Donnerstag, 27. August 2015

Zwischenstand



Nunmehr endlich ein paar Worte von mir. Vielen Dank für euer Beten, die Reise verlief sowas von problemlos dass es fast schon Spaß gemacht hat.
Vier Flüge, und nach all dem Sitzen mit wenig Beinfreiheit, dafür viel Klimaanlage kam dann: Port-au-Prince. Ein feuchtwarmer Hammer, viel Lärm und Abgase die in Berlin so wahrscheinlich seit zwanzig Jahren nicht mehr erlaubt sind.
Auf der Straße macht, da hat sich in zwei Jahren nichts verändert, jeder was er will. Zeugnisse echten Gottvertrauens sind die buntbemalten Taptaps (Busse) mit frommen Sprüchen, deren Farbe nicht einfach schnöde Dekoration ist sondern das Letzte, was die klapprigen Gefährte zusammenhält.
Nicht weniger spannend ist die Straße, die den Berg hoch zu Ediths und Lukensons Residenz führt. Schotter, Steigungen, tiefe Löcher. Da kommt man nur mit viel gutem Willen hoch, aber den weist man auf und so bin ich kurz vor sechs Uhr abends am Ziel meiner Reise.
Seitdem ist schon über eine Woche vergangen und es ist erstaunlich wie schnell man sich manche Dinge an- und andere abgewöhnt. Meine gesammelten bisherigen Erkenntnisse:
- Eine Dusche ist schön. Aber ohne gehts auch. Wasser aus einem Eimer hat ziemlich genau die selben Eigenschaften wie Wasser aus einer Brause. Es macht, mit notwendiger Ernsthaftigkeit eingesetzt, sauber. Was will man mehr? Die Möglichkeit, verschiedene Temperaturen einstellen zu können macht die Sache nur unnötig kompliziert.
- Ziemlich ähnlich verhält es sich mit der Toilette. Ob das Wasser aus einem Spülkasten oder einem davorstehenden Eimer kommt ist der Wurst letzten Endes Wurst. Besonders erfahrene Spülmeister schaffen es übrigens mit ausgefeilter Technik (Schwung aus dem Handgelenk und ein Einsturzwinkel von genau 90 Grad) den Wasserbedarf auf ein Minimum zu reduzieren.
- Der Mensch überlebt ohne Wlan. Nicht ganz ohne Mangelsymptome, aber es geht. Wie lang, habe ich noch nicht abschließend feststellen können. Aber die von vielen stressgeplagten Menschen sehnlichst erwünschte "Entschleunigung" lässt sich wunderbar praktizieren, wenn man einer 3 MB starken Datei beim Upload auf Facebook 40 Minuten lang zuschauen darf. Dabei beobachtet man fasziniert die Nebelwand, die sich beständig zwischen Computer und Sendemast schiebt und Grund für eine Übertragungsrate ist, der sich jedes halbwegs anständige Smartphone zutiefst schämen würde.
- Glühwürmchen existieren tatsächlich!
- Vogelspinnen leider auch. Dazu sage ich weiter nichts.
- Ein erdenes Rotbraun passt zu allem. Latschen, Füßen, weißen T-Shirts. Zumindest redet man sich das ein, wenn sich diese Farbe einfach nicht mehr vermeiden lässt, auf allen Kleidungsstücken, Besitztümern und Körperteilen.
- Haitianisches Essen - einfach unschlagbar. Und vor allem sowas von bio, das schafft keine der berühmten Prenzlauer Berg-Muttis. Beinahe täglich kommen Leute aus dem Dorf und bringen uns schöne Sachen aus ihren Gärten. Avocados (riesige, und viele!!), Militon (ein Mittelding aus Kürbis, Zucchini und Kohlrabi. Aber eigentlich doch was ganz anderes.), Mais. Daraus kann man hervorragende Dinge machen. Manchmal kommt auch ganz echte Kuhmilch, ohne H und so weiter, wie es immer in den Supermarktregalen steht. Die wird hier dann mit Zimt und Anis gekocht und das schmeckt ...! Da kann jeder Milkshake von McDonalds einpacken. Ein anderes Highlight: selbstgemachte Erdnussbutter, "Mamba". Geröstete Erdnüsse, Piment, eine Prise Zucker, ein bisschen Salz, mehr braucht es nicht. Alles pürieren, fertig. Was entsteht, ist optisch nicht ansprechend, aber von exquisitem Geschmack, ein Wohlklang aus gleichzeitig salzig, süßlich und leichter Schärfe. Sowas von raffiniert.

Das neue Haus ist mitten im Bau, aber immerhin haben Edith und Lukenson das monatelange Leben im Zelt schon gegen drei überdachte, beinahe regendichte Räume tauschen können. Lukenson ist jetzt leider wieder im Zelt gelandet um Platz zu machen für den Besuch aus Deutschland.
Es ist ein bisschen eng (viel Hausrat muss untergestellt werden!) und ein bisschen dunkel, aber was macht das schon? Wenn es nötig ist, gibt es Strom, wenn es regnet wird man mit den notwendigen Vorkehrungen nicht nass und wer aufs Klo muss geht "über den Hof" in das dafür vorgesehene Häuschen mit angrenzendem Badeparadies. Es ist ein einfaches Leben, aber ich höre hier niemanden jammern. Das beeindruckt mich und ist lehrreich. Wenn nicht gerade mein Bruder Max im Fahrstuhl steckt werde ich vielleicht beim nächsten Stromausfall nicht mehr in Panik verfallen und mich daran erinneren, dass man hier meistens nur mal ein Stündchen am Tag den Strom anschaltet.
Falls ihr euch fragt, ob ich hier auch was mache, im Sinne einer von Ergebnissen begleiteten nützlichen Tätigkeit kann ich sagen: Jawohl. Ich darf z.B. für WNH einen Kalender für 2016 gestalten und durfte außerdem zusammen mit Edith einen "Knüpfkurs" mit einigen Mädchen machen. Obwohl gerade Ferien sind haben sich viele in die Schule begeben um in die Geheimnisse bunter Freundschaftsarmbändchen eingeweiht zu werden und ein Prinzip zu erlernen, mit dem sich noch viele andere Sachen machen lassen. Ich hätte es gar nicht zu hoffen gewagt, aber diese Technik wurde richtig gut angenommen, nicht nur von den Mädchen, sondern auch von den Eltern (als er sah, wie kläglich seine Tocher vor den Fäden stand die sich einfach nicht zu dem verwandeln wollten was ich 2 Meter weiter als Muster aufgehängt hatte, klemmte sich ein Vater selbst dahinter und war mit äußerstem Eifer und Ernst am knüpfen), und den Brüdern. Als wir am Nachmittag des Kurses bei einer Familie Brot kaufen waren, saßen gerade drei der fünf Kinder auf dem Hof an den angefangenen Bändern und waren voller Hingabe bei der Sache, darunter auch der älteste Sohn. Ich habe mich richtig gefreut über diesen Anblick! Dass sie hier diese Technik noch nicht kannten, sich aber doch so dafür interessieren und Spaß daran zu haben scheinen.

