Samstag, 27. September 2014

Alpine Abenteuer - Tag 3

Tag 3: 12,3km, 870m hoch, 790m runter

Schon den ganzen vorherigen Nachmittag hatte ich mich auf das kommende Frühstück gefreut. Es war streng von 7:30 Uhr bis 8:00 Uhr terminiert, und so stand ich um viertel acht ungeduldig vor der Tür des Frühstücksraums. Ich finde das Frühstück ist einfach die beste Mahlzeit des Tages!
Dann durften wir es uns auch wirklich schmecken lassen. Jeder bekam ein Brötchen und zwei Scheiben (wahrscheinlich selbstgebackenes) Brot, das unglaublich lecker war. Dazu Aufschnitt und Marmelade, Honig und Südtiroler Nutella-Verschnitt. Für die ganz scham- und skrupellosen (also mich) stand zusätzlich auch noch Müsli und Cornflakes bereit. Zu trinken gab es warme Milch, die im Kaffee-Automat auch noch aufgeschäumt wurde. Traumhaft, dieser Milchschaum!!
Außerdem durften wir uns noch einen knackig grünen Apfel mitnehmen, endlich wieder etwas Frisches.
Dann packten wir alle unsere Sachen wieder ein, die wirklich trocken geworden waren. Als ein fetter Weberknecht über den Boden stolzierte, wusste Timon auch, was ihm in der Nacht die Beine hoch und runter gekrabbelt war.
Dann ging es los - wieder in dickem Nebel, aber in bester Stimmung.
Es ging zunächst ziemlich bergab und der Weg war sehr steinig und schmal. Dadurch, dass alles so feucht war, hatte man kaum Halt. Durch den Nebel konnten wir wenigstens netterweise nicht sehen, wie tief es den Abhang neben uns hinunterging. Wie in den letzten Tagen wanderten wir in kompletter Einsamkeit und trafen keinen Menschen. Die Gegend war karg, die Baumgrenze hatten wir schon am ersten Tag überschritten.
Ich mochte dieses stille, gedankenlose Wandern total. Nichts hat einen abgelenkt, man konnte nachdenken oder auch nicht. Man war immer in Bewegung, ist einfach gelaufen und gelaufen. Man musste nichts anderes tun. Es war kühl, aber spätestens nach dem nächsten Aufstieg war der Körper wieder gut gewärmt. Ganz von allein, ohne die Hilfe von irgendwelchen Heizungen o.ä. Es war so unglaublich still, der Nebel hat alles gedämpft. Wir dachten nur von Wegmarkierung zu Wegmarkierung.

Nur der Berg und wir
Alles ist feucht und kühl
Schließlich kamen wir an eine etwas heiklere Stelle, der einzige auf der ganzen Wanderung an der am Rand ein Seil gespannt war. Ich glaubte erst nicht, dass wir da wirklich hinüber kommen würden, aber es gab ja keinen anderen Weg. Also hangelten wir uns vorsichtig über die rutschigen Steine, die auch noch sehr steil waren, am Abhang entlang. Es hat funktioniert, niemand hat sich etwas getan - und weiter gehts.

Riskante Kletterei
Dass an diesem Tag überhaupt nichts passiert ist, sich nicht mal jemand von uns den Knöchel verstaucht hat, ist für mich ein echtes Wunder. Wir wanderten kilometerweit über Steinfelder, wo man bei jedem Stein erst wenn man darauf steht feststellt, ob er locker ist oder nicht. Außerdem waren die meisten mit gelbem Moos überzogen, die sie wahnsinnig rutschig machten. Aber es ging alles gut.
Inmitten dieses Steinfelds kamen wir dann an einer Metallplatte vorbei, die an jemanden erinnerte, der dort verstorben war. Es war ein unheimlicher Moment, verstärkt durch diesen Nebel und die Stille.
Wir befanden uns auf 2500m Höhe und am Nachnmittag kamen wir an die Flaggerscharten-Hütte, die nur per Hubschrauber beliefert werden kann. Wir hatten schon lange überlegt, ob wir uns wieder eine Übernachtung im Lager leisten sollten oder es uns sparen könnten. Es war eine sehr alpine Gegend, und das Thermometer an der Hütte zeigte 4 Grad an. Keine idealen Bedingungen um zu zelten, und die vorletzte Nacht war uns noch in schlimmer Erinnerung.
Wir beschlossen, erst einmal nach dem Preis zu fragen. Mit Studentenrabatt betrug der 40€ - ganz schön viel. Wir gingen wieder vor die Tür und beratschlagten uns. Da kam die Wirtin heraus zu uns und lud uns erstens ein, uns drinnen zu beratschlagen, und bot uns zweitens an, vor der Hütte zelten zu dürfen, falls wir das wollten. Es war eine richtig freundliche, junge Frau, die ganz begeistert davon war, dass immer mehr Leute in den Bergen zelten. Als wir sagten, dass wir möglicherweise auch noch ein bis zwei Stunden laufen würden, beschrieb sie uns sofort eine Gegend, die ideal zum zelten sei, mit Wasserbächen und ebenen Flächen.
Von ihr so ermutigt, entschieden wir uns also für eine weitere Nacht im Freien. Für den tollen Tipp aßen wir noch etwas in der urigen, gemütlichen Hütte und wärmten uns auf. Es gab eine Pfanne Apfelschmarrn für uns alle, für den wir am Ende auch noch einen "guten Preis" von der Wirtin, nämlich gerade einmal 15€ für alles bezahlten. Beschwingt von der Freundlichkeit dieser Wirtin machten wir uns wieder auf. Wir hatten eine weitere Scharte zu bezwingen, über einen sehr schmalen Weg aus rutschender Erde. Es war meistens nicht viel mehr als ein Absatz am Hang, gerade breit genug um kurz darauf zu treten.
Auf der Spitze begegneten wir dann einer kompletten Schulklasse - glücklicherweise dort oben, wo wir eine Weile ausweichen konnten! Schnaufend passierten uns die ca. 17-18 Jährigen, wobei sich einer ihrer Lehrer wunderte, warum wir noch so spät in dieser Gegend unterwegs seien, wo doch in der Richtung so bald keine Hütte komme, und eine andere Lehrerin uns fragte, warum wir so blöd da rum stehen, bis ihr aufging, dass wir gar nicht zu ihrer Gruppe dazugehörten.
Danach ging es ein gutes Stück abwärts, bis wir dorthin kamen, wo wir unser Lager aufschlagen wollten. Wir waren immerhin nur noch auf 2300m Höhe, trotzdem noch ganz schön viel zum Übernachten im Freien. Aber es war tatsächlich eine ideale Stelle.

