Edith kommt in
die Küche, öffnet den Kühlschrank und schließt ihn enttäuscht wieder. „Ach ich
dachte, ich hätte Fußball gehört...“
Um diese
Begebenheit zu verstehen, müsste man wohl in Haiti wohnen. Oder jemanden haben,
der es einem erklärt.
Es geht um
Strom. Und der ist hier ein rares Gut. Deswegen verteilt der (staatliche)
Energiekonzern EDH ihn nur portionsweise. Einen ganzen Tag Strom? Selten. Es
sei denn, es ist etwas Wichtiges. Wie zum Beispiel Fußball. Oder Karneval.
Damit das Volk bei Laune bleibt und sowas im Fernsehen verfolgen kann, wird bei
diesen Gelegenheiten alles in die Leitungen geschickt was geht. So hatten wir
vor zwei Wochen tagelang fast durchgängig Strom wegen Karneval, und neulich
auch einige Stunden überraschend zusätzlich, weil „El Classico“, dieses Duell
zwischen den beiden spanischen Clubs Real Madrid und Barcelona, ausgetragen
wurde. Die Leute hier sind übrigens tatsächlich sehr interessiert am
europäischen Spitzenfußball! Nettes Land.
Im Moment ist
es so, dass es meistens im Laufe des Abends Strom gibt und der früh morgens
wieder abgeschaltet wird. Wann es aber letztendlich wirklich Strom gibt, ich
glaube, dafür lässt sich keine zuverlässige mathematische Formel finden. Diese
Nacht gab es z.B. keinen Strom. Zur Entschädigung heute Morgen eine Stunde. Das
einzig verlässliche an der haitianischen Energieversorgung ist, dass sie
irgendwann gekappt wird.
Das wäre alles
kein Problem, denn wir haben einen Inverter. Der wird aufgeladen, wenn es Strom
von EDH gibt, und sorgt für Licht, wenn EDH es ausschaltet. Allerdings ist der
in diesen Tagen kaputt gegangen, und um es auf die Spitze zu treiben auch noch
gleichzeitig zum Auto. Für die Reperatur werden alle Bemühungen unternommen,
trotzdem sind wir jetzt seit einigen Tagen auf EDH angewiesen und sitzen sonst
im Trockenen. Im wahrsten Sinne des Wortes!
Kein Strom,
das bedeutet bald kein Wasser in den Leitungen, denn das muss aus der Zisterne
hochgepumpt werden. Und schneller als man denkt ist man wieder in der vorindustriellen Zeit gelandet.
Wasserschleppen, Kerzenschein. Der Kühlschrank behält seine Kälte zwar noch
eine ganze Weile, aber auch nicht ewig. So selten wie möglich rangehen! Der
Herd ist sowieso ein Gasherd. Die Bohnen für die Bohnensoße können eben nicht
schnell durch den Mixer geschickt, sondern müssen von Hand zerstampft werden.
Und das Schmerzhafteste habe ich ja noch gar nicht erwähnt: kein Strom – kein
Internet!
Zum Glück hat
man noch einige Asse im Ärmel. Zum Beispiel der Generator, der mal für eine
Weile angeschmissen werden kann, allerdings laut ist, stinkt und Benzin
verbraucht. Oder das Solarpanel, das man tagsüber in die Sonne stellen kann und
dabei eine Batterie auflädt.
Und dann
wäscht man sich eben etwas weniger ausgiebig, spült nicht ständig, macht die
Solarlampe aus, wenn man den Raum verlässt, und liest ein echtes Buch anstatt
im Internet.
Ich will jetzt
nicht sagen es würde einem bewusst, dass man auf alle diese technischen
Errungenschaften der Neuzeit locker verzichten kann. Aber man kommt auch ohne
sie durch den Tag (und die Nacht), UND wenn dann die Lampe im Kühlschrank doch
wieder an ist, oder man ein Radio von nebenan hört, oder die Lampe im
Nachbarshof brennt, ist die Freude riesengroß, denn das sind die gängigen
Indizien dafür, dass es wieder staatlichen Strom gibt.
Und dann
fangen die treuen Kirchgänger nebenan wieder an, die Lautsprecher auf volle
Leistung zu drehen und man wünscht sich fast wieder die dunkle Stille zurück...
;)
Merkzettel an
mich: Strom, Wasser, Internet – wertschätzen! Nicht selbstverständlich. Und
NICHT überlebenswichtig. Wer hätte das gedacht!
Nachtrag: Diese Zeilen habe ich gestern Nachmittag offline geschrieben. Erst heute Abend gibt es wieder Strom, und hoffentlich lange genug, damit das hier online geht... Man weiß es alles nicht!
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