Freitag, 28. Dezember 2018

Zwischen

Zwischen den Jahren. Zwischen Umzugskartons. Zwischen zwei Hauptstädten. Zwischen Wehmut und Vorfreude. Das ist anstrengend auf allen Ebenen! Aber gleichzeitig erlebe ich ein großes Wunder: Gott schenkt mir so viel Kraft und Ruhe, dass ich völlig verblüfft bin.

Vorgezogenes Heimweh, Schwermut über den Abschied, Trauer um das was war und vielleicht nicht wieder wird, hatte ich erst an zwei Tagen in den letzten drei Monaten. Da ich mich mittlerweile kenne wäre ich stark davon ausgegangen, dass es jede einzelne Minute so sein würde. Abschiede kann ich überhaupt nicht, Sorgen machen umso besser. Letztes Jahr vor Haugesund ging es mir schlecht, jedes Mal bevor ich nach Haiti gereist bin, vor meinem Umzug nach Berlin sowieso ... 
Aber jetzt nicht. Ich freue mich auf das neue Leben, neue Freunde, neue Möglichkeiten. Natürlich bin ich manchmal auch ein bisschen traurig, so viele Menschen die mich wirklich lieben hinter mir zu lassen und an einen Ort zu gehen wo ich jetzt erstmal allen noch ziemlich egal bin. Aber dafür freue ich mich auch jetzt schon auf die vielen Wiedersehen und Besuche.

Gott denkt an alles, nicht nur an die äußeren Umstände sondern auch die inneren. Allein würde ich im Leben nicht in ein fremdes Land ziehen (können), aber mit seiner Hilfe muss ich nur Schritt für Schritt gehen und darf komplett vertrauen dass er den Weg kennt, Proviant und Blasenpflaster dabei hat und genügend Pausen macht. 

Kurz vor Weihnachten war ich nochmal zweieinhalb Tage in Oslo, um mein neues Zimmer in Betrieb zu nehmen und eine Kofferladung Kleidung rüberzubringen. Von der Arbeit bekomme ich ja für den Anfang ein Zimmer in einem Apartment gestellt – in toller Lage, mit Spülmaschine, Freundschaftspreis und sogar Putzfrau. Absolut luxuriös. Eigentlich ist es als WG gedacht, aber zunächst werde ich in dieser 3-Zimmer-Wohnung alleine wohnen. Da ich abends oft meine Ruhe brauche um aufzutanken kommt mir das sehr entgegen.





In Oslo muss ich so vieles neu lernen, was ich in den letzten 25 Jahren dachte schon gemeistert zu haben. Grundsätzliches, wie das Sprechen und sogar Gehen (auf ungeräumten, steilen Wegen, das ist kein Spaß! Und irgendwie bin ich die Einzige die an jeder Kreuzung dreimal ausrutscht).
Und Besonderes, wie ein Paket zu empfangen und zu verschicken, Arztbesuche, Schlösser schließen und die Heizung anzuschalten. Außerdem natürlich stadtbezogen: wie komme ich von A nach B (nicht so einfach, wo es doch ständig dunkel ist), wo bekomme ich günstiges Obst & Gemüse (ich bin so verwöhnt vom Maybachufer), wo ist die nächste Bücherei, das nächste Fitnessstudio, der nächste dm (1000 Kilometer südlich) …

Ich fordere meine Neuronen in der nächsten Zeit also maximal heraus und werde noch viel Zeit und Gedanken investieren müssen, bis ich es so gemütlich und routiniert haben werde wie in Berlin. Mein jugendlicher Leichtsinn sagt dazu aber: "Wird schon!"

In Oslo lag Schnee, und nicht zu knapp. Weil es sich vielleicht nicht lohnt, werden die Bürgersteige nicht geräumt und nicht gestreut. Wie schon erwähnt, komme ich dem Boden damit häufiger nah als geplant, während alle anderen, ob mit Absatzschuhen oder Krückstock, sich von den spiegelglatten Straßen überhaupt nicht beeindrucken lassen. Aber auch hinter dieses Geheimnis werde ich kommen. Und mir bis dahin eine Monatskarte kaufen. Aus gesundheitlichen Gründen.

Abgesehen von dieser Gefährdung war sie wunderschön, diese vorweihnachtlich beschneite Stadt. Zwei Dinge gibt es in Oslo nicht: Hupen und rot/grün/blau-blinkende Weihnachtsbeleuchtung. Stattdessen liegt eine friedliche Ruhe über der Stadt, aus den Fenstern scheint es warmweiß auf die Straßen und das alles überträgt sich direkt auf die eigene Stimmung. Ob ich in Zukunft viel mehr Energie haben werde, weil ich mich weniger ärgere, weniger Stress habe und vor allem zu Hause wirklich zur Ruhe kommen kann anstatt mich mit meinen Nachbarn auseinanderzusetzen? 



Aber noch bin ich im hektischen Berlin und staple Kisten. Und stopfe Koffer, ähnlich wie ich es mir bei einem Missionaren vorstellen würde der für fünf Jahre in den Dschungel ausreist: noch ein schönes Naturkosmetik-Duschbad, weil sie sowas da drüben ja nicht haben. Gewürze, weil die da drüben so teuer sind. Nüsse, man weiß ja nicht was man kriegt. Früchtetee, denn dort gibt es ja nur Grün- und Schwarztee. Und so weiter. Zwischendurch immer wieder das besorgte Überprüfen mit der Kofferwaage. Es wird eine knappe Kiste! Aber im Notfall ziehe ich am Flughafen noch ein paar Lagen mehr an. 

Morgen ziehe ich aus. Montag fliege ich rüber. Und Donnerstag geht der Ernst des Lebens los. Mit mir gibt es noch eine andere Neue in der Abteilung, und insgesamt sind wir vier Neue bei Making Waves. Das ist toll, da bekommen wir einen guten gemeinsamen Einstieg. 

Was ich mir für die nächsten Wochen wünsche: 
Dass der Flug gut geht, und alle Gepäckstücke intakt in der neuen Wohnung ankommen.
Dass diese Gelassenheit und Ruhe anhält, und nicht irgendwann ein Einbruch kommt. Und dass diese Zuversicht auch alle erreicht, die mich vielleicht sehr vermissen könnten.
Dass ich meinen Platz finde, sowohl auf der Arbeit als auch in einer Gemeinde und in der Stadt.
Dass mir zur richtigen Zeit die richtigen Leute begegnen, als Unterstützung, Freunde oder neue Mitbewohner. Denn ich würde gern zum ersten Mal in meinem Leben in einer richtigen WG wohnen. 

Wenn ihr könnt, unterstützt mich weiterhin betend! Dann geht es ganz schnell, und aus dem Zwischenzustand wird ein Ankommen. 

Sonntag, 4. November 2018

Der lange Weg nach Oslo

11 Uhr 17, 3. August. Ich klicke auf Senden und meine Bewerbung wird nach Oslo verschickt. Die dritte an diesem Tag. Das reicht erstmal, denke ich, und freue mich. Es sind tolle Agenturen. Jetzt geht es los! Hätte ich gewusst, wie viele noch folgen werden …

Nachmittags, 28. August. Jeder Muskel zittert, der Tag war anstrengend. Ich schalte mein Handy ein und halte es minutenlang hoch. Die Karpaten bieten viel, aber keinen Internetempfang. Was, wenn ich jetzt eine Rückmeldung auf eine Bewerbung bekomme?


15 Uhr 32, 11. September. Ich schreibe eine e-Mail an meine Vermietung und bitte darum, doch noch länger wohnen bleiben zu dürfen als bis Oktober. „Es gestaltet sich mit der Arbeitssuche als schwieriger als angenommen.“ Dabei will ich hier so bald wie möglich weg! Allerdings erhalte ich meistens überhaupt keine Reaktion auf meine Bewerbungen, manchmal ein "Gerade brauchen wir niemanden, wir behalten deine Kontaktdaten aber" und selten ein Nein.


Am nächsten Tag. Ich schicke meine ersten Bewerbungen nach Stockholm. In Oslo gibt es kaum noch eine gute Agentur, bei der ich mich nicht schon beworben habe, es sind schon über 20. Ich war mir so sicher gewesen, dass ich dorthin soll, seit Monaten habe ich das Gefühl. Ich verstehe das nicht und mir rennt die Zeit davon. Eigentlich will ich nicht wirklich nach Stockholm, oder überhaupt von meinem Plan abweichen. In Berlin bleiben? Noch viel weniger, das wäre aufgeben. Ich will was Neues!
Aber ok Gott. Entscheide du. Ich stell mich dann darauf ein.


Zwei Stunden später. Ich stoße auf „Making Waves“ in Stockholm. Die Website sieht ziemlich gut aus. Sie haben eine lange Liste an Stellenausschreibungen in ihren unterschiedlichen Büros. Unter anderem suchen sie – neuausgebildete Designer für Oslo. Ich erfahre einen gewaltigen Adrenalinschub. Nein, diese Agentur ist mir auf meiner Suche in Oslo noch nicht begegnet, und dabei suchen sie genau solche Leute wie mich. Innerhalb von Minuten ist die nächste Bewerbung auf dem Weg. Ich hoffe wieder, und habe das Gefühl dass es diesmal anders ist. Schreibe an meinen Hauskreis: „Ich glaube, jetzt bewegt sich was!“ 


15 Uhr 55, 19. September. Eine andere Agentur aus Oslo meldet sich, Netlife Design. Sie wollen mit mir sprechen! Endlich! Die ersten. Wir verabreden ein Gespräch über Skype.


Eine Woche später. Ich zittere, und dabei bin ich sonst nie aufgeregt vor Präsentationen. Aber jetzt ist es ein bisschen wichtiger … „Für das Protokoll frage ich Sie: fühlen Sie sich dazu bereit, diese Prüfung anzutreten?“ Ja. Ich präsentiere meine Bachelorarbeit und bekomme eine 1,0. Damit ist das Studium abgehakt.


Am nächsten Tag, ich stehe hinter der Bar an der Arbeit und es ist nicht viel los. Ich checke meine Mails, und Making Waves meldet sich. Sie mögen mein Portfolio und wollen mit mir sprechen. Wow! Wir verabreden ein Gespräch über Skype. Ich bin stolz, jetzt doch zwei Gespräche eingefahren zu haben. Ich halte es geheim und denke mir, dass ich lieber alle überraschen möchte wenn ich dann den Job habe. 


