsschmerzen, Kopfschmerzen, ein Gefühl von noch mehr Tüdeligkeit im Kopf als sonst, Schnupfen, Gliederschmerzen. Perfekte Voraussetzungen für eine Wandertour.
Aber mir da jetzt in meine Pläne reinpfuschen zu lassen kam ja gar nicht in die Tüte. Ich hatte mich schon seit Wochen darauf gefreut. Außer, dass ich mir noch schnell ein paar Hustenbonbons und Teebeutel schnappte, ließ ich mich nicht weiter beirren, machte mich fertig und los gings. Nochmal kurz zurück, um meinen Schal zu holen. Nochmal kurz zurück, um das graue T-Shirt, das in der Hektik der Schal hätte sein können, zurückzulegen und wirklich den Schal zu holen. Nochmal kurz zurück weil beim rennen auf dem Weg etwas Schwarzglänzendes lag und sich das als mein aus der Tasche gefallenes Handy entpuppte.
Und dann wirklich los. Eine dreiviertel Stunde Autofahrt und die ganze Zeit fragte ich mich, ob ich im Begriff war etwas wirklich Dämliches zu tun und am Ende auch den Jungs ihre Wanderung zu versauen.
Am Flughafen habe ich mir eine halbe Tablette eingeschmissen und dann den Rucksack aufgegeben. Nun ging es wirklich nicht mehr zurück!
Im Flugzeug versuchte ich mit jeder Menge sehr ulkigen Manövern, die durch den Druckunterschied entstehenden Ohrenschmerzen zu vermeiden. Also gähnen, schlucken, Nase zuhalten und dagegen atmen ... Was sicherlich für Unbeteiligte extrem komisch aussah, hat mir immerhin einigermaßen geholfen.
Den Rest der Anreise schlief ich viel, später auch im Reisebus von Barcelona nach Andorra. Dann stieg ich dort aus, wo ich die Hauptstadt Andorra La Vella vermutete und lag richtig - meine Wandergruppe (die fünf Jungs waren mit dem Auto angereist und zwei Tage vorher schon losgelaufen) war schnell gefunden und dann konnte es richtig losgehen.
Tag 1 - ab Samstag Nachmittag
Wir hielten uns gar nicht mit Geplänkel auf sondern fingen sofort an, aufzusteigen. Ich hatte zwar ein bisschen Pudding in den Beinen und fing auch ziemlich direkt an, mir an den Fersen Blasen zu reiben, hatte gleichzeitig aber so viel zu erzählen, dass ich das gar nicht richtig gemerkt habe. Ich textete Max ununterbrochen zu während wir der Zivilisation Stück für Stück entstiegen und schon bald umgeben waren von herrlichster Natur. Ab und zu regnete es kurz, aber da wir für diesen Tag eine Hütte anvisierten machte uns das nicht allzu viel aus.
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| Lauschige Natur und etwas Regen |
Am frühen Abend erreichten wir dann auch unser "Refugio", waren aber nicht allein. Zwei Männer hatten sich vor uns dort breit gemacht und im Lauf des Abends kamen immer mal wieder ein paar Leute dazu, sodass wir am Ende zu zwölft in zwei Räumen waren, die für die vorgesehenen Acht schon eng gewesen wären. Aber wir rückten alle zusammen und störten uns nicht. Vor der Hütte floß ein Bach, in dem man sich gut waschen konnte und bei von den beiden Männern gesponsortem Teelichtschein verspeisten wir unser Abendbrot, ließen dabei außerdem zu Ehren von Max' Geburtstag Wein aus der Plastikflasche die Runde machen.
Des Nachts konnte man beeindruckend lautem Schnarchen lauschen, außerdem stolperten kurz vor eins mit viel Taschenlampenlicht drei der anderen Gäste in ihre Betten, aber ich schlief trotzdem ganz gut.