Ich bin gespannt, was mich in den nächsten beiden Wochen noch so erwarten wird!

Sonntag, 16. August 2015

Bevors losgeht

Das Schlimme daran, an einen Ort zu reisen, ist, dass man einen anderen Ort verlassen muss. Im Moment bin ich gedanklich zwischen Alltag und Abenteuer, Bekanntem und Unbekanntem, Jetzt und Später, Brandenburg und Karibik. Ab morgen dann auch körperlich - die große Reise beginnt um 14 Uhr in Tegel.

Es war schon komisch, das eigene Zimmer für 5 Wochen abzuschließen. Da habe ich gemerkt, dass diese 23 Quadratmeter mittlerweile wirklich mein Zuhause sind, mit der Geräuschkulisse der Straße und der Kneipe gegenüber, mit den Spinnen, die immer irgendwie im Bad auftauchen, mit dem Wasserkocher, der mal wieder entkalkt werden müsste und dem Kühlschrank der immer treu meinen geliebten Quark aufbewahrt und dabei immer leise seine Geräusche von sich gibt.
Ich werde Einiges vermissen an meinem Berliner Leben. Zum Beispiel das Fitnessstudio. Oder den Maybachufer-Markt. Sommerabende, in denen so viele Menschen auf den Straßen schlendern und einfach nicht nach Hause wollen. Die Bücherei. Und natürlich all die lieben Menschen die ich eine Weile nicht sehen werde. Es sind ja nur dreieinhalb Wochen.

Ich weiß, sobald ich eingecheckt bin, die erste Passagierkontrolle hinter mir habe und in der Wartehalle sitze bis mein Flug aufgerufen wird, werde ich im Reisemodus und alles wird wieder gut sein, die Mulmigkeit verflogen. Und wenn ich erst in Port-au-Prince gelandet sein werde ...

Ich fliege wieder sehr umständlich. Von Berlin nach Amsterdam, dann nach New York, dort muss ich ja über Nacht den Flughafen wechseln, dann fliege ich nochmal nach Atlanta bis ich schließlich das vierte Flugzeug besteige das mich nach Port-au-Prince bringen wird. So viele Möglichkeiten für Probleme und Dinge die schiefgehen können! Aber Gott hält ja seine Hand darüber.

Bei allem Schwermut gibt es natürlich auch viel, worauf ich mich freue. Edith viele Geschenke zu bringen. Mit ihr zu quatschen und sie wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Kreolisch zu hören und vielleicht auch nach einer Weile wieder zu verstehen. Haitianisch zu essen. Komplett raus zu sein aus dem, was ich sonst sehe, höre, um mich habe und jede Menge neue Eindrücke zu sammeln. Zu fotografieren. Zu bestaunen, was sich oben auf dem Berg getan hat, seit ich vor zwei Jahren das letzte Mal dort war. Und wie es in Haiti im August ist.

Ich bin sicher, es werden richtig gute dreieinhalb Wochen und in spätestens 48 Stunden werde ich gar nicht mehr verstehen, warum ich jetzt in dieser komischen Laune bin.

Es wäre toll, wenn ihr mit für mich beten würdet. Dann ginge es mir jetzt schon besser!

Um was ich Gott bitte: 

- Flug: dass alles glatt geht. Kein Gepäckstück zu groß/zu schwer ist, nichts irgendwo drin ist, was Ärger macht. Dass kein Flug Verspätung hat (in Erinnerung an letztes Mal ...), oder zumindest nicht so, dass ich einen Anschlussflug nicht erwische. Dass ich zwischendurch nicht beklaut werde oder irgendetwas im Koffer kaputt geht. Dass ich heil ankomme und zwischendurch keine nervenden Sitznachbarn habe :)
- In Haiti: dass ich helfen kann und nützlich sein werde. Viele gute Erfahrungen. Dass nichts passiert und ich auch gesund bleibe. Dass ich nichts vergessen habe, in den Koffer zu packen. Dass mein Laptop nicht kaputt geht, den ich nun doch mitnehmen werde. Dass es eine gute Zeit wird, für alle Beteiligten und ich ein Segen sein kann.
- Jetzt: gute Laune, Mut, Vorfreude. Keine schlechten Gedanken, Angst, und ständiges Grübeln was noch in den Koffer gehört und ich vergessen haben könnte.

Gleichzeitig habe ich auch unglaublich viel Grund in Hinblick auf die Reise zu danken, woran ich euch auch gerne teilhaben lasse.

Wofür ich danke:

- Finanzen: in den letzten Wochen habe ich noch von vielen, völlig unerwarteten Seiten finanzielle Unterstützung erfahren. Das war überwältigend und eine Bestätigung, dass Gott wirklich hinter meiner Reise steht. Ich möchte Gott und allen, die mir diese speziellen weißen Umschläge haben zukommen lassen, von Herzen danken.
- Diese Möglichkeit: wenn ich mit meinen Kommilitonen über die Pläne für die Semesterferien gesprochen habe, haben mich immer alle sofort beneidet. Wow, Haiti. Wer kommt da schonmal hin? Es ist wirklich was ganz Besonderes, dort Connections zu haben und dieses Land kennenlernen und besuchen zu dürfen. Das sind Erfahrungen, die nicht jeder macht.
-  Edith: aus dem Nichts im Nichts in Gottes Namen etwas aufzubauen, ist so bewundernswert und mutig. Ich freue mich so, meine Tante besuchen zu dürfen und Zeit mit ihr verbringen zu können. Darüber, dass ich ihr einige Sachen mitbringen kann, die sie dringend braucht und darüber, dass sie sich auch auf mich freut nachdem ich mich selbst eingeladen habe.