Zwischen zwei Bächen ein schöner Platz zum Lagern
Die zweite Konstruktion, eine umfassende Verbesserung
Wir bauten wieder die Plane auf und hatten diesmal aus unseren Fehlern gelernt. Was wir an diesem Nachmittag aufbauten, hielt tatsächlich so die ganze Nacht, und auch wenn wir die Plane in den Gesichtern hängen hatten weil es nach hinten ganz schön tief wurde, habe ich mich wesentlich geschützter und besser gefühlt als in der ersten Nacht. Es war wieder enorm kalt, aber mit zwei T-Shirts, einem dünnen und einem dicken Pullover habe ich es im Schlafsack gut ausgehalten. In dieser Nacht regnete es nur wenig und auch der Wind hielt sich in Grenzen. Endlich erfolgreich draußen geschlafen!

Freitag, 26. September 2014

Alpine Abenteuer - Tag 2

Tag 2: 12,1km, 510m hoch, 430m runter

Endlich war es wieder hell. Uns war eisekalt. Es war nur Nebel zu sehen. Alles war feucht oder zumindest klamm. Die Knochen taten weh, von der vorherigen Tour und den unbequemen Schlafpositionen. Wir waren müde. Ziemlich wortlos brachten wir all unsere Sachen in die Kapelle und bereiteten sie da notdürftig zum Trocknen aus. In der Kapelle war Bauschutt, und alles war bald von einer weißen, hartnäckig klebenden Dreckschicht überzogen. Bei jedem Griff taten die kalten Finger weh. Wir rührten uns unser Essen zusammen* und schlangen es missmutig hinunter.
Keiner sagte etwas, aber hätte einer angefangen und ausgesprochen was alle dachten, nämlich dass niemand mehr Lust auf die Tour hat, hätten wir sicherlich abgebrochen. So aber packten wir nach einer halben Stunde alles zusammen, natürlich war noch nichts getrocknet, und brachen auf. Die nächste Etappe, und lieber nicht zu genau nachdenken über den Abend! Vielleicht kann man ja auf einer Hütte übernachten.
Es war den ganzen Tag neblig und ging ziemlich eben auf einem breiten Wanderweg entlang. Langweilig! Wir hatten keine gute Laune. Unser Mittagessen aßen wir irgendwann schnell im Stehen am Weg, weil alles nass war und man sich nirgendwo hinsetzen konnte. Immerhin wurde uns beim Laufen wieder einigermaßen warm, ein schönes Gefühl.
Ziemlich eintöniger Weg
Am Schluß ging es noch einmal ein bisschen aufwärts
 Am Nachmittag kamen wir an der Latzfonser Kreuz-Hütte an, die auf 2300m neben einer Kirche, dem höchsten Wallfahrtsort in Europa, liegt. Wir hatten uns mittlerweile entschieden, uns diese eine Nacht auf der Hütte zu gönnen, auch wenn es teurer werden würde als vorher kalkuliert. 24€ für eine Übernachtung mit Frühstück sind ja aber auch noch vertretbar. Und es war so gut investiertes Geld!
Schutzhütte am Latzfonser Kreuz
Etwas zaghaft kamen wir dort an und fragten, ob noch drei Betten im Matratzenlager frei seien. Ja!
Und so genoßen wir in den kommenden Stunden ungeahnten Luxus. Es war warm, es war trocken. Wir hatten drei Betten in einer Ecke des Lagers, und alle anderen Betten um uns herum blieben für diese Nacht auch frei. Also hatten wir Ruhe. Außerdem echte Toiletten, und Waschbecken mit fließendem Wasser. Wir konnten uns waschen!! Meine Freude über diese Waschbecken kannte kaum Grenzen. Ich wusch erst mich, dann meine Kleidung, dann meine Haare. Und dann hingen wir alles an Wäscheleinen und -ständern auf. Es war überragend! Alle Probleme, die im Laufe der letzten Nacht entstanden waren und uns so sehr aufs Gemüt drückten, wurden gelöst.

Im Matratzenlager - Alle Wäscheleinen wurden ausgenutzt
Am Abend ließen sich die Jungs auch noch einen Nudelteller schmecken, ein weiterer Stimmungsaufheller. Dann spielten wir ganz gemütlich Karten auf unseren Betten, ohne Angst vor Wind und Regen haben zu müssen. Normalerweise hätten wir vom Latzfonser Kreuz auch eine großartige Aussicht haben können und sogar die Dolomiten sehen sollen, aber das blieb uns durch den Nebel verwehrt. Mir machte das nichts mehr aus, ich war selig. Gegen Abend kam eine Wandergruppe von Frauen an, die auch im Lager schliefen. Aber sie waren so mucksmäuschenstill, niemand hat geschnarcht oder auch nur laut geatmet! Ich habe herrlich geschlafen.

*Das Essen:

Eine Wanderung ist eine besondere Herausforderung an den Körper. Man benötigt enorm viel Energie. Da man aber alles Essen tragen können muss, benötigt man Nahrungsmittel, die sehr energiereich (viele Kohlenhydrate!) sind, nicht so schnell verderben und nebenbei noch möglichst leicht sind.Weil wir kein Kochgeschirr mitschleppen konnten, musste sich alles auch kalt zubereiten lassen.
Ideal sind Haferflocken/Müsli, Vollkornbrot, Müsli-Riegel, Nüsse, Trockenfrüchte.
Wir haben uns ein etwas eigenes Menü zusammengestellt: jeder hatte eine fette Tüte Müsli dabei, das wir mit Babybrei aus Pulver gelöffelt haben. Babybrei, weil Milchpulver so teuer ist und auch nicht unbedingt gut schmeckt, außerdem ist viel Zucker im Brei und es gibt eine Menge unterschiedlicher Sorten. Ich fand diese Kombination richtig lecker, die anderen konnten sie gegen Ende der Wanderung  nicht mehr sehen.

Anrühren des Babybreipulvers mit Wasser - eine echte Wissenschaft, um die richtige Konsistenz zu finden!
Zusammen mit Müsli eine, wie ich finde, schmackhafte Mahlzeit. Die Meinungen gehen auseinander.
Timon hatte außerdem Vollkornbrot und ein Stück Käse dabei, darauf war Max irgendwann sehr neidisch. Als Energielieferant in kleineren Pausen haben sich die Müsli-Riegel sehr bewährt, die jeder dabei hatte. Genauso wie kleine Salamis, die nicht gekühlt werden müssen. Eine Magnesium-Tablette am Tag hat die Nährstoffzufuhr abgerundet.

