Donnerstag, 25. September 2014

Alpine Abenteuer - Tag 1

Es fing alles an einem Küchentisch an, kurz bevor ich losmusste, aber nicht so kurz als dass man nicht noch ein bisschen hätte plaudern können. Warum auch immer, aber man kam auf das Reisen, und ständig fiel der Satzteil "man müsste echt mal...". Wir träumten von Roadtrips, einer Tour per Anhalter, Wanderurlauben. Osteuropa, Finnland, Norwegen, dem Süden...
Diese "Spinnereien" wurden im Laufe der folgenden Wochen und Monate zu einem handfesten Plan. Aus Norwegen wurde über Kroatien Südtirol. Aus dem Roadtrip eine Wandertour. Aus "man könnte mal" wurde "wir machen".
Und so können mein Cousin Timon, mein Bruder Max und ich jetzt mit Stolz auf ein echtes Abenteuer zurückblicken. In 5 Tagen sind wir 60 Kilometer auf der Hufeisentour in den Sarntaler Alpen gewandert, haben dabei jeweils 12-15 Kilo schwere Rucksäcke mit uns getragen, hauptsächlich im Freien übernachtet und Wind und Wetter getrotzt, die es wirklich nicht gut mit uns meinten. Es war eine Herausforderung, und oft hatten wir das Gefühl, an unsere Grenzen zu stoßen. Und das ist für mich die vielleicht größte Erkenntnis: auch bei Kälte, Nässe, Erschöpfung, dickstem Nebel, schmalen Steigen und schwindelerregend tiefen Abgründen geht es weiter. Wenn man wieder vor einem scheinbar unüberwindlichen Wegstückchen steht, mit Gottes Hilfe und Bewahrung kann ich es gehen und hinterher sogar darüber lachen, wie die Definition von "Wanderweg" immer weiter abbaut.
Es war teilweise wirklich gefährlich und wir sind dankbar dafür, dass viele Menschen an uns gedacht und für uns gebetet haben. Und dass unsere Eltern erst jetzt sehen, wo wir langgeklettert sind :) (oder auch gar nicht, weil man in entsprechender Situation nicht unbedingt ans Fotografieren denkt)

Tag 1: 11,3km, 1600m hoch, 410m hinunter


Nach 15-stündiger Reise am Vortag mit Bus und Bahn nach Südtirol standen mein Cousin Timon, mein Bruder Max und ich also vorletzten Dienstag vor dem Berg, den wir an diesem Tag erklimmen wollten. Das Wetter war herrlich und auch die ganze letzte Woche so gewesen, wir waren gut gelaunt, beinahe ausgeschlafen und verdrängten das Gefühl kommender Schmerzen, das die eben erst aufgesetzten Rucksäcke schon verursachten. Nach wochen- und monatelangem Planen waren wir ziemlich sicher, alles eingepackt zu haben und gerüstet zu sein für das Outdoor-Erlebnis.

Mit roher Gewalt gingen die vollgestopften Rucksäcke auch zu

1500 Höhenmeter standen an diesem Tag auf dem Programm und voller Tatendrang packten wir es an. Dabei lief uns der Schweiß schon nach wenigen Minuten in Strömen über das Gesicht. Ich mag das, wenn man spürt, dass man richtig was tut und sich anstrengt. Auf den Schweiß folgte bald der Geruch, der uns die nächsten Tage kaum noch von der Seite weichen sollte. Zum Glück trifft man in dieser einsamen Bergwelt kaum mal einen Menschen!

Zunächst ging es noch durch grüne Wälder
Schließlich wurde es steiniger
Bis wir über echte Geröllfelder kletterten
Wie auf dem Wegweiser prophezeit, dauerte es tatsächlich gute 4 Stunden, bis wir oben waren. Was für ein Gefühl, am Morgen noch vor diesem riesigen Massiv zu stehen und am Nachmittag von oben herunter zu schauen! Wobei wir beim Herunterschauen nicht so sehr viel sahen, es herrschte dicker Nebel, nachdem wir auf dem Weg schon von einem Regen- und einem Hagelschauer überrascht wurden.

Die Nebelwand kam schnell und gründlich
Die letzten Meter zum Gipfelkreuz
Oben angelangt zu sein, reichte uns nicht. Wir wanderten noch zwei Stunden weiter, ehe wir uns neben einer kleinen Kapelle, die gerade umgebaut wurde, unseren ersten Schlafplatz im Freien suchten.