Sicherlich habe ich jede Menge Sachen vergessen, mal ganz davon abgesehen dass es auch ohne die Reise 1000 Gründe gibt, warum ich dankbar bin.
Ich werde euch auf dem Laufenden halten, nun wieder in etwas kürzeren Abständen als bisher ;) Aber jetzt passiert ja auch wieder was.
Ich danke für eure Gebete. Heute habe ich geduscht und mir gedacht: "das nächste Mal dusche ich schon in Haiti!". Genauso schreibe ich jetzt aus Deutschland und das nächste Mal - aus Haiti!

Montag, 6. April 2015

Mac oder weg?

Damit dieser mühsam ausgedachte Wortwitz auch bei allen zur Geltung kommt: Mac spricht sich englisch "Mäck".

So. Und jetzt zum Wesentlichen.
Es war ziemlich genau an Weihnachten, dass Gott mir ein Geschenk gemacht hat. Plötzlich und unerwartet kam mir ein größerer Geldbetrag zu - Kindergeldnachzahlung vom letzten Jahr, etwas womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Selten steht man vor dem "Problem", das ich damit nun hatte. Wie nutze ich dieses Geld sinnvoll? Was möchte Gott mich mit diesem Geld machen lassen?

Relativ schnell haben sich zwei Möglichkeiten ergeben.
In unserem Studiengang geht es nur mit Apple. Wir arbeiten an iMacs und wer nicht schon einen hatte hat sich zu Studienbeginn schnell zumindest ein Macbook zugelegt. Als Designer mit Windows zu arbeiten ist ein Faux-pas, da sind sich alle einig. Wir mussten zu Anfang also sogar einen "Mac-Test" bestehen, in dem mit (teilweise wirklich schwierigen!) Fragen überprüft wurde, ob wir in der Lage sind, mit Apple zu arbeiten.
Es gärt also schon seit geraumer Zeit in mir der Gedanke, mit meinen Kommilitonen gleich zu ziehen und mir ebenfalls ein solches Gerät zuzulegen. "Irgendwann geht es nicht mehr ohne!", heißt es. Weil ich aber einen wunderbaren, leistungsfähigen Laptop habe, widerstrebte es mir bis jetzt, so viel Geld auszugeben. War das jetzt der Zeitpunkt, diese Investition zu tätigen, auf Apple umzusteigen und mich mit dem Betriebssystem vertraut zu machen bevor ich irgendwann keine Zeit mehr dafür haben würde?

Andererseits spielte ich seit Langem auch mit dem Gedanken, wieder einmal Edith in Haiti zu besuchen, und wenn nur für ein paar Wochen in den Semesterferien. Es ist unglaublich, was sie und ihr Mann mitten im Nichts aufbauen und mit wieviel Widrigkeiten sie zu kämpfen haben. Sie nehmen so viele Entbehrungen auf sich. Ich bewundere ihren Mut und ihr Durchhaltevermögen. Wer das noch nicht tut, lest ruhig öfter mal über ihren Fortschritt auf http://wegeneuerhoffnung.blogspot.de/.
Ich bin weder handwerklich begabt noch habe ich ein Händchen für Kinder, und trotzdem glaube ich, dass ich sie ein bisschen unterstützen könnte, wenn ich dort wäre. Und wenn es nur moralisch ist, und nur die Möglichkeit mal wieder Deutsch zu reden und in ein anderes weißes Gesicht zu schauen.
Darüberhinaus wäre es natürlich auch für mich wieder eine tolle Erfahrung, ein Eintauchen in ein anderes Leben und ein Geradebiegen der eigenen Perspektive, die in Deutschland ja doch immer wieder unbemerkt mächtig verquer gerät. Mal ganz abgesehen von den Fotomotiven, die sich natürlich wieder in Hülle und Fülle bieten, und der ganzen Inspiration die man aus der anderen Kultur ziehen kann.

Ich habe also wirklich lang hin und her überlegt und gehadert, aber um es kurz zu machen habe ich das Gefühl, dass es Gott besser gefällt, wenn ich das Geld so ausgebe, dass es nicht nur mir nützt, sondern mir und auch ein bisschen anderen, also Edith und Lukenson. Ein Macbook kann ich mir sicher auch noch im dritten, vierten oder siebten Semester kaufen.

Also: das Ticket ist gebucht, am 17. August geht es los Richtung Port-au-Prince über Amsterdam und New York! Und somit fange ich, kaum dass die jetzigen Semesterferien zu Ende gehen, an für die nächsten zu planen. Ich muss meine Impfungen überprüfen lassen, eine Auslandskrankenversicherung abschließen, wieder das mit dem ESTA für das Umsteigen in den USA regeln und und und. Ich freue mich total auf die knapp dreieinhalb Wochen in Haiti und habe natürlich jetzt schon wieder Schiss vor dem Flug. Es ist nicht schlimm, dass ich dreimal umsteigen muss und in den USA eine Nacht auf dem Flughafen verbringen muss. Aber in New York werde ich den Flughafen wechseln müssen. Ich habe mich noch nicht erkundigt, ob es Shuttles zwischen ihnen gibt und wie weit die voneinander entfernt sind. Ich weiß nur - Riesenstadt (viele böööse Menschen), fremde Sprache, schweres Gepäck und einen Flug, den es zu erwischen gilt (wenn auch erst am nächsten Morgen).