Kurz nach elf, 1. Oktober. Die Verbindung ist schlecht, ich schwitze und mir ist kalt, ich gebe wirklich dumme Antworten obwohl ich mich intensiv vorbereitet habe, und mir fehlt so manch englische Vokabel. Einige Fragen kommen sehr unerwartet. Als das Gespräch mit Making Waves vorbei ist bin ich auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Das lief schlecht, und diese Agentur kann ich wohl abschreiben. So viel zu der Vorstellung, ich könnte das alleine schaffen und hinterher alle überraschen. Übermorgen ist das andere Gespräch, und das muss besser sein. Ich bitte alle möglichen Leute, dafür zu beten. Weil ich verstanden habe, dass ich Gottes Hilfe brauche.


Kurz nach 10, dritter Oktober. Ich bin bei Mama und Papa, es ist ja Feiertag. Ich genieße eine flüssige Internetverbindung und habe ein sehr gutes, nettes Gespräch mit Netlife. Als ich fertig bin, freue ich mich. Abends bekomme ich schon die Einladung, zu einem zweiten Gespräch nach Oslo zu kommen. Na gerne. Ich war ja immerhin noch nie da.


Eine Woche später: ich bekomme auch von Making Waves eine Einladung. Das ist sehr unerwartet! Aber ich sage natürlich zu. 


14 Uhr 40, 16. Oktober. Ich stehe mitten in Oslo am Bahnhof, hinter mir fällt die Tür eines hohen, modernen Gebäudes ins Schloss. Ich bin völlig von den Socken. Das Gespräch mit Netlife war überragend. Sie waren begeistert von dem was ich ihnen gezeigt habe, ihre Fragen konnte ich sehr gut beantworten und selbst auch schlaue stellen. Es kippte innerhalb von 30 Minuten von einem "Ich bewerbe mich bei euch" zu "Wir bewerben uns bei dir, komm her, wir bieten dir das und das!".  Es lief so perfekt, dass ich ganz genau weiß, dass Gott das Steuer übernommen hat. Ich bin überwältigt, diese krasse Auswirkung von meiner Bitte um Gebet zu sehen. Ich glaube, mich jetzt endlich wirklich auf Oslo einstellen zu können, das habe ich schon in den Augen der beiden die mir gegenüber saßen gesehen.


2 Uhr 37. Ich stöhne, drehe mich zum 226. mal um und lausche weiterhin dem Sturm draußen. Es ist der 24. Oktober, ich habe bis jetzt kaum geschlafen und tue es auch in den nächsten zwei Stunden nicht mehr. Um 4 Uhr 6 stehe ich freiwillig auf, bevor mein Wecker die Chance hat zu klingeln. Draußen ist es stockdunkel, und ich mache mich fertig um zum Flughafen zu fahren und innerhalb von zwei Wochen das zweite Mal nach Oslo zu fliegen. Den Weg kenne ich jetzt, und auch wie ich genauso unbeeindruckt und cool das ganze Prozedere hinter mich bringe wie all die anderen schnöseligen Geschäftsleute die nur für einen Tag in alle möglichen Ecken der Welt jetten. Mehrere Gespräche bei Making Waves stehen für den Tag an, nachdem ich am Vortag bereits einige Logik- und Persönlichkeitstests online gemacht habe und außerdem eine Probe-Aufgabe für sie löste. Das Ergebnis dieser musste ich präsentieren und mich dabei filmen, es dann an sie schicken. Aufwändig, die wollen es wirklich wissen!
Ich bin nervös, vor allem aber habe ich extreme Kopfschmerzen und mir ist schlecht, nicht nach reisen und glänzen.
Trotzdem, der Tag verläuft gut. Und, nachdem ich mir in der letzten Zeit ausgiebig den Kopf darüber zerbrochen habe, wohin ich denn wohl lieber wollen würde, zu Netlife oder Making Waves – jetzt weiß ich es. Die heute besuchte Agentur ist der Hammer und ich will dort arbeiten! Nicht nur, aber auch weil sie wirklich guten Kaffee haben.


16 Uhr 36. Ich schaue auf meine Computeruhr, während meine e-Mails runtergeladen werden. Es ist der 26. Oktober. Die Mails sind da, eine kommt von Netlife. Sie bieten mir eine Stelle an. Eine andere kommt von Making Waves. „Hab ein schönes Wochenende!“ steht im Betreff. Sie bieten mir eine Stelle an. 



Und somit habe ich jetzt, nach knapp drei Monaten, 30 Bewerbungen, 4 Flügen und vielen kleineren Krisen tatsächlich einen Job in Oslo. So, wie ich es mir schon zu Silvester vorgenommen und in mein Tagebuch aufgeschrieben hatte. Ich hatte das Gefühl, dass das mein Weg ist, auch wenn es eigentlich keinen vernünftigen Grund dafür gibt. Ich durfte aber sehen, dass Gott mir dabei hilft, diesem Ruf zu folgen – wenn ich ihn denn mit ins Boot nehme und nicht glaube, irgendetwas allein auf die Beine stellen zu können.
Bis es losgeht, habe ich noch ein bisschen Zeit, auch wenn ich es eigentlich kaum abwarten kann. Jetzt packe ich und sortiere aus, versuche meinen Besitz ein bisschen zu minimalisieren. Außerdem werde ich mich mit Online-Kursen, Büchern & Co. auf die Materie vorbereiten, die auf mich wartet. Und noch Zeit mit Familie und Freunden genießen.


Manchmal muss man etwas Neues wagen, um nicht einzurosten. Ich werde ein schön gemachtes Nest verlassen, einen großen Freundeskreis, eine Stadt in der ich mich auskenne und zurechtfinde. Ich werde erst wieder herausfinden müssen, wo man Kaffee trinken kann, wo in die Kirche gehen, wo zum Sport. Das wird bestimmt nicht einfach werden. Aber sich lohnen? Fragt mich in einem halben Jahr nochmal! Ich denke schon.

Freitag, 15. Dezember 2017

Ein Höllentrip

Wlan. Ich hatte schon einige lustige Satzfetzen im Kopf, um die letzten knapp 4 Wochen in Haiti zu beschreiben. Ich wollte humorvoll beschreiben, wie mir auf meinem Nachttisch eine Kakerlake begegnet ist. Über Vogelspinnen. Nervenzerreibendes Internet. Wie die zu portraitierenden Kindergartenkinder eine solche Angst vor mir hatten dass manche der Fotos fast nach Kriegstrauma aussehen. Wie gut es wieder geschmeckt hat, Maisbrei, Bohnensoße, Yam, Guaven.

Aber das bringe ich nicht mehr über mich. Die letzten 12 Stunden waren grauenvoll, so viel ist zusammengekommen, so oft brannten mir die Tränen in den Augen und wenn ich nicht so dringend nach Hause wollen würde hätte ich mich vielleicht irgendwann einfach irgendwo in die Ecke gesetzt und aufgegeben. Ich bin wirklich fertig.

Heute Morgen hatte ich schon ein extrem ungutes Gefühl. Ich erwartete eine Katastrophe. Auf dem zweistündigen Weg vom Berg runter auf die große, asphaltierte Straße, verharrte ich im Dauergebet, die Finger umeinander geklammert. Bei jedem Stein erwartete ich, dass er ein Loch in einen der vier Reifen reißen würde oder etwas anderes am Auto kaputt geht. Das ist so unwahrscheinlich nicht, denn bei aller Liebe ist mir eine größere Klapperkiste noch nicht untergekommen. Wie Lukenson es schafft, sie weiterhin mindestens wöchentlich für Besorgungen nach Port-au-Prince und zurück zu befördern ist mir schleierhaft. Dieses Auto würde auseinander fallen, wenn man es mal besonders scharf ansehen würde, und doch bewältigt es jedes Mal die Schotterpiste, die vor Schlaglöchern, Felsen, Schlammlöchern, extremen Steigungen und Neigungen übersät ist. Kommentarlos sammelte Lukenson schon Teile auf dem Rückweg wieder ein, die er auf dem Hinweg auf der Straße verloren hatte. Und trotzdem fährt es. Meistens, bis auf gelegentliche Reifenpannen. Und das durfte heute eben nicht passieren! Die einzige Alternative zum Auto ist ein Motorradtaxi, und ich sah mich schon auf einem solchen, mit meinem Riesenkoffer und zwei Handgepäckstücken. 
Das passierte nicht. So ziemlich das einzige, was nicht passierte. Ich war komplett durchgeschüttelt und -geschwitzt, aber wir erreichten die Asphaltstraße. Jetzt ist das Schlimmste geschafft, dachte ich. 
Jetzt können wir mit Tempo in die Stadt fahren, der Fahrtwind kühlt, und bald sitze ich in der Wartehalle und schlage die Zeit tot bis mein Flugzeug am Abend geboardet werden kann. 

Es gab kein Tempo. Es gab Stau. Dicken, undurchdringlichen, stinkenden, staubigen, lauten Stau. Jedes Auto zieht eine rabenschwarze Auspuffwolke hinter sich her. Die Abgase vermischen sich mit den Wolken, die verbrennender Müll am Straßenrand produziert. Jeder hupt. Jeder fährt. Manchmal türmen sich riesige, mindestens genauso schrottreife Gefährte wie unseres rechts und links von uns auf, nur eine Handbreit entfernt. Ich fange an zu verstehen, warum man in so einer Situation Platzangst bekommt. Und Angst um sein Leben. 
Die Sonne brennt. Verbrennt meine Arme. Ich stecke sie unter meine Jacke. Jetzt brennt die Haut nicht mehr, aber der Schweiß läuft in Strömen. Ich atme flach, wegen des Gestanks. Ich lehne den Kopf an die Stütze und resigniere. Ich kann nicht mehr. Und es geht weiter, immer weiter. Im Schritttempo. Durch die brütende Hitze. Bald ist die Luft so dick, dass die Sonne nichtmal mehr durchkommt. Man sieht durch einen Schleier. Abgase, überall. Ich bin froh, nur sein zu müssen, in meinem Sitz zu hängen, dass Lukenson fährt. Aufpasst, auf Autos die von rechts und links kommen, Fußgänger die sich dazwischen stürzen, Schlaglöcher die am Ende doch noch eine Reifenpanne verursachen könnten. Vorwärts, Meter für Meter. Und dann stürzt vor uns ein Mann vom Autodach und bricht sich das Genick. 