Hinter dieser Kapelle lagerten wir
Es fühlte sich komisch an, einfach eine Plane mitten auf dem Berg aufzubauen und nun darunter schlafen zu wollen. Außerdem fing es an zu regnen, und wie schon seit einiger Zeit war von fern Donnergrollen zu hören. Unheimlich! Trotzdem waren wir, als wir endlich fertig organisiert und nicht gesättigt, aber auch nicht mehr hungrig, in unseren Schlafsäcken eingemummelt da lagen, richtig guter Dinge. Wenn wir gewusst hätten...!
Als es dunkel war, fing es richtig an zu regnen. Und wurde immer schlimmer. Es prasselte auf unsere Plane, dass an Schlaf überhaupt nicht zu denken war. Der Wind pfiff durch unsere Konstruktion hindurch, sodass alles was nicht in den Schlafsack passte erbärmlich fror. Blitze zuckten über den Himmel, und auch wenn das Gewitter weit weg zu sein schien, bereitete mir das am meisten Sorge. Was machen wir, wenn das Gewitter näher kommt? Wir haben keinen Ort, wo wir hingehen können, auch die Kapelle besitzt keinen Blitzableiter. Ich wünschte mir nur sehnlichst den nächsten Morgen herbei, dabei war es nicht mal 22 Uhr und das Schlimmste kam erst noch.
So richtig lustig wurde es einige Zeit später, als wir langsam mitbekamen, dass die Rettungsdecken, auf denen unsere Isomatten lagen, komplett nass waren. Da wir am Hang lagen, blieb es nicht dabei - regelrechte Bäche floßen über die Rettungsdecken, unter unseren Isomatten auf unsere am Fußende gelagerten Rucksäcke. Probeweises Testfühlen bestätigte schlimmste Befürchtungen: es war einfach alles komplett durchgeweicht. Wechselklamotten, Portemonnaie und Handy, ALLES! Der Stolz über den erklommenen Berg und die Abenteuerlust waren komplett verraucht und die Laune am Tiefpunkt. Hätte ich nichts anderes zu tun gehabt und Strichliste über die im Laufe der Nacht laut oder leise von sich gegebenen "Scheiße!" geführt, ich wäre sicherlich auf erstaunliche Ergebnisse gekommen.
Es schlief niemand von uns, jeder versuchte, so viel zu retten wie möglich war oder sich einfach überhaupt nicht mehr zu bewegen, damit wenigstens das Stückchen Isomatte unter dem Rücken das noch trocken war auch trocken blieb. Timon gab das Liegen irgendwann ganz auf und saß nur noch. Ich musste dringend aufs Klo und fand keinen Moment, in dem es mal nicht so stark regnete und ich hätte rausgehen können. Man hatte schlimme Krämpfe in den Beinen, weil man so stocksteif da lag und die Position kaum verändern durfte. Ich hatte Angst um meine Kamera und legte sie auf die Isomatte, sodass ich selbst zum Teil im Wasser lag.
Es war noch nicht genug. Das dröhnende Geräusch eines über dem Tal kreisenden, suchenden Hubschraubers war Anlass zur nächsten Panikattacke: wir waren am Abend noch schnell hinunter auf eine Alm gewandert und hatten unser Trinkwasser aufgefüllt. Die dortige Wirtin hatte uns besorgt gefragt, ob wir uns denn verlaufen hätten. Wir sagten "Ne!" und gingen wieder zurück auf den Berg. Wir malten uns erschreckt aus wie die Wirtin die Bergwacht anruft weil sie drei unerfahrene Jugendliche bei Gewitter in eine Richtung hat gehen sehen, in der lange Zeit nichts mehr kommen würde. Suchen die uns? Gibt es gleich mächtig Ärger?
Es dauerte lange, bis der Hubschrauber abdrehte und wir uns beruhigen konnten. Hätten sie wirklich uns gesucht, hätten sie uns schon lange gefunden. Und so lagen wir wieder da, in der Dunkelheit, der Regen tropfte auf die Plane, alles was wir anfassten war feucht und das war gerade erst der Anfang unserer Tour. Ich glaube wir alle waren uns insgeheim in diesem Moment sicher, dass es so definitiv nicht weitergehen würde und wir am nächsten Tag absteigen ins Tal. Es würde zwar schmachvoll sein, aber noch so eine Nacht hält keiner von uns aus.
Dabei hat die verzweifelte Frage "Timon, wie spät ist es??" immer noch gerademal ein "halb zwei!" ergeben. Wir versuchten, doch zu schlafen. Nickten kurz ein. Bis der Wind kam.
Es war unglaublich laut, er peitschte gegen unsere Plane. Es knatterte und krachte - bis wir irgendwann plötzlich im Freien lagen. Die Plane lag vor unseren Füßen und wir im Regen! Wir versuchten, unsere Konstruktion wieder aufzubauen, begleitet von vielen weiteren "Scheiße!", die Ausdruck unserer abgrundtiefen Verzweiflung waren.
Dann stand wieder alles, wir stiegen umständlich in unsere Schlafsäcke ein und hofften. Dass der Wind aufhören würde, der Regen, wir schlafen könnten, endlich Morgen sein würde, das durch die Nässe nichts kaputt gegangen war...
Der Wind nahm nicht ab, aber die Jungs dachten sich eine neue, robustere Variante unseres Zelts aus und bauten es um 4 Uhr nachts noch einmal um. Barfuß, im Regen. Und es war so kalt! 
Wir dachten nur daran, so schnell wie möglich von dem Berg herunterzukommen, alles zu trocknen und sauberzumachen, uns satt zu essen und endlich aufzuwärmen. Was für eine Scheiß-Idee, im Freien auf dem Berg zu schlafen!!!

Unser "Zelt", getestet und für unterirdisch schlecht befunden. © Timon

Dienstag, 5. August 2014

Helfen ist einfach!

Endlich möchte ich euch mal etwas über die Organisation erzählen, in der ich seit April regelmäßig mithelfen darf - der Berliner Obdachlosenhilfe. Von jeder Hilfstour komme ich tief beeindruckt, bewegt, neu ausgerichtet und meistens glücklich nach Hause und kann diese ganzen Gefühle kaum in Worte fassen. Dass ich es doch einmal tue ist lange überflüssig, denn das alles für mich zu behalten kann ich noch weniger.

Die Berliner Obdachlosenhilfe ist eine Gruppe von Menschen, die es sich seit September letzten Jahres zur Aufgabe gemacht hat, in wöchentlich dreimal stattfindenden Hilfstouren Obdachlosen und anderen Bedürftigen ein gutes Essen und Kleidung zukommen zu lassen. Ganz einfach! So auch das Motto: "Helfen ist einfach". Und das ist es wirklich, sobald man seine eigenen Bequemlichkeiten und Ausreden überwunden hat. Man braucht keine Vorkenntnisse, keine besonderen Gaben, kein Geld, keine Bürokratie. Man geht hin und macht.

Eine Tour beginnt um 14 Uhr in dem seit einigen Wochen angemieteten Laden. Meistens werden ein Obst- und ein grüner Salat geschnitten, Brötchen und Süßteile geschmiert und verpackt, eine warme Mahlzeit gekocht und zwei Tüten Kleidung vorbereitet.
Das Besondere an der Obdachlosenhilfe ist, dass sie auf einer weiteren guten Sache basieren: Foodsharing. Beinahe alle Lebensmittel, die verwendet werden, sind von Betrieben aussortierte Sachen, die andernfalls im Müll gelandet wären. Es ist unglaublich, was da jede Woche an Obst, Gemüse, Backwaren und anderem zusammenkommt! Und es sind natürlich keine schlechten Lebensmittel. Meistens muss nur wenig aussortiert werden, der Rest wird zu köstlichen Mahlzeiten verarbeitet. Es sind erstklassige Menüs, die da auf die Beine gestellt werden. Spinat, Kartoffeln und Würstchen beispielsweise. Oder Reis mit Hähnchengeschnetzeltem und Gemüse. Oder Chili con Carne. Oder (kalter) Kartoffelsalat mit Buletten, als es einmal besonders warm war. Der Küchenchef geht da sehr kreativ mit dem um, was er bekommt. Wenn es x Kilo Gehacktes sind, brutzelt er eben in stundenlanger Arbeit Hunderte von Buletten (in kleinen Pfannen auf zwei kleinen Herdplatten). Improvisiert wird immer irgendwie, aber es riecht auch immer irgendwie gut in der Küche. Und gelobt wird das Essen jedes Mal.