Donnerstag, 25. September 2014

Alpine Abenteuer - Tag 1

Es fing alles an einem Küchentisch an, kurz bevor ich losmusste, aber nicht so kurz als dass man nicht noch ein bisschen hätte plaudern können. Warum auch immer, aber man kam auf das Reisen, und ständig fiel der Satzteil "man müsste echt mal...". Wir träumten von Roadtrips, einer Tour per Anhalter, Wanderurlauben. Osteuropa, Finnland, Norwegen, dem Süden...
Diese "Spinnereien" wurden im Laufe der folgenden Wochen und Monate zu einem handfesten Plan. Aus Norwegen wurde über Kroatien Südtirol. Aus dem Roadtrip eine Wandertour. Aus "man könnte mal" wurde "wir machen".
Und so können mein Cousin Timon, mein Bruder Max und ich jetzt mit Stolz auf ein echtes Abenteuer zurückblicken. In 5 Tagen sind wir 60 Kilometer auf der Hufeisentour in den Sarntaler Alpen gewandert, haben dabei jeweils 12-15 Kilo schwere Rucksäcke mit uns getragen, hauptsächlich im Freien übernachtet und Wind und Wetter getrotzt, die es wirklich nicht gut mit uns meinten. Es war eine Herausforderung, und oft hatten wir das Gefühl, an unsere Grenzen zu stoßen. Und das ist für mich die vielleicht größte Erkenntnis: auch bei Kälte, Nässe, Erschöpfung, dickstem Nebel, schmalen Steigen und schwindelerregend tiefen Abgründen geht es weiter. Wenn man wieder vor einem scheinbar unüberwindlichen Wegstückchen steht, mit Gottes Hilfe und Bewahrung kann ich es gehen und hinterher sogar darüber lachen, wie die Definition von "Wanderweg" immer weiter abbaut.
Es war teilweise wirklich gefährlich und wir sind dankbar dafür, dass viele Menschen an uns gedacht und für uns gebetet haben. Und dass unsere Eltern erst jetzt sehen, wo wir langgeklettert sind :) (oder auch gar nicht, weil man in entsprechender Situation nicht unbedingt ans Fotografieren denkt)

Tag 1: 11,3km, 1600m hoch, 410m hinunter


Nach 15-stündiger Reise am Vortag mit Bus und Bahn nach Südtirol standen mein Cousin Timon, mein Bruder Max und ich also vorletzten Dienstag vor dem Berg, den wir an diesem Tag erklimmen wollten. Das Wetter war herrlich und auch die ganze letzte Woche so gewesen, wir waren gut gelaunt, beinahe ausgeschlafen und verdrängten das Gefühl kommender Schmerzen, das die eben erst aufgesetzten Rucksäcke schon verursachten. Nach wochen- und monatelangem Planen waren wir ziemlich sicher, alles eingepackt zu haben und gerüstet zu sein für das Outdoor-Erlebnis.

Mit roher Gewalt gingen die vollgestopften Rucksäcke auch zu

1500 Höhenmeter standen an diesem Tag auf dem Programm und voller Tatendrang packten wir es an. Dabei lief uns der Schweiß schon nach wenigen Minuten in Strömen über das Gesicht. Ich mag das, wenn man spürt, dass man richtig was tut und sich anstrengt. Auf den Schweiß folgte bald der Geruch, der uns die nächsten Tage kaum noch von der Seite weichen sollte. Zum Glück trifft man in dieser einsamen Bergwelt kaum mal einen Menschen!

Zunächst ging es noch durch grüne Wälder
Schließlich wurde es steiniger
Bis wir über echte Geröllfelder kletterten
Wie auf dem Wegweiser prophezeit, dauerte es tatsächlich gute 4 Stunden, bis wir oben waren. Was für ein Gefühl, am Morgen noch vor diesem riesigen Massiv zu stehen und am Nachmittag von oben herunter zu schauen! Wobei wir beim Herunterschauen nicht so sehr viel sahen, es herrschte dicker Nebel, nachdem wir auf dem Weg schon von einem Regen- und einem Hagelschauer überrascht wurden.

Die Nebelwand kam schnell und gründlich
Die letzten Meter zum Gipfelkreuz
Oben angelangt zu sein, reichte uns nicht. Wir wanderten noch zwei Stunden weiter, ehe wir uns neben einer kleinen Kapelle, die gerade umgebaut wurde, unseren ersten Schlafplatz im Freien suchten.