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| Unser erstes Refugio |
Tag 2 - Sonntag ca. 14km, 1.100m hoch, 646m runter
Ales andere als gut war mir am nächsten Morgen - eher schwindlig und mächtig schlecht. Der zweite Tag soll immer der schwerste sein. Egal: raus, Zähneputzen, kaltes Müsli reinschaufeln, Schlafstätte einpacken und dann los. Auf zu neuen Ufern und Berggipfeln.
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| Es geht weiter ... |
Die Landschaft war wunderschön, aber irgendwie jeder Schritt sauschwer und mit Schweißausbrüchen verbunden, dabei ging es noch nicht einmal bergauf. Es war tatsächlich der schwerste Tag und am Nachmittag gab es auch noch einen mächtigen Aufstieg bei starkem Wind.
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| ... und immer weiter |
Von Anfang bis Ende der Tour schimpfte ich über die Leute, die sich diese Wege ausgedacht haben, die schnurstracks nach oben gehen. Schonmal was von Serpentinen gehört, die das alles erträglich machen würden?! Nein, da wird hämisch eine Markierung nach der anderen so auf die Steine aufgetragen, dass es nur eine Richtung gibt: hoch! Und das bei einer Steigung die bei Treppen schon nicht mehr schön wäre. Hier allerdings ohne gleichmäßige Stufen sondern immer mal wieder durchsetzt von einem Riesenabsatz, der auch die letzte Energiereserve sofort leert. Man ist, oder ich bin da wirklich oft am Limit gewesen und dachte "Jetzt geht es definitiv NICHT mehr!". Aber das ist ein Trugschluss, man schafft immer noch den nächsten Schritt und den nächsten. Hilfreich ist es, nicht nach oben zu schauen und zu sehen, was da noch alles so kommt - sondern ganz stoisch nur auf den Boden zu starren und sich Meter um Meter vorwärts zu kämpfen. Das Ganze ja übrigens noch mit 12-14kg Gepäck, bei den Jungs mehr.
Aber so ätzend und anstrengend das ist, so herrlich ist es auch. Sich so komplett auszupowern, zu schnaufen, zu schwitzen, mit dem Berg zu ringen und ihn schließlich zu überwinden und oben mit einer grandiosen Aussicht belohnt zu werden (falls es nicht gerade neblig ist) - dafür macht man solche Reisen anstatt sich irgendwo an den Strand zu legen. Zusammen mit der Einsamkeit, die in diesen Gegenden herrscht die man nur über lange Fußmärsche erreicht. Das sind raue, steinige Landschaften in denen man maximal das Rauschen eines Gebirgsbachs oder das Pfeifen von Murmeltieren hört. Voll mein Ding.
Jedenfalls standen wir schließlich oben, auf knapp 2900 Metern Höhe, und es war die beste Aussicht die sich uns auf dieser Tour bieten würde. Die Sonne schien und wir haben in jede Richtung imposante Bergmassive bestaunen können. Der Wind pfiff uns mächtig um die Ohren, trotzdem saßen wir eine ganze Weile dort und haben es einfach genossen.
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| Ganz oben und krasse Aussicht |
Wir ahnten ja nicht, was noch kommen würde - "nur noch den Berg runter und dann dort im Tal einen Zeltplatz suchen".
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| Und wieder runter! |
Ich war ja schon am Vormittag fix und fertig. Der Abstieg war auch anstrengend, bei rutschigem Geröll, vor allem für die Knie. Aber in diesem Tal war einfach kein geeigneter Platz für drei Zelte zu finden! Wir liefen und liefen, hatten Hunger, waren müde, irgendwann fing es auch noch an zu regnen. Die Stimmung war so ziemlich am Boden. Das nächste Dorf, mit Hotels und Pensionen, war unerreichbar weit weg. Ebenso die nächste Hütte. Und es bleibt ja auch nicht ewig hell.
Also Krisensitzung. Zweimal strömten wir von einem Ort in jede Richtung aus und kletterten auf höhere Punkte im Gelände, um zu sehen ob sich irgendwo ein geeigneter Platz finden würde. Aber es war alles steinig, sumpfig oder viel zu abschüssig.