Die Menschen, die die Berliner Obdachlosenhilfe ins Leben gerufen haben und dafür sorgen, dass wirklich Woche um Woche die drei Termine am Mittwoch, Samstag und Sonntag stattfinden damit sich die Gäste darauf einstellen können, beeindrucken mich jedes Mal. Es sind keine Christen. Sie tun das alles aus echter Nächstenliebe und für die Menschen auf der Straße. Ich weiß, dass das was ich tue, von Gott registriert wird, und dass er sich darüber freut. Sie aber haben diese Sicherheit nicht, kaum jemand sieht, womit sie die Stunden nach Feierabend oder am Wochenende verbringen. Sie haben keine Gegenleistung zu erwarten, und trotzdem kommen sie, manche dreimal in der Woche. Das beschämt mich, denn irgendwie kommt mir ihre Motivation dadurch reiner und sie selbstloser vor, als ich das schaffe. Es ist auf jeden Fall ein Ansporn.
Geschätzt ein Dreiviertel sind übrigens Jugendliche in meinem Alter. Viele kommen mit Freunden und haben mächtig Spaß während der Touren. Helfen muss nicht ätzend und anstrengend sein! Es sind eigentlich jedes Mal wieder neue Leute dabei. Es ist erstaunlich zu sehen, wie hoch die Bereitschaft unter Jugendlichen ist, zu helfen. Wenn ich dann manchmal ältere Menschen über "die Jugend", verdorben von Internet und Medien, faul und rücksichtslos, herziehen höre, ärgert mich das dann schon extrem. Aber das ist ein anderes Thema...

Station Alexanderplatz, das "Buffet" wird aufgebaut
Um ca. 17:30 Uhr werden dann die Autos bepackt und es geht los an den Leopoldplatz. Es wird immer gesagt, dies sei die härteste Station, aber ich habe noch nie etwas Schlimmes erlebt und mir wurde noch nichts geklaut. Die meisten der Gäste dort sind drogenabhängig und manchmal aggressiv. Aber Streitigkeiten die aufkommen wenn wir da sind werden schnell untereinander geklärt um uns nicht vom Wiederkommen abzuhalten. Wie an allen Stationen sind die Nationalitäten bunt gemischt, und es finden sich Menschen von ca. 18 bis um die 60 Jahre. Manchen sieht man sofort an, wo sie stehen, andere erscheinen gepflegt und ordentlich und sind doch bedürftig. Dankbar für die Mahlzeit sind alle, und das ist wieder etwas, was ich total beeindruckend finde. Wie oft sagen wir schon bewusst denen, die unser Essen bis zu vier Mal am Tag bereiten, "Danke"? Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, muss ich sagen selten bis gar nicht. Worte der Kritik gehen so viel schneller und leichter von der Zunge..
Manche Obdachlose hören gar nicht auf, sich zu bedanken. Ihre Augen funkeln, sie sagen einem immer wieder, wie toll das ist, dass man diese Arbeit tue, manche umarmen einen sogar. Es ist doch nur ein Essen?
Nein, ich glaube nicht. Mindestens genauso wichtig ist die Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die ihnen entgegengebracht wird. Wir unterhalten uns, diskutieren manchmal, gehen einfach nicht auf Abstand, auch wenn sie sich ständig am Kopf kratzen, stinken oder offene Wunden haben. Das ist anfangs nicht so ganz leicht, aber man kann ja hinterher duschen und außerdem geht ständig eine Desinfektionsflasche herum.Wichtig ist, dass unter der Dreckschicht der Mensch gesehen und respektiert wird.

Nach dem Leopoldplatz kommt der Alexanderplatz. Hier sind vor allem polnische Gastarbeiter anzutreffen, meistens gut gelaunt und zu Späßen aufgelegt. Manchmal, wenn auch selten, nähern sich auch Touristen oder Passanten und fragen nach, wer wir sind und was wir da machen. Für diesen Zweck gibt es eine kleine Dosen, in die spontane Spenden eingeworfen werden können. Sie steht immer neben dem Essen und hat mir schon manche "Wow!"-Momente beschert. Nämlich dann, wenn einer unsere Gäste ein paar letzte Cents aus seinem abgegriffenen Portemonnaie kramt und da rein steckt. Erinnert mich an die Witwe aus der Bibel... Diese paar Cents sind so viel wert.

Nach dem Alexanderplatz kommt das Kottbusser Tor. Auch hier finden sich vor allem Drogenabhängige. Was hier besonders ist: mindestens jede dritte Tour wird am Kottbusser Tor durch eine Demonstration zumindest kurzzeitig gestört. Wenn dann erst Unmengen an Polizeiwagen vorbeifahren und danach die Demonstranten vorbeimarschieren, ist bei uns Ebbe. Aber meistens hat der Spuk schnell ein Ende und es finden sich hinterher wieder viele Abnehmer für das gute Essen.
Manchmal haben wir an dieser Station nur noch sehr wenig zur Verfügung, manchmal ist noch sehr viel übrig. Es schwankt stark, aber generell lässt sich durch den Verbrauch der Pappschüsseln usw. sagen, dass bei jeder Tour weit über 100 bedürftige Menschen satt gemacht werden. Sind am Kotti Reste übrig, werden die auch noch weiterverteilt, wohin wird spontan entschieden.

Und dann ist die Tour gegen 22 Uhr zu Ende. Man ist müde, aber irgendwie glücklich. Und wenn man seine Haustür aufschließt, kann man das einmal mehr wertschätzen und wirklich dankbar sein. Denn trennt uns wirklich so viel von den Menschen, die, nach welchen Irr- und Abwegen auch immer, auf der Straße leben müssen? Ist es nicht einfach Gnade?

Berliner Obdachlosenhilfe e. V.
Buttmannstr. 1A
13357 Berlin
https://www.facebook.com/helfenisteinfach
http://www.berliner-obdachlosenhilfe.org/
helfen.ist.einfach@gmail.com


Montag, 14. Juli 2014

Finale, oho!

"Ich glaub es regnet" "Wann wechselt er denn den Loddar ein?" "Schürrle du Lappen!" "Hau ihn um!" "Ich glaub, da hinten wird es heller" "Macht die Scheißschirme zu!!" "NEUARRRR" "Hau ihn um!" "Wer kifft hier?" "Will jemand Chips? Ich hab keinen Bock mehr die zu halten." "Hau ihn um. Jawoll.... hau ihn nochmal um!"  "Des hädd doch n Elfmäda gebn müssn!" "Ey, wenn ich Spieler wäre, ich würde die alle umhauen! - Ach was, ehrlich? Hätte ich nie gedacht."

