Sonntag, 24. November 2013

S-Bahn

Kennt ihr das, wenn sich urplötzlich eine seltsame Trübseligkeit über euch legt? Bei mir war das gerade so, und ich weiß gar nicht warum ich mir plötzlich so einsam und verlassen vorkam. Nachdem ich in aller Traurigkeit meine Abendbrot gegessen habe, musste ich noch den Müll runterbringen.
Als ich unten im Hinterhof war, empfing mich so eine herrlich kühle, frische Luft, es roch nach Weihnachten! Und außerdem probt gerade ein Chor da unten. Das hörte sich so lustig an, dass es mir jetzt fast schon wieder gut geht.

Wovon ich aber eigentlich schreiben wollte, ist die Berliner S-Bahn. Seit zweieinhalb Monaten fahre ich jetzt beinahe jeden Tag ein mehr oder weniger langes Stück mit der S-Bahn und ständig beobachte ich Szenen, die mir unglaublich poetisch, vielsagend, traurig oder einfach skuril vorkommen. Ich glaube, man könnte ein Jahr lang S-Bahn fahren und ein echt dickes Buch darüber schreiben. In der S-Bahn erhält man Einblicke in den Alltag anderer Menschen, bekommt manchmal schneller als gut wäre mit, wie die Beziehungen untereinander sind, kann vielleicht für 7 Minuten unbemerkt teilhaben an ihrem Leben. Das Schöne an diesen anonymen Figuren ist: was man nicht weiß, kann man sich dazudenken. Und auch wenn ich jeden Tag genervt bin von der Fahrt, den Verspätungen, der "nutzlosen" Zeit die meinen Feierabend unnötig weit in die Ferne rückt... S-Bahn fahren ist schon ein echtes Erlebnis.

Traurig, schockierend, und gleichzeitig mit einem angenenhmen Gruseln zu beobachten sind die jungen Mütter. Ich meine die sehr jungen. Die, die noch nichtmal aus der Phase der Make-Up-Experimente heraus sind. Meistens übergewichtig, nicht die schönsten Klamotten. Immer, und zwar ausnahmslos immer, sind sie allein unterwegs, oder höchstens noch mit einer Mutter, deren faltige Gesichtshaut Bände über die unzähligen Stangen Zigaretten spricht, die sie in ihrem Leben schon konsumiert hat. Asozial. Bloß gut, dass ich nicht so bin. Wie kann man auch so blöd sein...
Meistens haben diese Mütter ihre Kevins oder Melanies nicht im Griff. Die zappeln und krähen und sind auch mit viel Futter nicht zufrieden zu stellen.
Und wisst ihr was? Diese jungen Mütter strahlen so oft eine unglaubliche Zufriedenheit aus. Sogar Glück. Selbstbewusst streichen sie sich die Haare aus dem Gesicht, bevor sie sich wieder voller Hingabe ihrem Baby widmen, das in einem Kinderwagen liegt, den die Mutter anstelle der schicken Klamotten gekauft hat. Sie sehen nur diesen kleinen Wurm, und sind völlig immun gegen alle Blicke, die ihnen zugeworfen werden. Ist die Oma mit dabei, sieht man den Stolz trotz allem Kummer förmlich aus ihren Augen springen. Diese Menschen haben ihren Platz im Leben gefunden, und es ist scheißegal was jemand wie ich darüber denkt, wer sich über das Babygeschrei aufregt, wieviel Abneigung, Ablehnung und Verachtung ihnen von wildfremden Leuten entgegentritt, von denen jeder meint, die Geschichte "solcher Leute" zu kennen.

Vor ein paar Wochen saß ich auf dem Weg nach Hause wieder in einer übervollen S-Bahn. Mir gegenüber saß ein kleiner, türkischer Junge. Eigentlich hatte ich gar keine gute Laune, aber ich grinste ihn an. Der Rest seiner Familie stand etwas abseits, und es kam mir vor als sei es ihm peinlich, wie laut sie alle waren und hätte sich etwas abgesondert.
Vorsichtig öffnete er seine Schulmappe, und holte ein kleines Segelboot, das aus einer Nussschale gebaut war, heraus. Er drehte und wendete es und sah mich verstohlen an. Ich lächelte wieder, und begutachtete es genau.
Er packte es wieder weg, und kramte etwas anderes hervor. Ich weiß nicht mehr, was es war, ein Bild vielleicht. Als ich erneut meine Anerkennung der Bastelarbeit durch ein Lächeln deutlich machte, lachte er zum ersten Mal zurück. Im Laufe von drei Stationen zeigte er mir noch einige andere Sachen, darunter seinen kleinen Bruder. Alles ganz nebenbei, wie unbeabsichtigt, ohne ein Wort. Irgendwann stiegen sie dann aus. Ein nettes Feierabendgespräch.