Aber ich habe noch genügend Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Der Einstieg ins zweite Semester morgen fällt mir auf jeden Fall schon einmal leichter dadurch dass ich mich auf die Reise im Sommer freue. Da können mir böse Fotografie-Professoren, schwierige Projekte und Stress doch kaum noch etwas anhaben.
Ich freue mich, wenn ihr mich, vor allem aber Edith und Lukenson, mit Gebet unterstützt und wieder Anteil nehmt an meinen Abenteuern! Ich werde euch definitiv auf dem Laufenden halten, wie es mit den Reisevorbereitungen vorwärts geht.

Montag, 2. März 2015

Im Westen nix Neues?

Vor vier Monaten gab es den letzten Blogpost. Ist seitdem nichts passiert?
Eher im Gegenteil. Es ist so viel passiert, dass ich gar nicht so schnell mitschreiben konnte. Vier meiner Lieblingsmenschen sind in greifbare Nähe gezogen. Das erste Semester von acht ist einfach so vorbeigegangen. Ein neues Jahr hat begonnen.

Studiererei

Der Februar war anstrengend. Wie das zu Semsterende hin so ist, mussten eine Menge Projekte fertiggestellt werden. Wir hatten ein Schriftmusterheft zu erstellen, in dem wir eine Schrift vorstellen. Wir mussten eine Mini-App/Website schreiben. Wir hatten eine Mappe mit allen Zeichnungen des Semesters abzugeben. Wir sollten das Layout einer Zeitungsseite erstellen. Wir mussten eine Semesterdokumentation schreiben. Und am besten alles gleichzeitig. Und drei Prüfungen gab es auch noch.
Es war stressig, und die Wochenenden voll. Es gab Momente, in denen habe ich gedacht ich werde das alles nicht schaffen, es ist sowieso Mist und was soll das überhaupt. Aber meistens hat es sich gut angefühlt! Zu arbeiten, vorwärts zu kommen, langsam Ergebnisse zu sehen. Bis ein Uhr morgens an einem Projekt zu arbeiten, was an diesem Tag präsentiert werden musste. Und dann eben so richtig studentenmäßig über das alles stöhnen zu können. Klasse!
Seit dem 24. Februar ist alles geschafft und ich habe endlich wieder Zeit für schöne Sachen, die die ganze Zeit unter den Tisch gefallen sind. Ausweis verlängern. Fenster putzen. Zahnarzt ... :) Aber auch wirklich schöne Sachen. Zu Mama und Papa fahren, stundenlang ein Buch lesen, Menschen treffen die ich schon wieder monatelang nicht mehr gesehen habe.

Wie ist das Studium denn so allgemein? So gut wie ich gehofft hatte und viel besser als befürchtet. Meine Kommilitonen sind keine arroganten Künstlertypen die alle schon viel mehr wissen als ich, sondern jeder hat auf einem anderen Gebiet seine Stärken und Schwächen. Viele haben zwar schon eine Ausbildung abgeschlossen, aber trotzdem gibt es keine Überflieger.
Mir fällt immer wieder auf, dass Studieren ganz anders ist als Schule. Es würde zum Beispiel kein Professor auf die Idee kommen, jemanden die Tafel/das Whiteboard putzen zu lassen. Man respektiert uns viel mehr! Außerdem hat man wirklich das Gefühl, dass es den meisten Professoren tatsächlich darauf ankommt, uns etwas beizubringen und nicht einfach den vorgegebenen Lehrstoff durchzukauen. Sie nehmen sich für jeden Zeit und geben viel Rückmeldung.
Die Ausstattung ist natürlich allererste Sahne. Es stehen unzählig viele Macs auf unserer Etage herum, dazu gibt es Druckstudios (digital und analog), ein Fotostudio und -labor und eine Fotoausleihe mit vielen schönen Sachen.
Kurz gesagt: ich fühle mich wohl mit diesem Studium. Es ist das richtige für mich!

Vor dem letzten Semester war ich grundlos nervös, trotzdem bin ich jetzt mit Blick auf das kommende Semester wieder nervös! Und zwar richtig.
Alle, die es hinter sich gebracht haben, sagen dass das zweite Semester das härteste von allen sein wird. Die Kurse werden schwieriger, die Projekte anspruchsvoller. Außerdem werden die Professoren ihre Standards anheben, weil im Sommer die Werkschau, der Tag der offenen Tür, stattfinden wird und sie gute Arbeiten zeigen möchten. Die Kritik wird dann härter und die Erwartungshaltung größer.
Außerdem werde ich Fotografie haben. Eigentlich hatte ich mich darauf gefreut, aber die Kommilitonen, die Fotografie schon in diesem Semester hatten erzählen nur Schlimmes. Der Professor soll ein echtes Ekel sein, hat seine ganz eigenen Vorstellungen von guten Fotos und wer die nicht erfüllt wird gnadenlos heruntergemacht. Sie erzählen, dass in dem Kurs immer betretenes, ängstliches Schweigen herrschte. Außerdem will er immer alles in Topqualität ausgedruckt haben, wodurch mehrere hundert Euro Materialkosten zu stemmen sind. Schlussendlich sind die Aufgaben, die er stellt immer extrem zeitaufwändig, weil extra Shootings dafür organisiert werden müssen und man erstmal die ganzen Leute dafür auftreiben muss.
Das lässt mir keine Ruhe und hindert mich im Moment noch daran, wirklich mal abzuschalten und Freizeit zu genießen. Ich möchte 1000 Dinge erledigen, damit ich sie nicht während des nächsten Semesters tun muss. Abends im Bett überlege ich, wie ich die Aufgaben, von denen ich jetzt schon weiß dass wir sie bekommen werden, lösen könnte.
Am liebsten würde ich mal wieder auf einen Berg steigen, weg von allem, richtig durchatmen und nur über den nächsten Schritt nachdenken. Nicht über das, was in fünf Wochen sein könnte.
Vielleicht ist auch mal wieder Vertrauen angesagt. Darauf, dass Gott mich auch im nächsten Semester so tragen wird wie er es in diesem getan hat. Stattdessen mache ich mir auf mündlich überlieferte Schauergeschichten hin so einen Kopf. Man man man ... Ich kann es aber auch nicht abschalten.

