Sonntag, 3. März 2013

Fußball und Strom



Edith kommt in die Küche, öffnet den Kühlschrank und schließt ihn enttäuscht wieder. „Ach ich dachte, ich hätte Fußball gehört...“

Um diese Begebenheit zu verstehen, müsste man wohl in Haiti wohnen. Oder jemanden haben, der es einem erklärt.
Es geht um Strom. Und der ist hier ein rares Gut. Deswegen verteilt der (staatliche) Energiekonzern EDH ihn nur portionsweise. Einen ganzen Tag Strom? Selten. Es sei denn, es ist etwas Wichtiges. Wie zum Beispiel Fußball. Oder Karneval. Damit das Volk bei Laune bleibt und sowas im Fernsehen verfolgen kann, wird bei diesen Gelegenheiten alles in die Leitungen geschickt was geht. So hatten wir vor zwei Wochen tagelang fast durchgängig Strom wegen Karneval, und neulich auch einige Stunden überraschend zusätzlich, weil „El Classico“, dieses Duell zwischen den beiden spanischen Clubs Real Madrid und Barcelona, ausgetragen wurde. Die Leute hier sind übrigens tatsächlich sehr interessiert am europäischen Spitzenfußball! Nettes Land.
Im Moment ist es so, dass es meistens im Laufe des Abends Strom gibt und der früh morgens wieder abgeschaltet wird. Wann es aber letztendlich wirklich Strom gibt, ich glaube, dafür lässt sich keine zuverlässige mathematische Formel finden. Diese Nacht gab es z.B. keinen Strom. Zur Entschädigung heute Morgen eine Stunde. Das einzig verlässliche an der haitianischen Energieversorgung ist, dass sie irgendwann gekappt wird.

Das wäre alles kein Problem, denn wir haben einen Inverter. Der wird aufgeladen, wenn es Strom von EDH gibt, und sorgt für Licht, wenn EDH es ausschaltet. Allerdings ist der in diesen Tagen kaputt gegangen, und um es auf die Spitze zu treiben auch noch gleichzeitig zum Auto. Für die Reperatur werden alle Bemühungen unternommen, trotzdem sind wir jetzt seit einigen Tagen auf EDH angewiesen und sitzen sonst im Trockenen. Im wahrsten Sinne des Wortes!

Kein Strom, das bedeutet bald kein Wasser in den Leitungen, denn das muss aus der Zisterne hochgepumpt werden. Und schneller als man denkt ist man wieder  in der vorindustriellen Zeit gelandet. Wasserschleppen, Kerzenschein. Der Kühlschrank behält seine Kälte zwar noch eine ganze Weile, aber auch nicht ewig. So selten wie möglich rangehen! Der Herd ist sowieso ein Gasherd. Die Bohnen für die Bohnensoße können eben nicht schnell durch den Mixer geschickt, sondern müssen von Hand zerstampft werden. Und das Schmerzhafteste habe ich ja noch gar nicht erwähnt: kein Strom – kein Internet!

Zum Glück hat man noch einige Asse im Ärmel. Zum Beispiel der Generator, der mal für eine Weile angeschmissen werden kann, allerdings laut ist, stinkt und Benzin verbraucht. Oder das Solarpanel, das man tagsüber in die Sonne stellen kann und dabei eine Batterie auflädt.
Und dann wäscht man sich eben etwas weniger ausgiebig, spült nicht ständig, macht die Solarlampe aus, wenn man den Raum verlässt, und liest ein echtes Buch anstatt im Internet.
Ich will jetzt nicht sagen es würde einem bewusst, dass man auf alle diese technischen Errungenschaften der Neuzeit locker verzichten kann. Aber man kommt auch ohne sie durch den Tag (und die Nacht), UND wenn dann die Lampe im Kühlschrank doch wieder an ist, oder man ein Radio von nebenan hört, oder die Lampe im Nachbarshof brennt, ist die Freude riesengroß, denn das sind die gängigen Indizien dafür, dass es wieder staatlichen Strom gibt.
Und dann fangen die treuen Kirchgänger nebenan wieder an, die Lautsprecher auf volle Leistung zu drehen und man wünscht sich fast wieder die dunkle Stille zurück... ;)

Merkzettel an mich: Strom, Wasser, Internet – wertschätzen! Nicht selbstverständlich. Und NICHT überlebenswichtig. Wer hätte das gedacht!

Nachtrag: Diese Zeilen habe ich gestern Nachmittag offline geschrieben. Erst heute Abend gibt es wieder Strom, und hoffentlich lange genug, damit das hier online geht... Man weiß es alles nicht!

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