"Meine" Strecke von zu Hause zur Arbeit kenne ich mitterlweile beinahe in- und auswendig. Und trotzdem entdeckt man doch immer mal wieder ein neues Detail, wenn man nur genau hinschaut. In der zweiten Woche erst bemerkte ich zum Beispiel, dass man eine ganze Weile lang ständig den Fernsehturm hinter den Häuserzeilen herausragen sieht, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. Es ist ein kurzer Glücksmoment, wenn ich plötzlich den Fernsehturm sehe, weil ich dann wieder einmal merke, dass ich wirklich in Berlin wohne.
Immer mal wieder sieht man auch plötzlich ein neues Grafitti. Extrem detailgetreu, extrem bunt, oder an extrem unerreichbaren Stellen, die meisten sind mehr als nur eine vandalöse Schmiererei.
In den S-Bahnstationen ist es ein netter Zeitvertreib, die großen Werbeplakate etwas genauer zu betrachten. Warum spricht das eine an, und nervt das andere nur? Welche Farben, wieviele Schriften werden verwendet und wie werden die Elemente angeordnet? Was hätte man besser machen können....?
Na gut, das mag nicht jedem Spaß machen.
Spaßig ist auf jeden Fall der Garten am Treptower Park, der mir im Hellen durch seinen großen, blauen Pool auffällt, durch den beinahe jeden Morgen eine nackte Oma schwimmt, oder im Dunklen durch die hoffnungslos übertriebene Weihnachtsbeleuchtung, die vor keinem Baum und keinem Busch Halt gemacht hat. Immer wieder einen Schmunzler wert, diese Strecke.

Gerade erst diese Woche bot sich mir in meiner U-Bahnstation ein wirklich verstörendes Bild. Es war kurz nach neun Uhr und mitten im Berufstrubel. Auf einer der unbequemen harten Bänke lag ein Obdachloser ausgestreckt. Unter der Bank plätscherte es. Eine große Lache bildete sich unter ihm, ein fieses Rinnsal lief quer durch die Halle unbeeindruckt auf das Gleisbett zu. Der Mann schien nichts zu bemerken, er schlief tief und fest, endlich für eine Zeitlang ungestört von Sicherheitsbeamten.
Die Menschen bremsten kurz ihre betriebsame Hast ab und starrten unangenehm berührt, angeekelt, ungläubig auf diesen schmutzigen Mann, der lediglich eine Schachtel Zigaretten fest umklammert hielt, sonst nichts hatte, auf dieser Bank lag und kurzzeitig nicht mehr fror, nicht mehr hungerte, einfach nur schlief. Und sich dabei extrem einpinkelte.
Es war eine sehr bedrückte Atmosphäre, bis endlich die U-Bahn kam und man dieser Situation entrinnen konnte. Brutal deutlich wurde einem gemacht, was Armut und Obdachlosigkeit bedeutet. Nicht nur eine abgeranzte Erscheinung. Nicht nur das Betteln. Der Verlust jeglicher Würde, wenn alle Menschen dabei zugucken können, wie man sich einnässt und das selbst nicht einmal bemerkt.
Bloß schnell weg, zur Arbeit.

Mir fällt wirklich noch so Vieles ein. Die "Musiker", die manchmal wirklich gut, manchmal witzig, meistens aber einfach nur extrem nervtötend sind, so wie die Frau die jeden Morgen an meiner Station steht und genau das selbe Lied auf dem Akkordeon spielt.
Die Ansagen der Fahrer, die von unendlich gelangweilt über amateurhaft freundlich und ausführlich bis hin zu ernsthaft verzweifelt klingen.
Ein eigenes Kapitel sind auch die Fahrstühle der S-Bahn wert, die einen mit gruseligen Geräuschen laut darüber auszulachen scheinen, dass man ihnen wieder einmal vertraut und sich in die Blechkästen begibt.
Oder das Gepäck mancher Passagiere. Manche scheinen mit der S-Bahn umzuziehen, und andere haben so ein schräges Sammelsurium an Gegenständen bei sich, das selbst mir die Fantasie fehlt um da einen Zusammenhang herzustellen.

Am 9.12. mit Ablauf meiner jetzigen Monatskarte enden meine S-Bahnerfahrungen erst einmal vorläufig. Ich bezweifle stark, dass man auf dem Fahrrad genauso tolle Geschichten erlebt. Aber wer weiß... wenn, dann werde ich euch berichten!

Mittwoch, 6. November 2013

Danke

Danke, dass du mich sooo gut versorgst.
Danke, dass du mich neulich um 5 Uhr 30 geweckt hast, damit ich mir auf eine Stunde später noch den Wecker stellen konnte und nicht einen wichtigen Termin auf der Arbeit verpasst habe.
Danke für einen echt schönen Urlaub, der so viel Spaß gemacht hat.
Danke für meine coolen Mitbewohner.
Danke für Tomaten.
Danke für das Zuhausegefühl, das ich bekomme, wenn ich aus der U-Bahnstation Herrmannplatz die Treppe heraufsteige.
Danke, dass ich morgen ein bisschen länger schlafen darf.
Danke, dass Wäsche waschen so einfach ist.
Danke, dass bald Weihnachten ist. Endlich.
Danke für meine neue grüne Bratpfanne.
Danke, dass du mir jeden Tag neue Ideen gibst.
Danke für die vielen Orte, an denen ich willkommen bin.
Danke für Flohmärkte, und die Warschauer Straße.
Danke für Heizung, Pullover, dicke Jacken und Socken.
Danke für Familie.
Danke für meinen Kühlschrank.
Danke für S- und U-Bahnen.
Danke für Wochenenden.
Danke für Kreuzworträtsel.
Danke dass es meinen Teddy immer noch gibt.
Danke für meine Matratze, die im Gegensatz zu den meisten hier dick und fest ist.
Danke für Milch.
Danke für Smartphones.