Alles Andere

Traditionell denkt man ja am 31. Dezember ein bisschen über das vergangene Jahr nach. An diesem 31. konnte ich es kaum fassen, mit wieviel Veränderung und Segen Gott uns 2014 überschüttet hat. Vor zwei Jahren hätte ich die Lebenssituation, in der ich jetzt bin, nie für möglich gehalten. Ich wohne in Berlin, mitten drin. Ich habe einen Ort, an dem ich mich regelmäßig verausgaben und sportlich betätigen kann. Klingt banal, ist aber für mich unglaublich wichtig geworden, als Ausgleich zum Rest. Mein Bruder wohnt direkt nebenan. Meine Familie wohnt ein bisschen undirekter nebenan, aber immer noch total nah. Studiumsplatz, Ausbildungsplatz, Arbeitsplätze. Neue Wohnungen/Zimmer. Es ist alles so unglaublich perfekt gekommen und hat alle Wünsche, Hoffnungen, jedes gedankliche "Was wäre wohl wenn ..." weit übertroffen! Ab und zu wird mir das wieder bewusst. Und ich kann jedes Mal nur staunen. Danke Gott! Wer weiß, was er noch alles geplant hat.

Gedankenblitze

Noch drei Kleinigkeiten der letzten Zeit, von denen ich euch gerne erzählen möchte.

Neulich waren ich und mein Bruder in der Ostsee baden. Es hatte drei Grad und war so eine Sache für das Ego ... Das wird man seinen Enkeln noch erzählen.
Jedenfalls stürmte es an dem Wochenende heftigst und Schnee fiel auch noch. Aber genau in den zwei Minuten in denen wir im Wasser waren, schien die Sonne. Das hat so einen Unterschied gemacht, es kam einem zwar nicht annähernd warm, aber viel weniger schrecklich kalt vor als die ganze Zeit davor, als keine Sonne schien. Ich hatte so sehr das Gefühl dass Gott unseren Blödsinn gesehen und selbst da aufgepasst hat, dass es uns nicht zu kalt wird. Deswegen mal schnell ein Loch in der Wolkendecke. So wie Eltern das eben machen.

Die Perspektive mal wieder gerade rücken: ich habe neulich mit einem Obdachlosen gesprochen, der einen richtigen Hass auf die Ordnungsleute der BVG hatte. Sie handeln zwar nur auf Order hin, aber sie treiben die Obdachlosen sehr forsch und unfreundlich aus den U-Bahnhöfen heraus in die Kälte. Manchmal könne er vier Nächte nicht schlafen, weil er nirgendwo einen warmen Platz findet, meinte er. "Seit ich 10 war wurde ich von meinem Vater vergewaltigt. Die sollen sich mal überlegen warum man so kaputt ist!" Was soll man dazu noch sagen.

Eine andere Begegnung. Da war eine Frau, völlig zugedröhnt. Sie hat alle genervt, weil sie ständig gellend "Hallo, Hallo, Hallo!!! Haaaallo!", gerufen hat und irgendetwas wollte. Mehr Süßigkeiten, einen Kaffee, die Suppe schmeckt nicht, eine Zigarette. Sie war so fertig, sie konnte nicht mal mehr richtig stehen, als ihre Zigarette runtergefallen ist musste man sie ihr aufheben, weil sie das selbst nicht mehr hinbekommen hätte. Sie saß etwas abseits von unserem aufgebauten Essen, hat aber eben ständig gerufen und man sollte ihr dann irgendetwas bringen. Wir waren wirklich schwer genervt, auch wenn wir ja wussten, dass sie so auf Drogen war und im Prinzip nichts dafür konnte. Irgendwann ist sie dann aufgestanden und hat sich verabschiedet. Alle haben aufgeatmet. Und dann verließ sie uns schwankend und sagte noch im Gehen "So, muss nach Hause. Hab ein Kind im Bauch!"
Wieviel Elend.

Montag, 29. September 2014

Alpine Abenteuer - Tag 5

Tag 5: 9km, ca. 70m hoch, 770m runter

Die Hufeisentour war noch nicht beendet, nach dem Abstieg ins Dorf hätte man eigentlich nochmal auf den Berg und ein Stück weiter wandern sollen. Ich hätte Lust darauf gehabt, jetzt, wo das mit dem Übernachten so gut klappte. Aber es war doch vernünftiger, es nicht zu tun. Zum einen war ja Max' Schuh kaputt. Er riss sich die Sohle irgendwann ganz ab und war dann auf dem rechten Bein einen halben Zentimeter tiefer und dort ohne Profil. Außerdem war Max erkältet - seit Tagen war sein Niesen der Soundtrack zu unserer Wanderung. Am Vortag hatte er eine Tablette einwerfen müssen und Kopf- und Lungenschmerzen gehabt. Noch eine Nacht im Freien wäre wohl das Letzte gewesen, was er gebraucht hätte. Auch das Wetter war nicht so überragend, dass man unbedingt noch einmal hätte auf den Berg steigen müssen. Wir entschlossen uns also, endgültig abzusteigen - schweren Herzens.
Unsere dritte und letzte Konstruktion
Also wurde die Plane zum letzten Mal im Rucksack verstaut und das Müsli ein letztes Mal angerührt (Max  aß es mittlerweile trocken, so sehr ekelte ihn vor dem Babybrei). Wie jeden Morgen war es auch an diesem sehr kalt, aber der Gedanke, am Abend schon wieder in einer richtigen Wohnung sitzen zu dürfen war erleichternd und ließ alles gut aushalten.
So ging es abwärts mit uns, begleitet von der Sonne, die über den Berg kam und das Tal zunehmend aufheizte. Die Gegend wurde immer freundlicher und uns war schon bald richtig heiß. So warm kann es also sein!
Die Sonne erreicht das Tal
Unterwegs trafen wir auch noch die mysteriösen Menschen, die die Markierungen malen nach denen wir uns den ganzen Weg lang gerichtet hatten und die uns auch in der abgeschiedensten Ecke zuverlässig den Weg wiesen: mit einem Korb und je einem Eimerchen mit weißer und roter Farbe malte ein älterer Herr einen Baumstamm an, sein Begleiter hatte eine Säge dabei und entfernte störende Äste.
Am frühen Nachmittag standen wir an der Bushaltestelle und traten den Heimweg an. Wir freuten uns auf eine richtige Dusche und all den anderen Luxus, den das moderne europäische Leben mittlerweile so bietet. Ein bisschen trauerte ich aber auch den Tagen auf dem Berg, abseits allen Lärms und aller Hektik, hinterher. Mich hat definitiv der Outdoor-Virus gepackt: sich einfach draußen hinzulegen und zu schlafen, den Körper ausschließlich durch die eigenen Muskeln zu wärmen und alles auf dem Rücken zu haben, was man braucht ist so einfach und faszinierend. Auch wenn es mir schwer fiel, nicht ständig auf dem Laufenden zu sein und möglicherweise Weltbewegendes zu verpassen weil ich kein Handy mit Internet bei mir hatte, war das genauso eine Erholung und hat dazu beigetragen, dass die Wanderung etwas ganz besonderes wurde. Möglicherweise wird im Nachhinein auch vieles verklärt und romantisiert was man nicht mehr so genau in Erinnerung hat; besonders die erste Nacht war so schrecklich dass ich darauf gut hätte verzichten können und in den darauffolgenden Nächten hatten wir schon wirklich Glück, dass es nicht mehr ganz so stark geregnet hat. Dennoch bleibe ich dabei: es wird nicht mein letzter Outdoor-Urlaub gewesen sein und ich bin froh, dass ich diese Erfahrung machen und erkennen durfte, dass es möglich ist. Auch auf 2300m Höhe, und auch bei 0 Grad. Genauso wie es möglich ist, jeden Tag zu wandern, immer weiter und immer höher, mit Gepäck. Oder ein paar Tage auf die Dusche zu verzichten. Oder auf die Heizung.
Es war eine gute Zeit. Ich kann es nur weiterempfehlen!