Hinter dieser Kapelle lagerten wir
Es fühlte sich komisch an, einfach eine Plane mitten auf dem Berg aufzubauen und nun darunter schlafen zu wollen. Außerdem fing es an zu regnen, und wie schon seit einiger Zeit war von fern Donnergrollen zu hören. Unheimlich! Trotzdem waren wir, als wir endlich fertig organisiert und nicht gesättigt, aber auch nicht mehr hungrig, in unseren Schlafsäcken eingemummelt da lagen, richtig guter Dinge. Wenn wir gewusst hätten...!
Als es dunkel war, fing es richtig an zu regnen. Und wurde immer schlimmer. Es prasselte auf unsere Plane, dass an Schlaf überhaupt nicht zu denken war. Der Wind pfiff durch unsere Konstruktion hindurch, sodass alles was nicht in den Schlafsack passte erbärmlich fror. Blitze zuckten über den Himmel, und auch wenn das Gewitter weit weg zu sein schien, bereitete mir das am meisten Sorge. Was machen wir, wenn das Gewitter näher kommt? Wir haben keinen Ort, wo wir hingehen können, auch die Kapelle besitzt keinen Blitzableiter. Ich wünschte mir nur sehnlichst den nächsten Morgen herbei, dabei war es nicht mal 22 Uhr und das Schlimmste kam erst noch.
So richtig lustig wurde es einige Zeit später, als wir langsam mitbekamen, dass die Rettungsdecken, auf denen unsere Isomatten lagen, komplett nass waren. Da wir am Hang lagen, blieb es nicht dabei - regelrechte Bäche floßen über die Rettungsdecken, unter unseren Isomatten auf unsere am Fußende gelagerten Rucksäcke. Probeweises Testfühlen bestätigte schlimmste Befürchtungen: es war einfach alles komplett durchgeweicht. Wechselklamotten, Portemonnaie und Handy, ALLES! Der Stolz über den erklommenen Berg und die Abenteuerlust waren komplett verraucht und die Laune am Tiefpunkt. Hätte ich nichts anderes zu tun gehabt und Strichliste über die im Laufe der Nacht laut oder leise von sich gegebenen "Scheiße!" geführt, ich wäre sicherlich auf erstaunliche Ergebnisse gekommen.
Es schlief niemand von uns, jeder versuchte, so viel zu retten wie möglich war oder sich einfach überhaupt nicht mehr zu bewegen, damit wenigstens das Stückchen Isomatte unter dem Rücken das noch trocken war auch trocken blieb. Timon gab das Liegen irgendwann ganz auf und saß nur noch. Ich musste dringend aufs Klo und fand keinen Moment, in dem es mal nicht so stark regnete und ich hätte rausgehen können. Man hatte schlimme Krämpfe in den Beinen, weil man so stocksteif da lag und die Position kaum verändern durfte. Ich hatte Angst um meine Kamera und legte sie auf die Isomatte, sodass ich selbst zum Teil im Wasser lag.
Es war noch nicht genug. Das dröhnende Geräusch eines über dem Tal kreisenden, suchenden Hubschraubers war Anlass zur nächsten Panikattacke: wir waren am Abend noch schnell hinunter auf eine Alm gewandert und hatten unser Trinkwasser aufgefüllt. Die dortige Wirtin hatte uns besorgt gefragt, ob wir uns denn verlaufen hätten. Wir sagten "Ne!" und gingen wieder zurück auf den Berg. Wir malten uns erschreckt aus wie die Wirtin die Bergwacht anruft weil sie drei unerfahrene Jugendliche bei Gewitter in eine Richtung hat gehen sehen, in der lange Zeit nichts mehr kommen würde. Suchen die uns? Gibt es gleich mächtig Ärger?
Es dauerte lange, bis der Hubschrauber abdrehte und wir uns beruhigen konnten. Hätten sie wirklich uns gesucht, hätten sie uns schon lange gefunden. Und so lagen wir wieder da, in der Dunkelheit, der Regen tropfte auf die Plane, alles was wir anfassten war feucht und das war gerade erst der Anfang unserer Tour. Ich glaube wir alle waren uns insgeheim in diesem Moment sicher, dass es so definitiv nicht weitergehen würde und wir am nächsten Tag absteigen ins Tal. Es würde zwar schmachvoll sein, aber noch so eine Nacht hält keiner von uns aus.
Dabei hat die verzweifelte Frage "Timon, wie spät ist es??" immer noch gerademal ein "halb zwei!" ergeben. Wir versuchten, doch zu schlafen. Nickten kurz ein. Bis der Wind kam.
Es war unglaublich laut, er peitschte gegen unsere Plane. Es knatterte und krachte - bis wir irgendwann plötzlich im Freien lagen. Die Plane lag vor unseren Füßen und wir im Regen! Wir versuchten, unsere Konstruktion wieder aufzubauen, begleitet von vielen weiteren "Scheiße!", die Ausdruck unserer abgrundtiefen Verzweiflung waren.
Dann stand wieder alles, wir stiegen umständlich in unsere Schlafsäcke ein und hofften. Dass der Wind aufhören würde, der Regen, wir schlafen könnten, endlich Morgen sein würde, das durch die Nässe nichts kaputt gegangen war...
Der Wind nahm nicht ab, aber die Jungs dachten sich eine neue, robustere Variante unseres Zelts aus und bauten es um 4 Uhr nachts noch einmal um. Barfuß, im Regen. Und es war so kalt! 
Wir dachten nur daran, so schnell wie möglich von dem Berg herunterzukommen, alles zu trocknen und sauberzumachen, uns satt zu essen und endlich aufzuwärmen. Was für eine Scheiß-Idee, im Freien auf dem Berg zu schlafen!!!

Unser "Zelt", getestet und für unterirdisch schlecht befunden. © Timon

Dienstag, 5. August 2014

Helfen ist einfach!

Endlich möchte ich euch mal etwas über die Organisation erzählen, in der ich seit April regelmäßig mithelfen darf - der Berliner Obdachlosenhilfe. Von jeder Hilfstour komme ich tief beeindruckt, bewegt, neu ausgerichtet und meistens glücklich nach Hause und kann diese ganzen Gefühle kaum in Worte fassen. Dass ich es doch einmal tue ist lange überflüssig, denn das alles für mich zu behalten kann ich noch weniger.

Die Berliner Obdachlosenhilfe ist eine Gruppe von Menschen, die es sich seit September letzten Jahres zur Aufgabe gemacht hat, in wöchentlich dreimal stattfindenden Hilfstouren Obdachlosen und anderen Bedürftigen ein gutes Essen und Kleidung zukommen zu lassen. Ganz einfach! So auch das Motto: "Helfen ist einfach". Und das ist es wirklich, sobald man seine eigenen Bequemlichkeiten und Ausreden überwunden hat. Man braucht keine Vorkenntnisse, keine besonderen Gaben, kein Geld, keine Bürokratie. Man geht hin und macht.

Eine Tour beginnt um 14 Uhr in dem seit einigen Wochen angemieteten Laden. Meistens werden ein Obst- und ein grüner Salat geschnitten, Brötchen und Süßteile geschmiert und verpackt, eine warme Mahlzeit gekocht und zwei Tüten Kleidung vorbereitet.
Das Besondere an der Obdachlosenhilfe ist, dass sie auf einer weiteren guten Sache basieren: Foodsharing. Beinahe alle Lebensmittel, die verwendet werden, sind von Betrieben aussortierte Sachen, die andernfalls im Müll gelandet wären. Es ist unglaublich, was da jede Woche an Obst, Gemüse, Backwaren und anderem zusammenkommt! Und es sind natürlich keine schlechten Lebensmittel. Meistens muss nur wenig aussortiert werden, der Rest wird zu köstlichen Mahlzeiten verarbeitet. Es sind erstklassige Menüs, die da auf die Beine gestellt werden. Spinat, Kartoffeln und Würstchen beispielsweise. Oder Reis mit Hähnchengeschnetzeltem und Gemüse. Oder Chili con Carne. Oder (kalter) Kartoffelsalat mit Buletten, als es einmal besonders warm war. Der Küchenchef geht da sehr kreativ mit dem um, was er bekommt. Wenn es x Kilo Gehacktes sind, brutzelt er eben in stundenlanger Arbeit Hunderte von Buletten (in kleinen Pfannen auf zwei kleinen Herdplatten). Improvisiert wird immer irgendwie, aber es riecht auch immer irgendwie gut in der Küche. Und gelobt wird das Essen jedes Mal.