Auch wenn bei der Fanmeile von Public Viewing die Rede ist, geht da doch niemand hin, um das Fußballspiel zu sehen. Wer diese Ambition hat, den wird die Realität schnell einholen, denn unter 600 000 Mitsehrn gibt es immer mindestens zwei die größer sind als du und vor dir stehen. Vom ganzen Spektakel auf der Riesenleinwand können so meistens maximal zwei grüne Ecken bestaunt werden können. Hauptsache HD.

Als zwei Mitbewohner und ich uns am Sonntag um kurz vor 18 Uhr aufmachten um Geschichte zu schreiben, meinten zwei Drittel wir seien viel zu früh dran, und ein Drittel dass wir schon längst hätten dort sein sollen. Letzteres durfte eine halbe Stunde später den schönen Satz "Ich habs euch ja gleich gesagt!" vortragen, wovon mehrmals Gebrauch gemacht wurde. Als wir am U-Bahnhof Französische Straße ausstiegen, tingelten wir mit einer großen Menge und zunehmender Verzweiflung von einem Eingang zum nächsten. Überall standen die selben grimmig guckenden Polizisten und machten klar: Hier gehts nicht mehr durch. Zu allem Überfluss fing es auch noch an zu regnen.
Irgendwann teilte sich die Menschenmenge. Die einen wandelten weiter auf den ausgeschriebenen Pfaden, die anderen schlugen sich durchs Gebüsch des Tiergartens und versuchten, die Autoritäten so auszutricksen. Wir auch. Aber nach unserem Waldspaziergang erwarteten uns wieder nur Menschenmassen, Zäune und grimmige Polizisten. Einige versuchten, die Absperrung zu durchbrechen, was ihnen auch gelang. Innerhalb von Sekunden waren 20 Menschen hindurchgeschlüpft und fünf bullige Polizisten herangerannt, die die Letzten von ihnen brutal wegrempelten und das Leck wieder dicht machten. Wir braven Bürger gingen weiter an den Zäunen entlang und hofften, dass man uns doch noch irgendwo im Guten hereinlassen würde.
Dann kam die Sackgasse. Menschen über Menschen, alle standen sie vor dem letzten Eingang. Es ging nicht vor und nicht zurück. Viele kehrten um. Wir stellten uns einfach dazu. Vielleicht passiert doch noch etwas? Wir beschlossen, es für eine Viertelstunde zu versuchen. Wenn nicht hier, dann nirgendwo, denn mittlerweile waren sicher alle Public Viewing-Plätze schon belegt.
Also standen wir da. Rechts, links, vorne und hinten Menschen. Unten Boden. Oben Regenschirme. Auch wenn ich eigentlich keine Platzangst habe, das war mir doch ein bisschen zu viel. Aber tapfer ausharren. Nicht zu viel denken. Warten.
Und Stück für Stück ging es tatsächlich vorwärts. Noch wussten wir nicht, ob vorne welche hereingelassen wurden oder ob nur einfach immer mehr aufgaben. Zur Unterstützung versuchten wir, ein bisschen zu demoralisieren, indem wir uns lauthals über die Ausweglosigkeit der Situation ausließen.
Aber wir kamen wirklich vorwärts, und irgendwann waren wir an einer Taschenkontrolle (wo mir wieder eine 25 Cent teure Pfandflasche geklaut wurde) und wurden dann auf die Fanmeile gelassen. Yeah! Plötzlich konnte man auch wieder frei atmen und sich bewegen.
Ein Blick auf die Uhr hat die Euphorie gedämpft. Gerademal 19 Uhr, noch zwei Stunden im Regen stehen und warten. Aber immerhin, wir waren drauf. Wir würden dabei sein, wenn Deutschland endlich wieder Weltmeister wird.

Irgendwann waren wir komplett durchweicht. Direkt hinter der Leinwand zuckte ab und zu ein Blitz (jedes Mal von einem Raunen in der Menge quittiert). Wir arbeiteten uns noch Stück für Stück weiter vor, bis wir ein bisschen Ton hören konnten.
Es war eine Erleichterung, als das Warten dann endlich dem Ende entgegen ging und lauthalts die Nationalhymne gesungen wurde. Und dann hörte es auch auf zu regnen.

Von dem Spiel habe ich wie gesagt kaum etwas mitbekommen. Mit wildesten Verrenkungen habe ich immer wieder versucht sekundenweise folgen zu können, nur mit mäßigem Erfolg. Aber man ist ja für die Stimmung da, und die war gut, spätestens seit der Linienrichter wegen Abseits den frühen Torjubel der Argentinier unterbrochen hatte. Das wurde bejubelt als hätten wir selbst ein Tor geschossen. Den Spielverlauft musste man sich aus den Reaktionen der Umwesenden zusammenreimen.
Irgendwann war mir mächtig kalt, beim Studium von Hinterköpfen erschloss sich mir auch nicht mehr viel Neues und ich wollte nur gerne, dass Deutschland endlich gewinnt und ich nach Hause gehen kann. Aber nein, Verlängerung, zu allem Überfluss..
Aber dann, das Tor. Was für eine grenzenlose Freude! Und wenige Minuten später beim Schlusspfiff wieder!
Dann wurde gefeiert. Mit "We Are The Champions" und ähnlichen Liedern auf der großen Bühne (was uns auf unsere mickrige letzte Leinwand übertragen wurde), Feuerwerk und einem herrlichen Autokorso an der Siegessäule. Die Leute waren so aus dem Häuschen! Netterweise fuhren auch um zwei Uhr noch S-Bahnen, und die wurden wirklich auseinander genommen. Da wurde gehüpft, an die Scheiben geklatscht, gegrölt und brechend voll waren sie auch. Das letzte Stück mussten wir dann laufen, weil die U-Bahnen nicht mehr fuhren und an den Bushaltestellen Menschen über Menschen standen. Im alternativen Kreuzberg ist übrigens beinahe tote Hose gewesen. Nicht überall lässt man sich dazu herab, so eine primitive Weltmeisterschaft zu verfolgen.

Ich war sehr sehr froh, als ich endlich zu Hause war und nicht mehr auf meinen Füßen stehen musste. Ganz schön anstrengend, das Weltmeisterwerden. Aber es war ein echtes Erlebnis auf der größten deutschen Fanmeile. Das muss man einfach mal mitgemacht haben.