Bonus: Tagestour auf dem Meraner Höhenweg 

Da ich ja damit gerechnet hatte, dass wir die gesamte Hufeisentour laufen und dementsprechend länger dafür brauchen werden, hatte ich die Rückfahrt erst für Dienstag gebucht. Samstag waren wir abgestiegen, also hatten wir nach einem Ausruh-Tag den Montag noch frei für eine Extra-Wanderung. Das haben wir ausgenutzt, besonders da das Wetter enorm gut war.
Wieder nahmen wir 1000 Höhenmeter in Angriff und kamen ordentlich ins schwitzen. Allerdings war diese Bergwelt eine ganz andere, als die die wir vorher kennengelernt hatten und ich war froh, dass wir den Meraner Höhenweg nur für einen Tag bewanderten. Es ist viel touristisierter, dort wo wir waren fuhren mehrere Seilbahnen hoch und dementsprechend viele Rentner und gelangweilte Urlauber traf man. Man hatte kaum mal drei Minuten Ruhe, musste ständig grüßen und aus dem Weg gehen. Das Durchschnittsalter der oben verweilenden Menschen hatten wir drastisch gesenkt. Immerhin konnten wir eine bombastische Aussicht genießen und eine Sonne, die vom strahlend blauen Himmel auf uns herunterknallte.
Es hat Spaß gemacht und der Wanderweg war auch schön, vor allem später, als er etwas schmaler direkt am Berg verlief. Aber für eine ganze Woche wäre es nichts für mich gewesen, und ich bin sehr froh, dass wir uns für die Hufeisentour entschieden haben, in einsamer, rauer Gegend.
Wieder wanderten wir 7 Stunden und waren am Abend fix und fertig, mit noch einigen Bildern und Eindrücken mehr im Gepäck. Ziel erreicht!


Postkartenmotive - beinahe langweilig
Am nächsten Tag ging es für Max und mich um 5 Uhr in der Früh zurück, erneut 16 Stunden Fahrt.
Damit geht die letzte Etappe vor dem Studienbeginn für mich zu Ende - in nicht einmal zwei Wochen geht es los. Nach 6 Monaten Pause ist das unheimlich und wunderbar gleichzeitig. Ich freue mich darauf und bin nervös. Ich hoffe, dass meine Kommilitonen wirklich nette Menschen sein werden, dass der Unterricht interessant sein wird und dass es einfach genau das richtige ist. Der Anfang ist immer so schwer... Es ist auf jeden Fall erleichternd zu wissen, dass Gott dabei sein wird und somit eigentlich nichts mehr schiefgehen kann. Zur Sicherheit könnt ihr ja trotzdem noch einmal für den Start beten :) Danke euch!

