Dienstag, 14. November 2017

Mellom døra - et gond

Zwischen Tür und Angel sozusagen.

So fühlt es sich gerade an. Vor ein paar Minuten habe ich die meisten Pullover aus dem Koffer aus- und viele T-Shirts hineingepackt. Einen Schrank sehen meine Kleidungsstücke dieser Tage nicht. Ziemlich genau 48 Stunden bin ich in Deutschland, davon verschlafe ich in 3 Nächten ungefähr die Hälfte; viel bleibt nicht übrig. Ich nutze diese wertvollen, abgezählten Stunden um viel zu erzählen, Bauklötze über Deutschland zu staunen, einen Haufen Bürokratie-Kram zu erledigen, zum Zahnarzt zu gehen und zwischendurch Familie, Käsekuchen und guten Kaffee zu genießen. Ein sehr komprimierter Heimaturlaub. Heimaturlaub.zip quasi.

Haugesund konnte ich mit einem richtig guten Gefühl und breiten Lächeln verlassen. Als mein Kollege mich zum Flughafen chauffierte, wurde die raue norwegische Natur von einem grandiosen Sonnenaufgang absolut spektakulär beleuchtet und bleibt mir damit in bester Erinnerung. Der Abschied im Büro am Freitag war sehr rührend. Es ist so schön zu hören und zu fühlen, dass man den Menschen in einer westnorwegischen Kleinstadt in dieser Zeit wichtig geworden ist. Der Höhepunkt war eine Karte, auf der jeder einen kleinen, meistens überraschend liebevollen Abschiedsspruch geschrieben hatte. Jeder einzelne hat mich ein bisschen glücklicher gemacht. Schlussendlich sagte man wörtlich "Auf Wiedersehen!" zu mir, und das hoffe ich wirklich.

Genauso überraschend schön und rund war der Abschied von meiner Gemeinde am Sonntag. Ich hatte einen, wie ich zugeben muss, spektakulären Apfel-Hefekuchen gebacken, der angemessen bewundernd inhaliert wurde. Zu Anfang des Gottesdienstes lief ein Berlin-Clip, ich sollte nach vorne kommen und erzählen wie meine Zeit in Haugesund war, was ich in Zukunft vorhabe und außerdem was das für Sehenswürdigkeiten in diesem Berlin-Clip sind (dafür hätten sie lieber Opa einladen sollen, mir fällt zu Reichstag, Brandenburger Tor und den ganzen anderen wahnsinnig wichtigen Gebäuden nicht so ganz viel ein). Am Schluss haben alle für mich gebetet, was ich als total ermutigend und großes Geschenk empfand. Auch hier konnte ich wieder nur staunen, wie sehr mich diese Menschen in drei Monaten ins Herz geschlossen hatten.

In der Nacht auf Montag konnte ich kaum schlafen, zu sehr sorgte ich mich um meine Koffer; wie schwer sie wohl sein würden, wie ich sie durch die Gegend bewegt bekomme und ob auch sonst alles mit Schlüssel- und Zimmerübergabe (ich hatte eine zwei Seiten lange Liste bekommen auf der genau deklariert wurde, was alles zu säubern sei und kontrolliert würde), dem Weg zum Flughafen etc. klappen würde. Sorgen ist eines meiner großen Talente.
Letztendlich lief es wie am Schnürchen, vom Morgensport um 6.15 Uhr, der Schlüsselübergabe um 8.15 Uhr, der Ankunft meines Kollegen um Punkt 8.30 Uhr. Als ich kurz nach 9 meine zwei Koffer am Self-Check-in erfreulich mit 20,0 und 20,3 Kilos unter die Haube gebracht hatte, fiel mir ein fetter Stein vom Herzen und ich konnte mich in Seelenruhe unter all die anderen Wartenden mischen und es genießen, noch ein bisschen Norwegisch um mich herum zu hören.

Dass ich mich nie bei der norwegischen Polizei registriert hatte, obwohl ich das für einen Aufenthalt der länger als 12 Wochen dauert hätte tun sollen, hat auch niemanden gestört, an den Schleusen am Flughafen schellten keine Alarmanlagen und niemand betrachtete mit sorgenvollem Blick meinen Pass (das könnte mir aber vielleicht Donnerstag bevorstehen ...).
Im Flugzeug von Oslo nach Berlin hörte ich endlich wieder vermehrt Deutsch um mich herum und das war erstmal wirklich schön. Eine Sprache einfach so zu verstehen, ohne Anstrengung und Erraten der fehlenden Vokabeln. Manches Gequatsche war sofort wieder ziemlich dämlich und hätte ich lieber nicht verstanden, aber in diesem Moment konnte mich nichts aus meinem Zustand tiefer Seligkeit reißen. Nach 14 Wochen so kurz davor, die olle Familie wiederzusehen!

Selig hat mich übrigens auch ein adäquates Warensortiment im hiesigen Rossmann gemacht. Als hätte ich 10 Jahre im Dschungel gelebt wandelte ich etwas überfordert, staunend und mit glänzenden Augen durch den hell beleuchteten, gut sortierten, riesigen, vielfältigen und billigen Drogeriemarkt, konnte mich bei jedem Punkt auf meiner Einkaufsliste zwischen den ganzen Produkten überhaupt nicht entscheiden und hätte am liebsten drei Stunden Geruchsproben genommen und Inhaltsstoffe studiert. Am Ende bezahlte ich ungläubig für vier Posten genau drei Euro achtundachtzig. Entschuldigung, Sie haben da eine Null vergessen ... !?
In Norwegen ist es so: Drogeriemärkte gibt es grundsätzlich schonmal nicht. Maximal den Produkten zur Körperpflege gewidmete Abteilungen in den Supermärkten, in denen wenig Auswahl viel Geld kostet. Willst du Handcreme, kaufst du Handcreme. Die Frage ob Mandel-Vanille, Orange-Zimt oder grüner Tee für normale, trockene oder sehr trockene Haut, mit Vitamin B, Dexpanthenol oder 33% gratis ... kommt nicht auf.
Ein ähnliches Erlebnis der "kurze" Sprung in den Edeka um nach Haiti einige rare Güter wie Nutella oder Milka-Schokolade zu importieren. Dreiviertel Stunde (man muss sich ja erstmal alles angucken um eine fundierte Auswahl zu treffen), schwerer, gut gefüllter Rucksack (wenn man schonmal da ist), langer Kassenzettel (ein peinlicher Einkauf, ich hätte der Kassiererin gerne versichert dass das nicht für mich ist) für einen kleinen Betrag. Ein Paradies!

Schokolade, T-Shirts und was man sonst noch so braucht sind im Koffer verstaut, mit zur Abwechslung mal noch viel Platz für Eventualitäten und Reißverschlüssen die ohne weitere Gewaltanwendung zu schließen sind. Gerade horte ich noch ein bisschen Strom indem ich alle Geräte, Akkus und Powerbanks nochmal richtig auflade. Und dann kann es weiter gehen.
Morgen geht es nach Amsterdam und dann Atlanta, wo ich auf dem Flughafen übernachten werde um übermorgen Mittag weiterzufliegen nach Port-au-Prince. Dort hoffe ich reingelassen zu werden, denn ich habe heute erfahren dass man zur Einreise in Haiti Dokumente braucht, die noch mindestens 6 Monate gültig sind; mein Reisepass gilt noch genau 5 Monate. Das kann ich jetzt nicht mehr ändern und hoffe dass die jeweiligen Beamten nicht so viel Lust haben zu rechnen.

Ich bin gespannt auf die nächsten Wochen, das Wetter, neue und alte Leute, wie sich Edith und Lukensons Haus und die Schule verändert haben. Höchstwahrscheinlich habe ich sehr schlechtes bis wirklich richtig schlechtes Internet und werde nicht viel von mir hören lassen können. Nach den letzten 40h-Arbeitswochen wird es eine krasse Veränderung sein, wieder etwas entschleunigter zu leben (und in noch simpleren Umständen als in Norwegen). Ich hoffe mich nützlich machen zu können, außerdem habe ich einen Bericht über das Praktikum zu schreiben. Mit Gruseln denke ich daran, meine ganzen Kisten, Koffer, Tüten und was sich so angesammelt hat Ende Dezember noch schnell vor Weihnachten wieder in meinem Zimmer zu verteilen. Ich freue mich ein bisschen auf den Moment, wenn alles wieder normal ist, in Berlin. Aber bis dahin ... macht es gut, falls wir uns nicht mehr hören. Ich versuche, meinen Kopf mal so langsam auf Französisch umzupolen.

Donnerstag, 9. November 2017

Takk for meg!

Ich richte mich auf einen langen Abend ein, da mein Mitbewohner seine Pflege-Kollegen zu einer Party eingeladen hat und es mit Schlaf wohl in den nächsten 4, 5 Stunden erstmal nichts wird.
Gut, Zeit für ein Fazit. Ich sage Takk for meg, ein sich verabschiedendes Danke. Die letzten Wochen waren gefüllt; aufregend, dunkel, nass, voll mit guten und schlechten Gefühlen. Ich habe viele neue Leute kennengelernt und bekannte zu Freunden gemacht, jede Menge neue Orte gesehen und eine neue Sprache gelernt.