Die Menschen, die die Berliner Obdachlosenhilfe ins Leben gerufen haben und dafür sorgen, dass wirklich Woche um Woche die drei Termine am Mittwoch, Samstag und Sonntag stattfinden damit sich die Gäste darauf einstellen können, beeindrucken mich jedes Mal. Es sind keine Christen. Sie tun das alles aus echter Nächstenliebe und für die Menschen auf der Straße. Ich weiß, dass das was ich tue, von Gott registriert wird, und dass er sich darüber freut. Sie aber haben diese Sicherheit nicht, kaum jemand sieht, womit sie die Stunden nach Feierabend oder am Wochenende verbringen. Sie haben keine Gegenleistung zu erwarten, und trotzdem kommen sie, manche dreimal in der Woche. Das beschämt mich, denn irgendwie kommt mir ihre Motivation dadurch reiner und sie selbstloser vor, als ich das schaffe. Es ist auf jeden Fall ein Ansporn.
Geschätzt ein Dreiviertel sind übrigens Jugendliche in meinem Alter. Viele kommen mit Freunden und haben mächtig Spaß während der Touren. Helfen muss nicht ätzend und anstrengend sein! Es sind eigentlich jedes Mal wieder neue Leute dabei. Es ist erstaunlich zu sehen, wie hoch die Bereitschaft unter Jugendlichen ist, zu helfen. Wenn ich dann manchmal ältere Menschen über "die Jugend", verdorben von Internet und Medien, faul und rücksichtslos, herziehen höre, ärgert mich das dann schon extrem. Aber das ist ein anderes Thema...

Station Alexanderplatz, das "Buffet" wird aufgebaut
Um ca. 17:30 Uhr werden dann die Autos bepackt und es geht los an den Leopoldplatz. Es wird immer gesagt, dies sei die härteste Station, aber ich habe noch nie etwas Schlimmes erlebt und mir wurde noch nichts geklaut. Die meisten der Gäste dort sind drogenabhängig und manchmal aggressiv. Aber Streitigkeiten die aufkommen wenn wir da sind werden schnell untereinander geklärt um uns nicht vom Wiederkommen abzuhalten. Wie an allen Stationen sind die Nationalitäten bunt gemischt, und es finden sich Menschen von ca. 18 bis um die 60 Jahre. Manchen sieht man sofort an, wo sie stehen, andere erscheinen gepflegt und ordentlich und sind doch bedürftig. Dankbar für die Mahlzeit sind alle, und das ist wieder etwas, was ich total beeindruckend finde. Wie oft sagen wir schon bewusst denen, die unser Essen bis zu vier Mal am Tag bereiten, "Danke"? Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, muss ich sagen selten bis gar nicht. Worte der Kritik gehen so viel schneller und leichter von der Zunge..
Manche Obdachlose hören gar nicht auf, sich zu bedanken. Ihre Augen funkeln, sie sagen einem immer wieder, wie toll das ist, dass man diese Arbeit tue, manche umarmen einen sogar. Es ist doch nur ein Essen?
Nein, ich glaube nicht. Mindestens genauso wichtig ist die Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die ihnen entgegengebracht wird. Wir unterhalten uns, diskutieren manchmal, gehen einfach nicht auf Abstand, auch wenn sie sich ständig am Kopf kratzen, stinken oder offene Wunden haben. Das ist anfangs nicht so ganz leicht, aber man kann ja hinterher duschen und außerdem geht ständig eine Desinfektionsflasche herum.Wichtig ist, dass unter der Dreckschicht der Mensch gesehen und respektiert wird.

Nach dem Leopoldplatz kommt der Alexanderplatz. Hier sind vor allem polnische Gastarbeiter anzutreffen, meistens gut gelaunt und zu Späßen aufgelegt. Manchmal, wenn auch selten, nähern sich auch Touristen oder Passanten und fragen nach, wer wir sind und was wir da machen. Für diesen Zweck gibt es eine kleine Dosen, in die spontane Spenden eingeworfen werden können. Sie steht immer neben dem Essen und hat mir schon manche "Wow!"-Momente beschert. Nämlich dann, wenn einer unsere Gäste ein paar letzte Cents aus seinem abgegriffenen Portemonnaie kramt und da rein steckt. Erinnert mich an die Witwe aus der Bibel... Diese paar Cents sind so viel wert.

Nach dem Alexanderplatz kommt das Kottbusser Tor. Auch hier finden sich vor allem Drogenabhängige. Was hier besonders ist: mindestens jede dritte Tour wird am Kottbusser Tor durch eine Demonstration zumindest kurzzeitig gestört. Wenn dann erst Unmengen an Polizeiwagen vorbeifahren und danach die Demonstranten vorbeimarschieren, ist bei uns Ebbe. Aber meistens hat der Spuk schnell ein Ende und es finden sich hinterher wieder viele Abnehmer für das gute Essen.
Manchmal haben wir an dieser Station nur noch sehr wenig zur Verfügung, manchmal ist noch sehr viel übrig. Es schwankt stark, aber generell lässt sich durch den Verbrauch der Pappschüsseln usw. sagen, dass bei jeder Tour weit über 100 bedürftige Menschen satt gemacht werden. Sind am Kotti Reste übrig, werden die auch noch weiterverteilt, wohin wird spontan entschieden.

Und dann ist die Tour gegen 22 Uhr zu Ende. Man ist müde, aber irgendwie glücklich. Und wenn man seine Haustür aufschließt, kann man das einmal mehr wertschätzen und wirklich dankbar sein. Denn trennt uns wirklich so viel von den Menschen, die, nach welchen Irr- und Abwegen auch immer, auf der Straße leben müssen? Ist es nicht einfach Gnade?

Berliner Obdachlosenhilfe e. V.
Buttmannstr. 1A
13357 Berlin
https://www.facebook.com/helfenisteinfach
http://www.berliner-obdachlosenhilfe.org/
helfen.ist.einfach@gmail.com


Montag, 14. Juli 2014

Finale, oho!

"Ich glaub es regnet" "Wann wechselt er denn den Loddar ein?" "Schürrle du Lappen!" "Hau ihn um!" "Ich glaub, da hinten wird es heller" "Macht die Scheißschirme zu!!" "NEUARRRR" "Hau ihn um!" "Wer kifft hier?" "Will jemand Chips? Ich hab keinen Bock mehr die zu halten." "Hau ihn um. Jawoll.... hau ihn nochmal um!"  "Des hädd doch n Elfmäda gebn müssn!" "Ey, wenn ich Spieler wäre, ich würde die alle umhauen! - Ach was, ehrlich? Hätte ich nie gedacht."

Auch wenn bei der Fanmeile von Public Viewing die Rede ist, geht da doch niemand hin, um das Fußballspiel zu sehen. Wer diese Ambition hat, den wird die Realität schnell einholen, denn unter 600 000 Mitsehrn gibt es immer mindestens zwei die größer sind als du und vor dir stehen. Vom ganzen Spektakel auf der Riesenleinwand können so meistens maximal zwei grüne Ecken bestaunt werden können. Hauptsache HD.