Sonntag, 28. September 2014

Alpine Abenteuer - Tag 4

Tag 4: 15,3km, 900m hoch, 1220m runter

Als wir aufstanden froren wir wieder einmal wie die Schneider. Aber es war blauer Himmel zu sehen! Zum ersten Mal seit Tagen gab es Fetzen in der Wolkendecke und der Nebelwand.
Mittlerweile routiniert rührten wir unser Essen zusammen und bauten unser Zelt ab. Die Aussicht auf möglicherweise besseres Wetter bescherte uns gute Laune und wir wanderten guten Mutes los.
Tatsächlich dauerte es nicht allzu lange, bis uns die ersten echten Sonnenstrahlen erreichten. Es war eine faszinierende Stimmung zusammen mit dem sich auflösenden Nebel.
Der Tag als der Nebel verschwand
Um die Mittagszeit durften wir einen wunderschönen Weg am Grat entlanglaufen. Es machte so einen Spaß! Wir konnten auch endlich tief hinunter ins Tal blicken und die Aussicht genießen. Dann sahen wir die Passstraße und hörten röhrende Motorräder - Zivilisation. Nach der Abgeschiedenheit der letzten Tage gar nicht so schlecht, wobei sie mich früh genug schon wieder nervte.
Gratwanderung
Im Alpenrosenhof am Penser Joch aßen wir Mittag. Da die Hütte direkt an der Passstraße liegt, kehren dort extrem viele Motorradfahrer ein. Schreckliche Zeitgenossen - sie stolzierten alle in die Gaststätte und waren unglaublich stolz darauf dass sie es auf ihren zwei Rädern dort hoch geschafft hatten. Was ist das denn für eine Leistung?! Uns hat man angesehen, dass wir schon länger draußen unterwegs waren und wir haben unseren Dreck, unsere riesigen Rucksäcke und unsere zig Lagen Klamotten mit Würde getragen und mit ebenso viel Würde unsere verranzten, kaputten Plastikflaschen auf der Toilette wieder mit Trinkwasser aufgefüllt. Über eure Motorräder kann ich doch nur lachen!
Nach dem Mittagessen waren wir extrem müde und glaubten gar nicht, dass wir nochmal in Schwung kommen würden, trotzdem sind wir hinterher nochmal genauso weit gewandert. Wieder am Grat entlang, direkt über der Passstraße. Irgendwann musste ich pinkeln und es war so lustig: hoch oben über allen, gefühlt auf dem Präsentierteller saß ich und sah den Autos und Motorrädern zu. "1000 Meter über allen anderen pinkeln gehen" - hätte ich es nicht schon getan würde ich es auf meine Lebens-To-do-Liste schreiben.
Wir kamen schließlich ziemlich weit oben an zwei Seen an, von denen wir auf der Karte dachten dass sie in einer Gegend seien, wo man gut übernachten kann. Es war allerdings viel zu windig und steinig, sodass wir uns entschlossen, doch noch über den Berg zu wandern und dann den Abstieg hinter uns zu bringen, vor dem ich schon lange Angst hatte. Was folgte, war zunächst das Gerölljoch - ein riesiges Steinfeld an einem Teil des Berges, wo keine Sonne hinkommt. Uns schloss wieder der altbekannte Nebel ein, die Gegend war ohne jedes Leben, wir kletterten lange über Steine scheinbar ohne vorwärts zu kommen. Sogar an einem Schneefeld sind wir vorbeigelaufen. Es war wirklich ungemütlich und da der Nachmittag schon fortgeschritten war machte ich mir langsam Sorgen, ob wir rechtzeitig einen Übernachtungsplatz finden würden. Das Outdoor-Leben hat seinen speziellen Rhythmus: da man vor Einbruch der Dunkelheit alles erledigt haben sollte, drehen sich die Gedanken schon ab drei Uhr nachmittags nur noch um den Schlafplatz. Und weil es ab kurz nach acht stockfinster ist, kommt man auch nicht mehr auf die Idee, um diese Uhrzeit etwas anderes zu tun als zu schlafen.
Als wir das Gerölljoch endlich hinter uns gebracht hatten, wartete der Abstieg, der auch in der Karte nicht mehr als Weg, sondern nur noch als Steig eingezeichnet war. Es war steil und steinig. Mit höchster Konzentration, ganz langsam und vorsichtig wagten wir Schritt für Schritt. Immer wieder verlor man den Halt, man klammerte sich krampfhaft an die großen Steine die wirklich fest und nicht, wie scheinbar alles andere, im rutschen waren. Es war wieder eine Situation, die ich gerne übersprungen hätte, aber auch hier hat Gott uns bewahrt und uns sicher nach unten gebracht. Es war ein erhebendes Gefühl, nach der Steinwelt dort oben wieder grüne Wiesen zu sehen und dann sanft ins Tal abzusteigen. Außerdem ging genau in diesem Moment Max' Schuh kaputt, die Sohle löste sich. Er konnte das Bein beim laufen nur noch hinter sich herziehen. Wie gut, dass es nicht bei dem gefährlichen Abstieg passiert war!
Nach dem schwierigen Abstieg "grüne Auen"
In diesem Tal lagerten wir dann wirklich und verwirrten damit einige Murmeltiere, in deren Gebiet wir ohne zu Fragen eindrangen. Außerdem war es ziemlich schwierig, 2x3 Meter ohne Kuhhaufen zu finden, aber auch das hat mehr oder weniger geklappt. Lediglich das Gefälle war etwas stark, sodass wir in der Nacht ständig auf der Isomatte nach unten rutschten, man durfte sich mal wieder nicht bewegen. Aber da unsere Ansprüche an einen Übernachtungsplatz sehr gesunken waren war das alles nicht mehr so schlimm.
An diesem Abend habe ich mich in dem Gebirgsbach gewaschen, der da vorbeifloss. Er war so eiskalt, dass ich meine Beine gar nicht mehr gespürt habe als ich drin stand, und den Kopf unter das fließende Wasser zu halten war eine echte Überwindung. Aber hinterher war mir wohlig warm und ich stolz wie Bolle. "Waschen in einem Gebirgsbach": abgehakt!
Nach unserem altbekannten Müsli-Babybrei-Misch, der mittlerweile nicht mehr auf ganz so viel Begeisterung stieß (bei mir schon!) betteten wir uns zur Ruhe und genossen den letzten Abend im Freien.

Samstag, 27. September 2014

Alpine Abenteuer - Tag 3

Tag 3: 12,3km, 870m hoch, 790m runter

Schon den ganzen vorherigen Nachmittag hatte ich mich auf das kommende Frühstück gefreut. Es war streng von 7:30 Uhr bis 8:00 Uhr terminiert, und so stand ich um viertel acht ungeduldig vor der Tür des Frühstücksraums. Ich finde das Frühstück ist einfach die beste Mahlzeit des Tages!
Dann durften wir es uns auch wirklich schmecken lassen. Jeder bekam ein Brötchen und zwei Scheiben (wahrscheinlich selbstgebackenes) Brot, das unglaublich lecker war. Dazu Aufschnitt und Marmelade, Honig und Südtiroler Nutella-Verschnitt. Für die ganz scham- und skrupellosen (also mich) stand zusätzlich auch noch Müsli und Cornflakes bereit. Zu trinken gab es warme Milch, die im Kaffee-Automat auch noch aufgeschäumt wurde. Traumhaft, dieser Milchschaum!!
Außerdem durften wir uns noch einen knackig grünen Apfel mitnehmen, endlich wieder etwas Frisches.
Dann packten wir alle unsere Sachen wieder ein, die wirklich trocken geworden waren. Als ein fetter Weberknecht über den Boden stolzierte, wusste Timon auch, was ihm in der Nacht die Beine hoch und runter gekrabbelt war.
Dann ging es los - wieder in dickem Nebel, aber in bester Stimmung.
Es ging zunächst ziemlich bergab und der Weg war sehr steinig und schmal. Dadurch, dass alles so feucht war, hatte man kaum Halt. Durch den Nebel konnten wir wenigstens netterweise nicht sehen, wie tief es den Abhang neben uns hinunterging. Wie in den letzten Tagen wanderten wir in kompletter Einsamkeit und trafen keinen Menschen. Die Gegend war karg, die Baumgrenze hatten wir schon am ersten Tag überschritten.
Ich mochte dieses stille, gedankenlose Wandern total. Nichts hat einen abgelenkt, man konnte nachdenken oder auch nicht. Man war immer in Bewegung, ist einfach gelaufen und gelaufen. Man musste nichts anderes tun. Es war kühl, aber spätestens nach dem nächsten Aufstieg war der Körper wieder gut gewärmt. Ganz von allein, ohne die Hilfe von irgendwelchen Heizungen o.ä. Es war so unglaublich still, der Nebel hat alles gedämpft. Wir dachten nur von Wegmarkierung zu Wegmarkierung.