Mittwoch, 2. April 2014

Danke Jesus dass ich jetzt Student bin

Als ich gerade mit Mama telefonierte und plötzlich losschrie und heulte wie sonstwas, dachte sie, ich hätte eine Spinne in meinem Zimmer gesehen. Das hätte dann schon eine echt große, vielleicht eher ein Krokodil unter dem Bett oder soetwas sein müssen, um diese Reaktion hervorzurufen.
Aber es war ja eine e-Mail, und zwar die schönste die ich seit langer Zeit bekommen habe.

"...wir freuen uns Ihnen mitteilen zu können, dass Sie die Eignungsprüfung für den Studiengang Kommunikationsdesign an der HTW Berlin bestanden haben und zu den 80 Bewerberinnen und Bewerbern gehören die wir für einen Studienplatz im Wintersemester 2014/15 zulassen."

Ich kam mir vor wie im falschen Film. Kurz blitzte der Gedanke in meinem Kopf auf, dass es vielleicht einen technischen Fehler gegeben haben könnte.... so unglaublich fand ich das!
Vor allem aber war ich so enorm erleichtert, das kann ich überhaupt nicht beschreiben. Wie eine Welle ist riesengroße Freude über mich hereingebrochen. Wenn man seit Jahren diesen Wunsch hat, seit sechs Monaten nur darauf hinarbeitet und immer wieder diese Last mit sich rumschleppt, dass die ganze Mission auch scheitern könnte und ich dann mit nichts da stehe, baut sich über die Zeit ein Druck auf der in den letzten zwei Wochen schon fast nicht mehr zu ertragen war.

Dabei hätten alle Angst, Panik und Unsicherheit gar nicht sein müssen, wenn ich nur ein bisschen daran geglaubt hätte, dass Gott gut ist und dass, wenn es der richtige Weg ist, er ihn für mich ebnen wird. Ich habe die ganzen Jahre gehofft, aber selten wirklich geglaubt. Ich hatte immer das Gefühl, es sei mein Kampf, und ich bin dafür verantwortlich, ob es klappen wird oder nicht und dass Gott sich gar nicht wirklich dafür interessiert weil es ja immerhin mein Wille ist. Wieso sollte er den unterstützen?
Manchmal habe ich überlegt, ob Gottes Plan vielleicht praktischerweise mit meinem Plan übereinstimmen könnte. Aber es kam mir zu gut vor, ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. Muss man als Christ nicht entbehren, seine eigenen Pläne aufgeben und Sachen machen, die man lieber nicht tun würde?
Vielleicht, manchmal. Aber wie ich neulich in einer Predigt gehört habe, hat Gott für jeden Menschen einen individuellen Plan, und er stattet jeden Menschen mit den Dingen aus, die er benötigt um ihn ausführen zu können und auch zu wollen. Es wäre tatsächlich unlogisch, wenn er uns Menschen mit Aufgaben betrauen würde, denen wir nur missmutig und ohne Leidenschaft folgen, weil sie uns nicht entsprechen.

Dass ich zugelassen bin, ist ein Wunder, und ich weiß ganz genau, dass ich dazu nichts beigetragen habe. Kommunikationsdesign ist ein sehr beliebter Studiengang. In Berlin ist die Lage nochmal verschärft, weil beinahe jeder kreative Mensch, oder wer sich dafür hält, dorthin möchte. Es dann zu allem Überfluss auch noch gleich beim ersten Anlauf zu schaffen ist absolut nicht die Regel.
In manchen Jahren kommen auf jeden Studienplatz 6 Bewerber, dieses Jahr "nur" 4 - kein Zufall. Ich habe beim Bewerbungsgespräch zwei Professoren erwischt, die nicht darauf aus waren, eine unangenehme Atmosphäre zu schaffen und den Bewerber zu braten bis er sich verquatscht. Kein Zufall. Ich habe im Dezember zwei Studenten aus dem 1. Semester kennen gelernt, die sich vor Hilfsbereitschaft beinahe überschlagen und mir viele Tipps und Hinweise gegeben haben. Kein Zufall. Ich kann noch weiter zurückgehen. Dass ich einen Praktikumsplatz bekommen habe, in dem ich mich bei vielen Visitenkarten, Aufstellern, Etiketten usw. austoben konnte und musste und enorm viele Kenntnisse erworben habe. Dass ich in Berlin so schnell und unkompliziert eine Wohnung gefunden habe, die das alles erst ermöglicht hat.
Gott führt alles perfekt. Und ich Trottel glaube nicht.

Ich hoffe, dass mir dieses Wunder eine Lehre sein wird, und ich in Zukunft viel mehr Gottvertrauen wage. Jetzt darf ich wissen, dass der Grafikdesignweg der ist, den Gott sich für mich ausgedacht hat. Ich weiß nicht, wie ich zu diesem Glück komme, aber ich werde hart arbeiten, um ihn nicht zu enttäuschen.

Es war wunderschön, euch allen Bescheid zu sagen und bei eurer Erleichterung und Freude wieder einmal zu sehen, wie sehr ihr das alles mitgetragen habt. Ich danke euch so dafür!
Die nächsten Monate werden aller Voraussicht nach herrlich und die schlimmen letzten drei Monate sicherlich aufwiegen. Ich habe bis Oktober Zeit, um mich weiter über Grafikdesign zu belesen und zu bilden, an meiner Schwäche dem Zeichnen zu arbeiten, um schöne Sachen zu machen, die ich während des Studiums hinten anstellen muss, um ein bisschen Geld zu verdienen und meinen ersten kompletten Sommer in Berlin zu genießen. Die nächste Station ist Ostern, und endlich wieder bei meiner Familie. Ich freue mich wahnsinnig darauf!
Und innerlich jubele ich noch immer über dieses nicht erwartete Glück. Denn als ich mit Mama telefoniert hatte, klagte ich ihr übrigens gerade wieder einmal mein Leid und jammerte, dass ich so ein schlechtes Gefühl hätte und und und...

Sonntag, 2. Februar 2014

Immer mal wieder ein Weltuntergang

Freitag war kein guter Tag, und das habe ich schon morgens gemerkt. Gesundheitlich ging es mir schon direkt nach dem Aufstehen dreckig und dazu hatte ich einen straffen Zeitplan. 10 Uhr macht das Bastelgeschäft auf, schnell 20 graue Kartons und Klebeplättchen kaufen, dann zurück, die Arbeiten auf Karton aufziehen, vielleicht noch irgendwann was essen und dann los zur Mappenberatung.
Ich war schon die ganze Zeit extrem angespannt und hatte noch nicht einmal Zeit für meine Mitbewohnerin, die mit mir das Essen am nächsten Tag anlässlich meines Geburtstages planen wollte. Nicht ok.