Dienstag, 8. Oktober 2013

Ein paar herrliche Tage...

In den letzten Tagen habe ich einen Kurzurlaub gemacht, der erholsamer war als ich mir drei Wochen in irgendeinem Touristenland vorstelle. Nicht, dass ich mir drei Wochen in einem Touristenland erholsam vorstelle...

Aber es war einfach so viel besser. Viel besser, mit einer nervenden Mitfahrgelegenheit auf der Rückbank zu dritt eingequetscht ins gerade-noch-so Thüringen zu fahren, als in einem Flugzeug eingequetscht der Sonne entgegen. Viel besser, von völlig erstaunten Großeltern gezwungenermaßen empfangen zu werden als von einem freundlichen, trinkgeldverlangenden Kofferträger. Viel besser, so wie immer zu fünft in einem Zimmer zu schlafen, mit nicht immer ganz frischer Luft (ich kommentiere es nicht weiter), als in der größten Suite irgendeines Nobelhotels.. Viel besser, sich morgens an Omas herrlichem Kuchen gütlich zu tun, als sich mit seinen Miturlaubern um die letzten Brötchen am Buffet zu schlagen.

Ich könnte ewig so weiter machen. Was ich sagen will: ich habe einen wirklich schönen Urlaub verbracht. Der war zwar kurz, aber trotzdem guuut! Ich habe mich behütet, angenommen, geliebt, gemästet und einfach wohl gefühlt. Es war herrlich wie früher. Ich habe so viel Kraft getankt, das hat mindestens bis Montag 10 Uhr vorgehalten. Naja okay. Ich war schon Samstag Nachmittag, als ich in der rappelvollen S-Bahn saß, wieder ziemlich angepinkelt als eine in süßliches Parfüm geradezu verpackte afrikanische Frau sich auf den Sitz neben mich drängte und mir damit zwischen zwei Rucksäcken kaum noch Platz ließ, das Ganze während sie ihr Baby fütterte dem ich es schon in den Augen ansah, dass es nur darauf wartete, alles in meine Richtung revue passieren zu lassen.
Vielleicht habe ich sogar meine innere Mitte schon kurz auf der Rückfahrt am Sonntag Mittag verlassen, als ich von einer 25-jährigen Tante von ihrem TOP-Studium, ihren TOP-Qualifikationen, ihrem TOP-Freund, ihrer TOP-Zukunft und ihrer Familienplanung (und zwar in aller Breite und Ausführlichkeit) vollgequasselt wurde. Die Dame hatte sich nur eine Mitfahrerin gesucht weil "sie jemanden zum Reden braucht"...

Ach Quatsch. Diese paar Tage haben mir wieder ins Gedächtnis gerufen, was ich für eine tolle Familie habe. Und was für eine Zuflucht. Dass es Menschen gibt, bei denen ich immer willkommen bin. Selbst wenn es 21 Uhr abends ist und ich unangemeldet...
Aufgrund meiner beschränkten Packfähigkeiten, begleitet von mangelnder Objektivität bei der Beurteilung, was ich für drei Tage wirklich "brauche", war ich schon auf dem Hinweg schwer beladen. Aber auf dem Rückweg erreichte ich wirklich bald das physisch mögliche Höchstvolumen meiner Gepäckstücke. Kuchen, Hörnchen, Käse, ein Grafiktablet, einen Wlanrouter, Stricknadeln... Weihnachten im Oktober?!

Danke, ihr Verrückten, egal wo ihr seid, ob im Westen, im Osten oder irgendwo zwischendrin, ob ein paar S-Bahnstationen oder viele Autostunden von mir entfernt, so unterschiedlich wie ihr alle seid: es ist ein ganz unverdientes Privileg, euch zu haben! Das habe ich letztes Wochenende gemerkt, und das habe ich gestern gemerkt, und das habe ich die ganzen letzten Wochen, und Monate, und Jahre gemerkt. Und ich verstehe vollkommen, dass alle immer total neidisch sind, wenn ich von meiner großen, tollen Familie erzähle!

Mittwoch, 18. September 2013

"Prüft mich doch..."

Also wirklich, ich bemitleide all diejenigen, die Gott nicht kennen (wollen). Die stünden an meiner Stelle jetzt nämlich ziemlich dumm da, und würden sich da Hirn darüber zermartern, wie sowas GEHT.

"Bringt den ganzen Zehnten in das Vorratshaus, damit Nahrung in meinem Haus ist! Und prüft mich doch darin, spricht der Herr der Heerscharen, ob ich euch nicht die Fenster des Himmels öffne und euch Segen ausgießen werde bis zum Übermaß!"
Steht in Maleachi 3,10. War die sonntägliche Antwort auf meine Grübeleien die Woche davor, und zwar gleich zweimal. Und STIMMT!

