Vor ein paar Tagen hatte ich eine etwas seltsame Unterhaltung.
Als wir beim Perlendrehen eine Pause gemacht haben, habe ich eine Whatsapp-Nachricht an Mama geschrieben. Als mich ein Mädchen gefragt hat, mit wem ich schreibe, habe ich ihr es gesagt und sie fragte: "Is your mother married?" Ich habe gesagt: "Yes." Und dann fragte sie: "And your father?" Ich habe sie verständnislos angesehen. "Is your father married?" Beim dritten Mal habe ich dann verstanden, was sie gefragt hat und ich konnte nochmal bejahen. Schlussendlich habe ich dann auch bejaht, dass nicht nur meine Mutter, und sogar mein Vater, sondern beide zu allem Überfluss auch noch miteinander verheiratet sind!
Das war für mich so selbstverständlich. Im Nachhinein ist mir dann aufgegangen, dass es das vielleicht nicht ist.
Gerade hier in Haiti scheinen die Familienverhältnisse oft sehr zerrüttet zu sein. Kinder, die zu viel sind und von der Sache her als Haussklaven an andere Familien gegeben werden. Kinder, die ihre Eltern beim Erdbeben verloren haben und mit weniger Rechten als der Rest der Familie bei ihrer Verwandtschaft unterkommen. Kinder ohne Mutter, die weggegeben werden, weil der Vater neu heiratet und sie nicht als Last mit in die Ehe nehmen will.
Was für ein Vorrecht ist es, in einer liebevollen, intakten, gläubigen Familie zu leben. Mit einer großartigen Verwandtschaft. Im Wohlstand, in Deutschland, wo man so viele Möglichkeiten hat.
Ich überlege mir immer, was wäre, wenn ich hier geboren worden wäre. Ich hätte vielleicht eine mittelmäßige Schulausbildung gesprochen, spräche außer meiner Muttersprache ein bisschen Englisch. Würde die Ausbildungsstelle nehmen, die sich mir bietet. Und vielleicht Krankenschwester, oder irgendsoetwas werden.
Da sogar ein Bleistift hier ein hohes Gut ist, wäre ich wohl als kreativer Mensch nicht sehr weit gekommen.
Wie viel anders ist es in Deutschland! Wo ich schon so früh meine eigene Kamera hatte und so viel ausprobieren und lernen durfte. Dabei einen Opa, der sich Zeit für mich genommen hat, mir gezeigt hat wie man mit einer Kamera umgeht, und wie mit Photoshop, meine per Mail verschickten Bilder kommentiert und meine Fragen beantwortet hat.
Wo mir in der Schule nicht nur unglaublich viel zu vergessendes Fachwissen beigebracht wurde, sondern vor allem ein kritischer Mensch aus mir gemacht wurde, der Sachen hinterfragt und manches nicht so hinnehmen will, wie es ist.
Wo ich nach der Schule Zeit hatte, um meinen Hobbys nachzugehen. Mich meiner Kamera zu widmen, oder mich stundenlang in Büchern zu verlieren und damit Fantasie zu entwickeln, lernen, zu träumen.
Wo ich jeden Abend satt in meinem eigenen Zimmer in ein bequemes Bett fallen konnte und bestimmt auch wieder können werde.
Das Alles ist ja nur ein Bruchteil der Privilege, die man hier in Deutschland, und die ich als Jule habe.
Und trotzdem sieht mein Gebet jeden Abend so aus: ein paar Mal pflichtbewusstes "Danke", und dann geht es los, dann wird der Katalog an Wünschen runtergerattert. Wünsche für andere Menschen, ok. Aber auch so viele Wünsche für mich, für meine Zukünfte, Wünsche oder fast Forderungen.
Es ist beschämend. Deshalb habe ich gestern Abend versucht, nur zu danken und für andere Menschen zu bitten. Es war sehr schwer. Vor allem, nicht noch ein klitzekleines Wunschgebet hinterher zuschicken...
Aber Gott weiß, was gut für mich ist, und was ich brauche. Ich muss ihn nicht jeden Tag daran erinnern, was meiner Meinung nach jetzt angebracht wäre.
Viel sinnvoller ist doch danken, um sich selbst bewusst zu machen, wieviele Geschenke man jeden Tag bekommt. Und um damit seinen Blickwinkel zu verändern. Weg von den eigenen Vorstellungen und dem, von dem man glaubt es fehle noch. Hin zu dem Überfluss, den man genießen darf.
Schließlich noch ein letzter Gedanke: auch die Menschen hier sind glücklich, und holen das Beste aus ihrem Leben heraus. Was für eine Aufforderung an uns Deutsche, und vor allem an mich!
Sehr gut!!
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