Aber als ich letztendlich meine Arbeiten aufgezogen hatte und so betrachtete, fand ich, dass sie ziemlich vielfältig und sehr gut vorzuzeigen sind. Was ich bei der letzten Mappenberatung mitgenommen hatte ("Nimm ein Thema und zerpflücke das, analysiere es genauestens, beiß dich dran fest und zeig, wie individuell und kreativ du denkst.") hatte ich nach bestem Wissen und Gewissen umgesetzt.

Aber die Kritik war vernichtend, genau das, wovor ich Angst gehabt habe. Kaum eine Sache war ok, nichts hat sie vom Hocker gehauen, nichts hat das Interesse des Professors geweckt sodass er mich vielleicht schonmal im Hinterkopf behalten hätte. Ich möchte sie euch mal zeigen, diese Arbeiten, weil schon oft gefragt wurde und die Mappe zu groß ist, um sie viel durch die Weltgeschichte zu transportieren.

"Fotografie nicht das richtige Medium"
"Zu steif, weil immer aus dem gleichen B"

"Die Zeichnungen sind zwar sehr zurückhaltend, aber noch ok."
"Eine spannende Komposition, ich weiß aber nicht ob Sie das beabsichtigt haben."
Kein Kommentar.
"Technisch kann ich es nicht beurteilen, aber das Sujet ist zu kitschig!"


Kein Kommentar.

"Da haben Sie so viele Fotos raufgetan weil sie einzeln nicht stark genug sind."






"Teilweise zu einfach."

"Kindisch."

Danach musste ich erst einmal eine Weile Mama verrückt machen und habe mehr Taschentücher verbraucht als in den drei Monaten davor. Ich habe keine Perspektive gesehen, war verletzt weil die Arbeit von Wochen so abgeschmettert wurde und war auch sehr sehr wütend. Auf die, deren Arbeiten im Gesamten quasi komplett durchgewunken und für gut befunden wurden, auch wenn das manchmal für mich absolut nicht nachvollziehbar war. Auf den Professor, der auf mich manchmal den Eindruck machte als ob er willkürlich und sehr launisch seine Beurteilung abgibt, und so eine Arbeit aus Klecksen als Zeug, mit dem man ihn in Ruhe lassen solle deklariert und die andere Arbeit aus Klecksen sehr spannend findet.
Ich wollte alles sein lassen, weil es ja doch keinen Sinn hat, wenn ich nicht nachvollziehen kann, wie der Professor beurteilt und mir dementsprechend wohl etwas Bestimmtes im Sehen fehlt.
Gleichzeitig war ich vollständig aufgelöst weil ich keine Ahnung habe, was ich sonst im Leben machen kann wenn nicht Design.

Ich bin mittlerweile so darauf trainiert, jedes Werbeplakat, jedes Unternehmensdesign, jede Plastetüte genau zu betrachten und zu analysieren. Ich lese mir das komplette, fette Handbuch zu den letztjährigen Wahlplakaten der CDU durch, in denen bis aufs Kleinste die Farben, der Aufbau, die Schriftarten etc. mit einer Begründung festgelegt sind. Abends vor dem Schlafengehen lese ich über das Design des 20. Jahrhunderts und wenn man mir etwas Gutes tun will bittet man mich darum, eine Visitenkarte für jemanden zu gestalten. Ich möchte zu denen gehören, die mit Design Einfluss auf die Gesellschaft haben, Sachen besser und schöner machen, ich möchte die Leute überraschen, verwundern und zum Staunen bringen.
Ich möchte auch diese bekloppten Professoren zum Staunen bringen, jemand sein in dem sie Potential sehen und den sie gerne fordern und fördern!!! Ich möchte endlich mal wieder etwas schaffen, auf etwas stolz sein wie früher bei den Mathearbeiten, wenn sie gut liefen. Etwas vorzuweisen haben, nicht so (scheinbar?) ohne Ziel durchs Leben steuern und jedes Mal ins Stottern kommen wenn man mich fragt "was ich denn jetzt so mache". Ich möchte ein ganz normaler Student sein, in der Prüfungsphase nicht mehr ansprechbar und hinterher grenzenlos erleichtert.

Wenn das also nicht klappt, was mache ich dann? Was ist, wenn ich Anfang April keine e-Mail bekomme, oder gar Ende März nicht einmal auf der Liste für die Auswahlgespräche stehe? Es gibt noch die Möglichkeit Potsdam. Aber ansonsten... Inklusive Praktikum 7 Monate für etwas vergeudet und immer noch keinen Schritt weiter. Und keine Ahnung, was ich mit mir anfangen soll. Doch einen Kompromiss machen, die Schiene sicheren Job und festes Einkommen wählen, und dabei ewig darüber grübeln, wie es geworden wäre wenn...?

Ich muss sagen, ich war echt wütend auf Gott, ausgerechnet. Alle beten so viel, warum...? Sag mir doch endlich mal, wo es langgeht. Hast nicht Du diesen Wunsch in mein Herz gelegt, so sehr wie es mich dahin drängt? Warum muss bei mir immer alles so kompliziert sein?!

Es ist unglaublich, wieviele ermutigende Worte von Ferne und von Nah innerhalb kürzester Zeit an mich gerichtet wurden. Ihr habt mich wieder auf die richtige Spur gebracht, und die Gemeinschaft mit einigen von euch hat mir so gut getan.
Denn ja, natürlich, es ist noch nicht die endgültige Absage. Ich habe außerdem auch noch ein bisschen Zeit, um einiges noch geradezubügeln. Andere Professoren könnten vielleicht ganz anderer Meinung sein. UND: letztendlich entscheiden es nicht die Professoren. Und wenn Gott nicht will dass ich Kommunikationsdesign studiere, dann hilft es eben alles nichts. Wenn aber doch, dann wird es auch so kommen. Ich kann durch Panik, Hast und Arbeitswahn das Ergebnis nicht positiv beeinflussen.