Das Gemeinschaftstaxi fuhr ruckartig an. Es ist gar nicht so hoch, aber er fällt direkt auf den Kopf.  Das Knacken kenne ich, in den letzten Wochen haben wir öfter mal Hähnchenkeulen gegessen. So zerbrechen Knochen. Er bleibt liegen. Ausgestreckt. Regt sich nicht mehr. Gibt keinen Laut von sich. Atmet nur. Ich kann nicht wegschauen, ich will dass er aufsteht, oder dass jemand was tut. Gerade eben saß er noch selbstgefällig auf dem Dach dieses leeren Autos. Manche Fußgänger stehen geschockt daneben. Aber die meisten gehen und fahren weiter. Wir auch. Wir rollen mit der Lawine mit. 
Mir ist schlecht. Ich sehe die Szene immer und immer wieder. Ist vielleicht doch nur jemand neben uns auf eine Plastikflasche getreten, habe ich nicht seinen Hals gehört? Oder ist gerade vor meinen Augen jemand gestorben? Ich zittere, möchte heulen. So schnell geht das. Und kaum jemanden interessiert es. In Haiti ist ein Leben nichts wert. 

Mir sticht es nun besonders ins Auge. Wie Menschen dichtgedrängt auf Busdächern sitzen, sich gerade so festhalten am Rest der Ladung. Wie sie im Laderaum vor offener Klappe stehen, sich an der rostigen Decke des LKWs festkrallen. Wie sie sich auf einem Motorrad zu 5. stapeln, und vorne noch ein Kleinkind draufsitzt. Wie Verkäufer sich zwischen die Autos stürzen, um eine Flasche Wasser, eine Tüte frittierte Bananen, ein paar Bonbons loszuwerden. Diese Leben sind scheinbar nichts wert.
Ich muss daran denken wie sehr ich geliebt werde, von allen möglichen Menschen. Wie wertvoll ich für sie bin, als einzelne Person. Und hier? Bewegt sich eine große, dunkle, staubige Menge durch die Straßen, und wenn ab und zu ein Teil davon untergeht wird es kaum bemerkt. Dabei werden in diesen Köpfen genauso viele Träume, Wünsche und Zukunftspläne umherschwirren wie in meinem. Wie ungerecht ist das.

Die quälenden Gedanken gehen wieder über ins Nichts, die Fahrt unbarmherzig weiter. Es scheint und scheint kein Ende zu nehmen ... mehr als vier Stunden nachdem wir aufgebrochen sind, stehen wir dann vor dem Flughafen. Lukenson schmeißt mich nur raus, er muss weiter. Mir zittern die Knie, dröhnt der Kopf und klebt jedes Kleidungsstück an der Haut, "nimm von niemandem Hilfe an, sie wollen nur Geld" wird mir noch mitgegeben, dann stehe ich allein in der klimatisierten, plötzlich viel zu kalten Halle. Ich umklammere meinen Koffer und mache die Ecke ausfindig, in der Air France seine Check-In-Schalter hat. Aber im Moment ist da noch niemand. In 2 Stunden, sagt man mir. Ich verschlinge drei der Bananen, die ich mitgenommen habe, dann suche ich eine Toilette. Ich muss meinen Koffer allein vor der Kabine stehen lassen, und abschließen lässt sie sich auch nicht. Jetzt noch den Koffer klauen lassen, das würde passen. Mir ist schon elend, und trotzdem bleibt immer noch dieses schlechte Gefühl. Ich traue meiner Buchung nicht. Und ich will endlich zu Hause sein. 

Ich vertreibe mir zwei Stunden bei ein bisschen Wlan, einem Cappuccino, einem Apfel und viel Klimaanlage in einem Essenskabuff hinter Glasscheiben. Ich bin froh, mich zu einer anderen Weißen an den Tisch setzen zu können. Auch nach vier Wochen habe ich mich nicht an die vielen intensiven, neidvollen, faszinierten, manchmal abschätzigen Blicke gewöhnen können, mit denen man als Weiße (Frau) in Haiti ständig traktiert wird. Man wird immer beobachtet. Und muss sich ständig anstrengen, die Kommentare zu überhören. Deswegen solidarisiert man sich übermäßig wenn man doch mal auf jemand ähnlich Blasses trifft.

Nach den zwei Stunden, ich habe einigermaßen gesammelt, mache ich mich wiederum auf in Richtung Schalter. Mein USA-Visum wird gecheckt und es ist in Ordnung. Ich gehe zur Gepäckabgabe und reiche meinen Reisepass herüber. Der junge Mitarbeiter kann es sich wieder nicht verkneifen. "You look like barbie!" Bewundert das Passfoto. Ich fühle mich verarscht, denn wenn ich in den letzten Wochen schon keinen Spiegel hatte dann doch zumindest die Frontkamera meines Handys um verfolgen zu können, wie sich meine Haare ohne Friseur vernachlässigterweise immer weiter in Richtung Vogelscheuche aufmachen und der Rest der Visage nur nachzieht. Er soll meinen Koffer nehmen, fertig! Lass das Quatschen. Stattdessen ein Stirnrunzeln. "Where is Max?" Ich verstehe ihn erst nicht. Dann verstehe ich, um wen es geht. Ich erkläre, dass sein Flug storniert wurde. Nur ich fliege. Wie auf dem Hinweg. 
"Go to the office and validate your ticket. Then come straight back, I'll be waiting here for you!"
Ich murmele ein Danke, mache mich auf in die angezeigte Richtung und mit jedem Schritt fühlt sich mein Koffer schwerer an und mein Herz schlägt schneller. Irgendwas ist falsch, ich wusste es doch.

Ich schiebe einer gelangweilt und nicht sehr helle aussehenden Mitarbeiterin (ich meine nicht die Hautfarbe) von Air France hinter einer dreckigen Scheibe meinen Pass und mein ausgedrucktes Ticket zu. Sie überwindet sich dazu, meinen Namen in ihren Computer einzuhacken. Sucht. Tippt wieder. Runzelt die Stirn. "Do you have a ticket?" Meine Stimme wird schrill. Ich deute auf meinen Zettel, zeige ihr die E-Ticketnummer. Sie tippt wieder. Schließlich ihr abschließendes Urteil. "You have no ticket."
Ich stehe in Port-au-Prince und habe kein Rückflugticket. Das kann nicht sein, sage ich. Ich zeige ihr meine Bestätigungsnummer auf dem Handy. Sie holt ihren Chef. Sie diskutieren. Nicken. Schließlich kommt er raus. "Your ticket was cancelled by you", erklärt er mir. "Nein, das war das andere!!!", versuche ich ihn zu überzeugen. Er geht wieder hinter die Scheibe, sie tippen erneut. Nicken. 
Die Buchung für Max ist da. Meine ist storniert. Fehler. Ich habe kein Ticket. Ich bettle ihn an, den Namen zu ändern. Geht nicht. Ich soll mein Reisebüro anrufen. Cheaptickets.de - ich hatte mich gefreut über dieses Portal nur die Hälfte dessen zu bezahlen was ich für meine vorherigen beiden Haiti-Trips bezahlt hatte. Es rächt sich.
Mit meiner Sim-Karte kann ich nicht im Ausland telefonieren, der Air France-Mitarbeiter stellt mir aber sein Handy zur Verfügung. Ich tippe die Notfallnummer auf dem E-Ticket ein und begebe mich in die Warteschleife. Ungeduldig steht der Mitarbeiter neben mir. Ich höre nur Dudelei. 
Nach 10 Minuten einen Menschen. Ich fange an zu erklären, wo das Problem ist. Mittendrin merke ich, dass das Gespräch beendet ist. Es brennt so sehr hinter meinen Augen. Warum muss das jetzt sein?! Warum diese Schwierigkeiten? Warum haben wir Max' Ticket storniert, um von den 640 bezahlten Euros 180 zurückzubekommen und jetzt diesen Salat? Warum hat es auf dem Hinflug funktioniert? Ich hätte in Tegel bleiben können, aber ich kann nicht in Port-au-prince bleiben.
Ich rufe noch einmal an. Der Mann will sein Handy zurück, ich kann es ihm nicht verdenken, solche Service-Nummern sind teuer und man bezahlt auch während man in der Warteschleife sitzt. Schließlich wieder ein geschäftiges "How can I help you?" aus dem Hörer. Ich erkläre erneut. Nach einer kurzen Pause sagt man mir, es sei das richtige Ticket storniert worden, meins sei noch gültig. Ich reiche den Hörer weiter. Air France und Cheaptickets.de diskutieren, gereizt. Schließlich legt Air France auf und steckt sein Handy in die Tasche. "You have to buy a new ticket."
Und dreht sich um. Ende der Diskussion.
Ich will nach Hause. Ich wende mich wieder an die Dame mit Schlafzimmerblick, die zwischendurch auf ihrem Handy daddelte und sich wünscht, ich würde endlich verschwinden. Ich bitte sie, mir einen neuen Flug rauszusuchen. Nun wird sie richtig gefordert. Minutenlang tippt und sucht sie, wieder Stirnrunzeln, der Chef muss wieder mithelfen, am Ende wirken sie beide zufrieden. Sie tippt eine Nummer in ihren Taschenrechner und dreht ihn für mich um. Knapp 2.400 Dollar stehen da, und damit komme ich lediglich nach Paris. Nochmal 200 und ich bin in Berlin. Mir wird wieder schlecht. "Ich frage mal bei den anderen Schaltern ... ", hauche ich. Sie zuckt entnervt mit den Achseln, der Chef auch. Die Sache ist abgehakt. 

Mittlerweile ist es schon fünf Uhr nachmittags. Meine Chancen, überhaupt noch einen Flug zu bekommen stehen gar nicht so gut, immerhin ist PAP nur ein kleiner Flughafen. Aber ich WILL nach Hause. Die erste Konkurrenz-Airline fliegt nicht nach Berlin, kann mich aber nach New York befördern. Morgen, für 600$. Ich lehne ab. Das muss anders gehen.
Der nächste Schalter. Ich bringe mein Anliegen vor. Ein Ticket. Für heute. Nach Berlin. Diesmal schlagen mir aufmunternderweise Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft entgegen, auch Mitleid als ich erkläre was schief gelaufen ist. Eine Verbindung wird gefunden, der Kollege zieht scharf die Luft ein. Knapp 1.500$. So viel Geld! Ich hatte doch schon bezahlt ... 