Es kommt mir vor als sei es Monate her gewesen und wahrscheinlich würde ich es jetzt vor lauter Schnee nicht wiedererkennen: Tromsø. Noch ein Stück weiter nördlich als ich es jemals gewesen war (und viele Norweger übrigens auch), und gleichzeitig ein Schritt Richtung Heimat. Ich habe Timon besucht und es war so gut, mal wieder anhaltend, schnell und sinnvoll Deutsch zu sprechen. Glaubt es oder nicht, ich roste langsam ein in meiner Muttersprache. Ständig fehlen mir Begriffe, es fällt mir schwer zu formulieren und wenn ich mir schnell irgendetwas aufschreibe passiert das meistens auf Englisch, manchmal Norwegisch weil ich es so höre. Meine Gedanken sind ein origineller aber haarsträubender Mix aus allen möglichen Sprachen die ich jemals mal irgendwo aufgeschnappt habe. Zu Ende des Jahres werde ich wohl ein linguistisches Wrack sein wenn sich noch Kreolisch dazugesellt.
Jedenfalls war es schön, sich mal wieder im Deutsch zu probieren und Perspektiven auf Norwegen zu teilen. Die frische, knackkalte, trockene Luft dort hat herrlich nach Weihnachten gerochen und die Landschaft war in ihren letzten Herbstfarben so intensiv und dramatisch wie es meine Fotografien vielleicht nach Photoshop sind, ich es aber in echt selten erlebe. Und: auch Polarlichter hat Gott für mich aufgefahren. Timon guckte abends um elf nach draußen und oben, bemerkte zu einem leichten grünlichen Schimmer "also das ist auf jeden Fall keine Wolke!", und mir lief es kalt den Rücken herunter. Das klang unheimlich, da war etwas im Himmel was ich nicht kannte, was besonderes. Und als wir später bei Eiseskälte auf einem Schotterplatz standen entfaltete sich über uns ein wirklich magisches Spektakel. Ich war, nachdem ich um 4 Uhr morgens aufgestanden war und viele viele Kilometer hinter mir hatte, todmüde und fror erbärmlich, aber als sich direkt über mir geisterhaft und stumm ein grün, teilweise violett leuchtendes Band über den Himmel zog konnte ich nur staunen. Wirklich, es ist etwas ganz besonderes.


Frische Bioblaubeeren, direkt vom Berg, Anfang Oktober


Auf dem Rückweg habe ich in Oslo auf dem Flughafen meine versammelte Büromannschaft getroffen, die dieses Wochenende zum jährlichen Firmenurlaub in Madrid verbracht hatten. Wie ich die Zeit über auf Snapchat verfolgen konnte, wohl wieder sehr lustig und ausschweifend. Viele Wochen vorher und besonders währenddessen hatte mich das sehr gequält. Ich kann es gar nicht ertragen, wenn ich das Gefühl habe etwas zu verpassen und nicht dabei zu sein, während andere Menschen ihre Beziehungen vertiefen und coole Erlebnisse miteinander teilen. Glücklicherweise hat sich meine Befürchtung, ich könnte von da an ein uneingeweihter Außenseiter im Büro sein, nicht ganz bewahrheitet, trotzdem fehlen mir viele Anekdoten und Insiderwitze. Ich nehme es den Chefs immer noch ein bisschen übel dass sie mich da nicht mitgenommen haben. Das war ein mieses Gefühl. Unter anderem deshalb fiel es mir nicht allzu schwer, zum heutigen Jobangebot Nein zu sagen.

Trotzdem, ich durfte ein schönes, abwechslungsreiches Wochenende großzügigerweise bei Timon zu Gast sein und hatte das bitter nötig in einer Phase akuten Heimwehs. Komischerweise hatte ich lange Zeit nicht einmal an Heimweh gedacht, und plötzlich kam es mit einem Schlag. Es herrschte Vorfreude auf Madrid im Büro, was ständig an mir nagte, und am Wochenende ertrug ich es gar nicht mehr, immer alleine zu sein; alleine zu planen wo ich wandern wollte, alleine dort hinzufahren, alleine die Natur aufzusaugen, abends alleine erschöpft im Sessel zu sitzen während meine Freunde in Berlin feiern gingen. Dazu der ständige, ständige, ständige Regen, jeden Tag. Norwegen war gar nicht mehr so berauschend. Es ist wieder besser geworden, aber als das gelobte Land kommt es mir nicht mehr vor. Es ist nicht alles perfekt hier in Skandinavien und den grenzenlosen Stolz auf das eigene kleine Land der in dieser Hinsicht sehr arroganten Norweger kann ich nicht nachvollziehen. Auf Dauer macht es mich regelrecht wütend, wie unverschämt teuer alles ist. Das gilt für den Lebensmitteleinkauf, aber auch so etwas absolut notwendiges und simples wie einen Arztbesuch. Man bezahlt sich dumm und dusselig allein für eine einfache Untersuchung, gegebenenfalls gefolgt von den Kosten für Medikamente. Und das gilt nicht nur für mich als Ausländer, für jeden hängen in den Wartezimmern neben den typischen Aquarellbildern und Krankheitspostern lange Preislisten. Komplett verrückt!
Weiter nervt es mich ohne Ende, wie schlecht zumindest hier in Haugesund Auto gefahren wird, sodass man als Fahrradfahrer jeden Tag auf der Straße um sein Leben bangen muss. Gott hat mich so so oft bewahrt. Die Fußwege sind absolut keine Alternative, von tiefen Kratern durchsetzt und ständigen hohen Bordsteinkanten unterbrochen. Behinderte und Rollstühle sind hier nicht vorgesehen.
Und so lässt mich einiges an diesem Land (ver-)zweifeln und Deutschland in einem neuen Licht sehen. Viele Male schaute ich in völlig verständnislose Gesichter, als ich auf die Frage wo ich denn herkomme, Tyskland antwortete. Was machst du dann hier, wo es doch dort so gut ist? Das war die Haltung, die ich so nicht erwartet hätte. Deutschland hat einen richtig guten Ruf im Ausland und mit Bewunderung, aber auch weit mehr Skepsis als man sich das als Deutscher jemals erlauben könnte wird Angela Merkels Flüchtlingspolitik betrachtet. Die Norweger selbst sehen Flüchtlingen eher mit Unbehagen entgegen und ihre Kultur in Gefahr.

Dem spannenden Wochenende in Tromsø folgte ein spannendes Wochenende mit Exkursion zur Trolltunga. Es gibt von der hiesigen Universität eine Studentenvereinigung, die immer mal wieder Wanderungen und andere sportliche Aktivitäten veranstaltet. Und auch wenn ich die Trolltunga schon im letzten Jahr gesehen hatte, ich war neugierig, ob ich den Trip hoch und runter auch an einem Tag schaffen würde. Es sind immerhin 28 Kilometer und pro Richtung 1000 Höhenmeter.
Wir waren eine Gruppe von 30 hauptsächlich internationalen Studenten (die einheimischen interessieren sich irgendwie nicht so für ihre Natur) und als unser Guide nach 3 Kilometern einen Einheimischen nach dem Weg fragen musste, bekamen wir mit dass er selbst noch nie dort oben war. Nicht ganz ideal für eine Tour, die man nach September eigentlich auf eigene Faust nicht mehr unternehmen sollte. Aber es lag noch kein Schnee dort oben und war eigentlich ungefährlich. Der Aufstieg dauerte 4 Stunden, oben "mussten" wir eine Stunde Pause machen, um auf den Rest zu warten und damit jeder sein Foto machen konnte. Das war die schlimmste Zeit des gesamten Trips, da ein unglaublich ekliger, kalter Wind blies, es abwechselnd nieselte, hagelte und ein bisschen schneite und ich zwar warmen Kakao in einer vom Chef ausgeliehenen Thermoskanne dabei hatte, es aber in dieser großen Gruppe und der kargen, steinigen Gegend keine Möglichkeit gab, mal hinter einem Baum zu verschwinden und ich mir das Getränk deshalb sparte. Das Gehen an sich war eigentlich weniger anstrengend als ich es erwartet hatte, nur fing ab dem 6. Kilometer mein rechter Wanderschuh an, auf den Knöchel zu drücken und tat das ab da mit jedem Schritt. Eine quälende Angelegenheit, aber ich habe es geschafft. Zwischendurch war ich sogar trotz der Schmerzen so dermaßen gut gelaunt und energiegeladen, dass ich mich frage ob es sowas wie einen aufputschenden Effekt langer Wanderungen gibt. Durch den Sonntag darauf geisterte ich aber völlig apathisch und mit dem Gefühl, richtig krank zu sein. War aber nur Erschöpfung, denn am Montag war (bis auf den Knöchel) alles wieder in Ordnung. Seltsam, wie der Körper so reagiert.