Als zwei Mitbewohner und ich uns am Sonntag um kurz vor 18 Uhr aufmachten um Geschichte zu schreiben, meinten zwei Drittel wir seien viel zu früh dran, und ein Drittel dass wir schon längst hätten dort sein sollen. Letzteres durfte eine halbe Stunde später den schönen Satz "Ich habs euch ja gleich gesagt!" vortragen, wovon mehrmals Gebrauch gemacht wurde. Als wir am U-Bahnhof Französische Straße ausstiegen, tingelten wir mit einer großen Menge und zunehmender Verzweiflung von einem Eingang zum nächsten. Überall standen die selben grimmig guckenden Polizisten und machten klar: Hier gehts nicht mehr durch. Zu allem Überfluss fing es auch noch an zu regnen.
Irgendwann teilte sich die Menschenmenge. Die einen wandelten weiter auf den ausgeschriebenen Pfaden, die anderen schlugen sich durchs Gebüsch des Tiergartens und versuchten, die Autoritäten so auszutricksen. Wir auch. Aber nach unserem Waldspaziergang erwarteten uns wieder nur Menschenmassen, Zäune und grimmige Polizisten. Einige versuchten, die Absperrung zu durchbrechen, was ihnen auch gelang. Innerhalb von Sekunden waren 20 Menschen hindurchgeschlüpft und fünf bullige Polizisten herangerannt, die die Letzten von ihnen brutal wegrempelten und das Leck wieder dicht machten. Wir braven Bürger gingen weiter an den Zäunen entlang und hofften, dass man uns doch noch irgendwo im Guten hereinlassen würde.
Dann kam die Sackgasse. Menschen über Menschen, alle standen sie vor dem letzten Eingang. Es ging nicht vor und nicht zurück. Viele kehrten um. Wir stellten uns einfach dazu. Vielleicht passiert doch noch etwas? Wir beschlossen, es für eine Viertelstunde zu versuchen. Wenn nicht hier, dann nirgendwo, denn mittlerweile waren sicher alle Public Viewing-Plätze schon belegt.
Also standen wir da. Rechts, links, vorne und hinten Menschen. Unten Boden. Oben Regenschirme. Auch wenn ich eigentlich keine Platzangst habe, das war mir doch ein bisschen zu viel. Aber tapfer ausharren. Nicht zu viel denken. Warten.
Und Stück für Stück ging es tatsächlich vorwärts. Noch wussten wir nicht, ob vorne welche hereingelassen wurden oder ob nur einfach immer mehr aufgaben. Zur Unterstützung versuchten wir, ein bisschen zu demoralisieren, indem wir uns lauthals über die Ausweglosigkeit der Situation ausließen.
Aber wir kamen wirklich vorwärts, und irgendwann waren wir an einer Taschenkontrolle (wo mir wieder eine 25 Cent teure Pfandflasche geklaut wurde) und wurden dann auf die Fanmeile gelassen. Yeah! Plötzlich konnte man auch wieder frei atmen und sich bewegen.
Ein Blick auf die Uhr hat die Euphorie gedämpft. Gerademal 19 Uhr, noch zwei Stunden im Regen stehen und warten. Aber immerhin, wir waren drauf. Wir würden dabei sein, wenn Deutschland endlich wieder Weltmeister wird.

Irgendwann waren wir komplett durchweicht. Direkt hinter der Leinwand zuckte ab und zu ein Blitz (jedes Mal von einem Raunen in der Menge quittiert). Wir arbeiteten uns noch Stück für Stück weiter vor, bis wir ein bisschen Ton hören konnten.
Es war eine Erleichterung, als das Warten dann endlich dem Ende entgegen ging und lauthalts die Nationalhymne gesungen wurde. Und dann hörte es auch auf zu regnen.

Von dem Spiel habe ich wie gesagt kaum etwas mitbekommen. Mit wildesten Verrenkungen habe ich immer wieder versucht sekundenweise folgen zu können, nur mit mäßigem Erfolg. Aber man ist ja für die Stimmung da, und die war gut, spätestens seit der Linienrichter wegen Abseits den frühen Torjubel der Argentinier unterbrochen hatte. Das wurde bejubelt als hätten wir selbst ein Tor geschossen. Den Spielverlauft musste man sich aus den Reaktionen der Umwesenden zusammenreimen.
Irgendwann war mir mächtig kalt, beim Studium von Hinterköpfen erschloss sich mir auch nicht mehr viel Neues und ich wollte nur gerne, dass Deutschland endlich gewinnt und ich nach Hause gehen kann. Aber nein, Verlängerung, zu allem Überfluss..
Aber dann, das Tor. Was für eine grenzenlose Freude! Und wenige Minuten später beim Schlusspfiff wieder!
Dann wurde gefeiert. Mit "We Are The Champions" und ähnlichen Liedern auf der großen Bühne (was uns auf unsere mickrige letzte Leinwand übertragen wurde), Feuerwerk und einem herrlichen Autokorso an der Siegessäule. Die Leute waren so aus dem Häuschen! Netterweise fuhren auch um zwei Uhr noch S-Bahnen, und die wurden wirklich auseinander genommen. Da wurde gehüpft, an die Scheiben geklatscht, gegrölt und brechend voll waren sie auch. Das letzte Stück mussten wir dann laufen, weil die U-Bahnen nicht mehr fuhren und an den Bushaltestellen Menschen über Menschen standen. Im alternativen Kreuzberg ist übrigens beinahe tote Hose gewesen. Nicht überall lässt man sich dazu herab, so eine primitive Weltmeisterschaft zu verfolgen.

Ich war sehr sehr froh, als ich endlich zu Hause war und nicht mehr auf meinen Füßen stehen musste. Ganz schön anstrengend, das Weltmeisterwerden. Aber es war ein echtes Erlebnis auf der größten deutschen Fanmeile. Das muss man einfach mal mitgemacht haben.

Mittwoch, 2. April 2014

Danke Jesus dass ich jetzt Student bin

Als ich gerade mit Mama telefonierte und plötzlich losschrie und heulte wie sonstwas, dachte sie, ich hätte eine Spinne in meinem Zimmer gesehen. Das hätte dann schon eine echt große, vielleicht eher ein Krokodil unter dem Bett oder soetwas sein müssen, um diese Reaktion hervorzurufen.
Aber es war ja eine e-Mail, und zwar die schönste die ich seit langer Zeit bekommen habe.

"...wir freuen uns Ihnen mitteilen zu können, dass Sie die Eignungsprüfung für den Studiengang Kommunikationsdesign an der HTW Berlin bestanden haben und zu den 80 Bewerberinnen und Bewerbern gehören die wir für einen Studienplatz im Wintersemester 2014/15 zulassen."

Ich kam mir vor wie im falschen Film. Kurz blitzte der Gedanke in meinem Kopf auf, dass es vielleicht einen technischen Fehler gegeben haben könnte.... so unglaublich fand ich das!
Vor allem aber war ich so enorm erleichtert, das kann ich überhaupt nicht beschreiben. Wie eine Welle ist riesengroße Freude über mich hereingebrochen. Wenn man seit Jahren diesen Wunsch hat, seit sechs Monaten nur darauf hinarbeitet und immer wieder diese Last mit sich rumschleppt, dass die ganze Mission auch scheitern könnte und ich dann mit nichts da stehe, baut sich über die Zeit ein Druck auf der in den letzten zwei Wochen schon fast nicht mehr zu ertragen war.

Dabei hätten alle Angst, Panik und Unsicherheit gar nicht sein müssen, wenn ich nur ein bisschen daran geglaubt hätte, dass Gott gut ist und dass, wenn es der richtige Weg ist, er ihn für mich ebnen wird. Ich habe die ganzen Jahre gehofft, aber selten wirklich geglaubt. Ich hatte immer das Gefühl, es sei mein Kampf, und ich bin dafür verantwortlich, ob es klappen wird oder nicht und dass Gott sich gar nicht wirklich dafür interessiert weil es ja immerhin mein Wille ist. Wieso sollte er den unterstützen?
Manchmal habe ich überlegt, ob Gottes Plan vielleicht praktischerweise mit meinem Plan übereinstimmen könnte. Aber es kam mir zu gut vor, ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. Muss man als Christ nicht entbehren, seine eigenen Pläne aufgeben und Sachen machen, die man lieber nicht tun würde?
Vielleicht, manchmal. Aber wie ich neulich in einer Predigt gehört habe, hat Gott für jeden Menschen einen individuellen Plan, und er stattet jeden Menschen mit den Dingen aus, die er benötigt um ihn ausführen zu können und auch zu wollen. Es wäre tatsächlich unlogisch, wenn er uns Menschen mit Aufgaben betrauen würde, denen wir nur missmutig und ohne Leidenschaft folgen, weil sie uns nicht entsprechen.

Dass ich zugelassen bin, ist ein Wunder, und ich weiß ganz genau, dass ich dazu nichts beigetragen habe. Kommunikationsdesign ist ein sehr beliebter Studiengang. In Berlin ist die Lage nochmal verschärft, weil beinahe jeder kreative Mensch, oder wer sich dafür hält, dorthin möchte. Es dann zu allem Überfluss auch noch gleich beim ersten Anlauf zu schaffen ist absolut nicht die Regel.
In manchen Jahren kommen auf jeden Studienplatz 6 Bewerber, dieses Jahr "nur" 4 - kein Zufall. Ich habe beim Bewerbungsgespräch zwei Professoren erwischt, die nicht darauf aus waren, eine unangenehme Atmosphäre zu schaffen und den Bewerber zu braten bis er sich verquatscht. Kein Zufall. Ich habe im Dezember zwei Studenten aus dem 1. Semester kennen gelernt, die sich vor Hilfsbereitschaft beinahe überschlagen und mir viele Tipps und Hinweise gegeben haben. Kein Zufall. Ich kann noch weiter zurückgehen. Dass ich einen Praktikumsplatz bekommen habe, in dem ich mich bei vielen Visitenkarten, Aufstellern, Etiketten usw. austoben konnte und musste und enorm viele Kenntnisse erworben habe. Dass ich in Berlin so schnell und unkompliziert eine Wohnung gefunden habe, die das alles erst ermöglicht hat.
Gott führt alles perfekt. Und ich Trottel glaube nicht.

Ich hoffe, dass mir dieses Wunder eine Lehre sein wird, und ich in Zukunft viel mehr Gottvertrauen wage. Jetzt darf ich wissen, dass der Grafikdesignweg der ist, den Gott sich für mich ausgedacht hat. Ich weiß nicht, wie ich zu diesem Glück komme, aber ich werde hart arbeiten, um ihn nicht zu enttäuschen.

Es war wunderschön, euch allen Bescheid zu sagen und bei eurer Erleichterung und Freude wieder einmal zu sehen, wie sehr ihr das alles mitgetragen habt. Ich danke euch so dafür!
Die nächsten Monate werden aller Voraussicht nach herrlich und die schlimmen letzten drei Monate sicherlich aufwiegen. Ich habe bis Oktober Zeit, um mich weiter über Grafikdesign zu belesen und zu bilden, an meiner Schwäche dem Zeichnen zu arbeiten, um schöne Sachen zu machen, die ich während des Studiums hinten anstellen muss, um ein bisschen Geld zu verdienen und meinen ersten kompletten Sommer in Berlin zu genießen. Die nächste Station ist Ostern, und endlich wieder bei meiner Familie. Ich freue mich wahnsinnig darauf!
Und innerlich jubele ich noch immer über dieses nicht erwartete Glück. Denn als ich mit Mama telefoniert hatte, klagte ich ihr übrigens gerade wieder einmal mein Leid und jammerte, dass ich so ein schlechtes Gefühl hätte und und und...

Sonntag, 2. Februar 2014

Immer mal wieder ein Weltuntergang

Freitag war kein guter Tag, und das habe ich schon morgens gemerkt. Gesundheitlich ging es mir schon direkt nach dem Aufstehen dreckig und dazu hatte ich einen straffen Zeitplan. 10 Uhr macht das Bastelgeschäft auf, schnell 20 graue Kartons und Klebeplättchen kaufen, dann zurück, die Arbeiten auf Karton aufziehen, vielleicht noch irgendwann was essen und dann los zur Mappenberatung.
Ich war schon die ganze Zeit extrem angespannt und hatte noch nicht einmal Zeit für meine Mitbewohnerin, die mit mir das Essen am nächsten Tag anlässlich meines Geburtstages planen wollte. Nicht ok.

Aber als ich letztendlich meine Arbeiten aufgezogen hatte und so betrachtete, fand ich, dass sie ziemlich vielfältig und sehr gut vorzuzeigen sind. Was ich bei der letzten Mappenberatung mitgenommen hatte ("Nimm ein Thema und zerpflücke das, analysiere es genauestens, beiß dich dran fest und zeig, wie individuell und kreativ du denkst.") hatte ich nach bestem Wissen und Gewissen umgesetzt.

Aber die Kritik war vernichtend, genau das, wovor ich Angst gehabt habe. Kaum eine Sache war ok, nichts hat sie vom Hocker gehauen, nichts hat das Interesse des Professors geweckt sodass er mich vielleicht schonmal im Hinterkopf behalten hätte. Ich möchte sie euch mal zeigen, diese Arbeiten, weil schon oft gefragt wurde und die Mappe zu groß ist, um sie viel durch die Weltgeschichte zu transportieren.

"Fotografie nicht das richtige Medium"
"Zu steif, weil immer aus dem gleichen B"

"Die Zeichnungen sind zwar sehr zurückhaltend, aber noch ok."
"Eine spannende Komposition, ich weiß aber nicht ob Sie das beabsichtigt haben."
Kein Kommentar.
"Technisch kann ich es nicht beurteilen, aber das Sujet ist zu kitschig!"


Kein Kommentar.

"Da haben Sie so viele Fotos raufgetan weil sie einzeln nicht stark genug sind."






"Teilweise zu einfach."

"Kindisch."

Danach musste ich erst einmal eine Weile Mama verrückt machen und habe mehr Taschentücher verbraucht als in den drei Monaten davor. Ich habe keine Perspektive gesehen, war verletzt weil die Arbeit von Wochen so abgeschmettert wurde und war auch sehr sehr wütend. Auf die, deren Arbeiten im Gesamten quasi komplett durchgewunken und für gut befunden wurden, auch wenn das manchmal für mich absolut nicht nachvollziehbar war. Auf den Professor, der auf mich manchmal den Eindruck machte als ob er willkürlich und sehr launisch seine Beurteilung abgibt, und so eine Arbeit aus Klecksen als Zeug, mit dem man ihn in Ruhe lassen solle deklariert und die andere Arbeit aus Klecksen sehr spannend findet.
Ich wollte alles sein lassen, weil es ja doch keinen Sinn hat, wenn ich nicht nachvollziehen kann, wie der Professor beurteilt und mir dementsprechend wohl etwas Bestimmtes im Sehen fehlt.
Gleichzeitig war ich vollständig aufgelöst weil ich keine Ahnung habe, was ich sonst im Leben machen kann wenn nicht Design.

Ich bin mittlerweile so darauf trainiert, jedes Werbeplakat, jedes Unternehmensdesign, jede Plastetüte genau zu betrachten und zu analysieren. Ich lese mir das komplette, fette Handbuch zu den letztjährigen Wahlplakaten der CDU durch, in denen bis aufs Kleinste die Farben, der Aufbau, die Schriftarten etc. mit einer Begründung festgelegt sind. Abends vor dem Schlafengehen lese ich über das Design des 20. Jahrhunderts und wenn man mir etwas Gutes tun will bittet man mich darum, eine Visitenkarte für jemanden zu gestalten. Ich möchte zu denen gehören, die mit Design Einfluss auf die Gesellschaft haben, Sachen besser und schöner machen, ich möchte die Leute überraschen, verwundern und zum Staunen bringen.
Ich möchte auch diese bekloppten Professoren zum Staunen bringen, jemand sein in dem sie Potential sehen und den sie gerne fordern und fördern!!! Ich möchte endlich mal wieder etwas schaffen, auf etwas stolz sein wie früher bei den Mathearbeiten, wenn sie gut liefen. Etwas vorzuweisen haben, nicht so (scheinbar?) ohne Ziel durchs Leben steuern und jedes Mal ins Stottern kommen wenn man mich fragt "was ich denn jetzt so mache". Ich möchte ein ganz normaler Student sein, in der Prüfungsphase nicht mehr ansprechbar und hinterher grenzenlos erleichtert.

Wenn das also nicht klappt, was mache ich dann? Was ist, wenn ich Anfang April keine e-Mail bekomme, oder gar Ende März nicht einmal auf der Liste für die Auswahlgespräche stehe? Es gibt noch die Möglichkeit Potsdam. Aber ansonsten... Inklusive Praktikum 7 Monate für etwas vergeudet und immer noch keinen Schritt weiter. Und keine Ahnung, was ich mit mir anfangen soll. Doch einen Kompromiss machen, die Schiene sicheren Job und festes Einkommen wählen, und dabei ewig darüber grübeln, wie es geworden wäre wenn...?

Ich muss sagen, ich war echt wütend auf Gott, ausgerechnet. Alle beten so viel, warum...? Sag mir doch endlich mal, wo es langgeht. Hast nicht Du diesen Wunsch in mein Herz gelegt, so sehr wie es mich dahin drängt? Warum muss bei mir immer alles so kompliziert sein?!

Es ist unglaublich, wieviele ermutigende Worte von Ferne und von Nah innerhalb kürzester Zeit an mich gerichtet wurden. Ihr habt mich wieder auf die richtige Spur gebracht, und die Gemeinschaft mit einigen von euch hat mir so gut getan.
Denn ja, natürlich, es ist noch nicht die endgültige Absage. Ich habe außerdem auch noch ein bisschen Zeit, um einiges noch geradezubügeln. Andere Professoren könnten vielleicht ganz anderer Meinung sein. UND: letztendlich entscheiden es nicht die Professoren. Und wenn Gott nicht will dass ich Kommunikationsdesign studiere, dann hilft es eben alles nichts. Wenn aber doch, dann wird es auch so kommen. Ich kann durch Panik, Hast und Arbeitswahn das Ergebnis nicht positiv beeinflussen.

Nach wie vor bin ich mir nicht ganz sicher, in welche Richtung ich in den nächsten 3 Wochen arbeiten soll, denn ganz klar wurde es mir nicht. Aber das ist mein Schlachtplan:
Ich werde mir trotzdem Arbeit suchen, damit die Mappe nicht das einzige ist, was ich in diesen Tagen mache.
Ich werde mir soviel Ratschläge wie möglich von verschiedensten Leuten holen, z.B. zwei überaus freundlichen Erstsemestlern die mir ihre Hilfe schon angeboten haben.
Ich werde viel lockerer und freier arbeiten, mir vielleicht demnächst auch noch mehr Zeichenutensilien wie Pastellkreiden, Aquarellfarben usw. zulegen, um die "rotzigen Zeichnungen" zu produzieren die sie so gerne sehen wollen.
Ich werde es lockerer nehmen. Es zumindest versuchen. Versuchen, nicht mehr so zu verkrampfen wie es im letzten Monat der Fall gewesen war und vielleicht sogar tatsächlich Spaß an der Arbeit zu haben. Und dann... liegt es nur in Gottes Hand. Und es wird gut sein. Auch wenn ich daran hart zu knabbern habe, so ist es.

Und deshalb geht es mir vielleicht sogar besser als vor dieser Mappenberatung. Denn ein bisschen habe ich losgelassen, und ein bisschen bin ich offener für Gott und seine Entscheidung. Ich habe begriffen, dass ich aus mir heraus nicht zu diesem Studium zugelassen werde, sondern nur mit Gottes Hilfe. Und ich habe wieder einmal gespürt, was für ein starkes Netz mich auffängt, wenn ich sehr sehr niedergeschlagen bin. Danke dafür an euch! Auch wenn ich im Moment sehr sehr unsicher, ein bisschen ängstlich und nur mit viel Willenskraft nicht panisch bin, möglicherweise komme ich ja so langsam auf den richtigen Weg - zur HTW oder woandershin.