Ich bitte darum, mich nur für den Flug nach Miami zu buchen und bin flugs 400$ los. Einmal die Kreditkarte rübergereicht, tut kaum weh. Nur in mir rumort der Ärger, der Schock. Ich bin ein Geizkragen, und das sind zwei Jahre Weihnachten und Geburtstag und was es noch so gibt zusammen. Ich hätte in Saus und Braus leben können, z.B. in Norwegen.

Als ich dann endlich doch im Flugzeug sitze, einem ganz anderen als geplant und ohne zu wissen wie es dann weitergeht, zur Ruhe komme, da fängt mein Kopf richtig an zu pochen. Ich halte es kaum aus, würde sogar mal eine Tablette nehmen, habe aber keine. Dann hören die Kopfschmerzen auf, und stattdessen wird mir übel. Richtig, richtig übel. Ich versuche gleichmäßig zu atmen, trinke das kalte Wasser das mir gereicht wird, esse ein paar der Salzbrezeln die als Snack verteilt werden, viel gegessen habe ich heute nicht. Es kommt in Wellen, ein Atemzug übel, ein Atemzug in Ordnung. Ich sehe mich um nach den Toiletten. Höre das Knacken von heute Nachmittag immer wieder in meinem Kopf. Ich. will. mich. nicht. übergeben! Es ist ein hartes Stück Arbeit. Zu allem Überfluss gibt es den ganzen Flug über Turbulenzen. Ich heule wieder, aber es ist nicht so erleichternd wie ich es mir gewünscht hätte.

Wir landen. Stehen noch ewig. Die Luft kommt mir stickig und viel zu warm vor, ich will raus. Schlucke. Atme. Darf endlich den Gang entlang gehen. Muss an das verlorene Geld denken, einen Monatslohn, eine Monatsmiete. Weihnachten wird wohl ausfallen. Wegen eines Fehlers, den nicht ich gemacht habe, sonst aber auch niemand zugeben will. Und immer noch keine Ahnung wie ich nach Berlin komme.

Die Shuttlebahn zur Immigration riecht ganz intensiv nach Currywurst. Ich versuche, die halbe Minute nicht zu atmen. Danach lange Gänge, es tut gut ein bisschen zu laufen. Für jedes Stückchen, das die Übelkeit nachlässt, kommen die Kopfschmerzen wieder, stärker als je zuvor. Aber auch die sind wie weggeblasen, als ich am Automaten zur Immigration gesagt bekomme, dass mein Reisepass nicht akzeptiert wird. Mindestens sechs Monate müsste er noch gültig sein, es sind aber nur fünf. Was habe ich getan, wofür werde ich heute so bestraft? Noch blasser schleppe ich mich zu den Zollbeamten, suche in den Kabinen nach einem freundlichen Gesicht. Finde eins, er scheint gut drauf zu sein und Lust zu haben auf Feierabend. Als ich an der Reihe bin, trete ich vorsichtig an ihn heran. Gerade hatte ich in einem Erfahrungsbericht noch gelesen, wie eine Frau die mit einem ungültigen Reisepass in die USA einreisen wollte, erstmal verhaftet wurde und ziemlich lang Scherereien hatte, bis sie weiterreisen durfte. Ich leg es gleich auf den Tisch, mit zitternder Piepsstimme "er ist nur noch fünf Monate haltbar, ich wusste nicht ...". 
"Mach dir mal keine Sorgen, Julia!", sagt der Beamte nach einem Blick in den Pass. "Finger auf den Scanner!" - und er zieht sein Procedere durch, als wäre nichts. Einen schönen Tag wünscht er mir noch. Und ich kann gehen. Was bin ich erleichtert!! Und komme mir trotzdem immer noch vor wie im falschen Film. Wie kann so viel bei einer Reise schiefgehen? Ich nehme mir vor, nicht mehr zu reisen.

Es ist neun Uhr abends, die meisten Schalter sind nicht mehr besetzt. Ich will es trotzdem noch einmal wissen und finde eine Mitarbeiterin. Erkläre ihr mein Problem, möchte dass sie mein Ticket checkt. Sie gibt mir die Nummer von Delta Airlines. Ich finde ein öffentliches Telefon, mit dem ich dort anrufen kann. Es ist kaputt, die Mitarbeiterin am anderen Ende kann mich nicht hören. Ich nehme das Telefon daneben. Jetzt können wir kommunizieren. Sie bestätigt, was man mir in Port-au-prince schon sagte und auch, dass sie nichts ausrichten könne. Du brauchst ein neues Ticket, sagt sie. Ich bitte sie, mir auszurechnen was es kosten würde, nach Berlin. Es dauert nicht lang. "Das Günstigste was ich finde inklusive aller Gebühren und Gepäck ist ... 2.800$." Mir bleibt die Luft weg. Ich bin schon in Miami und trotzdem soll es noch so viel sein? Ich schaffe es noch, mich zu bedanken und zu sagen, dass ich nach einer anderen Möglichkeit suchen werde. Die freundliche Stimme am anderen Ende fühlt mit: "Ja, versuch es online, es ist gut möglich dass du eine bessere Variante findest."

Das dachte ich mir auch, und ich habe, relativ gesehen, auch Erfolg. Für knapp 350€ von Miami nach Berlin, das ist wohl unschlagbar. Ein schwacher Trost. Ich buche, und hier sitze ich nun, immerhin endlich mit dem Wissen dass es weitergeht. Ich habe weniger Gepäck frei, sodass ich aus zwei Handgepäckstücken eins machen und mir einige Klamotten mehr anziehen muss um den großen Koffer zu erleichtern. Ich werde über Island fliegen, auch mal interessant. Ich werde nach Hause kommen. Nicht, wie geplant mit Weihnachtsgeschenken aus Miami. Aber ich werde endlich nach Hause kommen und dann auch zu Hause bleiben. Mein Zimmer wieder beziehen. In den deutschen Winter eintauchen, wieder die Weihnachtsstimmung aufnehmen die schon im Oktober angefangen hat und die letzten vier Wochen einfach gar nicht da war. Wieder Student sein, fürs letzte Semester. 
Und diesen Reisetag hoffentlich so bald wie möglich vergessen, das sinnlos rausgeschmissene Geld, die ständigen Schreckmomente, die unfreundlichen Mitarbeiter und das Gefühl einfach in der Fremde gestrandet zu sein. Jedenfalls werde ich nie wieder einen längeren Flug über ein Billigportal buchen!!

Dienstag, 14. November 2017

Mellom døra - et gond

Zwischen Tür und Angel sozusagen.

So fühlt es sich gerade an. Vor ein paar Minuten habe ich die meisten Pullover aus dem Koffer aus- und viele T-Shirts hineingepackt. Einen Schrank sehen meine Kleidungsstücke dieser Tage nicht. Ziemlich genau 48 Stunden bin ich in Deutschland, davon verschlafe ich in 3 Nächten ungefähr die Hälfte; viel bleibt nicht übrig. Ich nutze diese wertvollen, abgezählten Stunden um viel zu erzählen, Bauklötze über Deutschland zu staunen, einen Haufen Bürokratie-Kram zu erledigen, zum Zahnarzt zu gehen und zwischendurch Familie, Käsekuchen und guten Kaffee zu genießen. Ein sehr komprimierter Heimaturlaub. Heimaturlaub.zip quasi.

Haugesund konnte ich mit einem richtig guten Gefühl und breiten Lächeln verlassen. Als mein Kollege mich zum Flughafen chauffierte, wurde die raue norwegische Natur von einem grandiosen Sonnenaufgang absolut spektakulär beleuchtet und bleibt mir damit in bester Erinnerung. Der Abschied im Büro am Freitag war sehr rührend. Es ist so schön zu hören und zu fühlen, dass man den Menschen in einer westnorwegischen Kleinstadt in dieser Zeit wichtig geworden ist. Der Höhepunkt war eine Karte, auf der jeder einen kleinen, meistens überraschend liebevollen Abschiedsspruch geschrieben hatte. Jeder einzelne hat mich ein bisschen glücklicher gemacht. Schlussendlich sagte man wörtlich "Auf Wiedersehen!" zu mir, und das hoffe ich wirklich.

Genauso überraschend schön und rund war der Abschied von meiner Gemeinde am Sonntag. Ich hatte einen, wie ich zugeben muss, spektakulären Apfel-Hefekuchen gebacken, der angemessen bewundernd inhaliert wurde. Zu Anfang des Gottesdienstes lief ein Berlin-Clip, ich sollte nach vorne kommen und erzählen wie meine Zeit in Haugesund war, was ich in Zukunft vorhabe und außerdem was das für Sehenswürdigkeiten in diesem Berlin-Clip sind (dafür hätten sie lieber Opa einladen sollen, mir fällt zu Reichstag, Brandenburger Tor und den ganzen anderen wahnsinnig wichtigen Gebäuden nicht so ganz viel ein). Am Schluss haben alle für mich gebetet, was ich als total ermutigend und großes Geschenk empfand. Auch hier konnte ich wieder nur staunen, wie sehr mich diese Menschen in drei Monaten ins Herz geschlossen hatten.

In der Nacht auf Montag konnte ich kaum schlafen, zu sehr sorgte ich mich um meine Koffer; wie schwer sie wohl sein würden, wie ich sie durch die Gegend bewegt bekomme und ob auch sonst alles mit Schlüssel- und Zimmerübergabe (ich hatte eine zwei Seiten lange Liste bekommen auf der genau deklariert wurde, was alles zu säubern sei und kontrolliert würde), dem Weg zum Flughafen etc. klappen würde. Sorgen ist eines meiner großen Talente.
Letztendlich lief es wie am Schnürchen, vom Morgensport um 6.15 Uhr, der Schlüsselübergabe um 8.15 Uhr, der Ankunft meines Kollegen um Punkt 8.30 Uhr. Als ich kurz nach 9 meine zwei Koffer am Self-Check-in erfreulich mit 20,0 und 20,3 Kilos unter die Haube gebracht hatte, fiel mir ein fetter Stein vom Herzen und ich konnte mich in Seelenruhe unter all die anderen Wartenden mischen und es genießen, noch ein bisschen Norwegisch um mich herum zu hören.