Der See, in dem wir letztes Jahr noch unseren abendlichen Waschgang verrichtet hatten, war jetzt teilweise zugefroren.




Nach diesen beiden Wochenenden mit viel frischer Luft und Natur, saß ich am nächsten unendlich viel. Es fand eine christliche Konferenz in Bergen statt, und zusammen mit einigen Leuten aus meiner hiesigen Gemeinde bin ich dort hingefahren. Ehrlich gesagt haben mir die Predigten und Lobpreise nicht allzu viel gegeben. Es war eine sehr charismatische Veranstaltung, und während die ab der 3. Stunde erst richtig aufblühen habe ich dann langsam keine Andacht mehr, genauso wie mir der Rest mit Visionen und Hand auflegen und Zuckungen usw. natürlich sehr fremd und suspekt sind. In den Predigten ging es hauptsächlich um Kirchenneugründungen, frei nach dem Motto so viele wie möglich und am besten alle 5 Jahre woanders eine neue. Seltsamerweise haben sie es hier sehr mit Berlin, dass muss für viele der verwahrlosteste Sündenpfuhl schlechthin sein. Mein Hinweis, dass es in Berlin bereits eine Masse an unterschiedlichsten Kirchen gibt, stieß eher auf taube Ohren. Vielleicht ist es auch einfach hipp unter Gemeinden, auch einen Ableger in der deutschen Hauptstadt am laufen zu haben. Dazu ein weiterer Trend im Herbst 2017, frisch von der Kanzel: Kaffee. Viele sind zutiefst überzeugt davon, dass guter Kaffee und ausgebildete Baristas Jesus' Weg zu den Herzen der Heiden sind, deswegen hat jede Gemeinde die etwas von sich hält ein eigenes Café oder plant zumindest eins. Ich mag ja (guten) Kaffee, daher sag ich gar nichts weiter dagegen.
Viel beeindruckender als die Treffen im Rahmen der Konferenz fand ich die Gastfreundschaft der Studentin, bei der ich untergebracht war und die mich überhaupt nicht kannte, trotzdem die Türen ihrer WG weit öffnete und alles dafür tat, mir dieses Wochenende so angenehm wie möglich zu machen. Das war sehr sehr lehrreich und beispielhaft für einen schlechten Gastgeber wie mich.
Das zweite Tolle war, dass ich unglaublich viel norwegisch gesprochen habe, mit verschiedensten Leuten. Und es klappte! Irgendwann muss man sich einfach einen Ruck geben, anfangen zu sprechen und es sich trauen, Fehler zu machen. Auch wenn es ungewohnt ist und in den eigenen Ohren erbärmlich klingt, es ist die einzige Möglichkeit eine Sprache irgendwann wirklich zu lernen. Durch viele viele Fehler. Und dann, nach unzähligen Stunden in denen ich völlig sinnfreie, dämliche Sätze in meiner App stoisch übersetzt habe, nachdem ich Sonntag für Sonntag die Predigten jedes Mal ein bisschen besser verstanden habe, nachdem das bedeutungslose Gebrabbel beim lunsj mehr und mehr an Form und Sinn gewonnen hat, nach vielen Einkäufen von denen jeder, den ich an der Kasse überstanden habe ohne mich als Ausländer zu outen, ein Erfolg war, nachdem sich meine abendliche Lektüre von Bilder- über Kinderbücher hin zu norwegischen Romanen entwickelte, machte es Klick. Und es klappt.

Seit diesem Wochenende traue ich es mich auch im Büro, norwegisch zu sprechen, was meine Kollegen ziemlich begeistert. Vieles, vor allem Smalltalk, läuft jetzt tatsächlich nur noch auf norwegisch. Das nagt an meinem englischen Schreibtischnachbar Ross, er steht nun nach 7 Jahren noch dümmer da als zuvor. Allerdings nimmt er sich nicht allzu ernst und es mit Fassung.

Und so geht die Zeit ins Land. Einigen Stunden am Samstag darauf verbrachte ich im Haugesunder Stadion beim Derby gegen Bergen. Es war gar nicht schlecht, auch wenn bei Hertha und Union eindeutig mehr Stimmung ist. Hinterher war ich bei Leuten aus der Gemeinde und habe mittlerweile das Gefühl, auch dort richtig angekommen zu sein. Klassischerweise kurz vor Schluss.

Und nun ist bald Schluss, und natürlich kommt, nachdem ich ihn mir lang herbeigesehnt habe, doch auch Wehmut auf. Heute hatte ich ein abschließendes Gespräch mit meinen drei Chefs und durfte mir viel Lob anhören. Wie gesagt auch das Angebot, nach meinem Studium im Sommer weiter mit ihnen zusammenzuarbeiten. Haugesund ist mir aber eindeutig zu klein und zu regnerisch, von daher denke ich eher nicht, dass das was wird, aber wer weiß. Die Leute mag ich auf jeden Fall sehr und es war ein schönes Arbeiten in der Agentur. Besonders als ich im Eilverfahren und in anderthalb Wochen eine Broschüre für ein großes Bauvorhaben erstellen musste, was mir mein Chef nur anvertraute weil alle anderen zu beschäftigt waren, hatte ich sehr viel Spaß. Es ist der richtige Berufszweig für mich.


So schnieke, wenn die eigene Arbeit vom Bildschirm zu  einem echtem, anfassbaren Produkt wird.
Am Samstag werde ich packen, und habe jetzt schon Angst davor, die fertigen Koffer auf die von meinem Kollegen ausgeliehene Waage zu stellen. Auf dem Hinweg mit SAS durfte ich zweimal 23 Kilo mitnehmen, auf dem Rückweg mit Norwegian sind es nur zweimal 20. Bei der Eigenschaft von besitzten Krempel, sich mit der Zeit immer unüberschaubar zu vermehren ist das eine Herausforderung. Mal sehen, wie knapp es am Ende wird, und wieviele Lagen Kleidung ich beim fliegen tragen muss.
Morgen ist mein letzter Tag auf der Arbeit und bin gespannt, ob meine Kollegen sich wohl eine Überraschung für mich ausdenken (eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, es wäre nicht ihre Art, das nicht zu tun). Mein Chef wird mir auf jeden Fall einen Käsekuchen mitbringen :)

Und dann sage ich Takk for meg. Es war eine gute Zeit, hervorragend von Gott geplant und vorbereitet, und es ist gut, dass sie jetzt vorbei ist. Auf zu den nächsten Abenteuern.

Dienstag, 31. Oktober 2017

Perlen der norwegischen Esskultur

* Achtung. Dieser Bericht ist für Menschen mit schwachem Magen und/oder starkem Vorstellungsvermögen nicht geeignet. *

Neulich beim Lunsj wurde ich gefragt, ob ich wohl das norwegische Essen vermissen würde. Ich verschluckte mich vor Schreck beinahe an meinem Knäckebrot und musste meine zwischen Lachen und Weinen hin und hergerissenen Gesichtszüge erst einmal hinter einem Wasserglas verstecken.

Im Land der alten Wikinger ist man nicht in der Lage, sich seinen eigenen Pudding zu kochen oder Kakao zuzubereiten, dafür gibt es beides im Tetrapack. Ein Volk, das für braten, kochen, backen, frittieren, zubereiten, ... jegliche Art, wohlschmeckende Gaumenfreuden zu schaffen nur ein einziges Verb kennt, nämlich "å lage", wen wundert es dass das keine kulinarischen Höhepunkte produziert?
In diesem Land gibt es, wenn es etwas Besonders sein soll - Taco, Pizza oder Hotdogs. Ich habe in meinem Leben noch nie so viel Pizza gegessen wie hier. Diese triefen meistens vor Fett und sind dick belegt mit allen möglichen, querbeet zusammengeschmissene Arten von Fleisch. Lasst das nicht mal einen Italiener sehen.

Hotdogs - wer dachte, dass es die primitiven Würstchen in schlabbrigem Brötchen mit Röstzwiebeln und sauren Gurken bei Ikea nur gibt, weil das die billigste Art und Weise ist, eine Mahlzeit anzubieten, liegt falsch. Dieses Essen ist tatsächlich Bestandteil der skandinavischen Kultur. Meine Kollegen bekommen glänzende Augen, wenn es an einem speziellen Freitag mal "Pølse-lunsj" gibt.  Ich bekomme schlechte Laune, denn sie ersetzen das normale Lunsj was aus wunderbarem, in echter Handwerksarbeit hergestelltem Brot (wir Deutschen haben tatsächlich kein Monopol darauf), körnigem Knäckebrot das weit entfernt ist von dem was wir unter WASA in Deutschland kaufen, jeder Menge Aufstrichen, Käse, Schinken, Gemüse usw. besteht. Ich erwähnte es schon einmal, das Lunsj im Büro ist super und immer das Highlight des Arbeitstages. Aber nicht mit Hotdogs, bzw. Lomper, der Alternative zu dem klassischen Brötchen. Ein Teigfetzen aus Mehl und Kartoffeln, sehr dünn und mehr oder weniger geschmacklos. Auch in diesen lässt sich das Würstchen wickeln und mit Zwiebeln bestreuen. Guten Appetit. Dazu wird Cola, Fanta und was es sonst noch so an Brausen zu finden gibt gereicht.