Nur der Berg und wir
Alles ist feucht und kühl
Schließlich kamen wir an eine etwas heiklere Stelle, der einzige auf der ganzen Wanderung an der am Rand ein Seil gespannt war. Ich glaubte erst nicht, dass wir da wirklich hinüber kommen würden, aber es gab ja keinen anderen Weg. Also hangelten wir uns vorsichtig über die rutschigen Steine, die auch noch sehr steil waren, am Abhang entlang. Es hat funktioniert, niemand hat sich etwas getan - und weiter gehts.

Riskante Kletterei
Dass an diesem Tag überhaupt nichts passiert ist, sich nicht mal jemand von uns den Knöchel verstaucht hat, ist für mich ein echtes Wunder. Wir wanderten kilometerweit über Steinfelder, wo man bei jedem Stein erst wenn man darauf steht feststellt, ob er locker ist oder nicht. Außerdem waren die meisten mit gelbem Moos überzogen, die sie wahnsinnig rutschig machten. Aber es ging alles gut.
Inmitten dieses Steinfelds kamen wir dann an einer Metallplatte vorbei, die an jemanden erinnerte, der dort verstorben war. Es war ein unheimlicher Moment, verstärkt durch diesen Nebel und die Stille.
Wir befanden uns auf 2500m Höhe und am Nachnmittag kamen wir an die Flaggerscharten-Hütte, die nur per Hubschrauber beliefert werden kann. Wir hatten schon lange überlegt, ob wir uns wieder eine Übernachtung im Lager leisten sollten oder es uns sparen könnten. Es war eine sehr alpine Gegend, und das Thermometer an der Hütte zeigte 4 Grad an. Keine idealen Bedingungen um zu zelten, und die vorletzte Nacht war uns noch in schlimmer Erinnerung.
Wir beschlossen, erst einmal nach dem Preis zu fragen. Mit Studentenrabatt betrug der 40€ - ganz schön viel. Wir gingen wieder vor die Tür und beratschlagten uns. Da kam die Wirtin heraus zu uns und lud uns erstens ein, uns drinnen zu beratschlagen, und bot uns zweitens an, vor der Hütte zelten zu dürfen, falls wir das wollten. Es war eine richtig freundliche, junge Frau, die ganz begeistert davon war, dass immer mehr Leute in den Bergen zelten. Als wir sagten, dass wir möglicherweise auch noch ein bis zwei Stunden laufen würden, beschrieb sie uns sofort eine Gegend, die ideal zum zelten sei, mit Wasserbächen und ebenen Flächen.
Von ihr so ermutigt, entschieden wir uns also für eine weitere Nacht im Freien. Für den tollen Tipp aßen wir noch etwas in der urigen, gemütlichen Hütte und wärmten uns auf. Es gab eine Pfanne Apfelschmarrn für uns alle, für den wir am Ende auch noch einen "guten Preis" von der Wirtin, nämlich gerade einmal 15€ für alles bezahlten. Beschwingt von der Freundlichkeit dieser Wirtin machten wir uns wieder auf. Wir hatten eine weitere Scharte zu bezwingen, über einen sehr schmalen Weg aus rutschender Erde. Es war meistens nicht viel mehr als ein Absatz am Hang, gerade breit genug um kurz darauf zu treten.
Auf der Spitze begegneten wir dann einer kompletten Schulklasse - glücklicherweise dort oben, wo wir eine Weile ausweichen konnten! Schnaufend passierten uns die ca. 17-18 Jährigen, wobei sich einer ihrer Lehrer wunderte, warum wir noch so spät in dieser Gegend unterwegs seien, wo doch in der Richtung so bald keine Hütte komme, und eine andere Lehrerin uns fragte, warum wir so blöd da rum stehen, bis ihr aufging, dass wir gar nicht zu ihrer Gruppe dazugehörten.
Danach ging es ein gutes Stück abwärts, bis wir dorthin kamen, wo wir unser Lager aufschlagen wollten. Wir waren immerhin nur noch auf 2300m Höhe, trotzdem noch ganz schön viel zum Übernachten im Freien. Aber es war tatsächlich eine ideale Stelle.

Zwischen zwei Bächen ein schöner Platz zum Lagern
Die zweite Konstruktion, eine umfassende Verbesserung
Wir bauten wieder die Plane auf und hatten diesmal aus unseren Fehlern gelernt. Was wir an diesem Nachmittag aufbauten, hielt tatsächlich so die ganze Nacht, und auch wenn wir die Plane in den Gesichtern hängen hatten weil es nach hinten ganz schön tief wurde, habe ich mich wesentlich geschützter und besser gefühlt als in der ersten Nacht. Es war wieder enorm kalt, aber mit zwei T-Shirts, einem dünnen und einem dicken Pullover habe ich es im Schlafsack gut ausgehalten. In dieser Nacht regnete es nur wenig und auch der Wind hielt sich in Grenzen. Endlich erfolgreich draußen geschlafen!