Dass ich mich nie bei der norwegischen Polizei registriert hatte, obwohl ich das für einen Aufenthalt der länger als 12 Wochen dauert hätte tun sollen, hat auch niemanden gestört, an den Schleusen am Flughafen schellten keine Alarmanlagen und niemand betrachtete mit sorgenvollem Blick meinen Pass (das könnte mir aber vielleicht Donnerstag bevorstehen ...).
Im Flugzeug von Oslo nach Berlin hörte ich endlich wieder vermehrt Deutsch um mich herum und das war erstmal wirklich schön. Eine Sprache einfach so zu verstehen, ohne Anstrengung und Erraten der fehlenden Vokabeln. Manches Gequatsche war sofort wieder ziemlich dämlich und hätte ich lieber nicht verstanden, aber in diesem Moment konnte mich nichts aus meinem Zustand tiefer Seligkeit reißen. Nach 14 Wochen so kurz davor, die olle Familie wiederzusehen!

Selig hat mich übrigens auch ein adäquates Warensortiment im hiesigen Rossmann gemacht. Als hätte ich 10 Jahre im Dschungel gelebt wandelte ich etwas überfordert, staunend und mit glänzenden Augen durch den hell beleuchteten, gut sortierten, riesigen, vielfältigen und billigen Drogeriemarkt, konnte mich bei jedem Punkt auf meiner Einkaufsliste zwischen den ganzen Produkten überhaupt nicht entscheiden und hätte am liebsten drei Stunden Geruchsproben genommen und Inhaltsstoffe studiert. Am Ende bezahlte ich ungläubig für vier Posten genau drei Euro achtundachtzig. Entschuldigung, Sie haben da eine Null vergessen ... !?
In Norwegen ist es so: Drogeriemärkte gibt es grundsätzlich schonmal nicht. Maximal den Produkten zur Körperpflege gewidmete Abteilungen in den Supermärkten, in denen wenig Auswahl viel Geld kostet. Willst du Handcreme, kaufst du Handcreme. Die Frage ob Mandel-Vanille, Orange-Zimt oder grüner Tee für normale, trockene oder sehr trockene Haut, mit Vitamin B, Dexpanthenol oder 33% gratis ... kommt nicht auf.
Ein ähnliches Erlebnis der "kurze" Sprung in den Edeka um nach Haiti einige rare Güter wie Nutella oder Milka-Schokolade zu importieren. Dreiviertel Stunde (man muss sich ja erstmal alles angucken um eine fundierte Auswahl zu treffen), schwerer, gut gefüllter Rucksack (wenn man schonmal da ist), langer Kassenzettel (ein peinlicher Einkauf, ich hätte der Kassiererin gerne versichert dass das nicht für mich ist) für einen kleinen Betrag. Ein Paradies!

Schokolade, T-Shirts und was man sonst noch so braucht sind im Koffer verstaut, mit zur Abwechslung mal noch viel Platz für Eventualitäten und Reißverschlüssen die ohne weitere Gewaltanwendung zu schließen sind. Gerade horte ich noch ein bisschen Strom indem ich alle Geräte, Akkus und Powerbanks nochmal richtig auflade. Und dann kann es weiter gehen.
Morgen geht es nach Amsterdam und dann Atlanta, wo ich auf dem Flughafen übernachten werde um übermorgen Mittag weiterzufliegen nach Port-au-Prince. Dort hoffe ich reingelassen zu werden, denn ich habe heute erfahren dass man zur Einreise in Haiti Dokumente braucht, die noch mindestens 6 Monate gültig sind; mein Reisepass gilt noch genau 5 Monate. Das kann ich jetzt nicht mehr ändern und hoffe dass die jeweiligen Beamten nicht so viel Lust haben zu rechnen.

Ich bin gespannt auf die nächsten Wochen, das Wetter, neue und alte Leute, wie sich Edith und Lukensons Haus und die Schule verändert haben. Höchstwahrscheinlich habe ich sehr schlechtes bis wirklich richtig schlechtes Internet und werde nicht viel von mir hören lassen können. Nach den letzten 40h-Arbeitswochen wird es eine krasse Veränderung sein, wieder etwas entschleunigter zu leben (und in noch simpleren Umständen als in Norwegen). Ich hoffe mich nützlich machen zu können, außerdem habe ich einen Bericht über das Praktikum zu schreiben. Mit Gruseln denke ich daran, meine ganzen Kisten, Koffer, Tüten und was sich so angesammelt hat Ende Dezember noch schnell vor Weihnachten wieder in meinem Zimmer zu verteilen. Ich freue mich ein bisschen auf den Moment, wenn alles wieder normal ist, in Berlin. Aber bis dahin ... macht es gut, falls wir uns nicht mehr hören. Ich versuche, meinen Kopf mal so langsam auf Französisch umzupolen.

Donnerstag, 9. November 2017

Takk for meg!

Ich richte mich auf einen langen Abend ein, da mein Mitbewohner seine Pflege-Kollegen zu einer Party eingeladen hat und es mit Schlaf wohl in den nächsten 4, 5 Stunden erstmal nichts wird.
Gut, Zeit für ein Fazit. Ich sage Takk for meg, ein sich verabschiedendes Danke. Die letzten Wochen waren gefüllt; aufregend, dunkel, nass, voll mit guten und schlechten Gefühlen. Ich habe viele neue Leute kennengelernt und bekannte zu Freunden gemacht, jede Menge neue Orte gesehen und eine neue Sprache gelernt.

Es kommt mir vor als sei es Monate her gewesen und wahrscheinlich würde ich es jetzt vor lauter Schnee nicht wiedererkennen: Tromsø. Noch ein Stück weiter nördlich als ich es jemals gewesen war (und viele Norweger übrigens auch), und gleichzeitig ein Schritt Richtung Heimat. Ich habe Timon besucht und es war so gut, mal wieder anhaltend, schnell und sinnvoll Deutsch zu sprechen. Glaubt es oder nicht, ich roste langsam ein in meiner Muttersprache. Ständig fehlen mir Begriffe, es fällt mir schwer zu formulieren und wenn ich mir schnell irgendetwas aufschreibe passiert das meistens auf Englisch, manchmal Norwegisch weil ich es so höre. Meine Gedanken sind ein origineller aber haarsträubender Mix aus allen möglichen Sprachen die ich jemals mal irgendwo aufgeschnappt habe. Zu Ende des Jahres werde ich wohl ein linguistisches Wrack sein wenn sich noch Kreolisch dazugesellt.
Jedenfalls war es schön, sich mal wieder im Deutsch zu probieren und Perspektiven auf Norwegen zu teilen. Die frische, knackkalte, trockene Luft dort hat herrlich nach Weihnachten gerochen und die Landschaft war in ihren letzten Herbstfarben so intensiv und dramatisch wie es meine Fotografien vielleicht nach Photoshop sind, ich es aber in echt selten erlebe. Und: auch Polarlichter hat Gott für mich aufgefahren. Timon guckte abends um elf nach draußen und oben, bemerkte zu einem leichten grünlichen Schimmer "also das ist auf jeden Fall keine Wolke!", und mir lief es kalt den Rücken herunter. Das klang unheimlich, da war etwas im Himmel was ich nicht kannte, was besonderes. Und als wir später bei Eiseskälte auf einem Schotterplatz standen entfaltete sich über uns ein wirklich magisches Spektakel. Ich war, nachdem ich um 4 Uhr morgens aufgestanden war und viele viele Kilometer hinter mir hatte, todmüde und fror erbärmlich, aber als sich direkt über mir geisterhaft und stumm ein grün, teilweise violett leuchtendes Band über den Himmel zog konnte ich nur staunen. Wirklich, es ist etwas ganz besonderes.


Frische Bioblaubeeren, direkt vom Berg, Anfang Oktober


Auf dem Rückweg habe ich in Oslo auf dem Flughafen meine versammelte Büromannschaft getroffen, die dieses Wochenende zum jährlichen Firmenurlaub in Madrid verbracht hatten. Wie ich die Zeit über auf Snapchat verfolgen konnte, wohl wieder sehr lustig und ausschweifend. Viele Wochen vorher und besonders währenddessen hatte mich das sehr gequält. Ich kann es gar nicht ertragen, wenn ich das Gefühl habe etwas zu verpassen und nicht dabei zu sein, während andere Menschen ihre Beziehungen vertiefen und coole Erlebnisse miteinander teilen. Glücklicherweise hat sich meine Befürchtung, ich könnte von da an ein uneingeweihter Außenseiter im Büro sein, nicht ganz bewahrheitet, trotzdem fehlen mir viele Anekdoten und Insiderwitze. Ich nehme es den Chefs immer noch ein bisschen übel dass sie mich da nicht mitgenommen haben. Das war ein mieses Gefühl. Unter anderem deshalb fiel es mir nicht allzu schwer, zum heutigen Jobangebot Nein zu sagen.

Trotzdem, ich durfte ein schönes, abwechslungsreiches Wochenende großzügigerweise bei Timon zu Gast sein und hatte das bitter nötig in einer Phase akuten Heimwehs. Komischerweise hatte ich lange Zeit nicht einmal an Heimweh gedacht, und plötzlich kam es mit einem Schlag. Es herrschte Vorfreude auf Madrid im Büro, was ständig an mir nagte, und am Wochenende ertrug ich es gar nicht mehr, immer alleine zu sein; alleine zu planen wo ich wandern wollte, alleine dort hinzufahren, alleine die Natur aufzusaugen, abends alleine erschöpft im Sessel zu sitzen während meine Freunde in Berlin feiern gingen. Dazu der ständige, ständige, ständige Regen, jeden Tag. Norwegen war gar nicht mehr so berauschend. Es ist wieder besser geworden, aber als das gelobte Land kommt es mir nicht mehr vor. Es ist nicht alles perfekt hier in Skandinavien und den grenzenlosen Stolz auf das eigene kleine Land der in dieser Hinsicht sehr arroganten Norweger kann ich nicht nachvollziehen. Auf Dauer macht es mich regelrecht wütend, wie unverschämt teuer alles ist. Das gilt für den Lebensmitteleinkauf, aber auch so etwas absolut notwendiges und simples wie einen Arztbesuch. Man bezahlt sich dumm und dusselig allein für eine einfache Untersuchung, gegebenenfalls gefolgt von den Kosten für Medikamente. Und das gilt nicht nur für mich als Ausländer, für jeden hängen in den Wartezimmern neben den typischen Aquarellbildern und Krankheitspostern lange Preislisten. Komplett verrückt!
Weiter nervt es mich ohne Ende, wie schlecht zumindest hier in Haugesund Auto gefahren wird, sodass man als Fahrradfahrer jeden Tag auf der Straße um sein Leben bangen muss. Gott hat mich so so oft bewahrt. Die Fußwege sind absolut keine Alternative, von tiefen Kratern durchsetzt und ständigen hohen Bordsteinkanten unterbrochen. Behinderte und Rollstühle sind hier nicht vorgesehen.
Und so lässt mich einiges an diesem Land (ver-)zweifeln und Deutschland in einem neuen Licht sehen. Viele Male schaute ich in völlig verständnislose Gesichter, als ich auf die Frage wo ich denn herkomme, Tyskland antwortete. Was machst du dann hier, wo es doch dort so gut ist? Das war die Haltung, die ich so nicht erwartet hätte. Deutschland hat einen richtig guten Ruf im Ausland und mit Bewunderung, aber auch weit mehr Skepsis als man sich das als Deutscher jemals erlauben könnte wird Angela Merkels Flüchtlingspolitik betrachtet. Die Norweger selbst sehen Flüchtlingen eher mit Unbehagen entgegen und ihre Kultur in Gefahr.