Generell gibt es in norwegischen Supermärkten recht wenig zu finden. Übersteigerter Patriotismus mit der felsenfesten Überzeugung, das nur was in Norwegen hergestellt wurde, wirklich gut sein kann, spiegelt sich in der mehr als übersichtlichen Auswahl wieder. Mein kapitalistisches Herz, das in einem riesigen Kaufland zwischen Regalen vollgepackt mit lächerlich vielen Alternativen zu jedem Produkt höher schlägt und genussvoll alle Varianten studiert bis es eine wohlbedachte Entscheidung trifft um dann zum nächsten Punkt auf der Einkaufsliste überzugehen, blutet hier bei "Rema", "Kiwi", "Meny" & Co. Wer sich aufmacht mit dem spannenden Vorhaben, Käse zu kaufen, steht vor dem Kühlregal und darf mehr oder weniger wählen zwischen zwei Herstellern von klassischem, "gelben" Käse in drei unterschiedlichen Abpackungen, mit gutem Sehvermögen können am Rande vielleicht noch einige importierte Exoten in Form von Camembert und Frischkäse erspäht werden. Das wars. Die Frage, welchen Käse du kaufst, stellt sich hier nicht. Trotzdem dauert der Prozess genau so lang, denn du fragst dich angesichts der Preise ob du wirklich Käse brauchst.
Als großer Fan von Joghurt treibt mir die Molkereiabteilung die Tränen in die Augen. Hersteller TINE ist allgegenwärtig, ansonsten hat kaum einer was zu melden. So finden sich hauptsächlich 4 Sorten Fruchtjoghurt und ein Naturjoghurt, der restliche Platz wird mit fertigen Milchreis- und Dinkelbrei-Packungen aufgefüllt. Du hast Lust auf Stracciatella-Joghurt? Pech. Kirsche? Pfirsich? Sorry. Eine Naturjoghurt mit 1,5% Fett statt den 3,5? Nö. Quark?! Vergiss es. Das sind Momente purer Verzweiflung.
Man überlebt ja trotzdem, auch ohne die Riesenauswahl. Aber nur knapp.

Eins möchte ich nicht unterschlagen (und die Norweger reiben es einem auch ständig unter die Nase): Die Qualität ihrer Produkte ist ausgesprochen gut. Die Milch z.B. schmeckt, und ist auch nach dem MHD noch ewig haltbar. Apropos Milch: hier rasten sie richtig aus. Milch kannst du haben mit 0,1%, 0,7%, 1,5%, 3,5% und 4,1% Fett, ökologisch und normal, laktosefrei und laktosereduziert, mit besonders viel Calcium als Styrkemelk oder als Kefir, und, zur Krönung, als Sauermilch, syrnet melk. Die versöhnt mich ein bisschen mit der Molkereiabteilung. Geschmack und Konsistenz sind dem Joghurt sehr ähnlich, es gibt sie pur und in vielen verschiedenen Geschmacksrichtungen. Was diese Milch sauer macht, sind viele unterschiedliche Bakterienkulturen, die sie nicht nur extrem lecker, sondern auch hochgradig gesund machen.


Bleiben wir bei den Molkereiprodukten und reden über den berühmten braunen Käse. Brunost, und schon Ingerid aus dem Norwegischkurs schwärmte davon. Was hatte ich mir nicht alles unter süßem Käse vorgestellt! Man kauft ihn als großen schweren Block und erhobelt sich dann mit dem eigens dafür vorgesehenen Werkzeug eine dünne Scheibe. Klassischerweise kommt die aufs Knäckebrot und mit eine Schicht Marmelade entsteht der zur Brotzeit gewordene Inbegriff des Norwegischen. Genauso ist es aber auch kein Affront, Gurken oder Tomaten drauf zu legen - den hiesigen Gaumen ist eh alles egal.
Und wie schmeckt das nun? Einfach mal nicht außergewöhnlich. Wie dieser billiger Schmelzkäse, den man typischerweise auf Toast Hawaii klatscht. Weder gut, noch außergewöhnlich schlecht. Warum Ingerid den bei jedem Heimatbesuch kiloweise nach Deutschland importiert - keine Ahnung.
Ist übrigens kein Brunost zur Hand, streichen sich die Norweger ihre Marmelade übrigens auf normalen Käse.

Pålegg, dieser weitgefächerte Begriff umfasst alles, was man sich auf sein Brot legen kann. Schinken, Käse, Aufstriche, Kartoffelsalat. Ja, Kartoffelsalat ist hier keine Beilage zu Bockwürstchen, sondern gehört auf die Stulle. Gar nicht so schlecht, habe ich mir eine Zeit lang auch so schmecken lassen. Bis es mir irgendwann doch nicht mehr so ganz geheuer war, dass jede Woche eine neue Büchse geliefert, die alten aber niemals verbraucht wurden und so irgendwann eine uneinsichtig hohe Menge offener Kartoffelsalate auf dem Lunsj-Tisch standen, von denen keiner wusste welcher wie alt ist. Russisch-Roulette, die Lunch-Version. Dafür fehlt mir der Mut.

Pålegg gibt es auch in Tuben, so Mayonnaise, Streichkäse und auch Kaviar. Was die Norweger unter Kaviar verstehen ist eine wurst-pinke, gut streichfähige Creme mit starkem Fischgeschmack und allerlei interessanten Zutaten, darunter eher wenige Fischeier. Die Sache schmeckt auf den ersten Bissen ok, wird dann aber schnell zu viel. Das erste einiger interessanter Fischprodukte.

Einige Wochen bin ich drum herumgeschlichen, irgendwann musste ich es wagen. Der schnelle Griff zum Fiskepudding, ehe ich es mir anders überlege, sehr teuer ist er zum Glück nicht. Und dann liegt er vor mir. Eine milchig-weiße Rolle in Teewurstform. Der Aufdruck verrät: Fiskepudding ist genau das, was der Name befürchten lässt. Pudding aus Fisch. Welcher und was davon ist eigentlich egal. Es wird sorgfältig vermixt und zusammen mit Sahne und Milch aufgekocht, dann mit Stärke, Kräutern und Stabilisatoren verrührt und schlussendlich in eine beliebige Form gepresst und kalt gestellt. Der freudige Endverbraucher kann sich den hart gewordenen Fischmix in Scheiben abschneiden.
Das Verrückteste an der Sache? Mir schmeckt es, auch wenn es eine sehr gewöhnungsbedürftige Form des Fisches ist, die einem da glibberig über die Zunge rollt. Und verdächtig billig.

Fisch, inspired by Wurscht.

Blass wie Schneewittchen, Fiskepudding aufs Schnittchen.
Sehr nah verwandt mit Fiskepudding sind Fiskekaker. Der Fischmix wird dafür in Bulettenform braun angebraten und schmeckt den deutschen Fleischhäufchen damit gar nicht mehr unähnlich.

In die selbe Familie gehören schließlich auch Fiskeboller. Wieder ein fröhlicher Mix aus diversen Fischen und -teilen, nun aber schwimmend in einer wässrigen Lösung und als Konserve verkauft. Auch eine solche Dose habe ich abenteuerlustig erworben, allerdings klassischerweise vergessen dass wir keinen Dosenöffner besitzen. Da meine letzte Begegnung mit einem solch gefährlichen Gerät auf der Rettungsstelle endete und mir bis heute ein Teil Gefühl im Finger fehlt, bin ich da gar nicht so traurig darüber. Die Fiskeboller fristen allerdings ein trübseliges Dasein im Vorratsregal.

Fiskepudding, -kaker und -boller sind zwar alles verrückte Darreichungsformen einfachen Fischs, aber absolut tragbar. Was nicht tragbar ist, ist Sild. Hering.
Mein Kollege und Schreibtischnachbar hat den Auftrag, neue Etiketten für einen Hering-Hersteller zu gestalten. Seit Wochen stehen palettenweise eingelegte Hering-Gläser auf der Arbeit in der Küche. Das hätte mich misstrauisch machen sollen. Stattdessen nahm ich mir eines Tages ein Glas mit und gedachte, mir ein schönes Reisgericht mit Fisch zu kredenzen.
Wie der Hering, bzw. die Heringteilchen, in ihrem Glas herumschwapperten, sieht es sehr viel mehr nach etwas aus, was in der Charité im Museum steht als nach etwas, was man zusammen mit Reis auf dem Teller haben will. Auch der probeweise Stups mit den Fingern machte nicht viel Mut. Glibbrig, weich, formlos. In meinem grenzenlos naiven Glauben daran, dass etwas das als Nahrungsmittel verkauft wird auch essbar sein wird, klatschte ich mir das Ganze schließlich auf den Teller.
Es war möglicherweise das Schlimmste, das ich jemals gegessen habe. Fisch ist in Ordnung. Aber dieser Fisch war so dermaßen süß!!! Ich hätte im Leben nicht für möglich gehalten, dass jemand dazu im Stande ist eine solche Rezeptur zu erschaffen, und das dann auch noch im großen Stil zu fabrizieren. Und damit beende ich diesen Absatz, denn um Sild angemessen zu beschreiben ist die deutsche Sprache gar nicht ausgelegt.

