Freitag, 4. August 2017

Keine 24h in Norwegen ...

... und schon reihen sich die kuriosen, abgefahrenen und neuartigen Erlebnisse aneinander.

Es fühlte sich gestern Abend schonmal wie ein Sieg an, die Reißverschlüsse meiner beiden Koffer zubekommen zu haben und auf der Waage jeweils knapp unter der erlaubten 23 Kilo-Marke gelandet zu sein. Dafür musste ich dann aber auch an allen Schräubchen drehen; zog mir die Wanderbotten und meine Winterjacke an (war ja auch gar nicht schwül-heiß gestern) und verstaute einige schwere Gerätschaften im Handgepäck und der zusätzlich auch noch erlaubten "kleinen" Handtasche.
Eigentlich wollte ich ja ein Paket voraus schicken und nur einen Koffer mitnehmen, der Karton bog sich aber fertig gepackt so verdächtig durch dass ich mir schon mit allen Details ausmalte, wie er irgendwo auf dem Weg zusammenbrechen und meine gesamten Habseligkeiten unwiederbringlich verteilen würde. Dafür hänge ich zu sehr an meinem Krempel und quälte mich deshalb eine geschlagene Stunde durch Telefon-Warteschleifen um mir ein 2. Gepäckstück dazuzubuchen.

Das alles in Tegel ans Gate zu befördern lastete uns gestern Abend zu dritt schon voll aus, alleine sah ich damit einfach bemitleidenswert aus. Später mehr dazu.
Die gerade losgewordenen Koffer musste ich nach Landung in Oslo dann wieder an mich nehmen und durch den Zoll bringen. Dann schleppte ich mich zu den Check-in-Schaltern und musste feststellen, dass dort schon Feierabend war. Keiner mehr, der mir die 45 Kilo wieder hätte abnehmen wollen. Also musste ich mein Nachtquartier mit den Koffern, auf den Koffern aufschlagen. Ich bettete mich in einer Flughafenecke auf den Koffern umschlang die Griffe der Handgepäckstücke fest und hatte den Vorsatz, zu schlafen. Das klappte nicht, aber wenigstens fuhr die Kehrmaschine einen Bogen um mich herum und ich konnte eine Weile so liegen bleiben und den Geräuschen eines mehr oder weniger heruntergefahrenen Flughafens voller herumgeisternder Transitfliegern lauschen.

Heute um elf ging es dann endlich weiter und ehe wir richtig in der Luft waren setzten wir schon wieder zum landen an. Und das war vielleicht majestätisch, über das tiefblaue Meer, schroffe Felsen und drumherum weiße Schaumkronen in Haugesund einzufliegen! Ein schöner Moment. Der Flughafen in Haugesund ist so klein und kaum ernstzunehmen, wie man sich das vom Ziel einer Reise und Beginn eines Abenteuers wünscht. Ein paar Minuten Shuttlebus später stand ich vor dem Haugesunder Krankenhaus und startete den letzten Teil meines Plans, der vorsah dass ich die anderthalb Kilometer zum Wohnheim, die auf Googlemaps wirklich nicht nach viel aussehen, eben beherzt zu Fuß zurücklege. Da ich wie gesagt eine jämmerliche Figur mit den vier, mein Eigengewicht überschreitende Gepäckstücken abgab, ging ich keine zehn Meter bevor mir doch tatsächlich eine Norwegerin einfach aus dem Auto heraus anbot, mich zu fahren. Ohne viel Geplänkel machte sie Platz in ihrem kleinen Auto, tippte meine Adresse in ihr Navi und los gings. Was für ein Segen! Ich war nämlich nicht nur unendlich langsam, sondern auch voll in die falsche Richtung unterwegs gewesen. Am Ende kannte sie dann auch noch einen von Iversen Skogen und beteuerte mir, wie nett die da seien - "you are very lucky!". Dann brauste sie weiter.
Glück habe ich mit dieser Agentur wohl allerdings!
Denn als man mir mein Zimmerchen für die nächsten drei Monate zeigte, stand da einfach mal schon ein absolut schniekes Rennrad, ein Pott Blumen und diverse Kleinigkeiten wie Regenschirm, Regencape oder Lakritz, die man in Haugesund wohl zum überleben braucht. Von meinen zukünftigen Kollegen! Also einfach so von jemandem ans Wohnheim kutschiert zu werden hat mich schon echt umgehauen, aber das war die Krönung von allem. Dass einem kleinen blöden, ausländischen und bis jetzt komplett unbekannten Praktikanten so viel Wertschätzung entgegengebracht wird! So ein Aufwand, damit ich mich hier wohlfühle! Ich bin wahnsinnig gespannt wie es sich anfühlen wird, Teil dieses Teams zu sein und mitarbeiten zu dürfen. Ich hoffe, dass sich der Einsatz für Iversen Skogen lohnt und sie mit mir zufrieden sein werden.