Nach wie vor bin ich mir nicht ganz sicher, in welche Richtung ich in den nächsten 3 Wochen arbeiten soll, denn ganz klar wurde es mir nicht. Aber das ist mein Schlachtplan:
Ich werde mir trotzdem Arbeit suchen, damit die Mappe nicht das einzige ist, was ich in diesen Tagen mache.
Ich werde mir soviel Ratschläge wie möglich von verschiedensten Leuten holen, z.B. zwei überaus freundlichen Erstsemestlern die mir ihre Hilfe schon angeboten haben.
Ich werde viel lockerer und freier arbeiten, mir vielleicht demnächst auch noch mehr Zeichenutensilien wie Pastellkreiden, Aquarellfarben usw. zulegen, um die "rotzigen Zeichnungen" zu produzieren die sie so gerne sehen wollen.
Ich werde es lockerer nehmen. Es zumindest versuchen. Versuchen, nicht mehr so zu verkrampfen wie es im letzten Monat der Fall gewesen war und vielleicht sogar tatsächlich Spaß an der Arbeit zu haben. Und dann... liegt es nur in Gottes Hand. Und es wird gut sein. Auch wenn ich daran hart zu knabbern habe, so ist es.

Und deshalb geht es mir vielleicht sogar besser als vor dieser Mappenberatung. Denn ein bisschen habe ich losgelassen, und ein bisschen bin ich offener für Gott und seine Entscheidung. Ich habe begriffen, dass ich aus mir heraus nicht zu diesem Studium zugelassen werde, sondern nur mit Gottes Hilfe. Und ich habe wieder einmal gespürt, was für ein starkes Netz mich auffängt, wenn ich sehr sehr niedergeschlagen bin. Danke dafür an euch! Auch wenn ich im Moment sehr sehr unsicher, ein bisschen ängstlich und nur mit viel Willenskraft nicht panisch bin, möglicherweise komme ich ja so langsam auf den richtigen Weg - zur HTW oder woandershin.

Montag, 27. Januar 2014

Warum ich jedes Mal sage "Nie wieder!"

In 15 Stunden könnte man 3 Marathons rennen, oder 2 dicke Bücher lesen, oder eine Doppelschicht arbeiten, oder ein komplettes Haus einem Frühjahrsputz unterziehen, oder viele andere sinnvolle Dinge tun.
Man kann sich aber auch in 7 verschiedene Züge setzen und erfahren, wie groß Deutschland ist.

Das Reisen mit dem Schönes-Wochenend-Ticket der Deutschen Bahn hat viele Vorteile. Es ist sehr günstig, zum Beispiel. Und... naja, das war es eigentlich auch schon. Aber es ist eben günstig. Für 7,30€ bin ich von Berlin bis nach Baden-Württemberg gekommen.
Das Reisen mit dem SW-Ticket ist aber nicht einfach Reisen. Es ist eine Herausforderung, der sich nur die Kühnsten stellen. Es ist ein Abenteuer voller Überraschungen, die schon lange vor Reisebeginn bei der Organisation und Suche der 4 Mitfahrer beginnen. Da wird munter gebucht und storniert, diesmal bis halb fünf Uhr morgens, anderthalb Stunden vor Fahrtbeginn. Es ist eine Prüfung, so eine Bahnfahrt. Erinnert beinahe schon an einen Pilgerweg, an dessen Ende man sich geläutert und voll Reue verspricht, so etwas nie wieder zu tun. Für den öffentlichen Nahverkehr der Deutschen Bahn muss man wirklich besonders mutig sein. Oder besonders bescheuert.

Letzteres traf wohl auf die Gruppe von 16-18 Jährigen "Herthafans" zu, die fatalerweise genau hinter uns auf dem Weg nach Frankfurt ihr Quartier bezogen hatten. Vernunft und Anstand auf dem Bahnsteig vergessen hatten sie dafür reichlich Bier, Schnaps und Milchbrötchen dabei. Und Boxen, aus denen ab halb neun musikalische Höhepunkte der deutschen Kultur wie "Atemlos" von Helene Fischer oder "Oskar der kleine Killerelefant" schallten und mit Leidenschaft mitgegröhlt wurden. Die Jungens waren bald so voll wie die Kloschüssel der Zugtoilette, in der die Spülung nicht funktionierte. Erst später ging man dann über zu Hertha-Fanliedern, wobei fehlende Textsicherheit durch Lautstärke wettgemacht wurde. 4 Stunden begleitete uns dieses zunehmend alkoholisierte Halbstarken-Kollektiv und war gleichzeitig Stoff für ausgesprochen intelligente Gespräche meiner Mitfahrer über Fußball, Fans und Ultras.
Die beiden angenehmeren der vier Mitfahrer fuhren nur eine kurze Strecke und bald waren wir zu dritt. Ein ergrauter Mann aus der Rentenversicherung, eine quietschbunt (alles aus "Preimarkt") angezogene Mittvierzigerin "aus der Gastronomie" und icke.

Weil sie eine tödliche Wolke aus billigstem Parfum mit sich zog, entfernte ich mich unauffällig immer weitmöglichst von den Beiden. Ich bekam von dem Gestank und von dem dämlichen Gequatsche über die ungerechte Welt und "die" schlimmste Kopfschmerzen.
Etwa alle 15 Minuten klingelte das Telefon der Dame. Dann kramte sie es aus unzähligen Taschen, Handytaschen und Hüllen hervor während der nervtötende Klingelton immer lauter wurde bis auch jeder im Waggon wusste, dass Mutti jetzt (wieder) mit Töchterchen telefonierte.
Dann wurde erst abgearbeitet, wo sich Mutti jetzt befindet, wobei sie das oft bis zu dreimal in den Hörer schreien musste, dann was gerade gegessen wurde, wird oder geplant wird zu essen und dann ging es mit weiterem sinnvollen Smalltalk weiter.