Der Einfallsreichtum um Fisch an den Mann, die Frau und das Kind zu bringen, ist grenzenlos. Ich stelle vor: Crab Nobs. Spektakulär günstig, diesmal aus der Tiefkühlabteilung, erneut eine undefinierbare Fischmasse, hier allerdings in einem spektakulären Rotton und in fingerförmigen Stücken. Auf gut Glück habe ich sie einfach mal für eine Weile in den Backofen gegeben, was dafür sorgte dass die Teilchen extrem hochgingen. Was auch immer da drin ist ...
Die Konsistenz ist wiederum ganz verblüffend, und zwar faserig. Gefühlt kaut man auf Muskelsträngen herum, und der Geschmack ist mir für Fisch wieder eindeutig zu süß, allerdings niemals so schlimm wie Sild. Kann man mal essen, muss man aber nicht wiederholen.



Fasrig, erinnert an Muskelstränge.
Um all diese Fischgeschichten schlussendlich noch etwas positiver zu beenden: normalen Fisch, wie Lachs, gibt es auch, und dieser schmeckt spektakulär, so gut habe ich ihn in Deutschland noch nie gegessen.

Trotzdem, als ich mich gefasst hatte lautete meine Antwort beim lunsj entschieden: Nein, ich werde norwegisches Essen nicht vermissen!
Vielmehr freue ich mich wieder auf das bodenständige, verlässliche und unaufgeregte deutsche Essen, die Vielfalt und das alles bei einem Viertel der norwegischen Preise. Es sind auch tatsächlich nur noch zwei Wochen ... Am Ende werde ich es vielleicht doch vermissen. Aber im Moment freue ich mich hauptsächlich auf zu Hause.

Samstag, 23. September 2017

Ich war bei Erwachsenen und sie sind auch nicht anders als wir

Manchmal habe ich das Gefühl, dass die geographische Position etwas weiter nördlich auf der Landkarte die kleinere Veränderung ist im Vergleich zum Sprung auf der Zeitachse um 10 Jahre nach oben. Denn so viel sind im Büro alle mindestens älter als ich und entsprechend bewege ich mich momentan in seltsamen, unbekannten Kreisen, voller Eigenheim, Kindergarten, Wochenend-Städtetrips und Existenzkrisen wie den ersten grauen Haaren mit 30. Erwachsene sind eine seltsame Spezies, Verantwortung haftet ihnen an und zumindest der Anschein, immer genau zu wissen was sie tun und wofür. Und doch blitzt hin und wieder der verwirrte junge Mensch hervor, und mir drängt sich der Verdacht auf dass wir am Ende doch gar nicht so unterschiedlich sind.

Gestern war eine große Marketingkonferenz in Haugesund und die After-Party sollte in unserem neu hergerichteten Partykeller stattfinden. Während also eine kleine Delegation aus dem Büro Reden schwingen und anhören durfte, war der Rest von uns in heller Aufruhr um nach einem Marathon an Vorbereitungen in dieser Woche alles endgültig startklar zu machen, auch das letzte Detail zu richten und, wie bei meinem Art Director, mal einen Umzugskarton an Papiermüll vom Schreibtisch in die Tonne zu verfrachten um einen Anschein von Ordnung zu erzeugen. Meine Aufgaben bestanden unter Anderem darin, 4 Packen Luftballons aufzublasen und deutsche Modelleisenbahn-Boote zusammenzukleben. Fragt nicht.

Wir wurden rechtzeitig fertig und warteten schließlich zusammen mit den Schnittchen und dem glucksenden Zapfhahn, der schon den ganzen Tag alle an den Rand des Wahnsinns trieb, auf um die 100 Marketingschnösel.
Und sie kamen, in Anzug und Kostüm, lauten Diskussionen, spannenden Hemden über stolzen Bäuchen, dunkelroten Lippenstiften, Frisuren wie mit dem Lineal gezogen und Uhren die von Wichtigkeit sprechen. Hach ihr Erwachsenen! Und dann wurden die Schnittchen gesnackt, nebenher das Weinglas balanciert oder das am Ende des Tages wohlverdiente Bierchen im Takt der Unterhaltung geschwungen. Ich fügte mich in dieses Bild ein und wartete darauf, dass aus den beschlippsten Leuten beschwipste Leute wurden.

Weiter ging es in unserem Keller, der übrigens wirklich schick geworden ist mit schwarzen Wänden, Bar, Bänken und Tischen aus unbehandeltem Holz, aufeinander abgestimmtes programmiertes Licht usw., wie man das als Designagentur eben so macht.
Ich hatte viele gute Unterhaltungen und mit fortschreitender Uhrzeit wurden aus den Erwachsenen normale Menschen. Auch mit meinen Kollegen konnte ich wieder sehr gut quatschen, über unseren Beruf und das Leben. In grenzenloser Neugier habe ich dann auch endlich mal Snus probiert und mir so einen kleinen Teebeutel unter die Lippe geschoben. Es fühlt sich wirklich komisch an und man hat das Gefühl eine Riesenbeule im Gesicht zu tragen die von außen jeder sehen kann. Soll wohl nicht der Fall sein. Geschmacklich war es einfach Schwarztee und geprickelt hat es tatsächlich, wie von Pfeffer oder anderen scharfen Gewürzen. Als mir ein bisschen schwindlig wurde habe ich das Ding dezent wieder entfernt und weiter ist mir nichts passiert. Zum Glück! Hatte mir doch erst vorher noch ein Kollege erzählt, dass als er es das erste Mal ausprobiert hat, sie in einer Runde zu 10. waren und es 9 von ihnen danach überhaupt nicht gut ging, dergestalt dass sie prompt über der Kloschüssel hingen. Das blieb mir erspart und ich habe mir wieder ein Mysterium des Lebens erschlossen. Snus. Nur warum man das dauerhaft macht, es genießt oder gar nicht mehr ohne kann, habe ich immer noch nicht verstanden.
Mit meinem Kollegen Ross, dem Engländer, zu dem langsam eine Ausländer-Solidarität entsteht (wir lachen beide meistens als letzte oder gar nicht über Witze, verpassen oft wichtige Sachen die für alle anderen klar sind und müssen über die Norweger einfach hin und wieder den Kopf schütteln) habe ich 50 Kronen gewettet, dass Snus schädlicher ist als Zigaretten. Muss es doch sein, wenn es überall außer in Schweden und Norwegen verboten ist? Ich habe es noch nicht rausbekommen.

Eher weil wir nicht wussten, wo sie sonst stehen sollte als aus Intention hatten wir die Tischtennisplatte im Keller und die war unter den Feiernden wirklich beliebt. Es war lustig, zuzuschauen, und noch lustiger, selbst zu spielen. Ein anderer Kollege ist so überzeugt von seinen Fähigkeiten, dass er mir sagte wenn ich ein Turnier, 3 Spiele, gegen ihn gewinnen würde, könnte ich sonstwas von ihm verlangen. Diesen gefährlichen Freifahrtschein ließ ich sofort von Ross bezeugen und bin natürlich angestachelt. Das wird ja wohl bis November nicht unmöglich sein! Gestern Abend wurde es nichts, er ist wirklich gut und schnippelt fies, aber es war knapp. Man muss sich Ziele setzen, und ich werde mir noch etwas wirklich Fieses für ihn als Strafe einfallen lassen.

So nahm mal wieder ein sehr unterhaltsamer Abend seinen Lauf, selbst mit all den Erwachsenen, die in dieser gepflegten hippen Umgebung und in den teuren Kostümen genauso albern waren wie wir Studenten bei unseren billigen WG-Partys. Nur dass ich mich um 3 Uhr morgens ziemlich lang mit einem Firmenchef über die Flüchtlingspolitik in Deutschland und allgemein unterhielt erinnerte daran, dass ich es mit einem anderen Klientel zu tun hatte.