Bevor ich meine Koffer auspacken konnte, musste ich auf jeden Fall erstmal eine Runde auf dem Bike drehen, zumal auch noch völlig untypischerweise die Sonne wie verrückt schien. Das war herrlich! Die Gangschaltung hat mir genau 3 Sekunden gefehlt, danach war es einfach nur berauschend, wie schnell man mit so einem Fahrrad fahren kann. Und wie schnell ich mitten im Grünen, an einem See, einem Wasserfall, im Wald und wieder in der Stadt war. Es ist wunderschön hier. So viel Gegend. Als ich auf dem Rückweg dann noch an einem Supermarkt rangefahren bin, trat das ein, was ich die ganze Zeit schon erwartete: ich traf jemanden von Iversen Skogen, der mich am Fahrrad erkannte. Lustig!
Und morgen lerne ich sie alle kennen, wenn wir uns erst bei einem Kollegen zum "vorglühen" treffen und dann zu dem Festival gehen, für das die Agentur das Erscheinungsbild entwickelt hat. Damit ich nicht mit zu vielen fremden Gesichtern auf einmal konfrontiert werde, trifft sich eine Kollegin vorher mit mir zum Mittagessen. So nett!!! Ich bin sehr froh, dass ich gestern noch eine Flasche Berliner Luft eingekauft und heil hierher gebracht habe. Das wird die trinkfreudigen Norweger hoffentlich freuen.

Mein Zimmer war anfangs (bis auf das Fahrrad) sehr sehr karg, jetzt habe ich mich ein bisschen eingerichtet, trotzdem ist es noch ein bisschen komisch. Klar, dass man sich nicht sofort zu Hause fühlt. Mein Zimmer ist auf Bodenniveau, ich schaue auf eine Wiese, was eigentlich ganz schön ist, aber es kommt nicht so sehr viel Sonnenlicht herein. Es krabbeln einige kleine Tierchen herum, bzw. finde ich sie ständig reglos irgendwo in der Ecke liegen. Noch stört mich das nicht.
Die Lüftung im Bad hat mich wirklich wahnsinnig gemacht, weil sie permanent am quietschen/pfeifen war. In meiner Verzweiflung habe ich mich über das Klo dort hochgeangelt, und einfach daran gedreht. Hat geholfen, jetzt ist (erstmal) Ruhe. Reparieren - kann ich offensichtlich.
Meine Mitbewohner habe ich noch nicht kennengelernt, das kommt dann hoffentlich morgen. Gemeinsam teilen wir uns zu fünft ein Häuschen und eine Küche, die ganz ordentlich aussieht.
Brennend interessiert haben mich die fremden Supermärkte, sodass ich heute schonmal derer zwei erkundet habe. Das war spaßig, aber auch mit viel wundern verbunden. Warum müssen die günstigsten Äpfel 3€/Kilo kosten, warum gibt es 27 Sorten Milch (ich übertreibe nicht und habe Kefir und Buttermilch noch nicht mit eingerechnet), aber kaum Joghurt und keinen Quark, warum stehen normale Haferflocken bei den Backzutaten und warum gibt es keine Hirse? Den berühmten Brunost, süßer Käse der aus Kuh-/Ziegenmolke hergestellt wird, habe ich noch nicht gefunden, dabei möchte ich unbedingt wissen wie der nun schmeckt. Bestimmt werde ich in nächster Zeit aber noch viele kulinarische Kuriositäten entdecken, ich berichte.

Jetzt bin ich todmüde, mir fehlt ein Buch (das mit der Bücherei muss ich bald mal regeln) und ich bin wahnsinnig gespannt auf morgen. Alles in allem war es ein sehr sehr positiver Tag voller cooler Überraschungen. Ich habe ein gutes Gefühl für die nächste Zeit!

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