Heute habe ich eine längst überfällige Zahlung getätigt. Wisst ihr, was passiert ist?
Gott hat mir einen ganzen Beutel voller Brötchen geschenkt. Käsebrötchen, Laugenbrezeln, Rosinenbrötchen, dunkle Brötchen, Mohnbrötchen. Mehr als ich essen und verschenken kann, mein Tiefkühlfach ist VOLL! Und auch noch hauptsächlich voller der Brötchen, die ich am liebsten mag, die Dunklen. Sehr aufmerksam!
Außerdem bekam ich heute den Bescheid, dass mein bafög-Antrag bearbeitet wurde, mir am 25. die Unterlagen zugeschickt werden und am 27. die erste Zahlung erfolgt. Was?! Ich habe frühestens in zwei Monaten damit gerechnet! Voller Spannung erwarte ich jetzt die Unterlagen, in denen der Betrag steht.
Und ich bin durch Zufall meiner neuen Nachbarin auf dem Nachhauseweg begegnet und konnte ihr ihr Ikea-Zeug schleppen helfen. Auch das ist total ein Geschenk, weil sicherlich sehr beziehungsfördernd.

Ich wurde heute tatsächlich im Übermaß gesegnet, und ich bin so dankbar! Hätte ich vorhin noch heulen können vor Wut, weil ich mir bei meinem Praktikum vorkomme wie der hinterletzte Arsch, weiß ich jetzt gar nicht wohin mit meiner Energie und Freude. Dass ein bis 19 Uhr verkorkster Tag so wunderbar enden kann!

Jetzt freue ich mich wieder auf Morgen. Weil zum Frühstück ein Rosinenbrötchen wartet. Und weil man sich bei Gott doch wirklich nie sicher sein kann, was für neue Überraschungen auf einen warten.

Ps.: Wer es noch nicht kennt - foodsharing.de. Eine tolle Seite!

Ick schon wieder

Ja, ich gebe es zu. Ich halte es nicht aus, mein Leben vor mich hinzuleben, ohne dass alle genau wissen was passiert. Vielmehr, die ganzen krassen Sachen zu sehen, die Gott für mich tut, ohne davon zu erzählen. Denn es ist wirklich enorm.
Ich bin zwar nicht mehr in Haiti, aber mein Leben ist trotzdem nicht langweiliger geworden, zum Glück!

Ich habe Nachholbedarf.
Die erste krasse Sache war, dass ich einen Praktikumsplatz bekommen habe. Es war wirklich nicht einfach, ich habe unzählige Designagenturen und Fotografen angeschrieben. Ich habe mir viel Mühe gegeben, meine Bewerbung optisch zu gestalten, und ein schönes Portfolio zu erstellen. Trotzdem war keine Sau an mir interessiert, weil ich noch keine Studienerfahrung habe. Ja, wie auch, wenn ich kein Praktikum bekomme um damit anzufangen?
Irgendwann habe ich dann aber doch extrem coole Fotografen gefunden, die auch noch ein bisschen als Grafikdesigner nebenher tätig sind, und mir schon, ich glaube Ende Mai, die Zusage für September gegeben haben. Kein kleines Fotostudio, was nur für Pass- und Bewerbungsfotos zuständig ist, sondern ein mittlerweile durchaus etabliertes Drei-Mann-Projekt mit jeder Menge außergewöhnlicher Ideen und höchster Professionalität.
Danke Gott! Das war der erste Schritt zum großen Berlin-Traum.

Die nächste, überhaupt nicht unproblematischere Schwierigkeit war die Wohnung. In Berlin herrscht Wohnungsmangel, das wird einem immer wieder erzählt. Es gibt Leute, die monatelang in Hostels hausen, weil es einfach kein Zimmer für sie gibt.
Da ist es unglaublich, wie einfach das bei mir war! Ich hatte im Prinzip noch gar nicht richtig mit der Suche angefangen, als sie schon beendet war. Ein Inserat auf der Website der SMD hat meine Aufmerksamkeit geweckt, ich habe nach weiteren Infos und Fotos gefragt, mir haben die Gegebenheiten richtig gut gefallen, Mietvertrag wurde zugeschickt, für ab September, fertig.
Ehe ich es fassen konnte, hatte ich mein Zimmer in einer neu aufgemachten, christlichen Studentenetage, zentrale Lage, eigenes Bad und eigener Kühlschrank, zu einem für Berlin passablen Preis. Dabei muss ich echt mal sagen, Gott gibt sich nicht mit dem nächstbesten ab. Ich glaube, das hier ist der perfekte Ort für mich. Ich bin mitten drin in Multikulti, Trubel und Trend. Direkt nebenan liegt der "Reuterkiez", der in verschiedenen Stadtführern als DER aufsteigende Trendkiez schlechthin beschrieben wird.
Bis zur U-Bahn sind es bei Stechschritt 5 Minuten, wenn ich in meiner normalen Geschwindigkeit gehe 7 Minuten und für alle, die wirklich Schrittgeschwindigkeit gehen, 10.
Ich habe, zumindest bei schönem Wetter, einen herrlichen Gemüsehändler in der Nähe, der wirklich die allerbesten Preise macht. Für alles was man braucht, woran man aber vorher nie gedacht hat, habe ich einen super aufgeräumten 1€-Shop an der Ecke. Und direkt daneben ist ein Penny, falls die Haferflocken ausgehen, oder ein anderer Notfall eintritt.
Um die Viertelschwärmerei abzuschließen, möchte ich nur noch meinen Garten erwähnen - die Hasenheide. Ein Riesenterrain, mit Tieren (Kamelen und Lamas!), Skatepark, Freilichtkino, Rasen, Wald, Dealern, was man möchte.
Mehr braucht der Mensch doch nicht! Danke Gott!!!

Nach drei Wochen kann ich sagen, dass ich mich wirklich wohl hier fühle. Ich bin vielleicht sogar schon ein bisschen darüber hinweg gekommen, dass ich jetzt ganz alleine wohne.
Denn es war der schlimmste Schreck meines Lebens, als Papa die Tür hinter sich zugemacht hat und dann unser Auto weggefahren ist. Plötzlich sind alle weg! Plötzlich bin ich eine eigene Existenz, sozusagen eine Außenstelle der Hauptfirma, muss mein Leben selber auf die Reihe kriegen, in allen Belangen, bis zu dem Punkt, dass mich abends niemand mehr zumacht.
Das wäre alles noch viel schlimmer gewesen, wenn ich nicht die ganzen lieben Leute quasi direkt vor meiner Haustür hätte. Ich habe schon so viel Gastfreundschaft genießen dürfen, und herrliche Stunden verbracht, in denen alles wieder normal war, so wie schon immer. Das hat mir mehr geholfen, als ihr euch das vorstellen könnt. Dankeschön. Es tut gut, euch zu haben!

Jetzt bin ich also hier, in Berlin, wie schon seit Urzeiten erträumt. Ich habe jetzt eine Monatskarte, wie ich mir das immer vorgestellt habe. Ick wunder mir über jarnischt mehr, weil es in Berlin einfach zu viel zum wundern gibt. Ich fange sogar schon an, mich über eine verpasste S-Bahn zu ärgern, wenn die nächste in 5 Minuten kommt.
Eingelebt habe ich mich aber noch lange nicht. Vielleicht könnt ihr mit für mich beten, damit das schnell passiert. Ich muss noch einen Nebenjob finden, der sich mit meinem Praktikum vereinbaren lässt. Ich möchte eine Gemeinde finden, die zu mir passt. Und ich möchte noch viele nette Leute kennenlernen.
Bloß gut, dass ich das alles nicht alleine machen muss, sondern Gott dabei ist. Und ab jetzt auch wieder ihr!

Montag, 1. April 2013

Das Dorf hat mich wieder

Wenn man eine Weile weg war, erwartet man irgendwie Veränderung. Ich weiß nicht warum, vielleicht weil man selber so viel Neues gesehen und gemacht hat.
Aber in diesem Dorf hat sich in den ganzen letzten Jahren kaum was getan, warum sollte ausgerechnet jetzt der Fortschritt Einzug halten? Es gibt immer noch keinen dm. Das Rathaus ist immer noch hässlich. Die Omas treffen sich immer noch an der selben Straßenecke.

Aber ich bin froh. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und ich besonders. Ich habe herrlich in meinem eigenen Bett geschlafen. Die Zimmertemperatur war genau richtig, bei angekipptem Fenster. Ich habe sofort wieder das kleine Bad in Beschlag genommen und mein Gerümpel überall verteilt. Endlich ist alles wieder so, wie es sein muss!

Die Reise war nicht weniger strapaziös als vor drei Monaten. Am Dienstag sollte ich fliegen, und am Samstag davor bekam ich heftigen Durchfall und Fieber. Mir tat jeder einzelne Knochen weh und später kamen auch noch starke Magenschmerzen dazu. 3 Monate ging alles gut, und kurz vor Schluss...? Ich hatte Angst, nicht fliegen zu können, oder im Flieger mit dringendem Bedürfnis vor einer besetzten Toilette zu stehen, oder irgendetwas Schlimmes nach Deutschland einzuschleppen was man mir übel nehmen würde. Irgendwie gelang es aber doch, mich bis Dienstag wieder so weit aufzupäppeln, dass der Reise nichts im Weg stand.

Diesmal war es mir wirklich wichtig, pünktlich zu kommen. Und diesmal erfuhr ich von der Verspätung schon direkt am Flughafen. Anderthalb Stunden später als geplant sollte der Flieger starten. Eine Begründung hat man uns nicht gesagt. Zu viel Sonne in Port-au-Prince?
Eine ganze Weile musste ich die Dame am zuständigen Schalter belästigen. Kann man den nicht irgendetwas tun? 1 Stunde Zeit zum Umsteigen in New York, das würde nie im Leben reichen! Alles was ich erreichte, war ein Platz weiter vorne im Flugzeug. Und die freundliche Zusicherung, dass sich um einen neuen Flug und ein Hotel gegebenenfalls gekümmert werde. Ich will aber kein Hotel! Ich will nach Berlin.

Noch in der Wartehalle, in der ich dann fast drei Stunden mich und mein Schicksal bedauerte, lernte ich zwei Deutsche, bzw. Österreicher kennen, die auch in New York umsteigen mussten. Sie munterten mich mit den Worten "Das schaffen wir eh nicht" auf.
Letztendlich starteten wir beinahe zwei Stunden später (weil sich die Leute aber auch nicht einfach auf ihre Plätze setzen können, was stehen die da noch im Gang rum, geht das nicht alles schneller???!!! Kram jetzt nicht noch in deinem Koffer rum, setz dich HIN! Mann den Sicherheitsscheiß kann doch jetzt wirklich jeder schon auswendig, STARTET!), nahmen aber irgendwie eine andere Flugroute oder so, auf jeden Fall sparten wir eine Stunde Flugzeit.
Es war kurz vor neun, als wir in New York landeten, und fünf vor zehn sollte mein Flugzeug nach London starten.

Im Trab hetzte ich aus dem Flugzeug die Gänge entlang, und wurde freundlicherweise gleich schon mit einem orangenen Pass begrüßt, der mir "Priority Access" gewähren sollte. Mit einem strahlenden Lächeln wurde ich an ellenlangen Schlangen vorbeigeführt und konnte sofort meine Fingerabdrücke nehmen lassen, mit Foto und allem was zu der Prozedur dazugehört.

Dann mussten wir auf unsere Koffer warten, aber die kamen und kamen nicht... Als es dann so weit war, war mein Koffer unter den ersten. Danke Gott! Ich hiefte den also vom Laufband, und ohne viel Gelaber kam ich auch durch den Zoll. Die eigentliche Schwierigkeit kam jetzt. Ich musste das Terminal wechseln, mit dem "Air Train", also einer Art Flughafen-S-Bahn.
Renn mal über den New Yorker Flughafen und finde unter den ganzen grünen, gelben, weißen und schwarzen Hinweisschildern die richtigen, die dich zu dem Air Train führen! Mir gelang es, meinen Mitreisenden leider nicht.

Als ich dann über viele Gänge, Fahrstuhl und was weiß ich nicht noch alles an dem Bahnsteig war, stand eine Bahn gerade da und war am Abfahren. Dass Nachdenken manchmal keine schlechte Sache ist, ging mir auf als ich drin war, die Türen sich schlossen und mir langsam klar wurde, dass ich in die falsche Richtung fuhr.
Und zwar aus dem Flughafen raus. Es dauerte eine Ewigkeit, bis die nächste Station erreicht war und ich wieder zurück fahren konnte. Ich musste allerdings sämtliche Terminals abfahren, bis ich letztendlich an meinem Ziel angelangt war. So vertändelte ich bestimmt 20 Minuten.
Den letzten Rest gab mir eine Gruppe älterer Herren, die an Terminal 4, als die Türen sich gerade schon schlossen, ihre Koffer dazwischenklemmten und ganz bequem nacheinander noch einstiegen, mehrmals mit dem Theater Tür schließt sich, Koffer dazwischen, Tür gewaltsam aufziehen, der Nächste bitte.
Das Ganze mit breitem Grinsen, während ich doch nur ENDLICH wollte dass es weitergeht.

Nach gefühlten Jahren des stillen Leidens war ich dann doch da, wo ich schon vor langer Zeit hätte sein sollen, und galoppierte wieder quer durch große Hallen. Atemlos stand ich dann vor dem Schalter, wo ich meinen Koffer wieder loswerden sollte, und musste mir anhören, dass das Boarding schon abgeschlossen sei. Was? Nach all dem?
"Man hat mir gesagt, wenn ich schnell bin, schaff ich das noch!", flehte ich den jungen Mann verzweifelt an. Der rief dann seine Chefin herbei. Während sie auf der Tastatur rumhackte, runzelte sie nur zunehmend die Stirn. "No...."
Och ne. Echt jetzt?

Ich weiß nicht, warum. Meine Connections nach oben? Schließlich sagte sie zu dem Mann doch: "Okay, RENN mit ihr zum Gate!" Juhu!!!

Jetzt galoppierten wir zu zweit über den Flughafen. Und dann kam der Sicherheitscheck.
Schuhe aus, Gürtel, Jacke, Tasche, Rucksack... Ich wollte nur schnell durch diesen Durchleuchtungsrahmen. Aber es piepte! Ich musste in einen anderen Kasten einsteigen. Allerdings war da schon jemand drin, und erklärte der Sicherheitsbeamtin, was er in der Tasche hatte. Für meinen Geschmack eindeutig zu viel, es dauerte. Schließlich dann doch ich. Wieder piepts. Nach noch einer ganzen Weile mit seltsamen Geräten waren sie schließlich zufrieden. Ich sprang in meine Schuhe, schnappte mir mein Zeug (und vergaß tatsächlich nichts), und rannte wieder los.

Schließlich führte mich mein Begleiter nur noch durch eine Menschentraube, an einen Schalter und ich durfte an Bord gehen. Wie erleichtert ließ ich mich in meinen Sitz fallen! Ich hätte es kaum für möglich gehalten, dieses Flugzeug wirklich noch betreten zu dürfen.

Der Rest lief dann wie geschmiert. Zwar plagten mich wieder heftige Magenschmerzen und Durchfall, aber gerade als ich dachte, wir fliegen jetzt über Russland, setzten wir zum Landeflug an in den deutschen Winter. Was für ein wunderbares Gefühl, als ich in Tegel an der Passkontrolle endlich wieder "Hallo" sagen konnte und man mir mit "Guten Tag" antwortete.

Und dann hatte ich auch endlich meine ollen Pappenheimer wieder! Und konnte mich über eine wunderschöne Ferienwohnung und richtig schöne Tage in und um Berlin zusammen freuen. Die erste warme Dusche, das erste Nutellabrötchen, der erste Apfel, und viele andere "Kleinigkeiten" waren alle ein Erlebnis für sich.

Über die Zukunft habe ich mir, wie es meine Art ist, natürlich schon mehr als genug Gedanken gemacht. Was nützt es mir? Letztendlich wird Gott meinen Weg lenken, und ich bin gespannt darauf.
Wobei ich wirklich hoffe, dass wir diesmal die selben Gedanken haben und ich bald in Berlin mein Vorpraktikum fürs Studium machen darf ;)

Donnerstag, 21. März 2013

Ich werde nie ein guter Haitianer sein


Zu dieser weitreichenden Erkenntnis musste ich heute ganz zweifellos kommen. Gute Ansätze hatte ich durchaus gezeigt. Bei über 30 Grad zu einer langen Jeanshose zu greifen, wäre mir in Deutschland nie eingefallen. Genauso wie ich es mir bei 22 Grad am Morgen nicht getraut hätte, zu frieren (und eine warme Jacke zu holen).
Meine Geschmacksnerven sind mittlerweile komplett auf Haiti eingerichtet. Reis mit Bohnen, Mais mit Bohnen, Aracon (Trockenfisch): jedes Mal ein Genuss. Dazu diese ganzen Früchte. Ich hatte gedacht, ich kenne alle Geschmäcker. So, wie man alle Farben kennt. Man kann sich zwar vorstellen, dass es noch Mischfarben gibt, die man so noch nicht gesehen hat, aber im Großen und Ganzen – gibts nichts Neues mehr. Doch! Gestern gab es Advocado. Es ist mir völlig unmöglich, diesen Geschmack zu beschreiben. Einerseits wie Kräuterquark. Dann wie saure Gurke. Ein bisschen butterig, eine Prise süßlich. Oder säuerlich? Es ist einfach nicht zu erklären!
Oder Corosol. Die hässlichste Frucht, die ich jemals gesehen habe. Wie eine übergroße Kartoffel mit Stacheln. Und eine der leckersten Früchte, die ich jemals gegessen habe! Den Geschmack konnte ich mit Erdbeer-Fruchtzwergen ziemlich gut vergleichen.
Mangos. Auf jeden Fall süß, aber mit einer besonderen Note. Ebenso unmöglich zu beschreiben, aber komplett unterschiedlich zu den Mango-Joghurts, -Bonbons und was man bei uns noch so hat. Ich frage mich, was sie da reinmixen.
Ich schweife zu sehr in die Küche ab. Die ist eben einfach richtig gut! Lediglich die Notwendigkeit für das viele Öl und dass zusätzlich an jedes Essen noch „Kochbutter“ rangemacht wird, erschließt sich mir nicht ganz.
Das führt zur nächsten Sache, die mich einfach ungeeignet zum Haitianer machen. Das Schönheitsideal hier könnte ich wohl nie übernehmen: je dicker der Bauch und der Hintern, desto schöner! Das ist so komplett gegen das, was man von kleinauf bei uns suggeriert bekommt. Bei uns wird der Bauch eingezogen, und mit Klamotten vorteilhaft kaschiert. Hier wird der Bauch extra betont und stolz herausgestreckt. Am besten ist das T-Shirt nicht nur eng, sondern auch zu kurz, sodass er unten herausguckt. Wunderschön!
Einige verinnerlichten Tugenden machen mich schließlich ganz Deutsch. Halb drei heißt bei uns halb drei, und wer 20 vor 3 kommt wird mit bitterbösen Blicken bedacht (in ganz Deutschland. Ganz Deutschland? Nein! Im Süden gibt es ein kleines Dorf mit Namen Baden...). Halb drei heißt in Haiti drei, und 3 Uhr 50 ist auch noch 3. Immer schön gelassen bleiben!
Außerdem muss ich gestehen, dass ich an dem Punkt in meinem Leben gekommen bin, wo ich ein bisschen Ruhe und Stille mal genieße. Ab nun geht es abwärts mit mir...
Stille ist für Haitianer eine unerträgliche Situation, der sofort Abhilfe geschaffen werden muss. Am besten mit schlecht empfangener Radiomusik aus dem Handy. Umso besser, wenn der Nachbar die gleiche Idee hatte. Doppelbeschallung! Schon viel besser.
Bei Ruhe schlafen? Das kann doch jeder. Nette Nachbarn machen die langweilige Ruhephase zu einer Herausforderung, indem sie sich telefonierend oder Musik hörend vor dein Fenster setzen, lautstark vor deiner Hoftür diskutieren und die Kinder noch lange nach 22 Uhr ihr Mitteilungsbedürfnis ausleben lassen. Dieses ungleiche Duell verlieren Ohropax kläglich und auf ganzer Linie.

Der Gipfel meiner haitianischen Inkompetenz war mein gestriger Versuch zur Völkerverständigung, angefeuert von grenzenloser Abenteuerlust und großer Dummheit.
Ich wollte mich optisch meiner freundlichen Zimmernachbarin annähern und meinen in drei Monaten völlig außer Rand und Band geratenen Haaren etwas haitianischen Charme verleihen.
Dafür benötigte es Alanges (künstliche Haare), kleine Gummis und eine sehr geduldige Nachbarin, die mir im Moment schrecklich Leid tut.
Ein paar Haarsträhnen mit dieser künstlichen Haarpracht zu verflechten wird bestimmt nicht lange dauern. Schon eine Stunde nach Beginn der Prozedur fing ich an, meine Entscheidung zu bereuen. Die Differenz zwischen dem Ist- und Soll-Zustand betrug nicht sehr viel weniger Haare als zu Beginn. Tapfer flocht die holde Maid aber weiter mein (seltsam gelbes, unten dunkles, glattes, rutschiges) Haar. Während es draußen dunkel wurde, ich schwitzte wie ein Affe und unruhig auf dem Holzhocker hin- und herrutschte, arbeitete sie sich Stück für Stück voran. Ich erschrak zutiefst, als ich spürte, dass die fertigen Haarteile plötzlich über meine Schulter gingen. Längere Haare standen nicht auf dem Zettel! Wo kommen wir denn da hin. Zu meiner Erleichterung schnitt sie die dann auf eine akzeptable Länge ab (die künstlichen Haarteile! Meine Haare hörten viel weiter oben auf). Und so schritt die Zeit voran, immer wenn sie eine neue Strähne flechtete (flicht? flocht?) dachte ich an Zitrone, um mich abzulenken von diesem Schmerz (der Trick funktioniert nicht).
Irgendwann hatten wir aber beide genug. Drei Stunden hat es schon gedauert, das Werk sollte am nächsten Tag vollendet werden.
Ich kam mir beschissen aussehend vor, aber zurück ging ja nun auch nicht mehr. Oder?
Die Nacht wurde sehr unangenehm. Jedes Mal wenn ich mich auf diese (unglaublich festen!!!) Strähnen legte, fühlte es sich an als würde jemand mit sehr viel Entschlossenheit an diesen Haaren ziehen. Das ging überhaupt nicht. An der Seite waren die Haare noch nicht geflochten, da ließ es sich drauf zu liegen aushalten. Wie sollte das am nächsten Tag werden, wenn dieser Teil meines Kopfes auch verarbeitet war?
Viel zu früh und brodelnd vor Wut auf mich selbst und den Rest der Welt war ich heute wach. Meine Kopfhaut spannte wie verrückt, als zöge ständig jemand an jedem einzelnen Haar, und ich fragte mich, ob diese Verschönerung ursprünglich als religiöses Ritual zur Selbstmarterung gedacht war. Allerdings ist es so, dass die Kinder hier schon von klein auf daran gewöhnt werden. Den Leuten tut es wohl nicht mehr weh. Dann kommt so ein Europäerweib dahergelaufen und denkt, das könnte es auch!
Die Sache nahm heute Morgen um neun ein unspektakuläres Ende. In aller Stille wurde die ganze Sache wieder aufgetrennt. 3 Stunden Arbeit für den Hintern, aber wie atmete ich auf als es geschafft war! Meine Haare sahen aus wie Griff in die Steckdose, aber nach einer Haarwäsche (bei der glücklicherweise auch das in die Haare mitverflochtene Parfüm der Dame wich) waren sie wieder die Alten. Und ich habe garnichts mehr an diesem unförmigen Strubbelkopp auszusetzen.
Als ich mich heute Mittag niederbettete, um in dieser Nacht Versäumtes nachzuholen, machte sich tiefe Erleichterung in mir breit, als ich meinen Kopf völlig schmerzfrei in Verbindung mit dem Kissen brachte. Und dann war ich auch schon eingeschlafen.

gruselige Utensilien - Alanges, künstliche Haare

Scheiße aussehen auf ein neues Level gebracht. Es kann ja nicht immer alles klappen.

Steckdosenstyle
Sehr langer Rede äußerst kurzer Sinn: man müsste nicht immer alles ausprobieren (die Erkenntnis hätte ich schon aus so vielen anderen Eskapaden ziehen müssen. Mama wird sich an derlei verschiedene erinnern...), es sieht nicht immer alles so leicht aus wie es scheint und ich bin eindeutig ziemlich Deutsch veranlagt, in allen Bereichen. Das abschließende Wort zum Donnerstag: Ich freue mich auf meine Heimat!