Schlussendlich war es 4 Uhr, die letzten Leute aus dem Keller gefegt, das Licht ausgemacht und abgeschlossen. Es regnete nicht, die Luft war herrlich klar und kühl, ich fuhr mit meinem Chef auf dem Fahrrad nach Hause weil wir so ziemlich den selben Weg haben (und er immer Angst um alle). Auf der Hälfte wurde es uns zu steil und wir schoben einfach den Rest, durch die stille Stadt und gelbes Straßenlaternenlicht, und redeten über alles mögliche. Am Ende verabschiedeten wir uns mit dem für Norweger obligatorischen Dank für den Abend und mein Chef seufzte, dass er wohl bald wieder aufstehen müsse weil die Kinder früh wach werden würden. Die Erwachsenenwelt war zurück, für ihn. Ich radelte glücklich nach Hause um so lang zu schlafen wie ich wollte und heute bis zum Abend komplett ohne Verpflichtungen. Ihr Erwachsenen, macht mal euer Ding, ich werde euch nicht so bald beitreten! Aber viel vormachen könnt ihr mir auch nicht mehr.

Sonntag, 10. September 2017

Ein kleines Fußballmärchen

Ich habe mir ja vieles im Vorhinein über die Norweger angelesen, aber dass sie so fußballbesessen sind sagte man mir nicht.
Zu ihrem Leidwesen sind die eigenen Vereine international eher nicht ernstzunehmen, weshalb sich jeder Norweger auch einem englischen Club verschreibt. Die Anfahrt zum Heimspiel ist etwas weiter, wird aber trotzdem ab und zu in Kauf genommen.
Es wird aber nicht nur gerne zugesehen, sondern auch gespielt, und das haben wir gestern gemacht.

Am Freitag wurde ich im Büro gefragt, ob ich aufgeregt sei. Wieso, es ist doch nur ein kleines Fußballturnier?
Mitnichten. Fußball ist eine ernste Sache und dieses Turnier zwischen verschiedensten Haugesunder Unternehmen war knallhart. Derart ausgeprägt ist der Siegeswille, dass die meisten Teams zusätzlich zu den einfachen Angestellten noch externe Fußballspieler anheuern, teilweise Ex-Profis. Wir hatten das nicht nötig, waren damit aber auch so ziemlich die Ausnahme.

Als ich mir morgens die neuen Klamotten anzog, die Iversen Skogen für diese Gelegenheit extra bestellt hatte, war mir auch nicht mehr nach Spielen zumute, sondern nach Kämpfen. Das schicke gelbe Trikot mit der Rückennummer 23, die schneeweiße Hose und Socken, die derart strahlten dass sogar meine in diesem Jahr von Sonne reichlich verschonten Knie gebräunt aussahen. Mit so einem Outfit kann man nur gewinnen.




Mit meinem Chef stand ich zunächst vor der falschen Halle, aber zum Glück ist Haugesund nicht so groß dass man nicht in 15 Minuten an das andere Ende der Stadt fahren könnte. Pünktlich betraten wir die Kampfstätte, unter deren Dach sich das Testosteron schon staute. 15 Teams, zu 95% Männer (man will ja gewinnen!). Nervöses Gedribbel zum warmmachen. Abcheckende Blicke durch die Halle um die gegnerischen Jungs einzuschätzen. Taktikbesprechungen. Schienbeinschützer, die unter die Stutzen geschoben werden. Der Sprint zum Auto um die vergessenen Schuhe zu holen (unser Torwart). Draußen fängt es an zu nieseln.



"Sind das die neuesten Fußballschuhe in Deutschland?" Mein Chef hat gleich drei Paar Fußballschuhe mitgenommen weil er sich über die Beschaffenheit des Kunstrasens nicht so sicher war. Als ich gepackt habe, habe ich nicht damit gerechnet bei einem Fußballturnier mitzumachen! Außerdem besitze ich sowieso keine Schuhe mit Stollen. Es wird auch so gehen.

Kurz vor unserem ersten Spiel wird die Strategie und Aufstellung erklärt, die mein (anderer) Chef sich überlegt hat und von einem zerknitterten Zettel abliest. Auch unser Torwart hat es geschafft. Und dann geht es los, das erste Spiel in der Halle. 5 dürfen spielen, 6 stehen am Rand, es wird so oft gewechselt dass jeder mindestens einmal auf dem Feld steht. Es macht wahnsinnig Spaß! Meine Kollegen sind wirklich gut, immerhin treffen sie sich auch jeden Sonntag um 8 Uhr morgens zum kicken. Ich freue mich, dabei sein zu dürfen, auch wenn ich sicherlich kein tragender Teil der Mannschaft bin. Es fallen einige Tore, am Ende verlieren wir.
"Es hat sich niemand verletzt!", bemerkt mein Chef. Und wir haben noch zwei weitere Spiele in der Gruppenphase.


Und die werden gewonnen. Wer am Rand als Wechselbank steht unterstützt durch Applaus, Zurufe, Tipps. Wer spielt, gibt alles. Ich habe nicht mehr Angst, etwas falsch zu machen, sondern genieße es total Teil dieser Mannschaft zu sein. Wir Frauen sind zu dritt, werden sehr ermutigt und genauso oft eingewechselt wie alle anderen auch. Zu einem Zeitpunkt spielen wir alle gleichzeitig auf dem Feld, und die Männerriege am Rand ist erstaunt, wie gut das funktioniert. Nach diesen 3 Spielen hätte das Turnier zu Ende sein können, aber wir stehen im Achtelfinale!

Die nächsten zwei Spiele bestreiten wir draußen, und es regnet nicht mehr, sondern schüttet. E-kel-haft. Trotzdem stehen nicht nur die 5 Spieler im Freien, sondern alle. Da müssen wir zusammen durch, und so weiche ich mal wieder komplett durch und zittere mich durch zweimal 12 Minuten bei 10 Grad und etwas Wind, der auch das letzte bisschen Wärme aus dem Körper zieht.

Wuäks.

Alles hat ein Ende, auch der Konica Minolta Cup in Haugesund mit Iversen Skogen. Im Halbfinale unterliegen wir einer Anwalts-Mannschaft (bis auf einen Spieler bestehend aus lauter gekauften Fußballern). Ich bin ein bisschen erleichtert, endlich warm duschen zu können!

Aber damit war das Erlebnis noch lange nicht vorbei, denn am Abend fand die Preisverleihung statt.
Was man mir sagte: Nach dem Turnier wird es eine Party geben, und beim Italiener wurde ein Tisch reserviert.
Was man mir nicht sagte: der gesamte Italiener war für die Turnierteilnehmer reserviert, und alle erschienen für dieses Event piekfein in mindestens Schlips und Anzug/hochhackigen Schuhen und Kleid. Ups!
Dank meiner Vorliebe für schwarze Kleidung lag ich zufälligerweise nicht komplett daneben, war aber immer noch reichlich underdressed.
Das sind so die kleinen Details, die man als Ausländer nicht mitbekommt wenn sich im Büro unterhalten wird. Aber auch das habe ich überlebt, genauso wie die Muscheln, die ich zum ersten Mal gegessen habe. Da die Getränke auf Iversen Skogen gingen, wurde der Abend immer feuchtfröhlicher und die Gespräche interessanter. Wenn die Norweger mal wieder so langsam aus sich herauskommen ... Dann werden sie redselig und sentimental. Mein Art Director lobte mich in den höchsten Tönen vor meinen Kollegen, das ging natürlich runter wie Öl. Wir stießen auf eine Idee an, die ich am Freitag hatte. Man bot mir wieder einmal an, Snus auszuprobieren, und wieder einmal war mir die Sache zu heikel. Wer nicht daran gewöhnt ist, dem soll sehr schnell schlecht werden/ein Nikotinschock blühen. Wir unterhielten uns über Fußball und die Unterschiede zwischen norwegischen/deutschen/englischen Stadien.

Dann wurden die Sieger geehrt (diese Anwaltskanzlei hatte gewonnen), mit Medaillen und eingerahmten Bild, aber der Pokal blieb noch in der Plastiktüte. Denn der ... wurde danach uns feierlich überreicht! Weil wir die Mannschaft waren, die ausschließlich aus Angestellten bestand und trotzdem 3. wurden. Also bekamen wir alle eine Medaille umgehangen, ein Trikot vom FK Haugesund mit Unterschriften aller Spieler, ebenfalls ein eingerahmtes Bildchen und den Wanderpokal. Mein Chef durfte eine Rede halten und dann feierten wir den Rest des Abends unseren "Sieg".
Für einen kurzen Moment bestand Ratlosigkeit, wer das signierte Trikot bekommen sollte. "Haarald, dein Sohn?" Nee, wollte nicht. Und dann war die Antwort schnell gefunden: "Julia! Als Erinnerung an uns!" Na aber Hallo, mit größtem Vergnügen!!