Dem spannenden Wochenende in Tromsø folgte ein spannendes Wochenende mit Exkursion zur Trolltunga. Es gibt von der hiesigen Universität eine Studentenvereinigung, die immer mal wieder Wanderungen und andere sportliche Aktivitäten veranstaltet. Und auch wenn ich die Trolltunga schon im letzten Jahr gesehen hatte, ich war neugierig, ob ich den Trip hoch und runter auch an einem Tag schaffen würde. Es sind immerhin 28 Kilometer und pro Richtung 1000 Höhenmeter.
Wir waren eine Gruppe von 30 hauptsächlich internationalen Studenten (die einheimischen interessieren sich irgendwie nicht so für ihre Natur) und als unser Guide nach 3 Kilometern einen Einheimischen nach dem Weg fragen musste, bekamen wir mit dass er selbst noch nie dort oben war. Nicht ganz ideal für eine Tour, die man nach September eigentlich auf eigene Faust nicht mehr unternehmen sollte. Aber es lag noch kein Schnee dort oben und war eigentlich ungefährlich. Der Aufstieg dauerte 4 Stunden, oben "mussten" wir eine Stunde Pause machen, um auf den Rest zu warten und damit jeder sein Foto machen konnte. Das war die schlimmste Zeit des gesamten Trips, da ein unglaublich ekliger, kalter Wind blies, es abwechselnd nieselte, hagelte und ein bisschen schneite und ich zwar warmen Kakao in einer vom Chef ausgeliehenen Thermoskanne dabei hatte, es aber in dieser großen Gruppe und der kargen, steinigen Gegend keine Möglichkeit gab, mal hinter einem Baum zu verschwinden und ich mir das Getränk deshalb sparte. Das Gehen an sich war eigentlich weniger anstrengend als ich es erwartet hatte, nur fing ab dem 6. Kilometer mein rechter Wanderschuh an, auf den Knöchel zu drücken und tat das ab da mit jedem Schritt. Eine quälende Angelegenheit, aber ich habe es geschafft. Zwischendurch war ich sogar trotz der Schmerzen so dermaßen gut gelaunt und energiegeladen, dass ich mich frage ob es sowas wie einen aufputschenden Effekt langer Wanderungen gibt. Durch den Sonntag darauf geisterte ich aber völlig apathisch und mit dem Gefühl, richtig krank zu sein. War aber nur Erschöpfung, denn am Montag war (bis auf den Knöchel) alles wieder in Ordnung. Seltsam, wie der Körper so reagiert.

Der See, in dem wir letztes Jahr noch unseren abendlichen Waschgang verrichtet hatten, war jetzt teilweise zugefroren.




Nach diesen beiden Wochenenden mit viel frischer Luft und Natur, saß ich am nächsten unendlich viel. Es fand eine christliche Konferenz in Bergen statt, und zusammen mit einigen Leuten aus meiner hiesigen Gemeinde bin ich dort hingefahren. Ehrlich gesagt haben mir die Predigten und Lobpreise nicht allzu viel gegeben. Es war eine sehr charismatische Veranstaltung, und während die ab der 3. Stunde erst richtig aufblühen habe ich dann langsam keine Andacht mehr, genauso wie mir der Rest mit Visionen und Hand auflegen und Zuckungen usw. natürlich sehr fremd und suspekt sind. In den Predigten ging es hauptsächlich um Kirchenneugründungen, frei nach dem Motto so viele wie möglich und am besten alle 5 Jahre woanders eine neue. Seltsamerweise haben sie es hier sehr mit Berlin, dass muss für viele der verwahrlosteste Sündenpfuhl schlechthin sein. Mein Hinweis, dass es in Berlin bereits eine Masse an unterschiedlichsten Kirchen gibt, stieß eher auf taube Ohren. Vielleicht ist es auch einfach hipp unter Gemeinden, auch einen Ableger in der deutschen Hauptstadt am laufen zu haben. Dazu ein weiterer Trend im Herbst 2017, frisch von der Kanzel: Kaffee. Viele sind zutiefst überzeugt davon, dass guter Kaffee und ausgebildete Baristas Jesus' Weg zu den Herzen der Heiden sind, deswegen hat jede Gemeinde die etwas von sich hält ein eigenes Café oder plant zumindest eins. Ich mag ja (guten) Kaffee, daher sag ich gar nichts weiter dagegen.
Viel beeindruckender als die Treffen im Rahmen der Konferenz fand ich die Gastfreundschaft der Studentin, bei der ich untergebracht war und die mich überhaupt nicht kannte, trotzdem die Türen ihrer WG weit öffnete und alles dafür tat, mir dieses Wochenende so angenehm wie möglich zu machen. Das war sehr sehr lehrreich und beispielhaft für einen schlechten Gastgeber wie mich.
Das zweite Tolle war, dass ich unglaublich viel norwegisch gesprochen habe, mit verschiedensten Leuten. Und es klappte! Irgendwann muss man sich einfach einen Ruck geben, anfangen zu sprechen und es sich trauen, Fehler zu machen. Auch wenn es ungewohnt ist und in den eigenen Ohren erbärmlich klingt, es ist die einzige Möglichkeit eine Sprache irgendwann wirklich zu lernen. Durch viele viele Fehler. Und dann, nach unzähligen Stunden in denen ich völlig sinnfreie, dämliche Sätze in meiner App stoisch übersetzt habe, nachdem ich Sonntag für Sonntag die Predigten jedes Mal ein bisschen besser verstanden habe, nachdem das bedeutungslose Gebrabbel beim lunsj mehr und mehr an Form und Sinn gewonnen hat, nach vielen Einkäufen von denen jeder, den ich an der Kasse überstanden habe ohne mich als Ausländer zu outen, ein Erfolg war, nachdem sich meine abendliche Lektüre von Bilder- über Kinderbücher hin zu norwegischen Romanen entwickelte, machte es Klick. Und es klappt.

Seit diesem Wochenende traue ich es mich auch im Büro, norwegisch zu sprechen, was meine Kollegen ziemlich begeistert. Vieles, vor allem Smalltalk, läuft jetzt tatsächlich nur noch auf norwegisch. Das nagt an meinem englischen Schreibtischnachbar Ross, er steht nun nach 7 Jahren noch dümmer da als zuvor. Allerdings nimmt er sich nicht allzu ernst und es mit Fassung.

Und so geht die Zeit ins Land. Einigen Stunden am Samstag darauf verbrachte ich im Haugesunder Stadion beim Derby gegen Bergen. Es war gar nicht schlecht, auch wenn bei Hertha und Union eindeutig mehr Stimmung ist. Hinterher war ich bei Leuten aus der Gemeinde und habe mittlerweile das Gefühl, auch dort richtig angekommen zu sein. Klassischerweise kurz vor Schluss.

Und nun ist bald Schluss, und natürlich kommt, nachdem ich ihn mir lang herbeigesehnt habe, doch auch Wehmut auf. Heute hatte ich ein abschließendes Gespräch mit meinen drei Chefs und durfte mir viel Lob anhören. Wie gesagt auch das Angebot, nach meinem Studium im Sommer weiter mit ihnen zusammenzuarbeiten. Haugesund ist mir aber eindeutig zu klein und zu regnerisch, von daher denke ich eher nicht, dass das was wird, aber wer weiß. Die Leute mag ich auf jeden Fall sehr und es war ein schönes Arbeiten in der Agentur. Besonders als ich im Eilverfahren und in anderthalb Wochen eine Broschüre für ein großes Bauvorhaben erstellen musste, was mir mein Chef nur anvertraute weil alle anderen zu beschäftigt waren, hatte ich sehr viel Spaß. Es ist der richtige Berufszweig für mich.


So schnieke, wenn die eigene Arbeit vom Bildschirm zu  einem echtem, anfassbaren Produkt wird.
Am Samstag werde ich packen, und habe jetzt schon Angst davor, die fertigen Koffer auf die von meinem Kollegen ausgeliehene Waage zu stellen. Auf dem Hinweg mit SAS durfte ich zweimal 23 Kilo mitnehmen, auf dem Rückweg mit Norwegian sind es nur zweimal 20. Bei der Eigenschaft von besitzten Krempel, sich mit der Zeit immer unüberschaubar zu vermehren ist das eine Herausforderung. Mal sehen, wie knapp es am Ende wird, und wieviele Lagen Kleidung ich beim fliegen tragen muss.
Morgen ist mein letzter Tag auf der Arbeit und bin gespannt, ob meine Kollegen sich wohl eine Überraschung für mich ausdenken (eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, es wäre nicht ihre Art, das nicht zu tun). Mein Chef wird mir auf jeden Fall einen Käsekuchen mitbringen :)

Und dann sage ich Takk for meg. Es war eine gute Zeit, hervorragend von Gott geplant und vorbereitet, und es ist gut, dass sie jetzt vorbei ist. Auf zu den nächsten Abenteuern.