Bis wir ganz unverhofft direkt neben dem Weg ein perfektes Plateau fanden, mit genügend Platz für alle, schönem Gras und Unebenheiten in erträglichem Maß. Außerdem hatte es auch noch aufgehört zu regnen. Also konnten wir die Zelte aufbauen und anfangen zu kochen. Mich packte dabei der Schüttelfrost. Ich habe so sehr gefroren! Die Sonne war weg, die Luft feucht und kühl und irgendwann hatte ich schon alles an, was der Rucksack hergab. Auf grundsätzlichste Hygiene wollte ich auch nicht verzichten, deswegen stieg ich noch in den Bach, der neben den Zelten langfloss. Mir war so KALT! Ich hüpfte so schnell wieder in meinen Pullover dass ich nichtmal am Handtuch Zwischenstation machen konnte. Ich hatte noch nie so gefroren. Ich verkroch mich dann sofort in meinen Schlafsack und zitterte und zitterte, dass das ganze Zelt gewackelt haben musste. Meine lieben Wanderkollegen brachten mir ein Schlückchen Feuerwasser vorbei, aber gegen meinen Schüttelfrost half gar nichts mehr. Irgendwann schlief ich halb, aber der Wind zerrte mächtig an unseren Zelten und zwischendurch regnete es auch nicht zu knapp. Nach den Erlebnissen des letzten Jahrs war ich die ganze Nacht in Alarmbereitschaft und wartete darauf, irgendwann rauszumüssen und das Zelt wiederaufzubauen.
Wie alle Nächte ging auch diese vorbei.
Fünf fiese Feinde des Wanderers
- Blasen
Machen jeden Schritt noch ein bisschen qualvoller und nichts, was man dagegen tun kann. Immer ein kleiner, oder auch mal größerer, Nadelstich in die Fersen. Fieser geht es eigentlich kaum.
- Regen
Erst muss man ganz fix seine Regenjacke hervorkramen und den Regenüberzug über den Rucksack klemmen. Dann wird der Boden immer rutschiger, man kann sich nirgendwo mehr hinsetzen und die Stimmung sinkt in rasantem Tempo. Man fragt sich, ob es bald aufhört oder man die Zelte im Nassen wird aufbauen müssen ... Dann wird es gefühlt immer kälter und ekelhafter. Ich bin sehr dankbar, dass wir nur wenig Regen abbekommen haben.
- Wind
Solche Böen wie bei unserer Wanderung sind mir noch nie begegnet. Die haben einen tatsächlich umgeblasen, mindestens aber so zur Seite gefegt, dass man seinen Kurs mit drei zusätzlichen Schritten korrigieren musste. Nervtötend, wenn man gerade einen Gipfel erklimmt und so zusätzlich Kraft verschwendet! Im Zelt fragt man sich dann, wieviele Böen die Seile noch aushalten oder ob man bald in die kalte Nacht rausmuss, um irgendetwas zu retten.
- Grippe
Man braucht alle Kraft, die man hat um vorwärts zu kommen, und wenn dann eine Grippe die Hälfte dieser Kraft in Anspruch nimmt, sieht man echt alt aus. Wahrscheinlich sollte man mit einer Grippe gar nicht erst anfangen, zu wandern. - Tagesausflügler und Wochenendgäste
Sie sind sauber und gut aussehend, wandern schwungvoll und mit einem blitzenden Lächeln im Gesicht und, was das schlimmste ist, sie tragen ein Rucksäckchen das höchstens ein Drittel von dem wiegt, was man selbst auf dem Buckel trägt, dafür aber gefüllt ist mit kulinarischen Genüssen. Die absolute Höhe ist es, wenn der "alte Mann", der mit uns auf der ersten Hütte übernachtete, für eine Zigarette verschwindet und uns dann 20 Minuten nachdem wir aufgebrochen sind, grinsend und tiefenentspannt rauchend mitten im Wald begegnet, als wir vom Aufstieg schnaufend um die Ecke biegen. Zuviel Kraft oder was?!
Fünf feine Freunde des Wanderers
- Müsliriegel
Und Essen jeglicher Art, am besten hochkalorisch. Wer sich den ganzen Tag bewegt, kommt nicht mehr auf die Idee, an Zucker oder Fett zu sparen. Und wenn sogar ich das sage, dann ist es schon arg. Aber man verbraucht so unglaublich viel Energie. Manchmal ist so eine Zwischenmahlzeit außerdem nicht nur Energiezufuhr, sondern auch Stimmungsaufheller. Wenn sonst alles scheiße ist, mit Schokolade oder anderem zuckrigen Zeug zusammengepappte "Cerealien" in handlicher Riegelform schmecken immer. Darüberhinaus entsteht auf dem Berg ein blühender Tauschhandel. Mit Geld kann hier niemand mehr etwas anfangen, aber wer eine besonders leckere Sorte Müsliriegel hat ist sozusagen King. Quasi der 500€-Schein waren die "Sahneschnittchen" von Viba. Ich habe sie nicht probiert, aber sie müssen wohl fantastisch sein und wurden ganz sicher nicht mit jedem herkömmlichen Schokoriegel getauscht!
- Wegmarkierungen
Ständige Begleiter. Oft gefällt einem nicht, wo sie sind, nämlich immer ein Stückchen weiter oben als man selbst, aber sie weisen einem doch zuverlässig den Weg zur nächsten Hütte, oder zurück in die Zivilisation. Man muss nur noch laufen und nicht mehr denken - das gefällt mir ausgesprochen gut.
- Hütten
In der Landessprache Refugios genannt. Die meisten sind unbewirtschaftet und bestehen aus 1-2 Räumen, einem Ofen und 3-4 Doppelstockbettgestellen aus Metall. Sie sind weder 100%ig sauber noch wirklich gemütlich, aber man freut sich so, darin schlafen zu können wenn das Wetter draußen richtig ungemütlich wird. Ein festes Dach und echte Wände um einen herum sind so viel wert! - Funktionsklamotten
Ja, ich gestehe, ich habe mich jahrelang lustig gemacht über den Globetrotter-Look. Alles schlabbert, alles in Brauntönen, alles potthässlich, dafür aber schweineteuer. Möglicherweise war diese erste Einschätzung nicht komplett richtig. Es hat durchaus was, wenn ein Pullover wärmt oder eine Jacke den Wind abhält. Die Sachen sind dann auch noch "ultralight" und immer irgendwie raffiniert zusammenfaltbar sodass sie am Ende ungefähr einen Fingerhut an Volumen im Rucksack belegen. Sowas Ausgeklügeltes gibts bei H&M nicht. Trotzdem werde ich mich im normalen Leben weiterhin an funktionsarme und optisch ansprechende Kleidung halten. Wenn der Ernstfall kommt, schnorre ich wieder bei Mutter. Praktisch, oder?
- Die Berge
Berge haben nur einen Nachteil - sie sind hoch. Ansonsten, und gerade deswegen, sind sie herrlich. Einsam, wunderschön, mit traumhaften Aussichten. Es muss ja einen Grund dafür geben, dass man sich so anstrengt. Und es lohnt sich wirklich. Ich sehne mich jetzt schon wieder zurück nach den Bergen, nach dieser Welt die so komplett anders ist als der Alltag den man sonst hat. Kein Lärm, keine schrillen Farben, keine Verpflichtungen, kein Geld, kein Gegeneinander oder Nebeneinander sondern nur ein Miteinander. Für Immer wäre das natürlich nichts, das würde man nicht aushalten. Aber als kurzes Kontrastprogramm, kurzes Auftauchen um wieder bewusst und mit offenen Augen in das moderne Leben einzutauchen ist es perfekt. Nur zu empfehlen






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