Als wir den Italiener endlich in Frieden ließen, zogen wir weiter in eine Bar, und als uns auch das reichte, ging es zum "Nachspiel" zurück ins Office.
Das ist so eine andere, typisch norwegische Sache: vor einer Party trifft man sich zum "Vorspiel", also dem ein oder anderen Gläschen Wein um warmzuwerden, was in Deutschland ja auch relativ gängig ist, hinterher aber nochmal zum "Nachspiel", um in gemütlicher Runde den Abend endgültig abzuschließen. Als letzter Rest saßen wir dann also im Büro und sinnierten darüber, wie wir unsere Prozesse verbessern, kreativer und mutiger werden können, und über alles andere im Leben. Ich konnte Fragen stellen, die ich schon lange hatte, wie "Ross, warum lebst du seit 7 Jahren in Norwegen, hast eine norwegische Familie, und sprichst immer noch kein norwegisch?" oder "habt ihr viele Praktikanten?" Zu meinem Erstaunen wurde das verneint, ich bin mehr oder weniger die erste richtige Praktikantin die Iversen Skogen hat. Ich fühle mich geehrt, genauso darüber dass mir beständig gesagt wird, wie stolz und froh man sei, dass ich es aus Berlin ausgerechnet nach Haugesund geschafft habe. Bei allen Selbstzweifeln tut das so unglaublich gut und ich habe mich ein bisschen in das gesamte Kollegium verliebt. Ich fühle mich wohl unter diesen Menschen und gehöre wirklich absolut dazu! Im Gespräch mit einem Kollege und meinem Art Director wollte der Kollege sagen, dass ich als jemand Neues in der Agentur nochmal eine andere Sicht auf Iversen Skogen bringen kann, und der Art Director ließ keine seiner Formulierungen zu "Julia als jemand von außen ... " - "Nein, die gehört jetzt zu uns", "Ja, aber ..." - "Wer drin ist, ist drin!".
Ich nutzte die Gelegenheit gestern Abend dann auch, um mich mal bei den Leuten dafür zu bedanken und ihnen überhaupt erstmal zu erklären, wie besonders und cool das ist, so aufgenommen zu werden. Ich hoffe, das wissen sie heute noch :)

Weil nach 3 kein Bus mehr fährt spazierte ich nach Hause, was auch nicht so weit ist. Natürlich durch strömenden Regen, alles andere wäre diesem Tag nicht gerecht geworden. Mit einem Grinsen ließ ich viele der Situationen und Gespräche Revue passieren. Das war so ein absolut cooler, bestätigender Tag! An den mich zwei ganz besondere Trikots erinnern werden.





Montag, 21. August 2017

Leben in der 33A

Was haben zwei Eriträer, ein Finne, ein Slowene und eine Deutsche gemeinsam?
Nichts, außer dass wir zusammen in Norwegen leben.

Und wie ist das so?
Bis jetzt herausragend!

Wie, alleine mit vier Jungs?
So wie ich es liebe. Entspannt, unkompliziert, lustig. Kein Psychoterror, kein Gekreische über Spinnen (ich hatte noch keine), Platz im Eingangsbereich für meine Schuhe.

Wer macht am meisten Dreck?
Ich war gestern wandern und stand an einem Punkt plötzlich knietief im Schlamm. Dafür konnte ich nichts.

Wer macht sauber?
Es gibt einen festgelegten Putzplan, von ganz oben. Der wird auch jeden Montag kontrolliert. Letzte Woche war Kollege Antti aus Finnland dran und hat die Messlatte unerreichbar hoch gelegt. Da wurde gesaugt, gewischt, geputzt, geschrubbt und am Ende auch noch der Kühlschrank abgetaut. Diese Woche bin ich dran. Vielleicht backe ich einen Kuchen. Es gibt nichts mehr sauberzumachen!

Antti aus Finnland. Wer noch so?
Anze aus Slowenien, Kettenraucher, erwartet mit zitternden Knien den Tag an dem seine mitgebrachten Tabakvorräte zur Neige gehen. "Vielleicht höre ich dann mit dem Rauchen auf." Oder er steigt auf Snus um. Tabak in Norwegen zu kaufen ist keine Option. 
Awet aus Eritrea, Hausmutti. Das meiste Kochgeschirr kommt von ihm, auch die ganzen Putzmittel. Großzügig stellt er alles zur Verfügung. Er wohnt seit drei Jahren im Studentenhybel und wer Fragen zu fragen hat fragt ihn. Außerdem hat er das erste Haustreffen anberaumt und uns mit Pizza versorgt. Als ich einen Platten hatte, konnte er mir natürlich mit einer Luftpumpe aushelfen.
Mikael, auch aus Eritrea, fängt nicht mit A an. Kocht seinen Schwarztee direkt im Wasserkocher und stellt seinen Topf mit dem Rest Nudeln direkt wieder in den Küchen(nicht Kühl- !)schrank, um ihn am nächsten Tag von dort aus wieder zu erwärmen. Ansonsten ist er glaube ich ganz nett.
Und ich. Ich etabliere Dumpsterdiving als neuen Mannschaftssport in unserer kleinen Community. Ich habe als einzige mein eigenes Bad und bin daher etwas Besseres. Über das Büro bin ich über alle Vorkommnisse in der Stadt informiert und reiche sie brandheiß an meine Mitbewohner weiter - z.B. das am Samstag das größte Heringsessen der Welt in der Stadt stattfand, auf einer über 30m langen Tafel in der Fußgängerzone.

Was ist eigentlich Dumpsterdiving?
Ach ... 

Und warum ist das jetzt alles so herausragend?
Weil ich mich wohlfühle! Jeder ist darauf bedacht, das was er benutzt hat sofort wieder sauberzumachen. Alle sind offen und freundlich, es gibt keine Allianzen und kein Gestichel. Wenn ich in die Küche gehe, um mir kurz Milch zu holen oder Wasser aufzukochen, muss ich keine erzwungene Konversation halten, wenn ich keine Lust dazu habe. Ich kann aber. Ich erfahre einiges über ganz andere Länder als Norwegen - z.B. dass der Mindestlohn in Slowenien bei 4,65€ liegt und ein Stundenlohn von 8,50€ ganz schöner Luxus ist, oder dass es in Finnland immer noch die Wehrpflicht gibt und dort ein Haufen gutes Essen weggeschmissen wird, weil die Rationen so übergroß bemessen sind. Letzten Freitag war unser erstes gemeinsames Treffen und es war so gemütlich. Awets Pizza, mein Gemüseteller, ne Flasche Cola - mehr braucht es nicht. Hinterher war alles blitzschnell aufgeräumt und saubergemacht und es wurde Schach gespielt/dabei zugeguckt. 

Gibt es auch was das nervt?
Jeder Tropfen den die Kloschüssel empfängt kann überlaut von allen im Haus mit angehört werden.

Ok, noch was Erbauliches zum Abschluss?
Presten. Da war ich gestern, die Rundtour dauerte etwas länger als geplant und zweimal hatte ich mich verlaufen, aber ansonsten war es wunderschön und hat erst geregnet als ich fast wieder zu Hause war. 







Dienstag, 8. August 2017

Anfang, Brunost, Cider, ...

Aller Anfang ... in den ersten beiden Tagen kam ich mir erstmal doof vor. Ich hatte bis jetzt noch keine richtige Aufgabe, keinen eigenen Schreibtisch, ich kenne mich nicht aus, die Leute kennen mich nicht, ich kenne sie nicht. Ich verstehe gar nichts, wenn sie sich untereinander unterhalten und alle mir eingeschlossen sind eigentlich nur gespannt darauf, was das aus uns wohl wird. Aber ich bin guten Mutes, dass es aufwärts gehen wird!

Brunost, den süßen Käse, habe ich heute endlich probiert. Ich hatte mehr erwartet. Er schmeckt weder besonders gut, noch besonders schlecht, erinnert am ehesten noch an Schmelzkäse-Scheiben. Ich kann mir nicht vorstellen, den mit Marmelade zu essen und es wird definitiv nicht mein neues Lieblingsessen, auch wenn man mir erklärte, dass ich nur jeden Tag Brunost essen müsse, um zu einem echten Norweger zu werden.

Cider und Bier und Wein und Sekt haben mir meine fürsorglichen Kollegen am Samstag zum Festival in rauen Mengen in die Hand gedrückt. Eigentlich war ich schon nach dem Vorglühen bei einem Kollegen gut bedient, aber auch dort auf dem Gelände spendierte man mir ohne Ende. Dementsprechend litt ich Sonntag ein wenig.

Dänisch, finnisch, eritreisch und isländisch sind meine Mitbewohner, die ab nächster Woche kommen werden. Scheinbar haben sie alle Ausländer in ein Häuschen gepackt, ich bin gespannt auf sie!

Echte Kronen hatte ich noch gar nicht in der Hand. Hier wird alles mit Kreditkarte bezahlt, jeder Kleinstbetrag überall.

Festivalzeit! Im August finden nicht weniger als 3 Festivals in Haugesund statt, das in Vangen habe ich schon miterlebt. Ab morgen gibt es außerdem ein Jazzfestival und in zwei Wochen ein Filmfestival. Nirgendwann anders ist das Städtchen so in Aufruhr wie zu dieser Zeit und ich freue mich auf viele neue Eindrücke.