Das ist ja alles noch fast normal, wenn auch zum in die Sitzpolster beißen. Richtig lustig wurde es beim vorletzten Umsteigen. Es gelang meiner Reisebegleitung (damit meine ich beide) nicht, ihre Koffer, Taschen, Jacken und was sie sonst noch alles mit sich herumschleppten in dem Zeitfenster von Ansage des Bahnhofs bis erneuter Abfahrt des Zuges zusammenzuraffen. Auch nicht nachdem ich sie (so höflich wie ich noch dazu imstande war) zur Eile antrieb. Wir standen vor verschlossener Zugtür und fuhren weiter, in die falsche Richtung.
Während die beiden sich vor aufgeregtem Gegacker überschlugen ("der hat doch keine 30 Sekunden gehalten!", "das können die doch nicht machen!", "das gibts doch nicht" und immer wieder "Jetzt fahren wir weiter. Jetzt fahren wir zu weit..."), platzte ich vor Wut bald. Immerhin war ich zu der Zeit schon 11 Stunden Zug gefahren und hatte mir eine ganze Menge Müll anhören müssen.
Während ich also versuchte, eine neue Verbindung zu finden, bemerkte die Dame, dass ihr Kakao in der Tasche ausgelaufen war. Schon alleine 11 Stunden lang so einen Kakaobecher mit Aludeckel in der Handtasche mit sich herumzutragen ist doch ein klar formuliertes "dich brauch ich nicht!" an den gesunden Menschenverstand. Sie schwenkte also völlig entsetzt den kaputten Kakaobecher herum und entleerte einen halben Liter der wirklich nach Rückwärtsgegessenem stinkenden Brühe weiter in ihre Tasche, über den Fußboden, ihren Koffer und schließlich auch die Reisetasche des Herrn. Der war bedauernswerterweise nur für zwei Tage verreist und hatte genau ein einziges Hemd darin - das war jetzt nicht mehr ganz so weiß.
Mitten rein in dieses Chaos kam der nächste Halt, scheinbar ganz überraschend für den Herren, denn als wir auf dem Bahnsteig standen fiel uns auf, dass er den Ausstieg nicht geschafft hatte.
Wie egal mir das dann war kann sich keiner vorstellen.

Die Eskapade führte dazu, dass sich die Zugfahrt noch um ein Stündchen verlängerte und ich meinen Enkeln später was zu erzählen habe. Zum Glück verabschiedete sich auch meine letzte Mitfahrerin relativ bald und ich hatte endlich meine Ruhe.
Um zehn Uhr abends, nach 15 Stunden, hatte ich dann weder sportlich etwas erreicht, noch ein gutes Buch gelesen, hatte kein Geld verdient und auch sonst nichts Sinnvolles erledigt, aber ich war am Ende meiner Reise angelangt, und hatte dafür nur 7,30€ bezahlt. Vor Kopfschmerzen und Müdigkeit konnte ich kaum einen klaren Gedanken fassen, aber eins wusste ich ganz sicher: "NIE WIEDER!"

Mal sehen, wie lange es dauert, um diesen guten Vorsatz wieder voll jugendlichen Leichtsinns und Optimismus zu vergessen. Ich befürchte, nicht lange genug.

Freitag, 17. Januar 2014

Hoch und runter, und hoch und runter, und wieder...

Manchmal liege ich abends im Bett und denke mir, ich werde sie alle wegfegen. Dann habe ich die Liste an "Werken" in meinem Kopf und bin von jedem einzelnen überzeugt.
Dann gibt es wieder diese schrecklichen Momente in denen ich mir sicher bin, alles zu verhauen, in die ganz falsche Richtung zu arbeiten, nicht genug Zeit zu haben und dass alles was ich bis jetzt fabriziert habe ausnahmslos großer Mist ist. Ich werde es niemals schaffen, es hat keinen Sinn, ich sollte mir einen langweiligen Studiengang suchen der meinen Kompetenzen entspricht...

Bitte hört nicht auf zu beten! Manchmal stecke ich in einer Krise, kann vor Panik keinen klaren Gedanken mehr fassen und würde mich am liebsten unter dem Teppich verkriechen und nie wieder hervorkommen. Und dann, innerhalb von Minuten ändert sich das, ich habe eine neue Idee, neuen Mut, und fange an weiterzuarbeiten.
Ich bin mir ganz sicher, dass das davon kommt, dass in dem Moment gerade jemand gebetet hat. Genauso wie die Ideen, die aus heiterem Himmel kommen, meistens kurz bevor ich einschlafe. "Jetzt hat jemand Gott in den Ohren gelegen", denke ich mir dann. Und "Danke".

Ich spüre, dass Gott mich trägt. Ich habe schon eine ganze Menge umgesetzt, ich arbeite tatsächlich Tag für Tag meine Liste ab, merke, dass ich dabei sehr viel lerne. Auch wenn im Moment wieder so eine Phase ist in der ich alles anzweifle... ich glaube es kommt so langsam was zusammen. Das Wichtigste ist, immer weiterzumachen; das gilt vielleicht für jeden Bereich im Leben.
Spannend wird es am 31. Januar, da ist die nächste Mappenberatung. Ich fürchte niederschmetternde Kritik und hoffe auf aufmunternde, anspornende Worte...
Deadline ist, wie ich heute erfahren habe, der 28. März. Da ist Mappen- und Hausaufgabenabgabe. Am 29. sind schon die Gespräche. Und dann - warte ich auf die e-Mail. Da bekomme ich jetzt schon Herzrasen.

Übrigens kann ich vielleicht sogar Unterstützung bekommen in dieser Zeit. Mein Antrag auf Arbeitslosengeld läuft, ich habe mich anderthalb Stunden durch stapelweise Formulare gekämpft und verschiedene Leute mit den ganzen Sachen, die ich zu kopieren und drucken hatte verrückt gemacht. Jetzt kommt es nur noch darauf an, ob ich meinem Jobvermittler die Situation einleuchtend erklären kann. Das passiert dann nächsten Mittwoch.

Danke Gott, dass das alles gar nicht so schlimm war mit dem Antrag auf Arbeitslosengeld.
Danke, dass es so viele Menschen gibt, die an mich denken und mir immer wieder Mut machen.
Danke, dass es bei MäcGeiz gutes Aquarellpapier gibt.
Danke, dass ich bald steinalt werde und dann ein paar Tage Energie tanken kann.
Danke, dass heute so schön die Sonne geschienen hat. Ich freue mich auf den Frühling in Berlin!
Danke, dass die Strecke zu Oma und Opa so sensationell gut mit dem Fahrrad zu fahren ist. Du hast wirklich an alles gedacht.
Danke, dass das vor mir liegende Jahr voller "Freu-Punkte" ist. Lauter schöne Termine, auf die man hinarbeiten kann.
Danke, dass der Aldi Fotoservice heute zwei Dateien geschluckt hat, die über 10MB groß waren, obwohl eigentlich vorher dastand, dass das nicht sein darf.
Danke für Cathie, die sich Gedanken um meinen Geburtstag macht. Toll, was du für Leute aufgetrieben hast um mit mir zusammen zu wohnen!
Danke, dass morgen Samstag ist. Bitte lass mich ganz viele gelbe Dinge in der Stadt entdecken!