Dienstag, 31. Oktober 2017

Perlen der norwegischen Esskultur

* Achtung. Dieser Bericht ist für Menschen mit schwachem Magen und/oder starkem Vorstellungsvermögen nicht geeignet. *

Neulich beim Lunsj wurde ich gefragt, ob ich wohl das norwegische Essen vermissen würde. Ich verschluckte mich vor Schreck beinahe an meinem Knäckebrot und musste meine zwischen Lachen und Weinen hin und hergerissenen Gesichtszüge erst einmal hinter einem Wasserglas verstecken.

Im Land der alten Wikinger ist man nicht in der Lage, sich seinen eigenen Pudding zu kochen oder Kakao zuzubereiten, dafür gibt es beides im Tetrapack. Ein Volk, das für braten, kochen, backen, frittieren, zubereiten, ... jegliche Art, wohlschmeckende Gaumenfreuden zu schaffen nur ein einziges Verb kennt, nämlich "å lage", wen wundert es dass das keine kulinarischen Höhepunkte produziert?
In diesem Land gibt es, wenn es etwas Besonders sein soll - Taco, Pizza oder Hotdogs. Ich habe in meinem Leben noch nie so viel Pizza gegessen wie hier. Diese triefen meistens vor Fett und sind dick belegt mit allen möglichen, querbeet zusammengeschmissene Arten von Fleisch. Lasst das nicht mal einen Italiener sehen.

Hotdogs - wer dachte, dass es die primitiven Würstchen in schlabbrigem Brötchen mit Röstzwiebeln und sauren Gurken bei Ikea nur gibt, weil das die billigste Art und Weise ist, eine Mahlzeit anzubieten, liegt falsch. Dieses Essen ist tatsächlich Bestandteil der skandinavischen Kultur. Meine Kollegen bekommen glänzende Augen, wenn es an einem speziellen Freitag mal "Pølse-lunsj" gibt.  Ich bekomme schlechte Laune, denn sie ersetzen das normale Lunsj was aus wunderbarem, in echter Handwerksarbeit hergestelltem Brot (wir Deutschen haben tatsächlich kein Monopol darauf), körnigem Knäckebrot das weit entfernt ist von dem was wir unter WASA in Deutschland kaufen, jeder Menge Aufstrichen, Käse, Schinken, Gemüse usw. besteht. Ich erwähnte es schon einmal, das Lunsj im Büro ist super und immer das Highlight des Arbeitstages. Aber nicht mit Hotdogs, bzw. Lomper, der Alternative zu dem klassischen Brötchen. Ein Teigfetzen aus Mehl und Kartoffeln, sehr dünn und mehr oder weniger geschmacklos. Auch in diesen lässt sich das Würstchen wickeln und mit Zwiebeln bestreuen. Guten Appetit. Dazu wird Cola, Fanta und was es sonst noch so an Brausen zu finden gibt gereicht.

Generell gibt es in norwegischen Supermärkten recht wenig zu finden. Übersteigerter Patriotismus mit der felsenfesten Überzeugung, das nur was in Norwegen hergestellt wurde, wirklich gut sein kann, spiegelt sich in der mehr als übersichtlichen Auswahl wieder. Mein kapitalistisches Herz, das in einem riesigen Kaufland zwischen Regalen vollgepackt mit lächerlich vielen Alternativen zu jedem Produkt höher schlägt und genussvoll alle Varianten studiert bis es eine wohlbedachte Entscheidung trifft um dann zum nächsten Punkt auf der Einkaufsliste überzugehen, blutet hier bei "Rema", "Kiwi", "Meny" & Co. Wer sich aufmacht mit dem spannenden Vorhaben, Käse zu kaufen, steht vor dem Kühlregal und darf mehr oder weniger wählen zwischen zwei Herstellern von klassischem, "gelben" Käse in drei unterschiedlichen Abpackungen, mit gutem Sehvermögen können am Rande vielleicht noch einige importierte Exoten in Form von Camembert und Frischkäse erspäht werden. Das wars. Die Frage, welchen Käse du kaufst, stellt sich hier nicht. Trotzdem dauert der Prozess genau so lang, denn du fragst dich angesichts der Preise ob du wirklich Käse brauchst.
Als großer Fan von Joghurt treibt mir die Molkereiabteilung die Tränen in die Augen. Hersteller TINE ist allgegenwärtig, ansonsten hat kaum einer was zu melden. So finden sich hauptsächlich 4 Sorten Fruchtjoghurt und ein Naturjoghurt, der restliche Platz wird mit fertigen Milchreis- und Dinkelbrei-Packungen aufgefüllt. Du hast Lust auf Stracciatella-Joghurt? Pech. Kirsche? Pfirsich? Sorry. Eine Naturjoghurt mit 1,5% Fett statt den 3,5? Nö. Quark?! Vergiss es. Das sind Momente purer Verzweiflung.
Man überlebt ja trotzdem, auch ohne die Riesenauswahl. Aber nur knapp.

Eins möchte ich nicht unterschlagen (und die Norweger reiben es einem auch ständig unter die Nase): Die Qualität ihrer Produkte ist ausgesprochen gut. Die Milch z.B. schmeckt, und ist auch nach dem MHD noch ewig haltbar. Apropos Milch: hier rasten sie richtig aus. Milch kannst du haben mit 0,1%, 0,7%, 1,5%, 3,5% und 4,1% Fett, ökologisch und normal, laktosefrei und laktosereduziert, mit besonders viel Calcium als Styrkemelk oder als Kefir, und, zur Krönung, als Sauermilch, syrnet melk. Die versöhnt mich ein bisschen mit der Molkereiabteilung. Geschmack und Konsistenz sind dem Joghurt sehr ähnlich, es gibt sie pur und in vielen verschiedenen Geschmacksrichtungen. Was diese Milch sauer macht, sind viele unterschiedliche Bakterienkulturen, die sie nicht nur extrem lecker, sondern auch hochgradig gesund machen.


Bleiben wir bei den Molkereiprodukten und reden über den berühmten braunen Käse. Brunost, und schon Ingerid aus dem Norwegischkurs schwärmte davon. Was hatte ich mir nicht alles unter süßem Käse vorgestellt! Man kauft ihn als großen schweren Block und erhobelt sich dann mit dem eigens dafür vorgesehenen Werkzeug eine dünne Scheibe. Klassischerweise kommt die aufs Knäckebrot und mit eine Schicht Marmelade entsteht der zur Brotzeit gewordene Inbegriff des Norwegischen. Genauso ist es aber auch kein Affront, Gurken oder Tomaten drauf zu legen - den hiesigen Gaumen ist eh alles egal.
Und wie schmeckt das nun? Einfach mal nicht außergewöhnlich. Wie dieser billiger Schmelzkäse, den man typischerweise auf Toast Hawaii klatscht. Weder gut, noch außergewöhnlich schlecht. Warum Ingerid den bei jedem Heimatbesuch kiloweise nach Deutschland importiert - keine Ahnung.
Ist übrigens kein Brunost zur Hand, streichen sich die Norweger ihre Marmelade übrigens auf normalen Käse.

Pålegg, dieser weitgefächerte Begriff umfasst alles, was man sich auf sein Brot legen kann. Schinken, Käse, Aufstriche, Kartoffelsalat. Ja, Kartoffelsalat ist hier keine Beilage zu Bockwürstchen, sondern gehört auf die Stulle. Gar nicht so schlecht, habe ich mir eine Zeit lang auch so schmecken lassen. Bis es mir irgendwann doch nicht mehr so ganz geheuer war, dass jede Woche eine neue Büchse geliefert, die alten aber niemals verbraucht wurden und so irgendwann eine uneinsichtig hohe Menge offener Kartoffelsalate auf dem Lunsj-Tisch standen, von denen keiner wusste welcher wie alt ist. Russisch-Roulette, die Lunch-Version. Dafür fehlt mir der Mut.

Pålegg gibt es auch in Tuben, so Mayonnaise, Streichkäse und auch Kaviar. Was die Norweger unter Kaviar verstehen ist eine wurst-pinke, gut streichfähige Creme mit starkem Fischgeschmack und allerlei interessanten Zutaten, darunter eher wenige Fischeier. Die Sache schmeckt auf den ersten Bissen ok, wird dann aber schnell zu viel. Das erste einiger interessanter Fischprodukte.

Einige Wochen bin ich drum herumgeschlichen, irgendwann musste ich es wagen. Der schnelle Griff zum Fiskepudding, ehe ich es mir anders überlege, sehr teuer ist er zum Glück nicht. Und dann liegt er vor mir. Eine milchig-weiße Rolle in Teewurstform. Der Aufdruck verrät: Fiskepudding ist genau das, was der Name befürchten lässt. Pudding aus Fisch. Welcher und was davon ist eigentlich egal. Es wird sorgfältig vermixt und zusammen mit Sahne und Milch aufgekocht, dann mit Stärke, Kräutern und Stabilisatoren verrührt und schlussendlich in eine beliebige Form gepresst und kalt gestellt. Der freudige Endverbraucher kann sich den hart gewordenen Fischmix in Scheiben abschneiden.
Das Verrückteste an der Sache? Mir schmeckt es, auch wenn es eine sehr gewöhnungsbedürftige Form des Fisches ist, die einem da glibberig über die Zunge rollt. Und verdächtig billig.

Fisch, inspired by Wurscht.

Blass wie Schneewittchen, Fiskepudding aufs Schnittchen.
Sehr nah verwandt mit Fiskepudding sind Fiskekaker. Der Fischmix wird dafür in Bulettenform braun angebraten und schmeckt den deutschen Fleischhäufchen damit gar nicht mehr unähnlich.

In die selbe Familie gehören schließlich auch Fiskeboller. Wieder ein fröhlicher Mix aus diversen Fischen und -teilen, nun aber schwimmend in einer wässrigen Lösung und als Konserve verkauft. Auch eine solche Dose habe ich abenteuerlustig erworben, allerdings klassischerweise vergessen dass wir keinen Dosenöffner besitzen. Da meine letzte Begegnung mit einem solch gefährlichen Gerät auf der Rettungsstelle endete und mir bis heute ein Teil Gefühl im Finger fehlt, bin ich da gar nicht so traurig darüber. Die Fiskeboller fristen allerdings ein trübseliges Dasein im Vorratsregal.

Fiskepudding, -kaker und -boller sind zwar alles verrückte Darreichungsformen einfachen Fischs, aber absolut tragbar. Was nicht tragbar ist, ist Sild. Hering.
Mein Kollege und Schreibtischnachbar hat den Auftrag, neue Etiketten für einen Hering-Hersteller zu gestalten. Seit Wochen stehen palettenweise eingelegte Hering-Gläser auf der Arbeit in der Küche. Das hätte mich misstrauisch machen sollen. Stattdessen nahm ich mir eines Tages ein Glas mit und gedachte, mir ein schönes Reisgericht mit Fisch zu kredenzen.
Wie der Hering, bzw. die Heringteilchen, in ihrem Glas herumschwapperten, sieht es sehr viel mehr nach etwas aus, was in der Charité im Museum steht als nach etwas, was man zusammen mit Reis auf dem Teller haben will. Auch der probeweise Stups mit den Fingern machte nicht viel Mut. Glibbrig, weich, formlos. In meinem grenzenlos naiven Glauben daran, dass etwas das als Nahrungsmittel verkauft wird auch essbar sein wird, klatschte ich mir das Ganze schließlich auf den Teller.
Es war möglicherweise das Schlimmste, das ich jemals gegessen habe. Fisch ist in Ordnung. Aber dieser Fisch war so dermaßen süß!!! Ich hätte im Leben nicht für möglich gehalten, dass jemand dazu im Stande ist eine solche Rezeptur zu erschaffen, und das dann auch noch im großen Stil zu fabrizieren. Und damit beende ich diesen Absatz, denn um Sild angemessen zu beschreiben ist die deutsche Sprache gar nicht ausgelegt.

Der Einfallsreichtum um Fisch an den Mann, die Frau und das Kind zu bringen, ist grenzenlos. Ich stelle vor: Crab Nobs. Spektakulär günstig, diesmal aus der Tiefkühlabteilung, erneut eine undefinierbare Fischmasse, hier allerdings in einem spektakulären Rotton und in fingerförmigen Stücken. Auf gut Glück habe ich sie einfach mal für eine Weile in den Backofen gegeben, was dafür sorgte dass die Teilchen extrem hochgingen. Was auch immer da drin ist ...
Die Konsistenz ist wiederum ganz verblüffend, und zwar faserig. Gefühlt kaut man auf Muskelsträngen herum, und der Geschmack ist mir für Fisch wieder eindeutig zu süß, allerdings niemals so schlimm wie Sild. Kann man mal essen, muss man aber nicht wiederholen.



Fasrig, erinnert an Muskelstränge.
Um all diese Fischgeschichten schlussendlich noch etwas positiver zu beenden: normalen Fisch, wie Lachs, gibt es auch, und dieser schmeckt spektakulär, so gut habe ich ihn in Deutschland noch nie gegessen.

Trotzdem, als ich mich gefasst hatte lautete meine Antwort beim lunsj entschieden: Nein, ich werde norwegisches Essen nicht vermissen!
Vielmehr freue ich mich wieder auf das bodenständige, verlässliche und unaufgeregte deutsche Essen, die Vielfalt und das alles bei einem Viertel der norwegischen Preise. Es sind auch tatsächlich nur noch zwei Wochen ... Am Ende werde ich es vielleicht doch vermissen. Aber im Moment freue ich mich hauptsächlich auf zu Hause.

Samstag, 23. September 2017

Ich war bei Erwachsenen und sie sind auch nicht anders als wir

Manchmal habe ich das Gefühl, dass die geographische Position etwas weiter nördlich auf der Landkarte die kleinere Veränderung ist im Vergleich zum Sprung auf der Zeitachse um 10 Jahre nach oben. Denn so viel sind im Büro alle mindestens älter als ich und entsprechend bewege ich mich momentan in seltsamen, unbekannten Kreisen, voller Eigenheim, Kindergarten, Wochenend-Städtetrips und Existenzkrisen wie den ersten grauen Haaren mit 30. Erwachsene sind eine seltsame Spezies, Verantwortung haftet ihnen an und zumindest der Anschein, immer genau zu wissen was sie tun und wofür. Und doch blitzt hin und wieder der verwirrte junge Mensch hervor, und mir drängt sich der Verdacht auf dass wir am Ende doch gar nicht so unterschiedlich sind.

Gestern war eine große Marketingkonferenz in Haugesund und die After-Party sollte in unserem neu hergerichteten Partykeller stattfinden. Während also eine kleine Delegation aus dem Büro Reden schwingen und anhören durfte, war der Rest von uns in heller Aufruhr um nach einem Marathon an Vorbereitungen in dieser Woche alles endgültig startklar zu machen, auch das letzte Detail zu richten und, wie bei meinem Art Director, mal einen Umzugskarton an Papiermüll vom Schreibtisch in die Tonne zu verfrachten um einen Anschein von Ordnung zu erzeugen. Meine Aufgaben bestanden unter Anderem darin, 4 Packen Luftballons aufzublasen und deutsche Modelleisenbahn-Boote zusammenzukleben. Fragt nicht.

Wir wurden rechtzeitig fertig und warteten schließlich zusammen mit den Schnittchen und dem glucksenden Zapfhahn, der schon den ganzen Tag alle an den Rand des Wahnsinns trieb, auf um die 100 Marketingschnösel.
Und sie kamen, in Anzug und Kostüm, lauten Diskussionen, spannenden Hemden über stolzen Bäuchen, dunkelroten Lippenstiften, Frisuren wie mit dem Lineal gezogen und Uhren die von Wichtigkeit sprechen. Hach ihr Erwachsenen! Und dann wurden die Schnittchen gesnackt, nebenher das Weinglas balanciert oder das am Ende des Tages wohlverdiente Bierchen im Takt der Unterhaltung geschwungen. Ich fügte mich in dieses Bild ein und wartete darauf, dass aus den beschlippsten Leuten beschwipste Leute wurden.

Weiter ging es in unserem Keller, der übrigens wirklich schick geworden ist mit schwarzen Wänden, Bar, Bänken und Tischen aus unbehandeltem Holz, aufeinander abgestimmtes programmiertes Licht usw., wie man das als Designagentur eben so macht.
Ich hatte viele gute Unterhaltungen und mit fortschreitender Uhrzeit wurden aus den Erwachsenen normale Menschen. Auch mit meinen Kollegen konnte ich wieder sehr gut quatschen, über unseren Beruf und das Leben. In grenzenloser Neugier habe ich dann auch endlich mal Snus probiert und mir so einen kleinen Teebeutel unter die Lippe geschoben. Es fühlt sich wirklich komisch an und man hat das Gefühl eine Riesenbeule im Gesicht zu tragen die von außen jeder sehen kann. Soll wohl nicht der Fall sein. Geschmacklich war es einfach Schwarztee und geprickelt hat es tatsächlich, wie von Pfeffer oder anderen scharfen Gewürzen. Als mir ein bisschen schwindlig wurde habe ich das Ding dezent wieder entfernt und weiter ist mir nichts passiert. Zum Glück! Hatte mir doch erst vorher noch ein Kollege erzählt, dass als er es das erste Mal ausprobiert hat, sie in einer Runde zu 10. waren und es 9 von ihnen danach überhaupt nicht gut ging, dergestalt dass sie prompt über der Kloschüssel hingen. Das blieb mir erspart und ich habe mir wieder ein Mysterium des Lebens erschlossen. Snus. Nur warum man das dauerhaft macht, es genießt oder gar nicht mehr ohne kann, habe ich immer noch nicht verstanden.
Mit meinem Kollegen Ross, dem Engländer, zu dem langsam eine Ausländer-Solidarität entsteht (wir lachen beide meistens als letzte oder gar nicht über Witze, verpassen oft wichtige Sachen die für alle anderen klar sind und müssen über die Norweger einfach hin und wieder den Kopf schütteln) habe ich 50 Kronen gewettet, dass Snus schädlicher ist als Zigaretten. Muss es doch sein, wenn es überall außer in Schweden und Norwegen verboten ist? Ich habe es noch nicht rausbekommen.

Eher weil wir nicht wussten, wo sie sonst stehen sollte als aus Intention hatten wir die Tischtennisplatte im Keller und die war unter den Feiernden wirklich beliebt. Es war lustig, zuzuschauen, und noch lustiger, selbst zu spielen. Ein anderer Kollege ist so überzeugt von seinen Fähigkeiten, dass er mir sagte wenn ich ein Turnier, 3 Spiele, gegen ihn gewinnen würde, könnte ich sonstwas von ihm verlangen. Diesen gefährlichen Freifahrtschein ließ ich sofort von Ross bezeugen und bin natürlich angestachelt. Das wird ja wohl bis November nicht unmöglich sein! Gestern Abend wurde es nichts, er ist wirklich gut und schnippelt fies, aber es war knapp. Man muss sich Ziele setzen, und ich werde mir noch etwas wirklich Fieses für ihn als Strafe einfallen lassen.

So nahm mal wieder ein sehr unterhaltsamer Abend seinen Lauf, selbst mit all den Erwachsenen, die in dieser gepflegten hippen Umgebung und in den teuren Kostümen genauso albern waren wie wir Studenten bei unseren billigen WG-Partys. Nur dass ich mich um 3 Uhr morgens ziemlich lang mit einem Firmenchef über die Flüchtlingspolitik in Deutschland und allgemein unterhielt erinnerte daran, dass ich es mit einem anderen Klientel zu tun hatte.

Schlussendlich war es 4 Uhr, die letzten Leute aus dem Keller gefegt, das Licht ausgemacht und abgeschlossen. Es regnete nicht, die Luft war herrlich klar und kühl, ich fuhr mit meinem Chef auf dem Fahrrad nach Hause weil wir so ziemlich den selben Weg haben (und er immer Angst um alle). Auf der Hälfte wurde es uns zu steil und wir schoben einfach den Rest, durch die stille Stadt und gelbes Straßenlaternenlicht, und redeten über alles mögliche. Am Ende verabschiedeten wir uns mit dem für Norweger obligatorischen Dank für den Abend und mein Chef seufzte, dass er wohl bald wieder aufstehen müsse weil die Kinder früh wach werden würden. Die Erwachsenenwelt war zurück, für ihn. Ich radelte glücklich nach Hause um so lang zu schlafen wie ich wollte und heute bis zum Abend komplett ohne Verpflichtungen. Ihr Erwachsenen, macht mal euer Ding, ich werde euch nicht so bald beitreten! Aber viel vormachen könnt ihr mir auch nicht mehr.