Grønnsaker sind in Norwegen echt teuer. Kartoffeln 4€ je anderthalb Kilo. Ein Eisberg 1,50€. Eine Gurke 1,70€. Tomaten 3€/Kilo. Da denke ich mit Wehmut zurück ans Maybachufer, andererseits gewöhnt man sich auch wahnsinnig schnell an die neuen Dimensionen und zuckt nicht mehr ganz so oft zusammen.

Haugesund ist wahnsinnig schön. Berge und Meer sind gerade einmal zwei Kilometer voneinander entfernt, das heißt je nachdem worauf ich Lust habe gehe ich von der Haustür aus entweder nach links oder nach rechts. An den Hängen drängen sich vor allem weiße Holzhäuser aneinander, zwischendrin gibt es viele verwinkelte Gassen, echte Abkürzungen für Fußgänger und Fahrradfahrer wenn man sie denn entdeckt.

Iversen Skogen ist der coolste Arbeitgeber den ich jemals hatte. Nach genau 8 Stunden werden hier die Taschen gepackt und die Heimwege angetreten, vom Lunsj erzähle ich noch, es gibt eine Tischtennisplatte, ständig gemeinsame Ausflüge, viel Gewitzel auf Snapchat und Slack, einem anderen Chatprogramm auch nach Feierabend. Es herrscht eine extrem gute, freundschaftliche Atmosphäre. Ich bin stolz, dazuzugehören.

Jede Menge kreischende Möwen gibt es hier, die zusammen mit dem Wind und dem Meer konstant für Urlaubsstimmung sorgen. Schön!!

Kaffee wird tatsächlich in Unmengen konsumiert, morgens, mittags, abends, aus zwei großen Thermoskannen die im Büro stehen und ständig neu gefüllt werden. Es war eine der ersten Fragen am Montagmorgen, ob ich Kaffee mag. "Ja." "Gut!" - schon hatte ich die erste Probe bestanden. Allerdings wird hier ausnahmslos schwarz getrunken, mit meiner Milch stehe ich alleine da. Deutsche Unsitten, wird man sich denken.

Lunsj ist echt herausragend herrlich! Pünktlich um elf wird der Tisch im Büro gedeckt und mit frischem Brot, Fleisch, Käse, Marmeladen, Joghurt, Orangensaft, Knäckebrot und anderen norwegische Besonderheiten, die ich noch nicht alle erfasst habe, vollgeladen. Dann kommen alle zu einer kleinen Mittagspause zusammen. Das ist so gemütlich und schön! Und die Zeit wird nicht von der Arbeitszeit abgezogen, was aber auch niemand ausnutzt.
Abendessen gibt es in Norwegen dann übrigens traditionell gegen 17 Uhr, also auch ziemlich früh. Ich finde, daran kann man sich gut gewöhnen.

Manche Mechanismen musste ich mir erst durch viel logisches Denken erschließen. Die Klospülung drückt man z.B. nicht, sondern man zieht einen kleinen Knüppel nach oben und schiebt ihn dann zum beenden wieder zurück. Beim ersten Mal stand ich eine Weile ratlos davor! Türenschließen war und ist auch eine echte Herausforderung. Erstens wird der Schlüssel im Schloss nicht rumgedreht und dann rausgezogen, sondern nur eine Vierteldrehung im Uhrzeigersinn, dann zurückgedreht und dann herausgenommen. Außerdem sind die Türen hier im Studentbolig alle Brandschutztüren, das heißt man muss sie mit sehr viel Nachdruck zuknallen damit sie wirklich einrasten und schließbar werden. Dafür brauche ich manchmal 10 Anläufe und bin froh, dass ich bis jetzt erst einen Mitbewohner habe der sehr gutmütig und meistens nicht zu Hause ist.

Norwegisch - ich arbeite jeden Tag mit Hochtouren daran, dieser Sprache Herr zu werden. In den Details ist sie doch sehr trickreich und es gibt viele Regeln zu beachten, die mit ebenso vielen Ausnahmen außer Kraft gesetzt werden. Lesen geht tatsächlich schon ganz gut, zumindest kleinere Passagen kann ich mir erschließen. Sprechen wage ich noch kaum, aus Angst es falsch zu machen (dabei gibt es eigentlich gar keine Ausspracheregeln). Verstehen kann ich leider fast gar nichts, was ziemlich deprimierend ist wenn man einem angeregten Wortschwall konzentriert zuhört und nichtmal ansatzweise herausbekommt, worum es denn eigentlich geht. Da muss ich mir noch irgendeine Herangehensweise überlegen.

Ordnung ist das halbe Leben, und deshalb gibt es einen festgesetzten Putzplan für unser Häuschen, und jeden Montag wird von oben kontrolliert, ob alles saubergemacht wurde. Das Erzieherische nervt ein bisschen, andererseits ist es wesentlich sauberer als zu Hause im anarchistischen Neukölln.

Polizeiöffnungszeiten - wochentags von 9 - 14 Uhr, am Wochenende zu. Ganz schön gemütlich, und blöd wenn man dort hinmuss um die obligatorische persönliche ID zu beantragen.

Quer über die Straßen führen überall und ständig Fußgängerüberwege, und alle Autos halten auch brav an (egal ob zu Fuß oder Fahrrad). Eine Ampel ist mir dafür bis jetzt noch gar nicht begegnet.

Ross heißt mein englischer Kollege, der seit 7 Jahren in Norwegen wohnt und eine norwegische Familie hat. Es sprechen immer noch alle englisch mit ihm, und irgendwie laufen innerhalb des Büros plötzlich Wetten, wer es nun innerhalb der drei Monate schneller lernt - er oder ich. Mein Ehrgeiz ist natürlich entfacht.

Snus ist die seltsamste norwegische Eigenart, die ich bis jetzt kennengelernt habe und ist eine Alternative zum rauchen. In einer Schachtel wie von Pulmoll befinden sich Mini-Teebeutelchen, die sich extrem viele Menschen oberhalb der Zähne zwischen Zahnfleisch und Lippen schieben und dort eine dreiviertel bis zwei Stunden behalten. Das Säckchen soll wohl prickeln, konstant Nikotin-Geschmack abgeben, ungesünder sein als echte Zigaretten und wird nach dem Gebrauch in den oberen, abgetrennten Teil der Dose gespuckt und bei manchen sofort wieder durch ein neues ersetzt.

Trønd-Arne ist ein Kollege, der einige Zeit in Deutschland (bzw. München) gelebt hat und ziemlich gut Deutsch spricht. Das ist ganz cool, zwischendurch mal für ein paar Minuten ein Gespräch auf Deutsch zu führen.

Unter 10 Minuten brauche ich, um zur Arbeit zu kommen. Es sind knapp 2 Kilometer, und geht eigentlich nur bergab - 40 Höhenmeter. Der perfekte Start in den Tag, und eine wunderbare Abwechslung zum Berliner Leben, wo die meisten Wege mindestens eine dreiviertel Stunde dauern, egal wohin.

Vangen hieß das Festivalgelände von Samstag, und es war mitten im Wald. Bei den konstanten Regengüssen auch reichlich schlammig, am Sonntag schrubbte ich eine halbe Stunde lang meine Stiefel. Als wir geschlossen zum Festival marschierten, kamen wir an einem festgefahrenen Auto vorbei. Ohne zu zögern schob es Kjetil, einer meiner Chefs an, und letztendlich vereinten wir die Kräfte aller Mitarbeiter, um das Gefährt wieder freizubekommen, mit Erfolg. So funktioniert  Teambuilding!

Waschbecken war verstopft, von Anfang an. Das Wasser lief immer schlechter ab und am Sonntag gar nicht mehr, was mir echt schlechte Laune gemacht hat! Ich rechnete damit, mindestens für den Rest der Woche das Waschbecken nicht mehr nutzen zu können und wenn etwas technisches/mechanisches nicht funktioniert nervt mich das immer ganz besonders. Umso glücklicher war ich, als ich Montag nach meinem ersten Arbeitstag nach Hause kam und einen Zettel an meiner Tür entdeckte, dass es wieder in Ordnung sei! Nach meiner e-Mail hat der Hausmeister das Problem sofort behoben, und außerdem auch noch meine Lüftung gereinigt, die jetzt definitiv nicht mehr quietscht und scheppert. Ich liebe Hausmeister!

Zeit habe ich irgendwie in Massen. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch keinen Büchereiausweis habe und Lesestoff, der mir die Abendstunden verkürzt. Oder weil es viel länger hell ist als noch letzte Woche. Oder weil ich so pünktlich zwischen 4 und 5 nach Hause gehen kann. Oder weil ich in dieser neuen, andersartigen Gegend einfach nicht zur Ruhe kommen will. Jedenfalls unternehme und erledige ich abends noch richtig viel und es fühlt sich bei Weitem nicht so an als sei der Tag nach Feierabend zu Ende. Und so sah es gestern bei meinem Feierabendspaziergang aus: